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von Thomas und Benjamin Sonntag, 06. Januar 2008
Thomas: Ausgetrickst ist eine dicke, 350 Seiten starke Graphic Novel in schwarzweiß, an der man einige Zeit zu lesen hat. Robinson beginnt mit sechs Handlungssträngen, die anfangs noch gar nichts miteinander zu tun haben, aber schon bald aufeinander zulaufen und im Verlauf der Geschichte immer mehr zusammenwachsen.
Benjamin: Wobei die Erzählstränge jeweils einer der sechs Hauptpersonen gewidmet sind. Es sind dies ein Rockstar, ein Fälscher, eine Büroangestellte, eine Bedienung in einem Diner, eine verlorene Tochter und ein fanatischer Musikfan. Das heißt, obwohl jeder seine eigene Geschichte besitzt, kreuzen sich ihre Wege, die einen begegnen sich früher als andere, aber in jedem Fall sind ihre Schicksale miteinander verbunden.
Zugegeben, Ausgetrickst ist für eine Comicerzählung ganz schön in die Länge gezogen und es dauert schon einige Zeit, bis man das Buch durchgelesen hat. Umso erstaunlicher war es für mich, wie intelligent Alex Robinson kleine und große Verknüpfungen strickt und mich damit doch völlig begeistert am Ball bleiben ließ. Also ich muss sagen, das ist nicht nur von der Seitenzahl her ganz groß, oder?
Benjamin: Die sechs Protagonisten sind so vielschichtig angelegt, dass man sich gut reinfühlen kann, oft sich sogar wiederfindet. Und das ist bei diesen komplexen Persönlichkeiten wahrlich kein einfacher Prozess. Zudem wird man von der Story unweigerlich mitgerissen, die Kapitel sind von 50 an rückwärts durchnummeriert, was die Wirkung des sich auch inhaltlich ablaufenden Countdowns bzw. das Hinauslaufen auf den Showdown noch verstärkt. Besonders gelungen finde ich die Darstellungen von Ray Beam, dem berühmten Musiker in der Schaffenskrise und Ex-Mitglied der Band "The Tricks", sowie dem Büroangestellten Steve, der besessener Fan jener Band ist und missmutig durchs Leben geht. Beide sind schon zu Beginn des Bandes sowas die die tragischen Gestalten, deren Entwicklung dann aber völlig konträr laufen soll. Überhaupt hängt Ray Beam aus meiner Sicht mit den meisten Geschehnissen zusammen, ihm gegenüber steht der völlig neurotische, Ray-verehrende Steve.
Thomas: Ja, Ray Beam ist vielleicht die wichtigste Figur von Ausgetrickst. Wenn sich die Fäden im Verlauf der Handlung mehr und mehr zusammenziehen, steht er im Zentrum, die Fäden ziehen sich quasi um ihn herum. Allerdings ist Ray Beam nicht gerade die originellste von Robinsons Figuren. In ihm stecken zahlreiche Rock-Klischees. Geniale Musiker, die mit ihrer Band einen Senkrechtstart hatten, sich später mit den Kollegen zerstritten und danach mit mehr oder weniger Erfolg eine Solokarriere anstrebten, kennt die Popgeschichte zur Genüge, ob sie nun John Lennon, Morrissey oder Roger Waters heißen. Und auch das Verhalten von Ray Beam als stinkreicher, aber ziemlich verzweifelter Typ mit hohem Nutten- und Koks-Verschleiß ist doch recht klischeehaft.
Da fand ich andere Figuren doch erfrischender, wie z.B. Caprice, die untersetzte Bedienung im Diner, die sich frisch verliebt und dennoch nicht ausschließlich im siebten Himmel schwebt.
Thomas: Okay, dich hat also der Ray-Beam-Charakter mehr beeindruckt als mich. Vielleicht liegt es auch daran, dass für mich der große Höhepunkt, der Zusammenprall aller Handlungsstränge im Kapitel Eins (wie bereits erwähnt wird rückwärts von 50 bis 1 gezählt), nicht sonderlich überraschend kam. Was dort geschieht, zeichnet sich bereits frühzeitig ab. Nichtsdestotrotz ist diese Sequenz von Robinson wunderbar umgesetzt, er spielt hier virtuos mit diversen Stilmitteln des Comics.
Überhaupt ist Robinson ein äußert variantenreicher graphischer Erzähler. Das hat mir an Ausgetrickst mit am Besten gefallen: die Vielfalt der Stilmittel, die angewandt werden. Von völlig stummen Sequenzen bis zu äußerst textreichen Passagen, von sehr kleinteilig aufgebauten Seiten bis hin zu surrealen Splashpages. Alex Robinson mag vielleicht kein begnadetes Zeichengenie sein (seine Figuren und Gesichter wirken manchmal etwas unbeholfen), das spielt aber keine Rolle, da er in Sachen Storytelling und Seitenaufbau wirklich groß ist.
Thomas: Absolut. Alles in allem ist Ausgetrickst für mich eine der lesenswertesten Comic-Veröffentlichungen des Jahres 2007. Unter dem Schlagwort "Graphic Novel" wird inzwischen ja alles mögliche verkauft, aber hier ist das Wort vom Roman in Comicform wirklich angemessen. Ein kleiner Makel ist höchstens die nicht immer elegante deutsche Übersetzung. Diese bleibt an einigen Stellen dem englischen Original so treu, dass recht ungelenk klingende deutsche Sätze herauskommen, die man so einfach nicht sagen würde.
Benjamin: Ist mir eigentlich nicht so aufgefallen. Solange solche ungelenken Satzkonstruktionen in der Übersetzung aber nicht überhand nehmen, würde ich sowas auch wenig Gewichtung in der Gesamtwertung beimessen. Für mich steht fest, dass Ausgetrickst eine der gelungensten Publikationen der letzten Jahre im Sektor Graphic Novel ist. In der Tat kann man das "Trendprädikat" Graphic Novel hier getrost verwenden, da man sich in dieses dicke Buch wirklich wie in einen guten, langen Roman reinlesen und vertiefen kann. Ich persönlich war beim Lesen begeistert.
Ausgetrickst
Edition 52, Oktober 2007
Text und Zeichnungen: Alex Robinson
Softcover; schwarz-weiß; 352 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-935229-54-8
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Bildquelle: Edition 52
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Kommentare (2)

geschrieben von Millus, am 06. Januar 2008 um 18.15 Uhr
Bin gerade es am lesen und es ist wirklich ein tolles Comic.
geschrieben von Hypnotoad, am 07. Januar 2008 um 15.57 Uhr
Habe es schon im US-Original gelesen und kann der Bewertung nur zustimmen (bis auf der Sache mit der ungelenken Übersetzung natürlich ;.)): Graphic Novel at it's best! Und das aus dem Land der bunten Superhelden; es geschehen nach "Blankets" immer noch Zeichen und Wunder...
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