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Interview mit Sascha Hommer Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniel Wüllner   
Sonntag, 15. Juni 2008
Beitragsinhalt
Interview mit Sascha Hommer
Seite 2


Auf eigenen Wegen

CG: Nach der Uni hast du dich dann mit Kikipost Deinen eigenen Projekten zugewandt. Bist du mit der Arbeit, die du und Arne machen, zufrieden?

SH: Also eigentlich nicht, weil wir beide zu wenig Zeit haben, um unsere Projekte professionell zu betreuen. Es hat gut angefangen, aber dann haben wir irgendwann bemerkt, dass wir keine professionelle PR machen können, dafür sind zwei Leute einfach zu wenig. Es ärgert uns zum Beispiel, wenn ein Buch Erfolg hat. Dann müssen wir ständig mit der Presse telefonieren, wofür wir neben unseren eigenen Projekten nur wenig Zeit haben. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, in Reprodukt aufzugehen. Wir sind dann sozusagen ein Unterlabel von Reprodukt. Obwohl es Kikipost auch in Zukunft als Produktionsgemeinschaft von Hamburger Künstlern geben wird, erscheinen unsere Comics bei Reprodukt. Kikipost wird auch weiterhin für die Interessen der Hamburger Künstler stehen und z.B. wieder das Comicfest Hamburg organisieren, das im kommenden Dezember stattfinden wird.


Keine Veranstaltung für Insider

CG: Ansonsten scheinst du in allen Printmedien gleichzeitig zu arbeiten: Es gibt den Zeitungsstrip Im Museum mit Jan Frederik Bandel, du zeichnest Comics für literaturwissenschaftliche Publikationen wie das Schreibheft und Kultur und Gespenster, als Herausgeber von Spezialausgaben des Comicmagazins Strapazin arbeitest du auch. Du scheinst deine Fühler in alle Richtungen auszustrecken. Aber wenn ich deine Comics in Publikationen wie dem Schreibheft sehe, ist das zunächst etwas ungewohnt.

SH: Ich finde es sehr wichtig, dass man mit dem Comic auch in andere Bereiche reingeht. Es ist furchtbar, wenn Comics eine Veranstaltung für Insider bleiben und sich das Tummelfeld von Independent Comics auf das ICOM-Umfeld beschränkt.

CG: Und das Ganze scheint ja auch auf internationaler Basis zu funktionieren, wenn man sich die Übersetzungen von Insekt so anschaut.

SH: Neben einer spanischen (Sins Entido) existieren mittlerweile auch eine französische (Edition Sarbacane) und eine polnische Übersetzung, die bei dem Verlag Kultura Gniewu erschienen ist. Dort erscheinen auch die Comics von Mawil und von Arne. Die bringen gute Sachen heraus. Die Franzosen haben auch eine sehr schöne Ausgabe herausgebracht, die etwas größer ist und als Hardcover erscheint. Die Ausgabe von Sins Entido habe ich noch gar nicht gesehen. Dort erscheinen aber viele gute Leute wie z.B. David B. und Max.

CG: Wie sieht dein Tagesablauf aus, wenn Du nicht gerade in Erlangen bist?

SH: Sehr gestresst, da ich immer versuche, zu viel in eine Woche zu quetschen. Da gibt es ja zunächst den Zeitungsstrip Im Museum, der jeden Tag erscheinen muss. Das bedeutet viel Arbeit, die meistens einige Tage der Woche auffrisst. Danach habe ich etwas Luft für meine eigenen Sachen, wie z.B. die Arbeit an Vier Augen, dem neuen Buch bei Reprodukt, das ja schon seit Februar erscheinen sollte, jetzt aber erst gegen Ende des Jahres rauskommen wird. Zwischendurch heißt es viel telefonieren, um Ausstellungen oder die Arbeit an ORANG zu organisieren. Meistens sitze ich dabei zuhause in meinem Zimmer, in dem ich schlafe und arbeite. Das ist ein bisschen nervig.

CG: Ist der Erfolg noch nicht so groß, dass man sich eine Zweizimmerwohnung leisten kann?

