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Interview mit Jeff Smith (OmU) Drucken E-Mail
Geschrieben von Thomas und Björn   
Donnerstag, 15. Februar 2007
Beitragsinhalt
Interview mit Jeff Smith (OmU)
Interview with Jeff Smith (English)



 Im letzten Herbst war Jeff Smith auf einer kleinen Welttournee, um die Farbausgaben seiner Serie Bone zu promoten, die zu den erfolgreichsten Independent-Comics aller Zeiten zählt. Wir trafen ihn auf der ersten Station dieser Tour, auf der Frankfurter Buchmesse. Dort sprachen wir mit ihm unter anderem über seine Welttournee, über Bone und seine künftigen Comic-Projekte und über den Unterschied zwischen digitalen und gedruckten Comics.

Wir bieten Euch das Interview im Original auf Englisch und übersetzt auf Deutsch an.

Für das Originalinterview bitte hier klicken - please click here for the English version.


Jeff Smith, Jahrgang 1960, gilt als einer der Vorreiter und zugleich einer der erfolgreichsten Vertreter des sogenannten "Self-Publishing". Die von ihm selbst erdachte, geschriebene und gezeichnete Fantasy-Serie Bone veröffentlichte er im eigens gegründeten Selbstverlag Cartoon Books und hatte damit großen Erfolg. Bone erschien von 1991 bis 2004 in 55 Einzelheften, verschiedenen Sammelbänden und, nach Abschluss der Serie, in der 1300 Seiten starken "One Volume Edition". Seit 2004 erscheinen neue, kolorierte Ausgaben der ursprünglich schwarz-weißen Comics im Verlag Scholastic Press. In Deutschland wurde Bone vom Carlsen-Verlag in 20 Bänden veröffentlicht. Im Herbst 2006 startete TOKYOPOP eine Neuausgabe in zwei Varianten: Der Leser kann zwischen farbigen Hardcover-Bänden und einer sehr preisgünstigen Schwarz-Weiß-Ausgabe im Mangaformat wählen.

Während Jeff Smith also diese neuen Ausgaben auf der Frankfurter Buchmesse vorstellte, hatten Thomas Kögel (TK) und Björn Wederhake (BW) am Stand von TOKYOPOP Gelegenheit zu einem Gespräch mit Jeff Smith.


welcome.jpgTK: Du tourst ziemlich viel. Ich habe gelesen, dass du dich jetzt für, ich glaube es sind drei oder vier Monate, auf einer Welttournee befindest.

JS: Oh, nein, nein, nein. Es war nur ein bisschen mehr als ein Monat.


TK: Nur etwas mehr als ein Monat?

JS: Oh nein. Du hast Recht. Das ganze Ding endet im Februar. Aber ich bin für fünf Wochen in Europa, was sehr aufregend ist. Mir gefällt das.


TK: Und Frankfurt ist die erste Station?

JS: Yeah.


BW: Kommst du auch dazu, dir die Sehenswürdigkeiten anzusehen oder ist es so, dass du hier reingeschoben wirst und, na ja, "dann hängst du hier fest" klingt zu negativ … aber hast du Frankfurt wirklich sehen können, oder war das eher …

JS: Nein, es ist eher so, dass ich hier reingeschoben werde, und wenn ich nach Hause komme, werden die Leute mich fragen: „Wie ist Frankfurt?“ Und ich werde sagen: „Tja, die Vorhänge im Hotel sind sehr hübsch.“ [lacht]

Obwohl, ich bin am Dienstag in Frankfurt angekommen und wir sind hierher, um uns die Bone-Ausstellung auf der Messe anzusehen, die sehr nett geworden ist. Aber dann sind wir wieder an Bord eines Flugzeugs gestiegen, das war so gegen drei Uhr, und sind nach Berlin geflogen, zu einer Signierstunde in einem Laden. Und ich habe immerhin die Chance bekommen, Berlin zu sehen. Wir sind dann also in ein paar Cafés gegangen, wir hatten ein nettes Abendessen und einige der Tokyopop-Mitarbeiter hatten da ein paar Freunde. Wir sind ausgegangen und ich habe Berlin schon ziemlich genießen können und ein paar der Sehenswürdigkeiten gesehen. Das war sehr gut. Ich habe das Brandenburger Tor gesehen.


TK: Zum ersten Mal?


JS: Ja. Ich war vier Mal in Deutschland, aber das war mein erstes Mal in Berlin ... und Bonn. Und hier nach geht’s nach Hannover, wir sind also ziemlich am Rotieren. Über's Wochenende sind wir wieder in Frankfurt. Aber ihr seid ja auch hier, ihr wisst, wie verrückt das hier ist.


TK: Oh ja, auf jeden Fall.

