| Interview mit Andi Watson (OmU) |
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| Geschrieben von Thomas | ||||
| Mittwoch, 17. Oktober 2007 | ||||
Seite 1 von 2 Watson ist ein sehr vielseitiger Künstler, der sich nicht auf ein bestimmtes Genre beschränkt und sich auch zeichnerisch für jedes seiner Projekte verändert, wobei er trotzdem einen unverwechselbaren Stil entwickelt hat. Comicgate-Redakteur Thomas Kögel traf Andi Watson auf der Frankfurter Buchmesse 2006 (Ja, das ist ein Jahr her! Sorry!) zum Interview. Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf dem Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz bzw. zwischen Auftragsarbeiten und eigenen kreativen Schöpfungen. Wir bieten Euch das Interview im Original auf Englisch und übersetzt auf Deutsch an. Für das Originalinterview bitte hier klicken - please click here for the English version. Andi Watson, geboren 1969 im englischen Yorkshire, macht seit den frühen 90er jahren Comics. Seine Abschlussarbeit für das Graphikdesign-Studium war der Comic Samurai Jam, den er selbst veröffentlichte. Dadurch wurde der US-Verlag Slave Labor Graphics auf ihn aufmerksam, für den er bis heute diverse Comics geschrieben und gezeichnet hat (z.B. Skeleton Key und Slow News Day). Außerdem schuf Watson Miniserien und Graphic Novels für Oni Press (Breakfast After Noon, Love Fights, Little Star) und das neue DC-Label Minx (Clubbing). Aktuell erscheint bei Image Comics Glister, .... Neben seinen recht persönlichen Arbeiten im Indie-Bereich arbeitet Watson auch als Autor für Mainstream-Comics wie z.B. Buffy the Vampire Slayer oder Star Wars (Dark Horse). CG: Breakfast After Noon ist dein erster Comic, der auf deutsch veröffentlicht wird. Dein Verleger Stefan Heitzmann schreibt auf der Verlags-Website , dass das deine beste Arbeit sei. Siehst du das auch so? AW: Ääähmm... nein. Ich glaube, die letzte Arbeit findet man immer am besten, aber Breakfast After Noon ist, vom Aufbau der Geschichte her, am klassischsten strukturiert. Ich kann also verstehen, dass das befriedigender zu lesen ist. Little Star dagegen, das ich kürzlich abgeschlossen habe, war nicht so gründlich strukturiert. Das Ende war viel offener. Die Charaktere lernen nicht unbedingt etwas, es gibt keine Lektion am Ende, während es in Breakfast After Noon eine Art moralischen Subtext gibt. CG: Aber es ist ein guter Einstiegspunkt in dein Werk, oder? AW: Ja, ich denke schon. Es ist wahrscheinlich der beste Startpunkt, und von da aus geht es hoffentlich nicht bergab (lacht). CG: Wenn du dir aussuchen könntest, was deine nächste Veröffentlichung in Deutschland werden soll, was würdest du wählen? AW: Vielleicht sowas wie Slow News Day, weil das auch eher traditionell aufgebaut ist, eher wie ein Film in drei Akten, und es hat ein Happy End. Es gehört zu einem sehr zugänglichen Genre, es ist eine romantische Komödie mit Bürokram. Ich bin mir nicht sicher, wie gut sich das auf Deutschland anwenden lässt, mit der Lokalzeitung und so, inwiefern das hier Sinn ergibt. Aber wenn ich zum Beispiel an Little Star denke, da weiß ich, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Deutschland etwas anders sind. Die Mütter bleiben in der Regel zuhause und die Väter gehen arbeiten. Also keine Ahnung, wie das zur deutschen Kultur passt. Aber ich glaube, wenn die Deutschen Hollywoodfilme gewöhnt sind und sie mögen, dann wäre etwas wie Slow News Day ein guter nächster Schritt. [Anm. d. Red.: Inzwischen hat Modern Tales Little Star als zweiten Comic von Andi Watson auf deutsch veröffentlicht.] AW: Ich denke, der springende Punkt dieser Geschichte ist, dass Rob einen Abstieg durchmacht und sich selber wieder hochziehen muss. Ich meine, wenn es mit ihm abwärts geht, und dann geht's noch weiter abwärts und das ist dann das Ende, dann ist da nicht viel emotionaler Gewinn für den Leser. Das Ende ist eine Art Auflösung, obwohl man nicht genau weiß, wie