Advertisement
 
Home arrow Interviews arrow Interview mit Sascha Hommer
Interview mit Sascha Hommer Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniel Wüllner   
Sonntag, 15. Juni 2008
Beitragsinhalt
Interview mit Sascha Hommer
Seite 2


Zum diesjährigen Comic-Salon in Erlangen verabredeten wir uns mit Sascha Hommer, der sich vor allem durch seinen 2006 erschienenen Comic Insekt (Reprodukt), aber auch durch seine Arbeit als Verleger der Comic-Anthologie ORANG hervorgetan hat. Wir sprachen mit ihm über sein Werke, über das Leben als Künstler und über die Sinnhaftigkeit einer Ausbildung als Illustrator.

Inhalt:

Multiple Persönlichkeiten?
/ Das Zeichnen war schon immer da / Das Insekt kommt nach Hamburg: ORANG /Auf eigenen Wegen / Keine Veranstaltung für Insider / Insekt / In Zukunft ?

Multiple Persönlichkeiten?

Daniel Wüllner und Sascha Hommer (rechts)Comicgate: Hallo Sascha, steigen wir gleich direkt mal ein: Als ich mich auf dieses Interview vorbereitet habe, fand ich zunächst widersprüchliche Informationen über dich auf deiner Homepage und auf anderen Internetseiten: Während man in deiner Biographie, die auf butterbiene einzusehen ist, lesen kann, dass du im Schwarzwald geboren wurdest, findet man auf Wikipedia ganz andere Informationen. Dort steht, du seist in Hamburg geboren, aber im Schwarzwald aufgewachsen, stimmt das?

Sascha Hommer: Das ist natürlich falsch. Ich bin nicht in Hamburg geboren, sondern im Schwarzwald. Nach Hamburg bin ich erst 2001 gezogen und war vorher noch nie dort.

CG: Da scheint ja eine Vielzahl von Fehlern online über dich zu existieren. Auf
lambiek.net steht zum Beispiel, dass Pascal D. Bohr dein richtiger Name sei und Sascha Hommer das Pseudonym. Solche Fehler willst du nicht klären oder ist dir das schlichtweg egal?

SH: Ich denke nicht, dass es meine Aufgabe ist, das zu klären. Das müssen die schon selber recherchieren. Es ist mir auch eigentlich egal, ob das da steht.

CG: Kommen wir aber erstmal zurück in den Schwarzwald. Das Thema „Natur" hat dich in Insekt ja stark beschäftigt. Resultieren diese Eindrücke aus deiner Heimat?

SH: Auf jeden Fall. Als Kind bin ich sehr viel in der Natur gewesen und habe auch als Jugendlicher sehr viel Zeit im Wald verbracht, manchmal tagelang. Da hat man dann seine Zeit mit Zelten, Feuermachen vertrieben und manchmal hat man sich auch ein Süppchen gekocht.

CG: Dann stellt eine Stadt wie Hamburg das komplette Gegenteil dazu dar?

SH: Ja, am Anfang war es erstmal schwierig, das Stadtleben zu verstehen oder anzunehmen. Aber da ich dann kurz nach der Schule ein paar Reisen unternommen hatte nach Südostasien war ich bereits gewöhnt an Städte und fand Hamburg dann gar nicht mehr so groß und erschreckend, sondern eigentlich ganz niedlich und eher provinziell.

CG: Bist du dann gleich nach dem Abi zur Kunsthochschule? Hast du dich für die HAW (Hochschule für angewandte Wissenschaften) bewusst entschieden? Als du angefangen hast war sie ja noch nicht wirklich Anke Feuchtenbergers Hochschule für Comics.

SH: Da ich damals noch nicht genau wusste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, habe ich zuerst eineinhalb Jahre Freie Kunst an der privaten Kunsthochschule Nürtingen EV studiert. Das war aber eher so eine Notlösung, denn obwohl ich wusste, dass ich zeichnen wollte, wusste ich nicht genau, was das werden soll. Die Richtung, in die ich mich dabei bewegen wollte, war mir noch unklar. An der kleinen Kunsthochschule hatte ich Glück mit einem Dozenten, der sich ein wenig mit Comics auskannte. Nach einem Jahr habe ich dann gemerkt, dass Freie Kunst gar nicht das ist, was ich machen will. Eigentlich wollte ich damals schon Comics zeichnen. Das hatte bereits als kleiner Junge getan, so bis zur fünften oder sechsten Klasse, und die dann an meine Freunde verkauft. Doch irgendwann habe ich damit aufgehört.

CG: Durch was wurdest du in der Jugend dazu inspiriert, Comics zu machen oder hast du damals selbst schon Comics gelesen?

