| Fun Home: A Family Tragicomic (US) |
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| Geschrieben von Daniel | |
| Mittwoch, 15. November 2006 | |
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Würde es zum Beispiel ausreichen, die Comicseiten zusammenzukleben, sie zwischen zwei Buchseiten zu pressen und das Ganze mit dem Stempel „graphic novel“ zu versehen? Natürlich nicht, aber dennoch scheint das neue Jahrtausend dem vergangenen treu zu bleiben, indem es eben diesen Begriff für Qualität im Medium Comic benutzt, ohne wirklich festzulegen, welche Kriterien der Begriff beinhaltet. Während auf dem amerikanischen Comicmarkt immer wieder Titel kursieren, die das Prädikat graphic novel nicht verdienen, hat es die Künstlerin Alison Bechdel - Schöpferin des cartoon strips Dykes to watch out for - geschafft, den Begriff der graphic novel durch ihre Comicmemoiren wiederzubeleben. Ihr gelingt es, das Medium Comic zu benutzen und es sogar zu revolutionieren. Die Geschichte der graphic novel begann bereits Ende der 1970er
Jahre. Damals erschien Will Eisners A
Contract with God, ein Comic, der mit dem Untertitel „a Graphic Novel“
veröffentlicht wurde. Obwohl Eisners Werk nicht die erste graphic novel war, wird der Comic zu Recht als Fahnenführer des Comicromans
bezeichnet, da es sich um einen neuen Typus Comic handelte: vor allem seine
Geschichte, die vorwiegend erwachsene Leser ansprechen sollte, aber auch seine
spezielle abgeschlossene Erzählform, die an eine short story erinnert, machten den Comic zu einem Novum. Nach dem
Erfolg des Comics schlugen mehrere Künstler den von Eisner vorgegebenen Kurs
ein und produzierten in den 1980er Jahren Comics, die anderen Gesetzen folgten
als die Comichefte der vorangegangen Jahrzehnte: Watchmen (Alan Moore), Dark
Knight Returns (Frank Miller) etc. Viele dieser Comics verdienten das
Prädikat graphic novel; andere gaben
es sich schlichtweg selbst. Trotz des erfreulichen Booms in der Comicbranche bleibt bis heute die Frage, was eine graphic novel eigentlich ausmacht, unbeantwortet. Ist die genuine Form eines Comics ausschlaggebend für die Nominierung in dieser Klasse oder ist es der Anspruch der behandelten Themen, die einen Comic aufwerten? Eisner selbst beantwortete diese Frage in seinem Sekundärwerk über Comics – Comics and Sequential Art – zugunsten des Inhalts, der nur für erwachsene Leser gedacht sei.
Wie aber ein solcher Begriff
missbraucht wird, sehen wir in der heutigen Comicszene, die jeden Comic,
der mehr als 20 Seiten stark ist, als graphic
novel bezeichnet, auch wenn es sich dabei nur um ein Trade-Paperback der
letzten X-Men-Serie handelt. Wie kann man heute noch von dem Genre der graphic novel sprechen, wenn der Begriff vom Markt vollends
übernommen zu sein scheint?
Doch es gibt auch immer wieder Comics, die sich
ernsthaft des Begriffs annehmen und ihn in der Weise nutzen, wie von Eisner in A Contract with God wegweisend gezeigt wurde. Ein
Fortschritt der graphischen Novelle ist auf jeden Fall eine Veröffentlichung wie Blankets, das vor zwei Jahren ein
graphisches Konzept mit einem inhaltlichen Anspruch verband und so einen neuen
Prototyp der graphic novel für das
neue Jahrtausend darstellt. Seitdem hat man nicht mehr viel gesehen oder gelesen, was den Terminus gerechtfertigt oder sogar revolutioniert hätte. Was kann ein neuer Comic dann noch groß ändern? Vielleicht zeigt Alison Bechdel mit ihrem neuen Comicroman Fun Home: A Family Tragicomic, ob es möglich ist, den nächsten Schritt in der Entwicklung dieser Form zu tun.
Bechdels Fun Home präsentiert sich als graphic
memoir, eine autobiographische Form der graphic
novel also. Natürlich muss man sich fragen, ob mit American Splendor (Harvey Pekar) und Blankets (Craig Thompson) dieser Bereich nicht schon längst
abgegrast ist. Deutlich wird aber gerade an diesem Beispiel, dass die
thematische Komponente zwar eine wichtige Rolle spielt, sie aber nur in
Verbindung mit der Form der Darstellung zu einem Ganzen wird. Das Thema schafft
den Hintergrund, vor dem die Geschichte graphisch umgesetzt werden kann. Erst
jetzt ist es möglich, mittels der comiceigenen Form über die Erzählung zu reflektieren.
Erst bei längerer Lektüre des Comics wird deutlich, wie subtil und stringent Bechdel vorgeht. Ohne es zu merken, ist man schon nach wenigen Seiten in der Geschichte gefangen.
