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Interview mit Marc Hempel (OmU) Drucken
Geschrieben von Christopher und Benjamin   
Dienstag, 25. März 2008
Beitragsinhalt
Interview mit Marc Hempel (OmU)
Interview with Marc Hempel (English)




Wir bieten Euch das Interview im Original auf Englisch und übersetzt auf Deutsch an.

Für das Originalinterview bitte hier klicken - please click here for the English version.



Comicgate: Du hast Gregory vor über zehn Jahren erschaffen. Was ist das für ein Gefühl, wenn du diese Figur heute betrachtest?

Marc Hempel (c) José Villarrubia at insightstudiosgroup.com Marc Hempel: Eigentlich ist es sogar fast 20 Jahre her, als ich die Arbeit am ersten Buch begann! Gregory ist eins meiner "Kinder", und ein sehr besonderes ... also wird er mir immer nahe am Herzen liegen.


CG: Offensichtlich ist Gregory ein Kind, trotzdem wird sein Alter, sein Hintergrund an keiner Stelle erwähnt; demnach ist er gewissermaßen ein anonymes menschliches Wesen. Gab es einen besonderen Grund, Gregory so zu erschaffen, wie er ist, oder war die Idee eines Kindes mit dreieckigem Kopf in Zwangsjacke einfach Teil deines Planes, den Wahnsinn auf die Spitze zu treiben?

MH: Gregory trat das erste mal in der ursprünglichen Version von "It’s Spring!" auf, damals noch als größerer, schlaksigerer Erwachsener (mit runderem Kopf). Das war ca. 1987 in Honk!, einem humoristischen Magazin von Fantagraphics. Ich mochte die Story und die Figur an sich, aber über diesen Auftritt hinaus gab es keine weiteren Pläne. Aber ich war dadurch mit dem Charakter vertraut genug, um weitere Storys für ihn zu schreiben und ihn auch optisch weiter zu entwickeln. Über die Zeit wurde er kleiner, runder und süßer, weil ich merkte, dass das Gefühl von Geringschätzung und Machtlosigkeit in dieser Form am besten rüberkommt.


Seite aus Gregory 1CG: War es von Anfang an deine Absicht, Herman Vermin komplette Kapitel und Stories zu widmen, in denen Gregory kaum eine Rolle spielt, oder entwickelte sich die Figur dahingehend?

MH: Herman wurde erst ein paar Storys nach Beginn entwickelt und war als zynischer, bitterer Kontrapunkt zu Gregorys unschuldigem Wesen gedacht. Zum Spaß entschied ich, dass der zweite Band ein alleiniges Herman-Projekt werden sollte (oder beinahe zumindest …). Aber hauptsächlich ist er dazu da, um als Gregorys Sidekick zu fungieren.


CG: Es scheint, als wäre dein Interesse in manchen Episoden mehr an Herman Vermin als an Gregory gelegen. Oder an der Darstellung der Außenwelt. Wie wichtig ist Gregory überhaupt für die Erzählungen?

MH: Nun, als ich zu den späteren Storys kam, gingen mir die Ideen für einen einfachen, fast stummen Charakter aus … Also interessierte ich mich mehr für Herman und Wendell, die tatsächlich in der Lage sind, miteinander zu interagieren … und für Geschichten über Familienkonflikte und komplexere Beziehungen. Hätte ich je ein fünftes Gregory-Buch gemacht, wäre es durchaus möglich gewesen, dass Gregory selbst darin gar nicht aufgetaucht wäre! Nachdem ich für Sandman gezeichnet hatte, widmete ich mich im Anschluss meiner nächsten „Familie“, Tug & Buster.


Seite aus Gregory 2CG: In der zweiten deutschsprachigen Ausgabe findet sich ein Beitrag, den du dafür erstmals koloriert hast. Gregory erforscht darin die Welt außerhalb der Anstalt. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis? Glaubst du, dass die Serie komplett in Farbe für dich und die Leser hätte funktionieren können?

