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von Daniel Wüllner Mittwoch, 05. Dezember 2007

 Mit The Secrets of Coney Island veröffentlicht Reinhard Kleist innerhalb von zwei Jahren nun schon seinen dritten Comic. Nach den Erfolgen von Cash - I see a Darkness und Elvis hat der Wahlberliner ein weiteres Mal die amerikanische Populärkultur als Thema für seine Erzählung gewählt. Im Gegensatz zu den beiden bekannteren musikalischen Größen illustriert Kleist in seinem neuesten Werk die Welt des Vergnügungsparks vor den Toren New Yorks: Coney Island. Obwohl der diesjährige Gewinner des Sondermann-Preises für den besten deutschen Comic graphisch wieder einmal überzeugt, fällt ihm auf thematischer Ebene der transatlantische Spagat zwischen amerikanischem Inhalt und deutschem Leser nicht so leicht. Erst im Laufe der Handlung arbeitet sich Kleist langsam vor, um seinem Publikum die groteske Welt von Coney Island näher zu bringen.

Kleist beginnt seinen neuesten Comic mit einer Widmung „für Topps den Elefanten, gestorben 1903". Die Erklärung für diese kryptische Bemerkung versucht er in seinem Vorwort zu liefern. Dort beschreibt er den Entstehungsprozess von The Secrets of Coney Island. Auf diesen ersten zwei Seiten findet sich eine ganze Reihe von Sekundärtexten, die Kleist für seine Recherche gewälzt hat. Wie ein kleines, fasziniertes Kind zeigt er uns sein neues Spielzeug und begeht in dem Vorwort einen der größten Fehler, der einem Geschichtenerzähler passieren kann: Er versucht den Leser allein durch seine eigene Begeisterung von der Geschichte zu überzeugen. Man könnte dies entschuldigen, wenn er sich in den Geschichten davon losreißen würde, da sich die wenigsten Leser das Vorwort zu Gemüte führen. Doch diese bereits im Vorwort eingenommene Haltung ist symptomatisch für die folgenden Erzählungen.

Der Comic ist in drei einzelne Episoden strukturiert, in denen Kleist das Tor nach Coney Island aufstößt. Gleich in der ersten Episode, der längsten der drei, folgen wir dem Protagonisten Coop Selznick durch die zerschlissene Welt des Vergnügungsparks. Vorbei an lachenden Clowns, die von abgewrackten Schildern herunter das Setting nur noch belächeln können, und an Neonleuchten, deren Botschaften aufgrund fehlender Leuchtbuchstaben nicht mehr zu entziffern sind, wird der Leser wie auf einer Achterbahn ins Geschehen hineinkatapultiert. Ähnlich wie der Held versucht Kleist gemeinsam mit dem Leser die Magie des Ortes zu durchdringen, zu hinterfragen und ihn letztendlich dadurch zu entzaubern. Von den trügerischen Fassaden der Gebäude wendet sich Kleist schnell ab und nutzt seine außerordentlichen Fähigkeiten in der Darstellung von Figuren. Die alternden Gesichter der Akteure werden zum tragischen Zentrum der Geschichte. Hinter ihren Falten und ihren zusammengepressten Lippen verbergen sich Geheimnisse, die erkundet werden müssen. Die Magie, die Kleist sucht, findet sich leider nur in der graphischen Darstellung dieser ersten Episode, aber nicht auf der thematischen Ebene.

 In der zweiten Geschichte unternimmt Kleist einen weiteren Versuch, den Zauber von Coney Island einzufangen. Sie stellt eine Hommage an den Film Angel Heart und seinen Hauptdarsteller Mickey Rourke dar. Erst in dieser kurzen Episode gelingt es dem Autor, mit selbigem Protagonisten dieses undurchdringliche Gefühl, das man in Coney Island verspürt, wiederzugeben. Von weißen, weiten Filmsets stolpert Rourke in Bars, deren Innenleben genauso weiß und klinisch wirken wie die Welt draußen. Diese hellen Flächen dienen Kleist als Projektionsräume für die Erschaffung von nostalgischen Traumwelten. Ohne jedoch den Versuch zu unternehmen, den danach folgenden Wechsel zu erklären, springt in der Mitte der Geschichte die Handlung in tiefes Schwarz über, Räume werden zu klaustrophobischen Zellen und ein Gefühl des Film Noir stellt sich ein. Auch die Flucht aus der Beklemmung ändert nichts an diesem Zustand, denn auch die Weite des Vergnügungsparks, dessen Riesenrad wie ein alles sehendes Auge wirkt, ist schwarz wie die Nacht. Erst mit dem nächsten Tag kommt der hellgraue Himmel wieder, der nichts von den Geheimnissen der vorherigen Nacht preisgibt.

 Die dritte Episode schließt den Kreis der gesamten Erzählung. Erst hier gelingt es Kleist endlich, ein Bild von Coney Island zu zeichnen, das dem alternden Kuriositätenkabinett gerecht wird. Bei einem Treffen der greisen Akteure umreißt er deren Anekdoten nur soweit, dass ihr Zauber zwar dargestellt, nicht aber hinterfragt wird. Nur durch das Erzählen der Geschichten wird deutlich, dass die Magie des Ortes noch lange nicht verschwunden ist und so lange weiterlebt, wie Geschichten darüber erzählt werden.

Wieder einmal hat es Reinhard Kleist geschafft, durch seine Klasse als Erzähler zu glänzen. Auch wenn er in The Secrets of Coney Island die Magie des Vergnügungsparks dadurch entlarvt, dass er sie hinterfragt, gelingt es ihm dennoch, eine überzeugende, unterhaltsame Geschichte zu entwerfen. Vielleicht entscheidet er sich ja in den nächsten Jahren mal dazu, wieder einmal einen Blick nach Deutschland zu werfen und die hiesige Populärkultur zu illustrieren. Bei einem solchen Unterfangen würde er auch nicht Gefahr laufen, seinen Lesern durch zu viele Erklärungen die Magie zu nehmen.



The Secrets of Coney Island
Edition 52, Juli 2007
Szenario: Reinhard Kleist
Zeichnungen: Reinhard Kleist
Softcover; schwarz-weiß; 80 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 3-9352-2952-6

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Bildquelle: www.reinhard-kleist.de

 



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