SH: Als ich so zehn Jahre alt war, habe ich Clever & Smart und MAD gelesen. Gleichzeitig wurde ich auch stark durch das Fernsehen beeinflusst, z.B. KAH - Kommisar Albert Humbertdurch Knight Rider. Das hat sich dann alles so gemischt und es entstand mein erster eigener Comic: KAH: Kommissar Albert Humbert. Das ist so ein Kommissar, der ein bisschen blöd ist, wie man das von Clever & Smart kennt. Es gab da natürlich auch viele andere Figuren in dem Comic, wie z.B. den genialen Erfinder Strich und das Superauto KAHSA (Kommissar Albert Humberts Super Auto), das ständig Witze machte und KAH reinlegt. Also eine Mischung aus vielen verschiedenen Einflüssen. Das Heft konnte man sogar abonnieren. Es hatte eine Auflage von 15 Stück pro Ausgabe und die erschien fast alle zwei Monate. Eineinhalb Jahre habe ich das regelmäßig gemacht. Doch dann kam die Pubertät und ich hatte nicht mehr den Anspruch, das weiter zu machen.


Das Zeichnen war schon immer da.

CG: Andere Sachen wurden wichtiger?

SH: Ja, damals hatte ich begonnen, Musik zu machen. Ich habe mit 14 eine E-Gitarre geschenkt bekommen und zwischen 16 und 18 habe ich dann nur noch Musik gemacht. Als ich dann 18 war, habe ich überlegt, was ich mit meinem Leben anfangen will, welchen Beruf ich wählen soll. Als Musiker hätte ich vielleicht arbeiten können, aber das Zeichnen war halt schon immer da, die Musik kam erst später. Das Zeichnen ist eigentlich die eine Sache, die ich wirklich kann. Deshalb habe ich dann auch wieder angefangen, sehr konzentriert zu arbeiten, sehr systematisch versucht, mir Anatomie beizubringen, mit idiotischen Methoden: Ich habe mir diese Bücher gekauft, wie Gottfried Bammes - Künstleranatomie. Das nutzt aber alles nichts.

CG: Und wie sieht es aus mit Hogarths Zeichenschule?

SH: Genauso! Wenn man sich nur darauf konzentriert, ist das sinnlos. Wenn man direkt am Modell arbeitet z.B. in Aktkursen und die Bücher als Ergänzung hat, um Sachen nachzuschlagen, ist das sehr gut. Aber du kannst dir nicht so ein Buch nehmen und lernen, wie man anatomisch korrekt zeichnet. Das Zeichnen von der Natur weg ist der beste Weg, um das zu verstehen. Das habe ich in der Kunstschule tatsächlich gelernt, deswegen war die Zeit dort auch nicht verschwendet, aber im Prinzip wollte ich eben Comics machen. Nach einem Jahr habe ich gemerkt: das was ich da machen will, heißt gar nicht Kunst. Nach einer längeren Recherche musste ich feststellen, dass es Comicstudiengänge nur im Ausland gab. In ein französischsprachiges Land wollte ich aber nicht, da ich Französisch als Sprache nicht leiden kann. Dann habe ich Anke Feuchtenberger entdeckt, als ich das Schweizer Comicfest Fumetto in Luzern besuchte. Obwohl Anke Sachen gemacht hat, die ganz anders waren als das, was ich damals selbst gemacht habe, hatte ich das Gefühl, ich muss zu ihr (Ich habe damals Fantasycomics á la Richard Corben gezeichnet). Also war meine Entscheidung für Hamburg schon bewusst getroffen. Kurze Zeit später war ich dann zu einem Vorgespräch in Hamburg und habe Anke ein paar Sachen von mir gezeigt. Sie meinte gleich, dass sie sich das vorstellen könne. Also habe mich dann gezielt für die HAW beworben.

CG: Du hast aber trotzdem das ganz Prozedere mit Mappen und Bewerbungen durchlaufen müssen?

SH: Ja, ja klar. Aber da ich sowieso schon an der Kunsthochschule war und mein Dozent sich mit Comics auskannte, hat er mich gut beraten. Es war also keine große Hürde mehr, außerdem hatte Anke mir ja auch schon gezeigt, was passt und was nicht.


Das Insekt kommt nach Hamburg: ORANG

CG: Dann kam das Insekt nach Hamburg und hat sich da komplett fremd gefühlt. Wie stellt man sich als junger Zeichner das Leben an einer Universität wie der HAW - an der Comics auf dem Lehrplan stehen - vor? Liest man die ganze Zeit Comics? Wie sieht der Unterricht aus?