JS: Oh, und dann reise ich von Deutschland nach Athen und dann nach Madrid und Barcelona, Bilbao, Oslo, Paris.


BW: Klingt, als wenn du in einem Monat mehr Orte siehst, als ich bisher in meinem ganzen Leben besucht habe.

JS: [lacht] Das wird ein ganz schöner Trip. Aber das ist auch irgendwie eine einmalige Gelegenheit, jetzt wo der Comic in ganz Europa gleichzeitig veröffentlicht wird. Ich weiß nicht, wer sonst diese Chance erhält. Definitiv kein Indie-Typ wie ich.


TK: Ich habe gelesen, dass Scott McCloud gerade eine US-Tour durch die fünfzig Bundesstaaten macht.

JS: Ja, und im Februar werden sich unsere Wege kreuzen, das wird ein Spaß. Ein kleines Crossover-Event. [lacht]
Habt ihr Scotts Blog während seiner Reisen gelesen?


TK: Nicht regelmäßig, aber von Zeit zu Zeit.

JS: Ja, ich auch. Ich versuche das regelmäßiger zu tun, aber unterwegs komme ich nicht so leicht online, wie ich gedacht hätte.


TK: Klar. Vor zwei Tagen habe ich mal auf dein Blog geschaut und gesehen, dass du gerade alles über Frankfurt reingestellt hattest.

jeff_signiert.jpg JS: Ja. Heute Morgen habe ich meinen Bericht über die Berlinreise beendet. Und mein Lieblingsgericht ist natürlich im Blog zu finden.


TK: Diese fünfwöchige Tour ist für dich also sehr anstrengend. Oder ist es auch ein bisschen Urlaub?

JS: Ein kleines bisschen. Meine Frau wird mich in Paris treffen. Und dann haben wir knapp vier Tage frei in Venedig. Darauf freue ich mich schon sehr. Und dann endet die Europa-Tournee in Lucca. Das Comic Festival in Lucca ist mein Favorit.


TK: Nie da gewesen.

JS: Oh, ihr solltet dahin fahren. Es hat eine mittelalterliche Altstadt und das Essen und der Wein sind ausgezeichnet. Und da sind jede Menge Leute. Und es ist eine gute Show. Es ist sogar eine sehr gute Show. Und Örlingen ist auch eine sehr gute Show.


TK: Wo?

JS: Örlingen? Ich meine, da war ich schon einmal …


TK: Ah, Erlangen. Natürlich.

JS: Ja, genau.


TK: Wir hatten da dieses Jahr zum ersten Mal einen eigenen Stand.

JS: Hattet ihr? Wie ist's gelaufen?


TK: Wir haben unser Printmagazin verkauft und es war großartig. Wir hatten viel Spaß. Das liegt daran, dass in Erlangen alles … na ja, es ist die Comicfamilie. Jeder kennt jeden und es ist sehr gemütlich.

BW: Das ist natürlich einer der Vorteile, wenn man nur eine sehr kleine Comicszene hat. Es ist auf eine Art und Weise schon irgendwie traurig, aber andererseits kennt jeder jeden und Erlangen findet nur alle zwei Jahre statt. Die Leute freuen sich also darauf und es ist echt nett.


JS: Naja, selbst in den USA ist die Comicindustrie klein, wenn man sie mit Japan vergleicht. Sie ist sehr klein. Ich meine, ich sehe die gleichen Leute auf jeder Messe, auf die ich fahre, wisst ihr. Ich sehe sie in San Diego. Ich habe dort Don Rosa gesehen. Ich sehe Don Rosa, während ich in Europa rumreise. Ich sehe ihn, egal, wohin ich auch fahre. Und er sagt dasselbe über mich.


TK: Gut, reden wir mal ein wenig über Bone.


JS: Klar. Habt ihr das hier schon gesehen?

[Jeff zeigt uns eine der Bone-Farbeditionen von Tokyopop.]


 TK: Ja, ich habe die neue Ausgabe schon gesehen. Mir gefällt die Idee, dass sie jetzt koloriert ist. Aber du hast es von Anfang in schwarz-weiß geplant, oder?

JS: Ja, das habe ich. Ich mochte immer, wie man Schwarz benutzen kann, um bestimmte Kompositionen zu erstellen. Vor allem kann man Schwarz verwenden um zu zeigen, dass etwas sehr weit weg ist, weit in der Ferne. Zum Beispiel, … äh, ich bin nicht sicher, ob ich auf die schnelle etwas finden kann, aber … in anderen Situationen postierst du etwas Schwarzes im Vordergrund und zeigst, dass es nahe ist.

[Jeff beginnt, durch die Ausgabe zu blättern.]

