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von Benjamin Vogt Donnerstag, 04. Oktober 2007

 Nach einer Geschäftsreise steigt Hiroshi Nakahara versehentlich in einen falschen Zug. Dieser bringt den Familienvater zufälligerweise in seine Geburtsstadt Kurayoshi. Beim Besuch des Grabes seiner Mutter verliert er das Bewusstsein und wacht schließlich als sein eigenes 14-jähriges Ich wieder auf.


Er befindet sich wieder in den 60ern, für Hiroshi wiederholt sich damit nicht nur die Geschichte, längst vergangene Geschehnisse um Familie, Freunde, Schule, sondern er erlebt sie nunmehr mit dem distanzierten Blick und Wissensstand eines 48-jährigen. Die ungewöhnliche Zeitreise entwickelt sich für ihn zudem zur einmaligen Gelegenheit, nämlich ab dem Zeitpunkt, ab dem er realisiert, dass er dem plötzlichen Verschwinden seines Vaters in jenem Sommer 1963 endlich auf die Spur kommen kann. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Frage, was passiert, wenn es Hiroshi diesmal gelingt, seinen Vater davon abzuhalten, die eigentlich harmonische Umgebung der Familie zurückzulassen.

Mit über 400 Seiten ist Vertraute Fremde sicherlich als ein Werk zu bezeichnen, auf das man sich bereits aufgrund des Umfangs längere Zeit einlassen sollte. Jiro Taniguchi nimmt sich viel Zeit für die Einführung der wichtigsten Personen, insbesondere natürlich des Hauptcharakters, dessen tiefer gehende Konfrontation mit dem Motiv des Vaters ihn, je mehr er herausfindet, an sein eigenes, zukünftiges Erwachsenendasein erinnert.

Taniguchi reflektiert gekonnt die Erfahrungswerte der Kindheit und bringt sie dem Leser aus unverklärtem Blickwinkel näher. Dadurch entsteht eine neue Perspektive, die nachdenklich macht, leicht amüsiert und spielerisch mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung umgeht. Dabei bleibt die vermittelte Moral stets subtil, die Rückführung des Protagonisten wird zu dessen Spiegel, die Aufarbeitung des mysteriösen Verschwinden des Vaters entpuppt sich plausibler und damit leider auch ernüchternder als erwartet, wie eben so vieles im Leben. Aber auch abseits von alledem ist es wundervoll, den quasi reinkarnierten 14-jährigen Jungen zu verfolgen, wie er sein neues altes Leben entdeckt.

Für einen Manga ist Taniguchis Zeichenstil erfrischend zurückhaltend, die Bebilderung des alltäglichen Lebens ruhig und präzise dargestellt. Vertraute Fremde besitzt eine anrührende Story, die auf vielen Seiten an Sympathie gewinnt und einen schlichtweg in den Bann ziehen kann. Zwar ist die Erzählung im asiatischen soziokulturellen Raum beheimatet, orientiert sich aber durchaus auch an westlichem Storytelling, alles in allem sind Taniguchis einfühlsame Schilderungen dadurch noch zielgerichteter und machen den Comic inhaltlich und optisch zu einen runden Sache.


Vertraute Fremde
Carlsen; August 2007
Text/Zeichnungen: Jiro Taniguchi
409 Seiten; 19,90€
ISBN: 3551777799

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