SH: Es ist immer die Frage, wie man mit der Universität, oder besser mit dem was man vorfindet, umgeht. Für mich war es von Anfang an so, dass ich mit extrem viel Ergeiz nach Hamburg kam und dachte, jetzt geht es richtig los und war dann eigentlich eher enttäuscht von dem, was ich da vorfand. Ich hatte gedacht, dass es da viel mehr Studenten gibt, die im Comicbereich arbeiten, eigene Fanzines herausgeben und so. Es gab aber nur ein Fanzine: Strichnin. Das gefiel mir aber nicht so besonders. Wegen meines großen Ergeizes habe ich dann immer gesagt: Alles scheiße hier!

CG: Das kam bei den anderen Studenten bestimmt gut an.

SH: Bis irgendjemand dann zu mir gesagt hat, ja wenn alles so scheiße ist, dann mach halt ein eigenes Magazin. Und dann musste ich das auch machen.

CG: Und aus dieser Motivation heraus entstand ORANG?

ORANG 7SH: Ja, dann habe ich ORANG gegründet. Was zu Beginn nur so als ein billiges Kopierheft gedacht war, wurde zu einer Plattform für Studenten, auf der sie ihre Werke veröffentlichen konnten. Das Projekt war auch dazu gedacht, das Studium mit anderen Mitteln im Privaten fortzusetzen. Wir hatten damals noch ziemlich viel Freizeit an der Uni, wenig Pflichtkurse, die man besuchen musste. Mittlerweile hat sich das mit dem Bachelor/Master-System etwas geändert. Obwohl ich die Freiheit an der Schule sehr geschätzt habe, fand ich es viel zu wenig Anforderung. Aus diesem Grund wollt ich privat auch über die Arbeiten reden. In den Kursen ging das nicht immer so gut: Die Lehrer mussten viel zu sehr darauf achten, die Studenten nicht zu verletzen. Im Privaten war es dann schon eher möglich den Leuten auch mal ins Gesicht zu sagen, dass es scheiße ist, was sie da machen. So was habe ich damals gesucht.

CG: Du hast gerade über die Lehrer an der HAW gesprochen. Wie muss man sich Anke Feuchtenberger im Seminar oder in der Vorlesung vorstellen?

Anke Feuchtenberger (Foto: Zittel Wassily)SH: Es sind Seminare, in denen Anke den Studenten Aufgaben stellt, die diese dann zuhause bearbeiten und anschließend zum Unterricht mitbringen. Dort werden sie der Reihe nach, Student für Student, diskutiert.

CG: Die Bewertungen dieser Arbeit sind dann meist wohlwollend?

SH: Nicht zwangsläufig wohlwollend, aber Anke würde wegen ihrer Herangehenswiese halt nie direkt Leute beleidigen. Das wäre ja auch nicht angebracht. Es ist ja auch nicht ihr Beruf Leute runterzuputzen, sondern Studenten zu unterstützen in dem, was sie machen. Ihren Unterrichtsstil finde ich sehr beeindruckend, weil es ihr gut gelingt, auf die Leute im Einzelnen einzugehen. Sie hat eine Fähigkeit, die vielen anderen Professoren fehlt: Wirklich wahrzunehmen, was die Leute selber wollen und nicht nur das eigene Bild davon wahrzunehmen.

CG: Trotzdem hat man manchmal das Gefühl, dass die Feuchtenberger-Schule viele Studenten beeinflusst.

SH: Ja, das sieht man oft. Aber durch die ganze Arbeit an ORANG, bei der uns Anke unterstützt hat - sie ist z.B. mit mir in die Druckerei gefahren, als wir ORANG zum ersten Mal per Offset gedruckt haben -, habe ich gemerkt, dass sie sehr wohl in der Lage ist, Sachen zu unterstützen, die ganz anders sind als das, was sie selbst macht.

CG: Sie ist dann so richtig ab Ausgabe vier bei ORANG eingestiegen?

SH: Genau. Da hat sie gleich einen Beitrag gemacht. Ich glaube, dass sie ab Ausgabe drei das Gefühl hatte, dass es sich bei ORANG um ein lang anhaltendes Projekt handelt, in das es sich lohnt, Zeit zu investieren.

CG: Mir ist bei ORANG aufgefallen, dass du nicht unbedingt in jeder Ausgabe mit einem Beitrag vertreten bist. Du bist mehr mit der Organisation beschäftigt. Du hast Ausgabe sechs und sieben zu Reprodukt gebracht. Wie lässt sich diese Position mit der Figur in Insekt, dem schüchternen Jungen vom Land verbinden? Hast du jetzt mehr die Rolle des Leitwolfs übernommen? Jemand, der sich um die Organisation eines gesamten Heftes kümmert, kann doch kein Außenseiter sein?