Blättert man weiter durch das beblümte
Innenleben, dann stößt man als erstes auf den Namen des Verlages,
der leichte Verwunderung auslöst: Houghton
Mifflin ist nicht unbedingt ein Name, der bei den meisten Lesern amerikanischer
Comics die Glocken läuten lässt. Er gehört nicht zu den bekannten
amerikanischen Comicverlagen, die man erwartet hätte, wie z.B. Drawn and Quarterly oder Top Shelf. So bringt der Status graphic novel auch Verlage ins Boot, die
sonst nur in anderen Bereichen zu finden sind – in diesem Fall ist der Verlag
ein alteingesessenes Unternehmen aus Boston, das Geschichts- und Lehrbücher,
aber auch Belletristik produziert.
Was noch vor den graphischen
Eigenheiten an Bechdels Stil auffällt, ist der Aufbau ihrer Panels und der
dazugehörigen Texte. Bechdel scheint wesentlich stärker an ihren Texten als an ihren
Bildern zu hängen. Während andere Comics ihre Stärke aus dem
abwechslungsreichen Spiel von Wort und Bild ziehen, nimmt hier die Literatur
einen dritten Aspekt ein, der das Verhältnis von Gezeichnetem und Geschriebenem
zu Gunsten des Letzteren verlagert. So erstellt Bechdel in ihrem Comic immer
wieder „Textbilder“: anstelle von einem Bild zeichnet sie Texte aus Büchern ab
– von Lexika über den Addams-Family-Comic bis hin zu Zitaten aus der
Weltliteratur. Diese Methode geht weit über Literaturanspielungen in anderen
Comics hinaus (ein schönes Beispiel hierfür ist Jeff Smith, der seinen Helden
Bone mit Hermann Melvilles Klassiker Moby
Dick ausstaffiert). Vielmehr werden die Texte in Bildform abgezeichnet und
ergänzen die Situation anstelle von einem Bild. Bechdel verwendet eben gerade
nicht den Raum über dem Text für solche Zitate, sondern verdeutlicht auf diese
Weise die Verbundenheit ihrer Familie – und ihrer eigenen Geschichte – mit der
Literatur, indem sie sie zu einem Bestandteil der Erzählung macht. So bleiben
Autoren wie James Joyce (Ulysses) und
F. Scott Fitzgerald (The Great Gatsby)
nicht als bloße Zitate im bebilderten Raum stehen, sondern werden von Bechdel
als Kommentatoren ihrer Familiengeschichte eingesetzt. Es ist eben eine solche
Strategie, eine Verbindung aus Erzählweise und Inhalt, die eine graphic novel ausmacht.
Diese Schwerpunktverlagerung auf
literarisches Material soll natürlich nicht heißen, dass Frau Bechdel nicht
zeichnen kann und deshalb eine Möglichkeit sucht, dieses Problem
Diese Liebe spiegelt sich in der Figur
des Vaters wider. So ist Bechdel in der Lage, die Emotionen der Figuren allein durch die Darstellung der
Gesichtszüge zum Ausdruck zu bringen. Der gesamte Charakter der Vaterfigur ist aus dem kurzen Strich, der
den Mund darstellt, auf der ersten Seite des Comics ersichtlich. Durch
minutiöse Zeichnungen des Mundes bietet Bechdel so eine ganze Palette an
Gefühlen an. So zeigt sich eine enge Verwandtschaft mit den cartoon strips von Charles M. Schultz,
dem Schöpfer der Peanuts. Auch
Bechdel arbeitet seit nunmehr 23 Jahren an ihrem cartoon strip Dykes to watch out for, der in mehreren
amerikanischen Zeitungen veröffentlicht wurde und wird.
Bereits mehrfach wurden schon
einige Elemente des Plots in diesem Artikel angedeutet, um zu zeigen, wie sich
die Form der Erzählung mit dem Inhalt verbindet. Durch die gewählte Form der Autobiographie nimmt Bechdel bestimmte Erzählkritierien wie z.B. die korrekte Chronologie in Kauf, wandelt diese aber zu ihren Gunsten um. Natürlich gibt es gerade im Medium Comic, mit den bereits oben
genannten Blankets und American Splendor, Bechdels Werk ist beeindruckend konzipiert. Während sie durch die Erzählform des Comics den Aspekt der „novel“ in graphic novel auf den Höhepunkt treibt, schafft sie es, die ganz eigene Form des Comics zu ihren Gunsten auszunutzen. Dieser Comic trägt meiner Meinung nach zu Recht das Prädikat graphic memoir, da Bechdel in ihm über die bloße Autobiographie hinausgeht: sie verbindet auf geschickte Weise den Bereich des Öffentlichen, also Literatur und Zeitgeschehen, mit dem Bereich des Privaten, ihrer Autobiographie. Es ist ein Comic-Roman über andere Romane der Weltliteratur, aber auch über die Möglichkeiten des Mediums Comic.
Illustration und Text: Alison Bechdel Houghton Mifflin Company 232 Seiten, Hardcover, 17,50 Euro ISBN: 0618477942 ![]()
Bildquellen: pridesource.com (Cover), www.adlbooks.com (Promoseite), weirdsisters.org
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