stabil ihre Beziehung letztlich ist. Wenn Rob erfährt, dass ein Kind unterwegs it, wird er davon wachgerüttelt und er wird erwachsen. Ich dachte nicht: "Wenn ich ein trauriges Ende schreibe, wäre das Buch weniger erfolgreich", es war einfach die Art, wie die Figuren gestrickt sind: Rob lernt nicht direkt eine Lektion, aber im Verlauf der Handlung verändert er sich. Wenn er am Anfang selbstsüchtig und am Ende noch selbstsüchtiger wäre, dann gäbe es keine echte Geschichte, kein Drama, keinen Wendepunkt. Wenn er aber eine zeitlang ein egoistischer Depp ist und dann die Konsequenzen seines Verhaltens erkennt, ergibt das ein interessanteres Buch, denke ich. CG: Du lebst in Großbritannien, machst aber den Großteil deiner Arbeit für amerikanische Verlage. Gibt es eigentlich eine nennenswerte Comicszene in England? Abgesehen von 2000 A.D., was das einzige ist, was ich kenne. AW: Ja, das ist es so ziemlich. Es gibt einige Kleinverleger, Fanzines und Undergroundcomics. Aber wenn du als Comiczeichner oder -autor Geld verdienen musst, musst du in die USA gehen, für DC oder Marvel arbeiten und in der Regel Superheldencomics machen. Das ist der Weg für die meisten, aber so wie sich Graphic Novels gerade entwickeln, ändern sich die Dinge. Verlage wie Walker Books fangen an, Comicadaptionen von Kinderbüchern wie Stormbreaker herauszubringen. Ich denke, sie sehen einen Wachstumsmarkt und vielleicht wird es in England aufwärts gehen. Ich hoffe, dass die Verlage in britische Kreative investieren werden. Viele Verlage wie Jonathan Cape bringen einfach Neuveröffentlichungen von amerikanischen Autoren. Das verstehe ich nicht. Man will doch seinen eigenen heimischen Nachwuchs heranziehen und Leute, die über die eigene Kultur sprechen. Klar, sowas wie Palestine von Joe Sacco ist ein tolles Buch, aber ich verstehe nicht, warum man das unbedingt von einem britischen Verlag kaufen muss. Wenn die Leute es haben wollen, bekommen sie es sowieso. Ich wünschte, es würde mehr Geld im eigenen Land ausgegeben werden, so dass sich eine eigene britische Comickultur entwickeln kann. CG: Gibt es bei der Arbeit für amerikanische Verlage Probleme, wenn sich alles quer über den Atlantik abspielt? Vermisst man persönliche Kontakte, hast du überhaupt persönlichen Kontakt zu deinen Verlagen? CG: Kannst du uns etwas über die Unterschiede zwischen der Arbeit an Lizenzcomics -- du hast u.a. Skripts für Buffy- und Star-Wars-Comics geschrieben -- und deinen eigenen Schöpfungen erzählen? Ich denke, da gibt es große Unterschiede... AW: Bei meinen eigenen Comics bin ich bis zu einem gewissen Grad mein eigener Boss. Wobei man trotzdem immer noch Deadlines einhalten muss und sowas. Bei der Arbeit an Buffy, oder an Namor, das ich für Marvel geschrieben habe, arbeitet man für einen Boss, der eine Erwartung hat, was dabei rauskommen soll. Im Grunde hast du zu tun, was man dir sagt. Man kann nicht unbedingt seine Stärken ausspielen -- Namor z.B. war ein Action-Abenteuer-Comic für Jungs, und trotzdem wollten sie auch noch eine Romanze einbauen, aber das hat einfach nicht gepasst. Es ist schwer und in kreativer Hinsicht wird man dafür nicht belohnt, aber man wird bezahlt. Das ist der Hauptgrund, es zu machen. Die bittere Wahrheit ist, dass man nur von regelmäßigen, monatlichen Serien richtig leben kann. Den Rest der Zeit muss man versuchen, die persönlichen Arbeiten mit den kommerziellen unter einen Hut zu bringen. AW: Ja. Ich meine ich würde lieber ständig "einen für mich" machen, aber das ist nicht immer möglich. Man muss den Ball am Rollen halten und sicherstellen, dass man immer wieder zu seinen eigenen Arbeiten zurückkommen und an eigenen Ideen arbeiten kann. "Work for hire" ist sehr verführerisch, es ist ziemlich angenehm, man wird regelmäßig bezahlt und so weiter. Es kann leicht passieren, dass man da reinfällt und Sachen für andere raushaut, die einem selbst nichts bedeuten und die nichts