Nee, ich kann jetzt gerade natürlich nichts finden, aber ihr versteht, worauf ich hinauswill. Also habe ich eine Menge Zeit damit verbracht zu lernen, wie man Comics in schwarz-weiß zeichnet und wie man in schwarz-weiß Geschichten erzählt. Aber ich habe immer gedacht, dass ich vielleicht eine ultimative Schwarz-Weiß-Edition machen könnte, wenn ich fertig wäre. Und wenn ich jemanden finden könnte, der dafür zahlen würde, dann würde ich liebend gern eine komplett kolorierte Version machen. Und das ist jetzt geschehen, denn die 1.300 Seiten lange One Volume Edition, das ist meine ultimative Schwarz-Weiß-Ausgabe.


BW: Du hattest ja vom ersten Tag an diese Idee: “Ich will diesen Weg einschlagen und ich will dort ankommen und ich will dieses eine, große Epos haben.“

JS: Yeah, definitiv. Ich hatte Bone als Comicstrip für meine College-Zeitung gezeichnet, aber es war nur ... weißt du, ich habe versucht kleine Witze zu machen und ich hatte das Setting und die Figuren, aber es gab keine Geschichte und eigentlich auch keinen Sinn. Es war nur so eine Art Ein-Witz-pro-Tag-Ding. Und dann fing ich eines Tages einfach an, über eine Geschichte nachzudenken, die es wert sein könnte, erzählt zu werden. Und schon seit ich ein kleines Kind war, wollte ich ich immer einen richtig langen, durchgängigen Comic.

Ich hatte mir immer gewünscht, dass man die Onkel-Dagobert-Geschichten aufreihen könnte und dass sie wirklich einen chronologischen Anfang, eine Mitte und so weiter hätten. Und irgendwann im College dachte ich mir: „Ich glaube, mir ist eine Geschichte eingefallen.“ Also schrieb ich sie auf und schuf diese große Outline, um irgendwie die Punkte anzuschneiden, die ich würde machen müssen, und ich habe die letzte Seite tatsächlich schon 1990 gezeichnet. Und 2004 bin ich dazu gekommen, den Zettel nochmal rauszuholen und mir die letzte Seite anzugucken.


TK: Du hattest also einen Fahrplan, aber du wusstest nicht, ob es 1.000 oder 1.300 Seiten werden würden.

JS: Ja, genau. Oder 2.000 Seiten. Ich hatte keine Ahnung. Aber da war dieser Punkt, an dem du anfängst zu erkennen: „Okay, ich habe so lange gebraucht, um bis zur Mitte zu kommen.“ Da war also dieser Punkt, an dem ich sagte: „Oh, es werden neun Bände.“ Denn zu dem Zeitpunkt, an dem ich bei ‚Roque Ja’ ankam – was die Mitte des des Comics ist – wusste ich, dass ich in der Mitte angekommen war. Ich sagte: „Okay, ich bin jetzt bei fünf. Da sollten – ich wusste es nicht genau – noch drei bis sechs weitere Kapitel folgen.“ Ich war mir nicht sicher.


TK: Auf halber Strecke, hattest du da mal eine Art eine Krise oder sowas? Ich weiß, es war ein Riesenerfolg, aber ich kann mir vorstellen, dass man sagt: „Ich habe die Nase voll von Bone, ich will was ganz anderes machen.“

JS: Oh, du meinst mich ...


TK: Ja.

 JS: Ich dachte, du meinst die Leser. Nein. Ich hatte vor, es zu Ende zu bringen. Immer. Sicher, es gab schwierige Zeiten. Oder Zeiten, in denen ich kein Geld verdient habe. Oder die Leser waren wütend auf mich, weil ich zu viel Zeit damit verbracht hatte, eine Idee zu entwickeln. Du weißt schon, drei oder vier Ausgaben nur für eine Szene. Und das würde dann acht Monate dauern, oder länger.

Aber, nein, ich habe immer versucht herauszufinden, wie ich die Sache am Laufen halte und ich habe nie gedacht, dass ich aufgeben würde. Ich wollte es zu Ende bringen.


TK: Als du es zu Ende gebracht hast, musst du eine Leere gespürt haben oder einen traurigen Moment, weil du dich jetzt von diesen Geschöpfen verabschieden musstest.

JS: Weißt du, viele Leute fragen mich das, aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich keine Trauer empfunden habe. Klar, da war ein Moment nahe dem Ende des Buches, wenn sie zum Abschied winken, da war ich irgendwie betrübt, als ich das Panel gezeichnet habe. Aber größtenteils muss ich sagen, dass ich erleichtert war, endlich fertig zu sein. Die letzten paar Jahre waren extrem schwierig. Ich würde sogar sagen, sie waren schmerzhaft. Der Versuch, die Geschichte funktionieren zu lassen, der Versuch im Zeitplan zu bleiben, der Versuch jeden Morgen aufzustehen und einfach weiterzumachen.

