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Nach einer Geschäftsreise steigt Hiroshi Nakahara versehentlich in
einen falschen Zug. Dieser bringt den Familienvater zufälligerweise in
seine Geburtsstadt Kurayoshi. Beim Besuch des Grabes seiner Mutter
verliert er das Bewusstsein und wacht schließlich als sein eigenes
14-jähriges Ich wieder auf.
Er befindet sich wieder in den 60ern, für
Hiroshi wiederholt sich damit nicht nur die Geschichte, längst
vergangene Geschehnisse um Familie, Freunde, Schule, sondern er erlebt
sie nunmehr mit dem distanzierten Blick und Wissensstand eines
48-jährigen. Die ungewöhnliche Zeitreise entwickelt sich für ihn zudem
zur einmaligen Gelegenheit, nämlich ab dem Zeitpunkt, ab dem er
realisiert, dass er dem plötzlichen Verschwinden seines Vaters in jenem
Sommer 1963 endlich auf die Spur kommen kann. Von zentraler Bedeutung
ist dabei die Frage, was passiert, wenn es Hiroshi diesmal gelingt,
seinen Vater davon abzuhalten, die eigentlich harmonische Umgebung der
Familie zurückzulassen.
Mit über 400 Seiten ist Vertraute Fremde
sicherlich als ein Werk zu bezeichnen, auf das man sich bereits
aufgrund des Umfangs längere Zeit einlassen sollte. Jiro Taniguchi
nimmt sich viel Zeit für die Einführung der wichtigsten Personen,
insbesondere natürlich des Hauptcharakters, dessen tiefer gehende
Konfrontation mit dem Motiv des Vaters ihn, je mehr er herausfindet, an
sein eigenes, zukünftiges Erwachsenendasein erinnert.
Taniguchi reflektiert gekonnt die Erfahrungswerte der Kindheit und
bringt sie dem Leser aus unverklärtem Blickwinkel näher. Dadurch
entsteht eine neue Perspektive, die nachdenklich macht, leicht amüsiert
und spielerisch mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung umgeht. Dabei
bleibt die vermittelte Moral stets subtil, die Rückführung des
Protagonisten wird zu dessen Spiegel, die Aufarbeitung des mysteriösen
Verschwinden des Vaters entpuppt sich plausibler und damit leider auch
ernüchternder als erwartet, wie eben so vieles im Leben. Aber auch
abseits von alledem ist es wundervoll, den quasi reinkarnierten
14-jährigen Jungen zu verfolgen, wie er sein neues altes Leben
entdeckt.
Für einen Manga ist Taniguchis Zeichenstil erfrischend zurückhaltend,
die Bebilderung des alltäglichen Lebens ruhig und präzise
dargestellt. Vertraute Fremde besitzt eine anrührende Story, die auf
vielen Seiten an Sympathie gewinnt und einen schlichtweg in den Bann
ziehen kann. Zwar ist die Erzählung im asiatischen soziokulturellen
Raum beheimatet, orientiert sich aber durchaus auch an westlichem
Storytelling, alles in allem sind Taniguchis einfühlsame Schilderungen
dadurch noch zielgerichteter und machen den Comic inhaltlich und
optisch zu einen runden Sache.
Vertraute Fremde
Carlsen; August 2007
Text/Zeichnungen: Jiro Taniguchi
409 Seiten; 19,90€
ISBN: 3551777799


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