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Interview mit Prof. James Kakalios (OmU) Drucken
Geschrieben von Frauke   
Freitag, 13. Oktober 2006
Beitragsinhalt
Interview mit Prof. James Kakalios (OmU)
Interview with Prof. James Kakalios (English)

 


 

James Kakalios ist eigentlich Physik-Professor an der University of Minnesota. Nebenbei ist er aber auch Comicfan - und konnte durch die Verknüpfung von Superhelden und Physik seinen Studenten diese Naturwissenschaft näher bringen, als er es auf konventionellem Weg je schaffte.

Letztes Jahr veröffentlichte er in den USA das populärwissenschaftliche Buch The Physics of Superheroes, in dem er Physik anhand von Beispielen aus der Superheldenwelt erklärt. Dabei findet er für viele Phänomene in den Comics eine wissenschaftliche Erklärung.
Seit kurzem ist das Buch als Physik der Superhelden auf Deutsch erschienen, wobei die 1. Auflage mit 3.000 Stück bereits ausverkauft ist und es nun in die 2. Auflage geht. 

 

 

Please click here for the English version. 

 

Comicgate: Hallo Jim, von der deutsche Ausgabe Ihres Buches, Physik der Superhelden (The Physics of Superheroes), erscheint bald die zweite Auflage. Ich weiß nicht, in wie vielen Sprachen Ihr Buch bisher erschienen ist, aber mal generell gefragt: Haben Sie je damit gerechnet, dass es so erfolgreich sein würde?

jameskakalios_klein James Kakalios: Ich freue mich natürlich darüber, aber das kam für mich schon etwas überraschend. Schließlich beziehe ich mich bei all meinen Beispielen auf Superheldencomics aus den USA. Bis jetzt erschien das Buch - neben den USA - in Großbritannien, Deutschland, Italien, Spanien, Südkorea und Griechenland.
Superman und Spider-Man kennt man ja überall auf der Welt, aber die Leute werden mehr über den Ant-Man lernen, als sie es je geahnt haben!

 


CG: Das Buch basiert auf Ihrer gleichnamigen Vorlesung, richtig? Wie lange brauchten Sie, um es zu schreiben, und half Ihnen jemand dabei?

JK: Die Idee selber und einige Beispiele waren Bestandteil der Vorlesung, ja. Einige Themen wurden durch Studenten und ihre Projekte für die Vorlesung angeregt, aber das Buch selber musste von Grund auf geschrieben werden, nachdem ich den Vertrag unterschrieben hatte. Für die erste Fassung habe ich etwa anderthalb Jahre gebraucht. Außer meiner Frau, die mir netterweise bei manchen Formulierungen geholfen hat, hatte ich keine weitere Hilfe.
Ein Wort an die Leute, die irgendwann mal etwas Populärwissenschaftliches veröffentlichen wollen - seid clever und heiratet eine diplomierte Sprachwissenschaftlerin! So wie ich.

 

CG: Ich fand es klasse, dass Sie in der Einleitung ausführlich auf die Geschichte der Superheldencomics eingegangen sind. Sehe ich das richtig, dass Sie die Leute nicht nur Richtung Physik, sondern auch Richtung Comics ziehen wollen?

JK: Ja, absolut. Für mich hat "Wissenschaft" viel mit "Fragen stellen" zu tun. Und wenn man einmal damit angefangen hat sich zu fragen, wie sich so etwas Solides wie Wissenschaft in die monatlichen Wegwerfheftchen - die sich hautpsächlich an Kinder wenden - eingeschlichen haben kann, dann führt das einen zu der reichhaltigen Geschichte dieses Mediums.
Wenn man jemanden in einem der entlegensten Orte der Welt nach Shakespare befragt, dann erhält man vielleicht nur ein ratloses Gesicht. Aber wenn man danach eine Frage über Superman stellt, dann wird es vermutlich eine Antwort geben! Ich finde es faszinierend, wie sich sich dieses Medium entwickelt hat, und als Professor bin ich es gewohnt, über alles Vorlesungen zu halten, was ich interessant finde.