Und ein großer Teil der Geschichte hat nicht so recht funktioniert. Ich meine, die Arbeit war schwierig: All diese verschiedenen Storylines zu nehmen und sie in einem Ende zusammenzuführen, das wirklich aufregend und befriedigend ist, das sich aber nicht einstudiert oder formelhaft anfühlt wie in einem Hollywood-Film. Das wollte ich wirklich vermeiden. Und das zu tun war äußerst schwierig.


BW: Da ist eine Sache, die ich mich frage, weil du erwähntest, dass es gegen Ende zu einem Problem wurde, aufzustehen. Du hast einen großen Teil deines Leben an diesem Ding gearbeitet und du hast derweil neue Erfahrungen gesammelt, du bist älter geworden. William Gibson hat mal gesagt, er habe Neuromancer nochmal gelesen und festgestellt, dass er nicht mehr die selbe Person war, die das Buch damals geschrieben hat. Wie seltsam ist es, an einer fortlaufenden Geschichte zu arbeiten, während man sich weiter entwickelt? An dieser Geschichte zu arbeiten und eben nicht den gesamten Plot zu ändern, um dem treu zu bleiben, womit man begonnen hat?

JS: Ähm... das ist eine sehr gute Frage. Hab etwas Geduld, während ich versuche, eine gute Antwort zu finden. [lacht]

bone_page.jpg Es war eine lange Zeit. Aber die Art Geschichte, an der ich gearbeitet habe, war eine Fantasiegeschichte. Und die basiert, so denke ich, auf sehr grundlegenden, sehr soliden Ideen, die man in der Mythologie und in Märchen finden kann. Und ich glaube, dass diese Ideen, diese Dinge wie große Suchen und diese Art von Abenteuern, die man in Bone oder in Märchen finden kann, auf eine gewisse Art und Weise zeitlos sind. Diese Ideen, diese grundlegenden Elemente werden, glaube ich, nie versagen.

Wenn ich wirklich verstehe, worauf ich meine Geschichte aufbaue, dann sollte das über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren anhalten. Jede Wendung, die eine Figur durchlebt, sollte mit einer Wendung in Verbindung stehen, die ich als Künstler durchlebt habe. Egal in welchem Alter ich war, als das geschah. Es ist wie eine Metapher. Und dasselbe sollte auch für Leser jeden Alters gelten, die sich mit dem Comic beschäftigen. Es sollte kontinuierlich als Objekt wachsen, oder … hm, "Objekt" ist nicht das richtige Wort. Aber, weißt du, du hast mich da was Schwieriges gefragt. [lacht] Ich bin hier wirklich am kämpfen.

Eine Person jeden Alters sollte in der Lage sein, die Geschichte durchzulesen und – zumindest theoretisch – sollte sie in der Lage sein, später nochmal wieder zu kommen, zehn Jahre später oder so, und die Geschichte nochmal zu lesen und es sollte für sie wieder funktionieren.


BW: Also ist es ein vielschichtiges Ding, etwas für jede Altersgruppe? Man sieht es mit jeweils anderen Augen, willst du das sagen?

JS: Ich schätze – um deine Frage direkter zu beantworten –, dass ich nie einen „Ich hätte mich nie dieser Geschichte verpflichten sollen“-Moment erlebt habe, weil es weiterhin erfüllend und lohnenswert war, daran zu arbeiten. Und weil es so groß war. Ein paarmal wäre die Geschichte beinahe außer Kontrolle geraten und der Prozess war dann sehr organisch. Darum hat es Spaß gemacht, daran zu arbeiten und hoffentlich macht es auch Spaß, die Geschichte zu lesen. Beantwortet das deine Frage?


BW: Ja.

JS: Hast du das lostreten wollen? [lacht]


TK: Okay, vielleicht können wir über das Thema Self-Publishing reden, über das Veröffentlichen im Eigenverlag. Du bist einer der Pioniere in diesem Bereich und vielleicht der erfolgreichste Vertreter. Und in der Zeit, in der du das betrieben hast, hat sich der Markt mehr als einmal verändert.

JS: Es gab viele Wandel.


TK: Wenn du heute anfangen würdest, würdest du es nochmal machen?

JS: Ja. Oh, ja.


TK: Im heutigen Markt?

JS: Ich weiß nicht, ob ich es genauso machen würde. Es ist für mich sehr interessant, mir die Comics und die jungen Cartoonisten da draußen anzusehen. Und der Hauptunterschied, den ich zwischen den Do-It-Yourself-Anhängern meiner Generation und den Do-It-Yourself-Anhängern von heute sehe, ist das Internet. Denn als ich das gemacht habe, da war die einzige Möglichkeit, die dir offen stand, diese getackerten Hefte. Du musstest es auf Zeitungspapier rausbringen. Ein Comic auf Zeitungspapier. Und Farbe stand so ziemlich außer Frage, weil sie zu teuer war.

