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"Ach, sei still! Trink deinen Scotch aus, geh duschen. Und
komm vögeln!"
In Jacques Tardis neuester Romanadaption einer Vorlage von
Jean-Patrick Manchette geht es im Prinzip so zu wie in Frank Millers Sin
City. Sex, Gewalt und Rache sind bestimmende Elemente der Handlung, die
Optik ist schwarz-weiß und trostlos. In den Details aber unterscheiden sich das
von Tardi/Manchette gezeichnete Frankreich der Siebzigerjahre und die fiktive
Stadt der blutigen Sünde gewaltig voneinander.
Während in Sin City eine fast
schon rauschhafte, ästhetische Verklärung von Gewalt stattfindet, konzentriert
sich „Killer stellen sich nicht vor“ mehr darauf, das Geschehen in einem
Geflecht von Wechselwirkungen verschiedener Lebensbereiche zu zeigen, in einem
Zusammenspiel von persönlichen, familiären, gesellschaftlichen, national- und weltpolitischen
Ereignissen. Das Paris Tardis ist verstörender, in gewisser Weise hässlicher
als Sin City.
Nun habe ich mich vor lauter Begeisterung zu inhaltsschweren
Sätzen hinreißen lassen, sollte aber doch alles der Reihe nach abhaken. Darum
erst mal die Handlung: Georges Gerfaut ist Ingenieur, der für seine Firma
Elektrogeräte an den Einzel- und Großhandel verkauft. Sein Innenleben „ist
dunkel und konfus, in groben Zügen erahnt man linke Ideen.“ Als er einmal mit
seinem Auto unterwegs ist, beobachtet er, wie ein Citroen von einem Lancia von
der Straße abgedrängt wird. Er bringt den schwer angeschlagenen Fahrer in ein
Krankenhaus, ohne sich aber nach dessen Namen zu erkundigen.
Er ahnt nicht, dass die Killer Carlo und Bastien, die in dem
Lancia saßen, ihn nun für einen Mitwisser halten. Mitwisser von was? Sie hatten
nur von einem Monsieur Taylor - den wir vor einem aufgeschlagenen Playboy-Heft
masturbierend kennen lernen: „Er fristete ein elendes Dasein. Er lebte völlig
allein.“ - den Auftrag bekommen, den Fahrer des Citroens kaltzustellen. Nun
heften sie sich Gerfaut an die Fersen, und drei Tage später, während er mit
Frau und seinen zwei Kindern im Badeurlaub ist, versuchen sie ihn zu ertränken.
Der Anschlag misslingt, doch Georges ist so verstört, dass er seine Familie
sitzen lässt und zurück nach Paris fährt. Dort aber wird er von den Killern
entdeckt und gejagt. An einer Tankstelle kommt es zu einer haarsträubenden
Schießerei, bei der Carlo getötet wird.
Gerfaut flieht verletzt und versteckt sich in einem Güterzug,
der allerdings schon von einem Penner besetzt ist. Der Penner schlägt ihn
nieder, raubt ihn aus und wirft ihn in den Alpen aus dem Zug. Gerfaut wird von
einem alten Kauz gefunden, der ihn bei sich in einer Hütte wohnen lässt. Obwohl
er sich dort einen neuen Namen zulegt, wird er irgendwann von Bastien entdeckt.
Wieder kommt es zu einer Schießerei. Da beschließt Gerfaut, den Auftraggeber zu
finden und sich zu rächen.
Das vielschichtige, textreiche Szenario zeigt eindrucksvoll
die Labilität einer auf den ersten Blick normalen Existenz. Gerfauts gesamtes
Leben läuft aus dem Ruder. Nach dem ersten Angriff auf sein Leben kommt er erst nach fast einem Jahr
wieder zu seiner Familie zurück. Das scheinbar normale Leben, das er danach wieder aufnimmt, ist
aber eine Farce, denn mittlerweile hat er „mindestens zwei Männer getötet“.
Die Handlung wird immer wieder durch Details in den Bildern
oder durch Zeitungszitate ins Verhältnis zum Rest der Welt gesetzt. Es ist erschütternd
zu beobachten, wie indifferent Gerfaut dem politischen Klima seiner Zeit
begegnet, obwohl sein Fall durchaus politische Komponenten hat, wie sich später
herausstellt. So kehrt er nach seinem „blutigen Abenteuer“ wieder „in sein Nest“
zurück. Es hat sich nichts geändert, es ist alles nur noch ein bisschen
unerträglicher geworden.
Ein Leitmotiv, das den Comic durchzieht, ist Jazzmusik. Da
bin ich leider zu unbeleckt, um die Bedeutungsnuancen herauszufiltern, die
sicher auch in der häufigen Nennung gerade zu hörender Jazzmusiker intendiert
sind. Denn in den Panels von Jacques Tardi hat für gewöhnlich alles eine
Bedeutung. Jedenfalls geht die Durchdringung des Comics mit Jazz so weit, dass
das Röcheln eines Menschen, dem die Kehle zertrümmert wurde, mit Francois
Mauriac und Roland Kirk verglichen wird ...
Ein absurdes und komisches Moment - solche Momente fehlen
eigentlich so gut wie nie bei Tardi - ist Bastiens Begeisterung für
Superheldencomics. Diese Helden dürfen bei Tardi dann schon auch mal durch das
akribisch recherchierte Siebzigerjahre-Setting spazieren. Und am Grab Carlos
liest Bastien als Grabrede den Text des Vorsatzblattes von „Spider-Man“: „Bevor
er zum Kämpfer wider das Unrecht und zum gnadenlosen Rächer wurde ...“
Tardis kauziger Zeichenstil, seine Knollengesichter und die
manchmal fast unbeholfen wirkenden Darstellungen von Bewegung und Kämpfen gehen
eine ganz andere Richtung als zum Beispiel Millers durchchoreografierte Gewaltexzesse.
Figuren, Bewegungen und Hintergründe, so detailgenau sie auch recherchiert sein
mögen, sind bei Tardi immer zum Zeichenhaften, zur Literatur hin stilisiert. Das
verleiht ihm im bunten, bildverliebten Comicland Frankreich sicher eine
Sonderstellung, rückt ihn in die Nähe eines Hugo Pratt oder zahlreicher amerikanischer
Underground-Zeichner.
Um es kurz und bündig abzuschließen: Tardi bestätigt seit
ungefähr zwei Jahrzehnten mit jedem neuen Album, dass er zu den unbestreitbaren
Großmeistern seiner Zunft gehört. Seine Comics sind kein Augenschmaus, dafür
sind sie politisch, unbequem, verstörend, kritisch, humorvoll, bitterböse und -
schwarz-weiß: „Gerfaut war still, trank seinen Scotch aus, ging duschen und kam
vögeln.“
Killer stellen
sich nicht vor
Edition Moderne, Oktober 2006
Adaption und Zeichnungen: Jacques Tardi
Nach einem Roman von Jean-Patrick Manchette
78 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover; 17,50 Euro
ISBN: 978-3-03731-008-3

Bildquelle: editionmoderne.de

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