In Prototyp präsentierte Ralf König seine Version der Schöpfungsgeschichte. Nun gibt es die Fortsetzung: Archetyp dreht sich um Noah und sein berühmtes Schiff, das er baut, um der Sintflut zu entgehen. Der Comic erschien zunächst als täglicher Strip in der Frankfurter Allgemeinen, die Buchausgabe im Rowohlt Verlag ist jedoch mehr als ein bloßer Nachdruck des Zeitungscomics. Für das Hardcover entwarf König neue Seitenlayouts, überarbeitete manche Panels und nicht zuletzt ist diese Ausgabe (fast) durchgehend farbig statt schwarz-weiß.
Im gereimten Prolog verknüpft der Autor die Geschehnisse in Prototyp (die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies und die Strafe für die Schlange) mit der neuen Geschichte und führt den Leser schließlich zu Noah. Dieser ist im Buch Genesis ein gerechter, strenggläubiger Mann, ganz im Gegensatz zu den sündigen Bewohnern von Sodom und Gomorrah. Der strenge Gott des Alten Testaments will seine Schöpfung kurz nach dem Start schon wieder ausradieren, verschont wird nur Noahs Familie und die Tierwelt, denn Noah darf von jeder Art ein Pärchen mitnehmen.
Der Kniff an Archetyp ist nun, was Ralf König aus der berühmten Vorlage macht. Er dreht die Vorzeichen um: Gott hat eigentlich gar kein Problem mit Sodom und Gomorrah, hier ist ist vielmehr Noah der rachsüchtige Moralapostel, der das Treiben in diesen Städten gerne bestraft sehen möchte (und, wie alle Moralapostel, gleichzeitig den verschämten Blick nicht abwenden kann von all der Unzucht). Noah ist davon überzeugt, dass die Welt moralisch verkommen ist, dass früher alles besser war, die Jugend von heute nichts taugt und die Frauenzimmer ihr Haar nicht ordentlich verhüllen. Da Noah aber selbst keine Sintflut auslösen kann, ruft er den Herrn an und präsentiert ihm die Idee einer großen Katastrophe, die alles vernichtet – nur ihn und seine Familie solle Gott bitte verschonen.
Gott ist alles andere als begeistert von diesem Vorschlag, geht aber darauf ein – nicht ohne Noah eine dicke Lektion für dessen moralische Anmaßungen und seine geistige Borniertheit zu erteilen. Noah (von König dargestellt als miesepetriger alter Zausel mit Zottelbart) staunt nicht schlecht, als er seine Arche nun auch noch mit allerhand Tieren vollpacken soll. Der Verlauf der Sintflut wird für Noah schließlich zum Lehrstück in Sachen Toleranz.
Auch wenn die Moral am Ende etwas dick aufgetragen wird: Was Ralf König mit Archetyp gelungen ist, ist ganz große Comickunst. Dieser Comic ist weder eine plumpe Parodie noch eine provokante Verhöhnung der Bibel – nein, der Atheist König nimmt den biblischen Text durchaus ernst und betrachtet ihn mit den Augen eines aufgeklärten, modernen Menschen des 21. Jahrhunderts. Sein Noah ist deutlich als Karikatur des konservativen, intoleranten Spießers zu erkennen, wie es ihn – quer durch alle Religionen – immer gab und bis heute gibt. Dabei schafft Archetyp den Spagat, ernsthafte Denkanstöße zu geben, gleichzeitig aber auch umwerfend komisch zu sein.
Nicht nur, dass Ralf König seit Jahren zu den besten und wichtigsten deutschen Comicerzählern gehört. Er wird auch noch immer besser.
Archetyp
Rowohlt Verlag, September 2009
Text und Zeichnungen: Ralf König
Hardcover; 140 Seiten; farbig; 16,90 Euro
ISBN: 978-3-498-03549-5



Abbildungen: © Ralf König / Rowohlt Verlag

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