Die Do-It-Yourself-Leute von heute sind online. Und sie haben keinen Druck vom Markt, sie stellen ihre Sachen einfach ins Netz. Und egal was sie zeichnen wollen, sie zeichnen es einfach. Sie machen das in ihrer eigenen Freizeit und manchmal verdienen sie damit Geld. So wie, äh, Joscha?


TK: Joschau Sauer, ja. Er hat im Netz angefangen.

JS: Er hat im Netz angefangen und jetzt ist es sein Beruf.


TK: Das ist eine Erfolgsgeschichte.

JS: Eine sehr gute Erfolgsgeschichte. Und natürlich: Das Web bietet dir Farbe, eine unendlich große Palette an Farben. Alles was du willst. Also würde ich es heute wahrscheinlich nicht mehr genau so machen, wahrscheinlich würde ich im Internet anfangen. Denn da wird sowas heute gemacht.


BW: Was denkst du über jemanden mit dieser Vision: “Ich habe diese epische Geschichte, die ich erzählen will, und ich würde sie wirklich gerne gedruckt sehen.” Wenn so jemand mit dem heutigen Markt konfrontiert wäre, was meinst du: wäre die Situation für ihn einfacher oder schwerer als zu deiner Zeit? Gut, da ist natürlich das Internet. Aber wie ist der Markt an sich für Leute, die sagen: „Ich will mein eigenes Ding durchziehen.“

 JS: Das ist jetzt eine schwammige Antwort, aber ich würde sagen: Ein bisschen von beidem. Ganz ehrlich. Ich meine, als ich angefangen habe, da gab es sehr wenig in dieser Art, also war ein wichtiger Faktor, einfach nur bekannt zu machen, dass es jetzt sowas gibt und die Leute dazu zu bewegen, neue Dinge auszuprobieren. In gewisser Art und Weise ist das heute geschafft. Diese Mauer ist eingerissen worden.

Und auf eine gewisse Art und Weise ist es leichter. Die Leute sind verschiedenen Comicarten gegenüber aufgeschlossener. In Frankreich, da gibt es diese eine, spezielle Comicszene, die haben all diese großen, gemalten Fantasy-Comics oder Cowboy-Comics oder was auch immer. Und in den USA sind’s die Superhelden. Aber das verschwindet, und Manga hilft dabei.

Aber andererseits denke ich, dass es schwieriger ist, weil der Markt so im Fluss ist und wir sind ... was passiert eigentlich gerade? Ich schätze, es wäre für eine junge Person sehr schwer herauszufinden, was er tun sollte. Sollte er versuchen, Manga zu machen, denn das ist eindeutig der derzeit größte Markt. Sollte er ins Internet gehen? Sollte er versuchen, es „old school“ anzugehen und tatsächlich ein greifbares Objekt drucken?

Ich denke, dass die meisten jungen Menschen, mit denen ich spreche ... wisst ihr, jeder um die Dreißig ist für mich jung … äh, es scheint, als wenn sie alle ihre Sachen gedruckt sehen wollen. Selbst wenn sie ins Internet gehen, ihr wirkliches Ziel ist es, eine gedruckte Version zu schaffen. Und ich glaube, dass sie das schaffen können. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ihr Weg verlaufen wird, aber … sagt ihr es mir, ich wisst da sicher mehr als ich weiß. [lacht]


TK: Wir waren auch sehr froh, als wir das hier [das Comicgate-Printmagazin, das auf dem Tisch liegt] zum ersten Mal gedruckt gesehen haben.

JS: Seht ihr?!


TK: Es ist ein anderes Gefühl, etwas in seinen Händen zu halten und es durchzublättern.

BW: Und es ist realer als etwas im Netz.

JS: Da ist etwas, das „objet d'art“, von dem ich glaube, dass es Teil der menschlichen Natur ist. Ich hatte diese stundenlangen Sitzungen in Bars mit Scott McCloud, in denen Scott einfach nur seinen Ideen freien Lauf lässt und mir dabei die Haare wegbläst. [lacht] Und Scott glaubt, dass wir noch zu unseren Lebzeiten, also bald, diese tragbaren Objekte in DIN-A5-Format haben werden und auf dem du dann das “Comicgate-Magazin” aufrufst und es wird genau so aussehen wie das gedruckte Heft hier. Es wird diesen Mattglanz haben, aber es ist alles digital. Und was mich angeht: wenn sie das hinkriegen - prima. Aber noch sind sie nicht so weit. Aber ich stimme dir zu. Ich glaube wirklich, dass es etwas Besonderes am greifbaren Objekt gibt, das wir berühren können, halten können und...


