| Old News from the New World - Eine lang überfällige Berichterstattung über das SPACE 2005 |
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| Geschrieben von Daniel | |
| Donnerstag, 2. November 2006 | |
Das SPACE 2005 in Columbus, Ohio steht für "Small Press, Alternative and creator-owned Comics Expo" und ist die größte Versammlung von alternativen Comickünstlern im Mittleren Westen.Ich war für Euch im April 2005 auf dem Comicfestival, das sich nicht als ComicCon im klassischen Sinne bezeichnen lässt. Man fühlte sich viel mehr wie auf einem Klassentreffen, bei dem alle Ehemaligen zufällig das gleiche Hobby haben, nämlich Comics zu zeichnen. Gerade weil dieser Artikel nicht vor Aktualität strotzt, könnte man beinahe schon sagen, dass es sich um einen Klassiker handelt. Viel Spass bei SPACE 2005 in Columbus, Ohio!
Verweilen wir zunächst einen kurzen Augenblick bei der Überschrift. Dort lässt sich die Information entnehmen, dass es sich bei diesem Artikel scheinbar um eine Neuigkeit handelt. Während unsere Englisch sprechenden Freunde automatisch bei „news“ von etwas Neuem, also etwas Aktuellem, ausgehen, bezeichnet man in Deutschland solche Informationen ganz simpel als „die Nachrichten“. Diese werden täglich in Form der Tagesschau ausgestrahlt. Obwohl also nur im Englischen der Aktualitätsgrad der Nachrichten durch ihren Namen selbst festgelegt ist, geht man natürlich auch in Deutschland davon aus, wenn man um 20.00 Uhr die Tagesschau einschaltet, dass man etwas Neues präsentiert bekommt. Was ich euch hier zu lesen gebe sind zwar Nachrichten, aber eben nicht wirklich neue. Vielmehr handelt es sich, wie bereits im Titel geklärt, um alte Nachrichten aus der neuen Welt. Obwohl ich live und vor Ort beim SPACE 2005 in Columbus, Ohio gewesen bin, war ich leider nicht in der Lage, diese Geschichte als Neuigkeit zu präsentieren, da ich das ganze letzte Jahr damit beschäftigt war, zwecks meiner Magisterarbeit mir Gedanken über Dave Sims magnus opus Cerebus zu machen. Deshalb ist dieser Bericht sozusagen in Retrovision geschrieben – gestützt nur durch mein Gedächtnis, einige Notizen und meine Digitalbilder. Dann kann ich nur noch hoffen, dass ihr nach dieser langen Vorrede noch bei mir seid und mit mir die Geschichte des SPACE 2005 in Columbus, Ohio verfolgt.
Meine Reise begann leider nicht im nicht
so hübschen Columbus, der Hauptstadt von Ohio, sondern in der noch weniger
hübschen Stadt Detroit. Dort absolvierte ich in neun Monaten zwei
Auslandssemester. Eine Entfernung von ungefähr 520 amerikanischen Meilen und
somit eine Dauer von ungefähr 4 Stunden mussten überbrückt werden, um an der Comickonferenz
teilnehmen zu können: ein Road Trip also. Während sich in amerikanischen
Teenie-Filmen eine solche Fahrt immer als Abenteuer darstellt, verlief meine
Fahrt eher unspannend: Zunächst musste ich in etwa 107 Meilen auf der I-75
Richtung Toledo fahren. Eine wunderschöne Strecke, wenn man ein Herz für die
amerikanische Autoindustrie und schlechte Strassen hat. Raus beim EXIT 156 auf
die US-23 nach Kenton und dann auf US-23-S. Nach etwa 66 Meilen bog in auf die
I-270 East ab… Ich muss diese Beschreibung hier wohl nicht weiter ausführen, da
Ihr Euch den Rest meiner spannenden Reise sicher vorstellen könnt.
Aber auch die Ankunft beim Holiday Inn in
Columbus, in dem das SPACE statt fand, erinnerte nur sehr entfernt an das atemberaubende Finale eines
Teenagerfilms: ein staubiger Parkplatz, halb gefüllt, bot eine Szenerie der Traurigkeit,
in der ein 30 Stockwerke hoher Betonkoloss herrschte. Die Menschen, die aus
ihren SUVs, Pick-Ups und anderen amerikanischen Wagen stiegen, sahen sichtlich
erfreut aus, endlich hier zu sein, hier in der Mitte Amerikas. Wahrscheinlich
war das nur die Freude sich nun in einem Rausch von Comics zu betäuben. Obwohl
ich dabei nicht ganz Unrecht hatte, handelte es sich doch bei den meisten
Reisenden nicht um Comicfans, sondern um die Künstler selbst, was sich ja nicht
gegenseitig ausschließt. Denn im Vergleich zu anderen amerikanischen
Comickonferenzen und deutschen Comicfestivals präsentiert sich das SPACE als
eine kleine geschlossene Gesellschaft im Heartland von Amerika. Gleich beim
Eintreten merkte ich, dass ich nach nur sieben Monaten in Detroit auch schon
Teil dieser Gemeinschaft war, denn dort begrüßte man mich mit Handschlag. Dan
Merritt, der Inhaber des Nummer-eins-Comicladens in Detroit, Green Brain Comics, kam mir sofort
entgegen und freute sich, dass ich es doch noch geschafft hatte.