SH: Ich arbeite dran, aber Hamburg ist auch ziemlich teuer. In Leipzig oder Dresden wäre das sicherlich kein Problem.

CG: Aber Hamburg steht ja auch stellvertretend für ein Gefühl, das deine Comics repräsentieren. In einem Interview in der Intro mit dir und Andreas Michalke habe ich gelesen, dass die Hamburger Comicszene eher introvertiert und Berlin ein bisschen lauter sein soll.

SH: Sicherlich gibt mir Hamburg etwas, das mir entgegenkommt. Ich selbst bin auch nicht so extrovertiert, aber ich weiß nicht ... Hamburg kann auch ein Gefängnis sein.

CG: Du sprichst von deiner Einzimmerwohnung?

SH: Nein wirklich, Hamburg ist sehr eng; es gibt wenig Freiräume. Man muss sich dort alles sehr hart erarbeiten. In Berlin gibt es nach meiner Beobachtung mehr Freiräume.


Insekt

CG: Kommen wir zu deinem Comic Insekt. Wenn man das Buch aufschlägt, springen einem zunächst die Figuren ins Auge. Wie bist du auf diese Darstellungsform gekommen, die ja sehr speziell wirkt?

InsektSH: Mit dem Insektenjungen hatte ich bereits in Kurzgeschichten für ORANG gearbeitet. Was mich dazu bewogen hat, ihn für den Comic zu benutzen, kann ich gar nicht sagen. Es war wohl eine Mischung aus Dingen, die mir gefallen: ein Amalgam aus der unheimlichen Atmosphäre bei Charles Burns und der extremen Reduktion der Peanuts von Charles M. Schultz. Der Rest hat sich dann so ergeben. Für mich steht das Insekt als Metapher für das Anderssein, das ja im Zentrum der Geschichte steht.

CG: Die Form ist der zweite Aspekt, der an Insekt auffällt. Es ist ein sehr ungewöhnliches Format, wenn man es zum ersten Mal in die Hand nimmt, das Papier erinnert eher an Recyclingpapier aus den Neunzigern als an einen Comic. Auch die Helligkeit des Papiers dient ja der Erzählung. Mehr wollen wir an dieser Stelle aber nicht verraten. Alles wirkt perfekt aufeinander abgestimmt. Waren das alles bewusste Entscheidungen von dir?

SH: Es waren verschiede Papiersorten im Angebot, es war eine bewusste Entscheidung. Auch das Thema Luftverschmutzung spiegelt das Papier durch die kleinen Partikel gut wider. Ich bin sehr zufrieden mit dem Endprodukt, obwohl ich die französische Ausgabe jetzt fast noch schöner finde. Die ist auf hellerem Papier gedruckt und das Format ist etwas größer. Es wird aber auch demnächst eine deutschsprachige Neuauflage von Reprodukt geben. Derzeit überlege ich noch, ob man mit dem Papier noch etwas spielen sollte, aber das Format wird gleich bleiben, denn ich finde es schön, wenn man Bücher überall mitnehmen kann.

CG: Eine thematische Zwischenfrage: Wenn man über Insekt spricht, kommt in fast jeder Diskussion die Sprache auf die Anpinkelszene. Welche Reaktionen hast du dazu bekommen?

AngepinkeltSH: Oft sagen Leute, dass sie die Szene sehr extrem finden. Das freut mich im Grunde sehr, da es ja ein Kompliment ist; Genau diesen Effekt wollte ich erzeugen. Jemanden anzupinkeln ist zwar nicht so schlimm wie jemanden zu verstümmeln und auch nicht so gewaltsam wie jemanden zusammenzuschlagen, dennoch ist es eine sehr starke Form, jemanden zu degradieren. Sie hätten mit ihm in dieser Szene machen können was sie wollen, als ob er keine eigenen Gefühle hätte. Genau das wollte ich darstellen.

CG: Wenn man über Comics schreibt, schaut man fast automatisch auf das Verhältnis von Wort und Bild und spricht dann sofort von text- oder bildlastigen Comics. Würdest du sagen, dass du mehr bildlastig arbeitest oder wie bist du bei Insekt vorgegangen?