TK: Und riechen können.

JS: Und riechen können!

[Jeff beugt sich zum Aufnahmegerät.]

Okay, hier ist eine Notiz für Scott McCloud: Wir müssen noch ein kleines Smell-O-Vision hinzufügen, zu deinem Digitaldings ... [Gelächter]


TK: Smell-O-Vision™.

JS: Ja, Smell-O-Vision, TM Jeff Smith. Für den Comic Visual Port ... ähm ... Digital ...


 TK: Gut, eine ganz andere Frage. Du hast eben schon Manga erwähnt. Bone ist der erste Nicht-Manga bei einem Verlag, der sich bisher ausschließlich auf asiatische Comics spezialisiert hat: TOKYOPOP Deutschland. Wie fühlt es sich an, Teil eines so genannten "Manga-Verlags" zu sein?

JS: Ich mag es. Weil ich glaube, dass Manga im Generellen etwas Gutes ist. Es ist auf Kinder ausgerichtet, auf Mädchen und Jungs … dieses jugendliche Publikum ist eine gute Sache für uns. Und Bone ist in den USA schon immer ungewöhnlich gewesen, weil es Mädchen und Jungen und Erwachsene anspricht. Wohingegen die meisten US-Comics ziemlich ausschließlich für Erwachsene gemacht werden. Ihr wisst schon, da sind diese Sammler, die schon ihr ganzes Leben lang Spider-Man gekauft haben ... Und ich fühle mich tatsächlich geehrt, dass Bone als etwas angesehen wird, das hip genug ist. [lacht]


BW: Hattest du eine Chance zu sehen wie die, naja, "Manga-Kids" reagieren? Ihre Reaktion, wenn sie deinen Comic sehen?

JS: Nun, heute ist der erste Tag, an dem sie ihn wirklich kaufen können [auf der Frankfurter Buchmesse]. Also hatte ich noch nicht viele Gelegenheiten dazu, weil der Comic erst seit drei, vier Tagen draußen ist. Aber ich glaube, sie mögen ihn schon. Was mir allerdings aufgefallen ist: Viele von ihnen kaufen die Farbversion, was ungewöhnlich ist. Obwohl, als ich auf der Signierstunde war - als ich in Berlin und Bonn signiert habe -, hatten all die Kinder die Schwarz-Weiß-Ausgabe und all die Erwachsenen hatten die Farb-Ausgabe, was in den USA, wo es die schwarz-weiße "One Volume Edition" gibt, genau anders herum ist. Die Erwachsenen kaufen die, weil sie mein original Indie-Publikum sind. Und die Farbausgaben, die von Scholastic verlegt werden, werden in der Kinderbuchabteilung verkauft.


TK: Der Vorteil an der Schwarz-Weiß-Ausgabe ist: Sie ist sehr preiswert.

BW: Ja, die kostet 6,50. Das sind vier Euro weniger als die Farbausgabe kostet.

JS: Yeah, darum waren wir heute morgen auch überrascht, als mehr Farbausgaben gekauft wurden. Eben weil die teurer sind.


TK: Ist Deutschland das einzige Land, in dem zwei Versionen gleichzeitig verlegt werden?

JS: Und Amerika. In den USA und in Deutschland. Es ist ein Experiment. Das könnte der Anfang davon sein, den Markt zu begreifen. Und wenn zwei Märkte existieren, dann ist das okay. So lange wir beide mit Comics beliefern.

Mich interessieren eher Comics, die eine einzige Person geschrieben und gezeichnet hat. Manga ist für mich sehr viel mehr wie Superman oder die X-Men. Das sind Firmenprojekte. Es gibt eine Person die angewiesen wurde, zu schreiben, und eine andere, um zu zeichnen, und manchmal werden sie sogar von Studios angefertigt. Solche Comics interessieren mich normalerweise nicht so sehr wie etwas von Lewis Trondheim, zum Beispiel.


TK: Die künstlerische Vision eines Künstlers, die ihren Weg aufs Papier findet.

JS: Yeah, yeah. Aber es dauert ziemlich lange, so etwas zu machen. Es gibt freilich auch Mangas, die von einer einzigen Person geschrieben und gezeichnet werden.


BW: Kannst du gerade jemanden nennen, der seinen eigenen Comic schreibt und zeichnet und bei dem du sagst: „Das ist hier gut. Das hier ist wirklich klasse.“ So eine Art Geheimtipp?

JS: Oh, du meinst einen neuen Comic, den ich wirklich gut finde?


BW: Ja, etwas Neues. Oder etwas Älteres, das nicht so weit verbreitet ist, aber wo du sagst: “Wow, das ist klasse. Warum haben die Leute das nicht gelesen?”