Obwohl er nicht unter eigener Flagge hier auftrat (der einzige offizielle Händler beim SPACE war der ortsansässige The Laughing Ogre), unterstütze er seine Frau Katie mit Händen und Füßen. Diese kümmert sich seit mehreren Jahren nun schon um Friends of Lulu, eine Organisation, die sich stark macht für die Rolle der Frau in Comics. Nachdem ich versprochen hatte bald wieder bei Dan vorbeizuschauen, stürzte ich mich nun aber endlich ins Vergnügen.
Ich war noch nicht bereit für diese Schlange, denn dort vorne saß der Publikumsmagnet der Independentszene – Dave Sim und sein Helfer Gerhard, dessen fehlender Nachname wohl nie bekannt gegeben werden wird. Obwohl ich wusste, dass er anwesend sein würde, hatte ich keine Lust, ihm hier zu begegnen. Der Grund für meine Apathie hat mit einem Briefwechsel, ein paar Missverständnissen und meiner Magisterarbeit zu tun, die ich hier nicht länger beschreiben möchte. Es muss euch als Erklärung genügen, dass ich ihn nicht sehen wollte, obwohl er doch so freundlich rüberlächelte.
Leider musste ich irgendwann den Hauptraum
aus Zeitgründen verlassen, um auch den letzten Raum besuchen zu können, wobei
mir die Anwesenheit von Dave Sim wieder einen Strich durch die Rechnung machte.
Während ich gerade raus wollte, kam mir eine Horde von Comickünstlern und Fans
entgegen. Um Sim ein weiteres Mal aus dem Weg zu gehen, schob ich mich vorbei
an den Menschenmassen in einen kleinen bestuhlten Raum und fühlte mich für eine
Sekunde in Sicherheit. Wie so oft trog auch hier der Schein, denn Sim war mir
auf den Fersen und auf seinen Fersen die ganze hungrige Meute. Die Day Prize
Verleihung war Grund der Aufregung. Diesen Preis hat Sim selbst ins Leben
gerufen und ehrt damit nicht nur die Gewinner, sondern auch seinen Mentor,
Howard Eugene Day, besser bekannt unter dem Namen Gene Day. Da ich nun schon mal
hier war, konnte Nun war es endlich soweit, dass ich den letzten Raum der Convention, mit Ausnahme der Cafeteria, besuchen konnte. Im Gegensatz zum Hauptraum war die Stimmung hier eher sehr verhuscht. Während drüben Familienbande geschlossen wurden, war man sich hier noch nicht ganz sicher, was man vom Gegenüber zu halten hatte. Diese Künstler kamen aus einem ganz anderen Amerika. Bei vielen der Aussteller handelte es sich um Kunststudenten aus New York und kleine Eigenverlage aus dem Rest der Vereinigten Staaten. Um mich zu orientieren, ließ ich meinen Blick auf der Suche nach bekannten Gesichtern oder Comics durch den Raum schweifen. Dabei lächelte mich ein Mann mit aschblondem Haar gleich neben dem Eingang an. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände: „Kennst wohl auch keinen hier, oder?“ Die Comics, die vor ihm lagen, strahlten ein Gefühl von Vertrautheit aus. Jim Rugg war sein Name, wohl besser bekannt durch seinen bei Slave Labor Graphics erschienen Comic Street Angel. Ein kurzes Gespräch, das es nicht wert wäre es als Interview zu bezeichnen, bahnte sich an: Frage: “How did you come up with that type of hero?” Antwort: “I just figured out what Marvel and DC heroes look and act like and I summed it up as the complete opposite!”
(Auf die Frage, wie er auf seine Comicheldin gekommen sei, antwortete er, dass er einfach das genaue Gegenteil von typischen Marvel- und DC-Helden entworfen habe.) Dann verriet er mir noch, dass er schon lange vor seinem Durchbruch mit Street Angel unter einem Pseudonym, das er mir nicht verraten wollte, bei Slave Labor arbeitete.
Mit durch das Gespräch mit Rugg gestärktem Selbstbewusstsein ging ich sofort auf den nächsten Künstler zu. Dieser nahm Unterricht an der New York School of Art. Ob sich sein Besuch auf dem SPACE überhaupt lohnen würde, wollte ich wissen. Er versuche Kontakt mit dem Comicbetrieb aufzunehmen, weil seine Kunst Comics sehr stark ähnele (wenn ich diesen armen Künstler rückblickend betrachte, scheint mir gerade das Verhältnis von Universität und Comics in Deutschland diese Hürde überwunden zu haben.) Ich räumte ihm bei diesem Vorhaben keine großen Erfolgschancen ein. Auch er wandte sich nach links und rechts und stellte konsterniert fest: „The artsy crowd is slim these days“. “Or maybe the crowd is too Sim these days” gab ich als Vorschlag zurück. Ich kaufte seinen Comic und wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck. Die anderen Künstler in diesem Raum machten jetzt mit dem Gewinn oder auch mit der bloßen Nominierung für den Day Prize Werbung. Aber wie es sich auf einem Independent-Comicfestival gehört, interessierte ich mich mehr für die Underdogs und hatte noch einen kleinen Plausch mit zwei Kunststudentinnen, die einen Cowboykalender gestaltet hatten. Lonesome Cowboy hieß das gute Stück und hängt immer noch in meinem Zimmer, obwohl die Jahre ins Land gezogen sind.
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