 

Comicgate: Die Idee, Physik durch Superhelden - die ja reine Fantasieprodukte sind -zu verstehen, erscheint zuerst etwas abstrus. Ich wage zu behaupten, dass sich kein Comicautor jemals konkret Gedanken gemacht hat, ob etwas physikalisch möglich ist oder nicht. Wie und wann kamen Sie auf den Gedanken, dass das einen Versuch wert ist?

JK: Durch Experimente während meiner Vorlesung. In den Physik-Einführungsvorlesungen für die Anfänger werden wir Professoren dazu aufgefordert, etwa alle zehn Minuten den normalen Stoff zu unterbrechen, damit die Studenten am Ball bleiben. Diese Unterbrechungen können z.B. aus einem Experiment oder einem Quiz bestehen. Ich habe mich dann dazu entschieden, mal ab und zu Comic- oder Star-Wars-Beispiele zu bringen. Das war am Anfang noch etwas zögerlich, aber aufgrund der guten Resonanz habe ich dann irgendwann eine komplette Vorlesungsreihe rund um Superhelden aufgebaut, "Alles was ich über Naturwissenschaften weiß, habe ich aus Comics gelernt".

 


CG: Was für Vorlesungen halten Sie denn momentan? Und haben Sie schon einmal festgestellt, dass Ihre andere Herangehensweise anfangs physikskeptische Leute auftauen ließ?

antman JK: Momentan halte ich eine Einführungsveranstaltung, "Energy and the Environment" ("Energie in unserer Umgebung")  für Leute, die nur geringes mathematisches Vorwissen haben. Diese Studenten sind nicht blöd, aber doch etwas voreingenommen, was Physik angeht. Dies ist das letzte Mal, dass sie im College mit Physik in Berührung kommen, aber sie werden Bürger und Wähler für den Rest ihres Lebens bleiben. Das ist also meine einzige Gelegenheit, ihnen mit ein paar Tricks zumindest etwas naturwissenschaftliches Grundwissen zu vermitteln.
Eine Zeitlang habe ich "Statistische Mechanik" und "Festkörperphysik" für Physikdiplomanden und -doktoranden gehalten.
Und von "The Physics of Superheroes", was ja ein zusätzliches, freiwilliges Projekt ist, werde ich wohl mein Leben lang erzählen!

 


CG: Haben Sie für Ihren ungewöhnlichen Zugang zur Physik Rückmeldungen von Comicautoren oder Ihren Uni-Kollegen erhalten?

JK: Ja, ziemlich viel sogar, und eigentlich gab es nur positive Resonanz. Allmählich verstehen wir Wissenschaftler, dass wir uns mehr der Allgemeinheit zuwenden müssen, um den Sinn und Zweck - den Wert - unserer Forschung deutlich zu machen, aber natürlich auch, um die heutigen Schulkinder anzustacheln. Wenn Superhelden die Kinder überzeugen können, sich mit Mathe und Physik zu beschäftigen, dann wäre es nicht das erste Mal, dass sie unseren Tag gerettet hätten!

 


CG: Sogar im Internet habe ich bereits Antworten von Ihnen gefunden auf naturwissenschaftliche Fragen . Sie scheinen wirklich mit vollem Herzen dabei zu sein, wenn es darum geht, Dinge anderen Leuten zu erklären. Manche Leser fragen Sie aber auch Sachen aus anderen Zweigen, wie z.B. aus der Biologie, für die sie sicherlich recherchieren müssen. Woher nehmen Sie die Zeit und die Energie? Wurde Ihnen das alles auch schon mal zu viel?


JK: Wenden Sie sich an die Person, die mir SO VIELE Fragen stellt!
Im Ernst: Ja, das nimmt natürlich alles viel Zeit in Anspruch, und manchmal muss ich die Notbremse ziehen, um auch meinen eigenen Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu können.
Aber wenn jemand sich Mühe macht, sich mit einer Thematik beschäftigt und Fragen formuliert, dann sollte derjenige meiner Meinung nach nicht ignoriert werden. Ich habe schon auf Comicmessen mit Besuchern über Physik geschnattert, und sie haben erzählt, wie viel Spaß es ihnen gemacht hat, so einen einfachen Zugang zu einem Physikprofessor zu haben, ihre Fragen stellen und verständliche Antworten bekommen zu können.