SH: Meine Arbeitsweise geht meist vom Bild aus. Für Geschichten habe ich immer erst graphische Ideen. Die Texte müssen sich dann einfügen. In der Zusammenarbeit mit Jan Frederik Bandel sieht das schon wieder ganz anders aus. Für Im Museum schickt er mir die Texte, die ich dann graphisch umsetzen muss.

CG: Ist die Arbeit im Team für dich komplizierter?

SH: Das funktioniert so gut, dass wir beide selbst überrascht sind. Aber obwohl wir uns so gut ergänzen, ist es sehr anstrengend, die Ideen eines anderen zu umzusetzen.

Vier AugenCG: Das Illustrieren von Texten scheint dich schon beeinflusst zu haben. In deinem Blog kann man ja bereits die ersten Bilder von Vier Augen bewundern. Obwohl die Sprechblasen noch nicht ausgefüllt sind, scheint dein neuer Comic textlastiger zu werden. Hast du jetzt mehr zu erzählen?

SH: Es wird in der autobiographischen Geschichte Vier Augen darum gehen, dass ich Dinge erzähle, die so oder so ähnlich passiert sind. Man muss ja immer ein wenig vorsichtig sein mit der Authentizität von solchen Geschichten, da die Erinnerung immer stark verklärt ist. Und der Comic bringt durch die Zeichnungen noch eine weitere Ebene der Realität in die Geschichte. Das Buch handelt von jungen Erwachsenen und deren Verhalten untereinander. Aus diesem Grund benötige ich bei diesem Comic mehr Text, um über die Gespräche den Charakter und die Einstellungen der einzelnen Figuren zu beschreiben. Es werden im weitesten Sinn auch philosophische Fragen diskutiert, da sind längere Dialoge einfach unerlässlich.


In Zukunft?

CG: Da wir nun sehr viel über deine laufenden Projekte geredet habe, bringt es wohl nichts zu fragen, ob wir von dir noch weitere Veröffentlichungen dieses Jahr zu erwarten haben, oder?

SH: Doch, die Frage lohnt sich schon, da im Juni die neue Ausgabe von Strapazin erscheinen wird, die ich zusammen mit Kati Rickenbach betreut habe. Das Thema der Ausgabe ist „Spielkiste". Darin befinden sich Originalbeiträge über jegliche Art von Spielen. So wird zum einen die Ästhetik von Spielen nachgeahmt, zum anderen werden tatsächlich spielbare Comics präsentiert, bei denen der Leser interaktiv mitarbeiten muss. Ansonsten muss ich aber erstmal die Arbeit auf meinem Schreibtisch bewältigen.

CG: Zum Abschluss eine letzte Frage: Was liest du gerade? Kannst du unseren Lesern etwas empfehlen?

SH: Leider muss ich zugeben, dass ich relativ wenig Comics lese. Wenn ich doch Comics lese, dann sind das meistens Neuerscheinungen von Reprodukt. Oder zum Beispiel die Geschichten von Amanda Vähämäki aus Helsinki. Sie arbeitet viel für Anthologien; wir werden demnächst aber auch mal eine längere Comicerzählung von ihr erwarten können. Dann habe ich derzeit viel Material aus Hong Kong zugeschickt bekommen, das ich zwar nicht verstehen kann, aber man kann ja immer noch die Bilder anschauen. Ich habe ein paar von diesen chinesischen Comics mit zum Salon gebracht, um ein bisschen Werbung für sie zu machen, aber daraus ist bisher noch nichts geworden, da ich mit anderen Dingen beschäftigt war.

CD: Dann will ich auch gar nicht länger stören und bedanke mich für das Interview.

SH: Gar kein Problem.



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Sascha Hommer bei Reprodukt

Hommers Blog

Hommer und Bellstorfs kikipost

 

 

Fotos: Marc-Oliver Frisch, Zittel Wassily (A. Feuchtenberger)
Bildquellen: reprodukt.com, saschahommer.blogspot.com

 


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