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von Daniel Wüllner Donnerstag, 16. November 2006
Würde es zum Beispiel ausreichen, die Comicseiten zusammenzukleben, sie zwischen zwei Buchseiten zu pressen und das Ganze mit dem Stempel „graphic novel“ zu versehen? Natürlich nicht, aber dennoch scheint das neue Jahrtausend dem vergangenen treu zu bleiben, indem es eben diesen Begriff für Qualität im Medium Comic benutzt, ohne wirklich festzulegen, welche Kriterien der Begriff beinhaltet. Während auf dem amerikanischen Comicmarkt immer wieder Titel kursieren, die das Prädikat graphic novel nicht verdienen, hat es die Künstlerin Alison Bechdel - Schöpferin des cartoon strips Dykes to watch out for - geschafft, den Begriff der graphic novel durch ihre Comicmemoiren wiederzubeleben. Ihr gelingt es, das Medium Comic zu benutzen und es sogar zu revolutionieren.
Trotz des erfreulichen Booms in der Comicbranche bleibt bis heute die Frage, was eine graphic novel eigentlich ausmacht, unbeantwortet. Ist die genuine Form eines Comics ausschlaggebend für die Nominierung in dieser Klasse oder ist es der Anspruch der behandelten Themen, die einen Comic aufwerten? Eisner selbst beantwortete diese Frage in seinem Sekundärwerk über Comics – Comics and Sequential Art – zugunsten des Inhalts, der nur für erwachsene Leser gedacht sei.
Wie aber ein solcher Begriff
missbraucht wird, sehen wir in der heutigen Comicszene, die jeden Comic,
der mehr als 20 Seiten stark ist, als graphic
novel bezeichnet, auch wenn es sich dabei nur um ein Trade-Paperback der
letzten X-Men-Serie handelt. Wie kann man heute noch von dem Genre der graphic novel sprechen, wenn der Begriff vom Markt vollends
übernommen zu sein scheint?
Doch es gibt auch immer wieder Comics, die sich
ernsthaft des Begriffs annehmen und ihn in der Weise nutzen, wie von Eisner in A Contract with God wegweisend gezeigt wurde. Ein
Fortschritt der graphischen Novelle ist auf jeden Fall eine Veröffentlichung wie Blankets, das vor zwei Jahren ein
graphisches Konzept mit einem inhaltlichen Anspruch verband und so einen neuen
Prototyp der graphic novel für das
neue Jahrtausend darstellt.
Seitdem hat man nicht mehr viel gesehen oder gelesen, was den Terminus gerechtfertigt oder sogar revolutioniert hätte. Was kann ein neuer Comic dann noch groß ändern? Vielleicht zeigt Alison Bechdel mit ihrem neuen Comicroman Fun Home: A Family Tragicomic, ob es möglich ist, den nächsten Schritt in der Entwicklung dieser Form zu tun.
Bechdels Fun Home präsentiert sich als graphic
memoir, eine autobiographische Form der graphic
novel also. Natürlich muss man sich fragen, ob mit American Splendor (Harvey Pekar) und Blankets (Craig Thompson) dieser Bereich nicht schon längst
abgegrast ist. Deutlich wird aber gerade an diesem Beispiel, dass die
thematische Komponente zwar eine wichtige Rolle spielt, sie aber nur in
Verbindung mit der Form der Darstellung zu einem Ganzen wird. Das Thema schafft
den Hintergrund, vor dem die Geschichte graphisch umgesetzt werden kann. Erst
jetzt ist es möglich, mittels der comiceigenen Form über die Erzählung zu reflektieren.
Erst bei längerer Lektüre des Comics wird deutlich, wie subtil und stringent Bechdel vorgeht. Ohne es zu merken, ist man schon nach wenigen Seiten in der Geschichte gefangen.
Bereits der Schutzumschlag von Fun Home ist ein metaphorischer Hinweis
auf die gesamte Form der Erzählung. Auf dem türkisen Schutzumschlag wird dem
Leser der Titel des Bandes im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Silbertablett
präsentiert. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass sich hinter den Verzierungen
des silbernen Tablettes noch etwas anderes verbirgt: sechs kleine Verzierungen
auf dem Silbertablett deuten die eigentliche Farbe des Buches an. Interessiert
entfernt man den Schutzumschlag und entdeckt darunter ein neonoranges Cover,
das in einem harschen Kontrast zum Schutzumschlag steht.
Während Titel, Autor
und Verlag auf dem Buchrücken in den Hintergrund treten, zeigt sich darauf ein
Querschnitt durch das Fun Home und
seine Bewohner, Bechdels Familie. So repräsentieren Einband und Cover die Vielschichtigkeit dieses Comic.
Blättert man weiter durch das beblümte
Innenleben, dann stößt man als erstes auf den Namen des Verlages,
der leichte Verwunderung auslöst: Houghton
Mifflin ist nicht unbedingt ein Name, der bei den meisten Lesern amerikanischer
Comics die Glocken läuten lässt. Er gehört nicht zu den bekannten
amerikanischen Comicverlagen, die man erwartet hätte, wie z.B. Drawn and Quarterly oder Top Shelf. So bringt der Status graphic novel auch Verlage ins Boot, die
sonst nur in anderen Bereichen zu finden sind – in diesem Fall ist der Verlag
ein alteingesessenes Unternehmen aus Boston, das Geschichts- und Lehrbücher,
aber auch Belletristik produziert.
