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Geschrieben von Christopher Bünte
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Dienstag, 12. Juni 2007 |
Torpedo – das ist zugleich ein Spitzname und ein Meisterwerk. Der Titel
wurde geboren aus Angst und Schrecken. Er ziert Luca Torelli, seines
Zeichens Auftragsmörder der Mafia. Schnell, hart und gewissenlos – so
schlägt Torpedo zu. Die von Enrique Abuli und Jordi Bernet geschaffene
Figur ist einer der markantesten Killer der Comic-Geschichte. Er treibt
im New York der dreißiger Jahre sein Unwesen und erscheint seit 2006
bei Cross Cult in einer fünfbändigen Gesamtausgabe. Im Mai 2007 erschien Band 2. (Hier gehts zur CG-Rezension von Band 1.)
Neulich konnte man irgendwo lesen, dass es bei Torpedo keine Moral
gäbe. Aber stimmt es wirklich, dass die Serie frei von Moral ist? Man
kann Moral als ein Wertesystem verstehen. Das moralische System einer
bestimmten Gruppe orientiert sich an gewissen Vorstellungen, was gut
und was böse ist. Es fällt leicht, den Killer Torpedo als unmoralisch
zu bezeichnen. Man signalisiert damit, dass man sich nicht zu seiner
Gruppe rechnet bzw. dass man sich an einem anderen Wertesystem
orientiert als er. Kunststück. Denn welcher Leser muss sich schon als
harter, gnadenloser Killer auf der Straße durchschlagen?
Aber gibt es im Leben von Luca Torelli wirklich keine Moral, keine
Gut-Böse-Koordinaten? Wer den eigenartigen Sog erklären will, den
Torellis grausame Welt auf den Leser ausübt, könnte sich mit dieser
Frage genauer beschäftigen. Und Antworten finden sich in jeder Episode,
zum Beispiel wenn Torpedo sich an einer Frau vergreift, einem
Informanten eine Kugel verpasst oder einen Widersacher in Flammen
setzt. In Torpedos Welt sind Gewalt, Rücksichtslosigkeit und
Hinterhältigkeit legitime Mittel, um zu erreichen, was man will. Die
Ziele des Killers sind klar und einfach: Es geht um Dollars, schöne
Frauen und um Rache. Dumm ist, wer unbewaffnet auf die Straße geht oder
anderen Vertrauen schenkt. Ein Kumpane, der den Gewinn schmählert,
gehört erschossen. So ist das bei Torpedo eben.
Natürlich soll Torpedo kein Vorbild sein. Die Serie will auch nicht die
Wirklichkeit zeigen. Die Geschichten werfen den Leser hinein in ein
moralisches Koordinatensystem, das anders sein dürfte, als alles, was
er gewohnt ist. Insofern ist Torpedo ein ausgesprochen moralischer
Comic, eben nur mit einer Definition von Richtig und Falsch, die dem
gewöhnlichen Leser schwer im Magen liegt. Der unglaublich dynamische
Strich und die zynischen Texte tragen ihr Übriges dazu bei, der Welt
des Auftragsmörders Leben einzuhauchen.
In Bertolt Brechts Dreigroschenoper wimmelt es von berühmten Zitaten.
Eines davon kommt aus dem Mund des Ganoven Mackie Messer, der unserem
Torpedo gar nicht so unähnlich ist. „Erst kommt das Fressen, dann kommt
die Moral.“ sagt er an einer Stelle. Die Moral – das sind hier
bürgerliche Vorstellungen von Gut und Böse. Aber das Fressen hat eben
eine eigene Moral. Es ist die Moral des Gnadenlosen, des Gewalttätigen.
Luca Torelli lehnt immer mit dem Rücken an der Wand, wie ein in die
Enge getriebenes Tier. Er beißt wild um sich, um zu überleben. Und die
Leser? Wir sind bloß Schaulustige mit vollen Bäuchen, die amüsiert
zugucken.
Torpedo 2
Cross Cult, Mai 2007
Text: Enrique Sánchez Abuli
Zeichnungen: Jordi Bernet
152 Seiten; schwarzweiß; Hardcover; 18,- Euro
ISBN: 9783936480450



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