Wert sind. Man füllt halt einfach Lücken im Veröffentlichungskalender... Es ist also ein ständiger Kampf, wenn man versucht Geld zu verdienen und sich selber auf eine erfüllende Art auszudrücken. CG: Aber für dich scheint diese Balance zu funktionieren... AW: Im Großen und Ganzen ja. Ich sag's nochmal, man muss zu den Conventions gehen und die Leute persönlich treffen. Und man muss zumindest so tun, als sei man total begeistert davon, Buffy the Vampire Slayer zu schreiben, auch wenn es nicht stimmt. Man muss offen für diese Art von Arbeit bleiben. Ich würde auch gerne Romane oder sowas schreiben, aber damit lässt sich auch kaum Geld verdienen, also muss ich weiterhin zu Marvel und DC gehen und um Arbeit betteln. Das macht keinen Spaß, muss aber sein. CG: Auf dem Weg nach Frankfurt habe ich deine Graphic Novel Geisha gelesen. Dort geht es im Subtext sehr viel um das Thema "Kunst oder Kommerz". Das scheint ein recht wichtiges Thema für dich zu sein. In Slow News Day ist es das gleiche: Will man für eine kleine Zeitung mit einer kleinen Leserschaft arbeiten oder für ein Millionenpublikum im Fernsehen? Das ist eine tolle Konfliktquelle für Charaktere, die versuchen, sich selbst treu zu bleiben. Es wird immer bedeutsamer, denke ich, wenn man sich ansieht, wie stark die Medien globalisiert werden. Eine Serie wie Friends verkauft sich auf vielen Märkten in der ganzen Welt. Aber dadurch wächst auch der Druck, dass es nicht zu spezifisch oder ortsbezogen sein darf, damit die Zuschauer in aller Welt es verstehen. Das ist ein interessantes Thema, und das taucht auch in Breakfast After Noon auf: Die Hauptfigur, Rob, arbeitet für eine britische Keramikfirma, aber sein Kaffeservice kauft er bei Ikea. Die Leute machen sich zu wenig Gedanken darüber, dass ihr Kaufverhalten Auswirkungen auf die Welt um sie herum hat, und im Prinzip trägt Rob selber dazu bei, dass er seinen Job verliert. AW: Für andere Künstler zu schreiben, ist sehr befriedigend, wenn man ihre Stärken ausspielt. Paris z.B. hat nur sehr wenige Panels pro Seite und es wird mehr Wert auf Details gelegt, wie Architektur oder küssende Mädchen. Mich selbst interessierte das nicht allzusehr, aber Simon wollte unbedingt sowas machen, also gab er mir einen "Einkaufszettel" mit Dingen, die er zeichnen wollte. Den nahm ich und baute diese Dinge in die Geschichte ein. Und ja, es ist fantastisch, wenn die Seiten von Simon zurückkommen mit diesen wunderschönen Szenen in Paris, das ist einfach eine tolle Erfahrung. Das ist das erste Mal, dass ich wirklich diese Begeisterung spüre. Zuvor waren meine Autoren-Jobs nur "work for hire" und nichts, womit ich mich persönlich verbunden fühlte. CG: Hast du mal nach einem Skript eines anderen Autoren gezeichnet? AW: Äääähm... (überlegt) Ja, nur Kleinigkeiten, nichts großes. Zum Beispiel in diesem DC-Comic Bizarro, einer Sammlung von Kurzgeschichten, dafür habe ich was von Evan Dorkin und ein paar anderen gezeichnet. Das ist schon interessant, denn Autoren bringen dich dazu, Sachen zu zeichnen, die du normalerweise nicht zeichnest. Wenn ich einen Comic mit einem Verkehrsstau zeichnen müsste, wäre das eine echte Herausforderung, denn ich hasse es, Autos zu zeichnen und bin auch nicht sehr gut darin. Man wird also in Gefilde gestoßen, in die man sich sonst nicht hineinwagt, und das ist gut. Aber bei Comics sind das Tempo und das Seitenlayout derart wichtig, dass es selten eine echte Verbindung [zwischen Autor und Zeichner] gibt, außer es sind zwei Leute, die wirklich gleich ticken und die gleichen Interessen haben. Bei Paris ist das der Fall, Simon und ich mochten wirklich die gleichen Sachen: Kunst und Ingres und klassische Malerei und all das Zeug. Wir waren wirklich einer Meinung. In diesem Fall klappte es also, aber ich weiß nicht, ob es Spaß machen würde, eine Graphic Novel über einen Stau zu zeichnen. Nur Autos über Autos, verstehst du? Das kann schon interessant