MH: Genau so sollte die Story "Out" von Anfang an sein — also ja, ich bin ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis. Damals, das war 1993, wollte DC die Kosten für den Farbdruck nicht übernehmen (obwohl sie zuvor zustimmten), also erschien stattdessen eine recht witzlose s/w-Version der Story. Die war zwar immer noch lesbar, aber die teilweise Kolorierung, die ursprünglich geplant war, sollte eben den wichtigsten Punkt der Geschichte ausmachen – um die Unterschiede zwischen Gregorys subjektiver Wahrnehmung der Außenwelt und der Realität zu unterstreichen. Nun, es hat 14 Jahre gebraucht, aber jetzt liegt "Out" endlich so vor, wie es sein sollte (zumindest für die glücklichen Leser der deutschsprachigen Ausgabe).
Gregory komplett farbig? Ich wüsste nicht warum, da es das Material nicht witziger oder pointierter machen würde. In Gregorys trister, kleiner Welt gibt es sowieso nicht viel Farbe … also für mich wäre das nur unnötige visuelle Information. Zudem könnte man sagen, dass diese Art von Humor in einer schlichteren s/w- Anordnung besser funktioniert.


Seite aus Gregory 2CG: Ich hab gelesen, dass Gregory in gewisser Weise autobiografisch ist. Inwieweit stimmt das Gefühl der Isolation und des Unverständnisses der Figur mit deiner persönlichen Kindheitserfahrung überein? Welche Teile deines Lebens finden sich in den Büchern wieder?

MH: Ich hatte eine traumatische Kindheit, die bewirkte, dass ich gegenüber anderen Menschen sehr zurückhaltend und misstrauisch bin. Und ich habe seitdem mit geringem Selbstbewusstsein und einem Gefühl der Machtlosigkeit zu kämpfen. Gregory (das Buch und die Figur) ist ein Ausdruck dieser Gefühle … von der Angst vor der Außenwelt und der inneren Freude, die das Leben auch unter den schwierigsten Umständen lebenswert macht.


Seite aus Gregory 2CG: Wie reagierten die Menschen in den USA auf Gregory?

MH: Das erste Buch bekam viele überschwängliche Kritiken – und die Verkäufe waren auch nicht schlecht (zwei Auflagen mit insgesamt 25.000 Exemplaren). Es war außerdem nominiert für ein paar Eisner- und Harvey-Awards. Die nachfolgenden Ausgaben waren hinsichtlich der Verkaufszahlen nicht ganz so erfolgreich … aber insgesamt war die Resonanz auch in den darauf folgenden Jahren extrem positiv, was natürlich sehr erfreulich ist. Ich meine, an wie viele Comics von 1989 erinnern sich die Leute mit derartiger Wertschätzung, wenn sie sich überhaupt an welche erinnern können?


CG: Ist dir irgendein Projekt bekannt, das sich mit Gregory vergleichen ließe? Vielleicht außerhalb der Comics?

MH: Hmm … Gregory ist einzigartig, vermutlich weil ich selbst einzigartig bin. Ich bin mir sicher, dass es andere Künstler gibt, die ihre persönliche Realität mittels Parabeln und Symboliken ausdrückten … aber mir fiele nichts ein, was sich mit Gregory exakt vergleichen ließe. Meine Einflüsse sind Comicstrips wie Peanuts, Pogo und Barnaby… man kann also Elemente von Gregory in diesen frühen Werken wiederfinden, obwohl darin zugegebenermaßen die intensive persönliche Komponente nicht diesen großen Stellenwert einnimmt.


www.cross-cult.de (Verleger der deutschsprachigen Gregory-Bände, mit Infos und Leseproben)

Marc Hempels MySpace-Seite (englisch)

ausführliche Hempel-Biografie (englisch)

Bibliografie (englisch)

Foto Marc Hempel (c) José Villarrubia at insightstudiosgroup.com
Bildquellen: cross-cult.de
Gregory ist © von Marc Hempel und Cross Cult (dt. Ausgabe)

 

 



 
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