Wenige Seiten weiter findet man ein
Inhaltsverzeichnis - das Statussymbol eines jeden Romans. Der gesamte Comic ist
in sieben Kapitel eingeteilt, aus deren Namen bereits das Tragikomische
hervorgeht: „A Happy Death“; „ That old Catastrophe“ oder auch „The Antihero's
Journey“. Diese Kapitel werden im Comic alle durch einzelne Bilder eingeleitet. Die
Themen der Bilder wiederholen sich am Ende jedes jeweiligen Kapitels. Daraus
ergibt sich für die Kapitel eine elliptische Struktur; sie bietet dem Leser
einen kleinen Ausblick und führt ihn dann unvermeidlich an eben diesen
gezeigten Punkt der Geschichte. Das soll aber nicht heißen, dass es sich bei
den Bildern um Spoiler handelt, die die Geschehen vorwegnehmen, sondern eher um
eine literarische Erzählform der Vorausschau.
Diese Schwerpunktverlagerung auf
literarisches Material soll natürlich nicht heißen, dass Frau Bechdel nicht
zeichnen kann und deshalb eine Möglichkeit sucht, dieses Problem
zu umgehen.
Gleich auf den ersten Seiten zeigt sich ihr beeindruckender Stil, den sie sich im
Laufe einer zwanzigjährigen Karriere im Comicgeschäft angeeignet hat. Die
ersten graphischen Eindrücke dieser bebilderten Novelle bestimmen auch den
gesamten Stil des Comics: die Bilder sind in schwarz-weiß gestaltet. Während
Bechdel mit blau-grüner Tusche ihren Zeichnungen sowohl Tiefe als auch Dekor
hinzufügt, zeichnen sich durch die Farbwahl bereits auf den ersten Seiten die ersten Schatten ab, die
sich über den Bildern und dem Familienschicksal auftun. In der Darstellungsform lässt
sich die Liebe zum Detail erkennen, die Bechdel nicht nur ihren Protagonisten,
sondern auch den Hindergründen zukommen lässt.
Diese Liebe spiegelt sich in der Figur
des Vaters wider. So ist Bechdel in der Lage, die Emotionen der Figuren allein durch die Darstellung der
Gesichtszüge zum Ausdruck zu bringen. Der gesamte Charakter der Vaterfigur ist aus dem kurzen Strich, der
den Mund darstellt, auf der ersten Seite des Comics ersichtlich. Durch
minutiöse Zeichnungen des Mundes bietet Bechdel so eine ganze Palette an
Gefühlen an. So zeigt sich eine enge Verwandtschaft mit den cartoon strips von Charles M. Schultz,
dem Schöpfer der Peanuts. Auch
Bechdel arbeitet seit nunmehr 23 Jahren an ihrem cartoon strip Dykes to watch out for, der in mehreren
amerikanischen Zeitungen veröffentlicht wurde und wird.
Der historische Hintergrund – die
amerikanische Gesellschaft in den 1970er Jahren – dient als ein weiteres Stück
im Dekor der gesamten Geschichte. So bietet Nixons Fernsehinterview als Antwort
auf die Watergate-Affäre den perfekten Untertitel für die Affären, die die
Bechdelfamilie zerrütten. Auch die Aufstände der Homosexuellen in New York (die
Stonewall-Riots und der Christopher-Street-Day) erweitern das Spektrum der privaten
Probleme, mit denen die Familie zu kämpfen hat. Ähnlich wie die oben bereits
erwähnten Textbilder der Weltliteratur ergänzen hier die bebilderten Ereignisse
das Thema des Comics. So entsteht ein subtiler Subtext, bei dem sich mehrere Exemplare auf der Spiegel-Bestsellerliste ruhig eine Scheibe abschneiden könnten.
Bereits mehrfach wurden schon
einige Elemente des Plots in diesem Artikel angedeutet, um zu zeigen, wie sich
die Form der Erzählung mit dem Inhalt verbindet. Durch die gewählte Form der Autobiographie nimmt Bechdel bestimmte Erzählkritierien wie z.B. die korrekte Chronologie in Kauf, wandelt diese aber zu ihren Gunsten um. Natürlich gibt es gerade im Medium Comic, mit den bereits oben
genannten Blankets und American Splendor,
zwei Beispiele, die dieses
Genre bereits ausgiebig beschrieben haben. Aber gerade an diesem Punkt gelingt
es Bechdel, sich von ihren Kollegen abzuheben: bereits auf der zweiten Seite
zerbricht sie das chronologische System, das sowohl in Blankets als auch in American
Splendor die Geschichte strukturiert: Beim Lesen ihres Comics folgt man
eben gerade nicht der Geschichte – gemeint ist hier die Historie und nicht die
Erzählung – sondern nur den Gedankengängen der Heldin. So rechtfertigt Bechdel
die Zitate aus der Literatur- und Kulturgeschichte und macht sie zum Teil ihrer
privaten Erzählung. Und nur so kommt die Protagonistin zu den Schlüssen, die
sie zieht; und nur so ergibt die Geschichte Sinn.
Bechdels Werk ist beeindruckend konzipiert. Während sie durch die Erzählform des Comics den Aspekt der „novel“ in graphic novel auf den Höhepunkt treibt, schafft sie es, die ganz eigene Form des Comics zu ihren Gunsten auszunutzen. Dieser Comic trägt meiner Meinung nach zu Recht das Prädikat graphic memoir, da Bechdel in ihm über die bloße Autobiographie hinausgeht: sie verbindet auf geschickte Weise den Bereich des Öffentlichen, also Literatur und Zeitgeschehen, mit dem Bereich des Privaten, ihrer Autobiographie. Es ist ein Comic-Roman über andere Romane der Weltliteratur, aber auch über die Möglichkeiten des Mediums Comic.
Illustration und Text: Alison Bechdel
Houghton Mifflin Company
232 Seiten, Hardcover, 17,50 Euro
ISBN: 0618477942

Bildquellen: pridesource.com (Cover), www.adlbooks.com (Promoseite), weirdsisters.org















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