SH: Sicher beinhaltet Insekt viele Dinge aus meiner Vergangenheit. Die Rolle, die man selbst spielt, ändert sich aber auch im Laufe des Lebens. Gegen Ende meiner Schulzeit war ich wirklich dieser Außenseiter. So etwas wie ORANG zu machen, war für mich auch ein Weg, mit anderen Leuten klar zu kommen. Das ist halt einfach ein Projekt, über das man Leute kennen lernt und auch lernt, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Wie meine jetzige Rolle aussieht, das muss jemand anderes beantworten. Aber ich mache das ja auch nicht allein. Arne Bellstorf mischt viel mit, kümmert sich um die Internetseite und das Layout. Auch andere Hamburger investieren viel Arbeit in ORANG, für die sie auch nicht bezahlt werden.

CG: Bei meiner Recherche habe ich nichts über deinen Abschluss gefunden. Wann bist du fertig geworden?

SH: Ich habe keinen Abschluss gemacht.

CG: Das heißt, du bist noch an der Uni?

SH: Nein, ich bin exmatrikuliert. Ich hatte keine Lust mehr zu studieren und auch keine Lust mehr die Studiengebühr zu bezahlen, deswegen habe ich keinen Abschluss.

CG: In Hamburg wurde ja auch gegen die Studiengebühren protestiert. War die HAW auch davon betroffen?

SH: An unserer Schule ist nicht soviel passiert, man ist da eher unpolitisch und verpennt. Aber an der HfBK, da ist fast die Hälfte der Studenten exmatrikuliert worden, da sie die Studiengebühren nicht akzeptieren wollten. Da hat der Senat sie einfach rausgeschmissen.

CG: Aber um noch einmal auf den Abschluss zurückzukommen: Beeinträchtigt dich das in keiner Weise? Es gibt jetzt keinen Arbeitgeber, der sagt, wir würden schon gerne sehen, dass sie einen Abschluss haben?

SH: In dem Illustratorenberuf ist das ziemlich egal, da es sowieso so viele Quereinsteiger gibt, die alle nicht studiert haben. Ein international bekannter Illustrator wie Stefano Ricci hat auch nie studiert [Anmerkung der Redaktion: Ricci unterrichtet derzeit an der HAW]. Das ist eigentlich egal. Das Studium ist eher dazu da, in bestimmte Strukturen reinzukommen und um Leute kennen zu lernen, Leute mit denen man gut zusammenarbeiten kann. Was ja bei mir auch gut geklappt hat. Vielleicht mach ich den Abschluss auch noch nachträglich irgendwann. Vielleicht möchte ich ja auch irgendwann selber Professor werden, dafür könnte ein Abschluss nützlich sein.

CG: Kannst du dir vorstellen, selber Kurse zu geben?

SH: Vorstellen kann ich mir das schon, da ich ja auch schon durch ORANG die Arbeiten von anderen bewerten musste. Ich habe halt gemerkt, dass es mir gut liegt, über die Arbeiten von anderen zu sprechen. Man lernt irgendwann, nicht nur alles scheiße zu finden, sondern auch die Leute zu ermutigen. Ich finde gerade die Entwicklung von jungen Studenten faszinierend. Das geht so schnell. Gerade bei jemandem, der gerade mit dem Studium beginnt, können sich die Arbeiten innerhalb von einem oder zwei Jahren total verändern. Als ich noch selbst Student war, habe ich das nicht so wahrgenommen.

CG: Wenn man selbst diese Stadien durchlaufen hat, weiß man sicherlich besser, wann man helfen muss und wann jeder selber daran arbeiten muss. Nimmst Du viel Einfluss bei ORANG, gerade von der künstlerischen Seite? Liest du die Geschichten vorher an?

SH: Das hängt jeweils von den Künstlern ab. Es gibt Zeichner, die das eher wollen, dass man ihnen reinredet und ihnen Themen oder Ideen vorgibt. Andere Zeichner wiederum können so gar nicht arbeiten, die weichen Themen konsequent aus, wenn man ihnen welche vorschlägt. Das ist von Fall zu Fall verschieden. Aber wir machen schon Redaktionssitzungen, wo dann die einzelnen Arbeiten besprochen werden. Wo auch nach den Schwächen in der Erzählung geschaut wird. Es ist mir auch ganz wichtig, dass Comiczeichnen ein Handwerk ist. Das befindet sich nicht irgendwo so in einem luftleeren Raum, es ist keine reine Selbstbetrachtung, sondern richtet sich an einen Adressaten.



 
Login Form





Passwort vergessen?