JS: Yeah, ich habe mir viele deutsche Comics angeschaut. Was habe ich denn neulich gelesen? Ich habe viele Nachdrucke gelesen, weil es derzeit eine Menge umwerfender Projekte gibt, so wie etwa Little Nemo in Slumberland, das hier drüben wahrscheinlich schwer zu bekommen ist.


BW: Das bekommt man auch in deutschen Buchhandlungen. Es ist übersetzt worden.

nightfisher.jpg JS: Die Peanuts sind auch neu aufgelegt worden. Es gab definitiv ein paar gute Comics, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Ooooh, yeah … ich hab’s … es wird von Fantagraphics verlegt. Es heißt The Night Fisher. Und der Typ heißt R. Kikuo Johnson. Das Buch hat gerade einen [Harvey] Award gewonnen. Also ist es kein Geheimtipp, es hat als Bester Newcomer gewonnen. Und es wird wahrscheinlich auch einen Ignatz Award auf der Small Press Expo gewinnen. Das ist ein wirklich brillanter Comic. Ist ein wenig von David Mazzucchelli beeinflusst, aber das Storytelling ist wirklich knackig. Also, das ist für mich der Mann, den man im Auge behalten sollte.


TK: Also, ich muss jetzt die unvermeidliche “Was nun?”-Frage stellen. Du bist mit Bone fertig, es ist dein Opus Magnum und die Leute fangen an zu fragen: Was kommt danach? Was macht "Mr. Bone" als nächstes? Ist das eine Last für dich? Du bist Bone, Bone ist du. Und egal was du als nächstes machst, es wird mit Bone verglichen werden.

JS: Als ich mich dem Ende von Bone näherte, erhielt ich einen Anruf von DC Comics. Mike Carlin, der Chefredakteur, fragte ob ich eine Version von Captain Marvel machen und dessen Origin für einen Relaunch neu erzählen wollte. Und ich habe zugestimmt, das zu machen. Ich habe gesagt, ich würde eine Miniserie mit vier Ausgaben machen. Die zusammen eine Graphic Novel ergibt.

Weil beispielsweise Art Spiegelman sagte, dass er das mit Maus erlebt hat, und ich hatte auch mit Dave Sim [Schöpfer der ebenfalls im Eigenverlag erschienen Mammutserie Cerebus, die über 300 Hefte lief] gesprochen. Und er hat auch darüber nachgedacht. Wir nähern uns diesem großen Loch. Diesem großen, klaffenden Loch. Und manche Leute fallen da rein. Ich wollte nicht da reinfallen. Also dachte ich, dass ich diese Gelegenheit ergreife. In den zwei Jahren, seitdem ich Bone beendet habe, habe ich also an der Captain-Marvel-Graphic-Novel gearbeitet. Sie basiert auf einem alten, berühmten Comic-Serial aus den Vierzigern, einem der ersten durchgängigen Comics. Das wird dann 2007 erscheinen. Damit bin ich fast fertig.

 [Anm. d. Red: Inzwischen, im Februar 2007, ist in den USA die erste von vier Ausgaben von Shazam! The Monster Society of Evil erschienen.]

Und dann kehre ich zu meinen Wurzeln zurück. Ich habe eine neue Storyline, die ich bei meinem Selbstverlag Cartoon Books verlegen werde. Das wird eine Science-Fiction-Geschichte sein. Es wird nicht Bone sein. Aber dazwischen wird es erstmal den Superheldencomic geben. Und ich hoffe tatsächlich, dass mich die Leute etwas anderes als Bone machen lassen.


BW: Die Leute werden sagen: “Ah, das ist der Captain-Marvel-Typ. Den kenne ich von DC.“

TK: Ich habe irgendwo im Internet von einer Geschichte gelesen, die du mit Paul Pope machen möchtest. Big Big oder so?

JS: Yeah, yeah. Wir arbeiten an der Geschichte nicht zusammen, aber wir versuchen, ein Projekt zu realisieren, bei dem er und ich je eine Geschichte erzählen werden. Das haben wir schon seit Jahren versucht. Ich weiß nicht, ob wir unsere Zeitpläne je in Einklang bringen können. Also werden wir unsere Geschichten vielleicht gleichzeitig erstellen, vielleicht auch getrennt voneinander. Aber die Geschichte erzähle ich trotzdem. Das ist die Geschichte, von der ich eben gesprochen habe, die Science-Fiction-Story. Das wird also mein nächstes Projekt werden.


TK: Und das wird auch ein größeres Projekt?

JS: Nicht wie Bone. Dafür habe ich nicht die Zeit. Mir bleiben nicht genug Jahre, um sowas noch einmal zu machen. Ich weiß nicht, das werden vielleicht zwischen hundert oder zweihundert Seiten. Ich weiß noch nicht genau. Und ich muss immer noch Shazam! beenden, bevor ich überhaupt damit anfange.