sein, aber ich arbeite lieber an meinem eigenen Kram, wann immer es geht. CG: Wo wir grade beim Zeichnen sind: Fast alle deine Comics sind in schwarz-weiß. Das kann finanzielle oder auch künstlerische Gründe haben. Wie ist das bei dir? Im Idealfall, wenn ich etwas farbiges machen würde, würde ich mit einem wirklich guten Koloristen arbeiten wollen, mit dem ich auf der gleichen Wellenlänge bin. Sowas wie Hellboy, was wirklich wunderschön koloriert ist. Die Kolorierung ist hier ein Element des Storytelling. Mike Mignola arbeitet offensichtlich in schwarz-weiß, aber er hat die Farben die ganze Zeit im Kopf und weiß, wie es später auf der Seite aussehen wird. Ich bewundere die Art, wie das funktioniert, aber es schüchtert mich auch ein bisschen ein, weil es so schwierig ist. Ich bin es gewohnt, in schwarz-weiß zu arbeiten, und bei Farbe muss man einfach mit viel mehr Dingen jonglieren, wenn man eine Seite zusammenbaut. Es ist natürlich toll, verschiedene emotionale Effekte herauszuholen, aber das bedeutet auch weitere Stunden am Schreibtisch, vor dem Computer. Aber ich denke man kann solche Effekte auch in schwarz-weiß erzielen und es dauert einfach nicht so lange, was immer ein Vorteil ist. CG: Du hast Hellboy angesprochen. Ironischerweise veröffentlicht der deutsche Verlag [Cross Cult] die Hellboy-Comics in schwarz-weiß, weil man dort der Ansicht ist, das sähe besser aus und Mignola sie eigentlich in schwarz-weiß zeichnet. Und alle, naja nicht alle, aber die meisten Leser sind begeistert davon, sogar Mignola selbst und [der US-Verlag] Dark Horse sagen, dass es toll aussieht. Ich glaube, bei Hellboy funktioniert beides. AW: Ja, auf jeden Fall. Ich habe seine ersten Hellboy-Episoden in Dark Horse Presents gesehen, die waren schwarz-weiß und sind fantastisch. Mike Mignola weiß einfach, wie man ein Panel ins Gleichgewicht bringt und wie man tiefes Schwarz gegen weiße Flächen einsetzt. Darin ist er brilliant. Ja, ich würde auch beides kaufen. CG: Schau's dir an, der Stand von Cross Cult ist direkt gegenüber vom Modern-Tales-Stand... AW: Oh toll! Dann will ich eine Ausgabe. CG: Meine letzte Frage hat mit Manga zu tun. Manga gehört ja auch zu deinen Einflüssen, vor allem bei deinen frühen Arbeiten. Hier in Deutschland haben wir einen sehr stark getrennten Markt. Die Mangafans auf der einen Seite und die Anhänger westlicher Comics auf der anderen. Einige Verlage machen zwar beides, aber die meisten Leser lesen entweder nur Manga oder westliche Comics. Alles ist zweigeteilt, und in den USA und im UK wird es nicht viel anders sein. Ich finde das furchtbar schade, schließlich geht es immer ums Geschichtenerzählen in Form von sequentieller Kunst. Was denkst du, wie ließe sich das ändern? AW: Ich denke, es wird sich mit der Zeit ändern. Es wird nicht sofort geschehen, aber die Kids, die jetzt Mangas lieben, werden irgendwann eigene Comics zeichnen wollen. Einige werden sklavisch Manga-Stilen folgen, aber ich glaube, viele werden verschiedene Elemente aufgreifen, aus westlichen Comics, aus der Illustration usw. Und mit der Zeit, hoffe ich, wird das nicht mehr so stark getrennt sein und zusammenwachsen. In Frankreich geht das schon los, da gibt es eine Bewegung, die gezielt mit beiden Elementen arbeitet. Für mich ist das alles visuelles Geschichtenerzählen. Der Comic ist wirklich eine universelle Sprache. CG: Was man deinen Comics auch ansieht... AW: Danke! Ja, ich meine, man muss einfach nur die Augen offenhalten. Ansonsten bleibt man für immer in einem Stil hängen und verliert die Energie und den Enthusiasmus. Man muss dauerhaft offen für Neues sein, sonst wird man nur alt und langweilig (lacht).
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Comicgate-Rezension von Breakfast After Noon
Bildquellen: Andi Watson, slgcomic.com, onipress.com, darkhorse.com, modern-tales.de. Fotos: Thomas Kögel |
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