TK: Eine andere Frage, die dir wohl jeder stellt, schätze ich. Der Bone-Film. Ist der endgültig gestorben, oder…

JS: Das hoffe ich.


TK: Das hoffst du?

JS: Ja, mir wäre es lieber, wenn Bone als Comic bekannt wäre, nicht als Film.


TK: Ja, die Idee gefällt mir auch…

 BW: Was ist mit der Spielelizenz? Es gibt ein Bone-Spiel, das in kleinen Kapiteln über das Internet verkauft wird. Hast du damit was zu tun oder ist das eher so, dass du die Lizenz verkaufst und dann sagt: „Okay, macht, solange ihr das nicht total verbockt.“

JS: Es ist so ziemlich so. Ich meine, die Jungs, die das machen, haben vor gut zehn Jahren für LucasArts gearbeitet und sie haben einen Haufen gute Spiele produziert. Etwa Sam & Max und Monkey Island. Und sie wollten Lucas verlassen und eine neue Firma gründen. Dann haben sie mich angesprochen, weil sie wollten, dass Bone ihr erstes Projekt wird. Sie hatten also diesen sehr guten Lebenslauf und sie mochten Bone wirklich, das habe ich gemerkt. Sie würden respektvoll damit umgehen. Also zeigten sie mir alles: „Das hier ist, was wir machen.“ Und wenn sie mir ein Figuren-Design zuschicken würden, dann würden mein Assistent Steve und ich sich die Sache anschauen und versuchen, sie mehr wie im Comic zu gestalten. Und daran haben sie sich immer gehalten. Das ist also schon irgendwie spaßig.

Bisher gibt es zwei Spiele. Sie werden, glaube ich, sechs Spiele machen, um die ganze Geschichte zu erzählen und ich glaube, diesen Herbst [2006] erscheint eine auch eine deutsche Version.


TK: Vielleicht schauen wir uns das mal an.

JS: www.telltalegames.com.


TK: Hast du noch eine Frage, Björn?

BW: Ääh … mir fällt gerade nichts ein. Sobald ich da rausgehe, drehe ich mich um und werde mir denken: „Ach verflixt“, aber … nein.

JS: Tja, du kannst mich ja was über Gerhard fragen, weißt du. Nee, das war nur ein Scherz.

[Anm. d. Red.: Gerhard war Assistent von Dave Sim und über viele Jahre Zeichner der Backgrounds in Cerebus. Zwischen Jeff Smith und Dave Sim gab es einen legendären öffentlichen Streit, der darin gipfelte, dass Smith von Sim zu einem Boxkampf unter Männern aufgefordert wurde. Näheres dazu hier.]


BW: Gibt es ihn wirklich? Ist er in Wirklichkeit Dave Sim? Uns kannst du’s sagen.


JS: Nein, Gerhard gibt es wirklich. Und er ist einer der nettesten, freundlichsten und tollsten Menschen, die ich je getroffen habe. Ein wirklich netter Kerl. Absolut furchtlos, wenn es darum geht, diese Hintergründe zu zeichnen.


BW: Ich glaube, das musst du auch sein, wenn du an Cerebus arbeitest. Ich glaube, wenn du dich wirklich einer Sache so hingibst, wie Dave Sim das getan hast, oder du mit Bone, dann musst du wirklich irgendwie furchtlos sein.

JS: Ja… also, hören wir auf?


TK: Ja, lasst uns hier aufhören. Jeff, danke für deine Zeit. Es war uns ein Vergnügen.

 

BONE-VERLOSUNG!

Wer bis hierher durchgehalten hat, darf zur Belohnung an einem kleinen Bone-Gewinnspiel teilnehmen. Wir verlosen zweimal den ersten Band der neuen deutschen Bone-Ausgabe von Tokyopop. Einmal in der farbigen und einmal in der Schwarz-Weiß-Variante. Schreibt eine E-Mail an bone (at) comicgate.de und nennt uns den Namen einer beliebigen Figur, die in Bone auftritt.

Einsendeschluss ist Sonntag, der 17.01.2007.







Boneville : Jeff Smiths Weblog mit reichlich Hintergrundinfos zu seiner Person und zu Bone.

Die Bone-Farbausgabe bei Scholastic Press

Die deutschsprachige Ausgabe bei Tokyopop

Das Bone-Computerspiel bei Telltale Games

Bone-Dossier bei Splashcomics

Bone-News: deutschsprachiges Fan-Blog


Bildquellen: Thomas Kögel (Fotos), telltalegames.com, boneville.com, fantagraphics.com, tokyopop.de