 


CG: Sie waren also richtig als "Künstler" auf Comicmessen anwesend, haben ihre Bücher signiert und mit den Leuten über Physik geredet?

JK: Jup. Ich habe denselben Vortrag gehalten, den ich auch auf wissenschaftlichen Tagungen präsentiere. Mitunter gibt es auch Signierstunden, und ein paarmal wurde ich schon gebeten, etwas reinzuzeichnen. Da ich aber überhaupt kein Zeichentalent habe, male ich dann immer den schematischen Aufba eines Atoms rein mit der Randnotiz, dass das nicht die wirkliche Größe ist!

 


CG: Das muss ja für einen Naturwissenschaftlicher eine tolle Sache sein, auf einer Comicmesse signieren zu können! Sind die Besucher dann erstmal etwas verstört, wenn sie erfahren, was für einen "seltsamen" Beruf Sie eigentlich haben?

JK: Ja, das ist eine ziemliche coole Sache. Und nein, im Gegenteil, die Leute bleiben sogar für Stunden und fragen alles Mögliche. Sie scheinen es richtig toll zu finden, so einen einfachen Zugang zu einem Physikprof zu haben. Das ist so, als wenn wir einen Arzt oder Rechtsanwalt ausquetschen und ihnen die komischen Fragen stellen könnten, die einem morgens beim Rasieren einfallen.

 


CG: Wenn Sie jemals mal ein paar freie Minuten haben, lesen Sie dann auch Superheldencomics, oder dürfen es auch andere Comics sein? Wir würden uns über ein paar Empfehlungen freuen!

JK: Hehe - ja, ich gehe noch immer jeden Mittwoch in meinen Comicladen (da kommen die wöchentlichen Neuerscheinungen hier in den USA heraus). Mir haben Darwyn Cookes Sachen (er erfand DC: The New Frontier) sehr gut gefallen, er ist momentan mein Lieblingskünstler. Gail Simone ist die Autorin von The New Atom und sie versucht, das Ganze wissenschaftlich korrekt - so wissenschaftlich korrekt es in einem Superheldencomic geht - anzugehen. Ich berate sie dabei etwas. Dann verfolge ich noch die Arbeiten von solchen Autoren wie Mark Waid, Warren Ellis, Alan Moore (seine Nicht-Superheldengeschichten wie z.B. The League of Extraordinary Gentlemen sollte man sich unbedingt mal anschauen), Geoff Johns und Dan Slott. Bei denen schaue ich definitiv mal in Neuerscheinungen rein. Dan Slott schreibt ja die Geschichten für She-Hulk, die ja - davon abgesehen, dass sie eine riesige grüne Frau mit Superkräften ist - als Anwältin mit Schwerpunkt Superhelden auftritt. Dans Sachen sind sehr witzig und clever geschrieben!

 

the_atomCG: Klingt ja spannend, dass Sie Gail Simone beraten! Wie kam es dazu?

JK: Sie hat mir letzte Woche einfach so eine E-Mail geschickt. Ich finde die ganze Sache auch ziemlich cool! Bis jetzt habe ich ihr nur bei einer Sache geholfen. Mal schauen, ob sie noch mehr Fragen hat - oder ob ich dann überhaupt die Zeit dazu habe.

 

CG: Haben Sie auch Ideen zur Handlung oder nicken Sie nur die Tatsachen ab? Würde es Ihnen vielleicht sogar Spaß mehr, mehr aktiv am Comicgeschehen teilzunehmen - vielleicht sogar selber eine Geschichte zu schreiben?

JK: Ich habe in der Tat schon eine Idee für einen Comic, die etwas Physik und eine - so hoffe ich zumindest - interessante Geschichte beinhaltet. So würde der Leser zuerst gar nicht merken, dass er etwas dabei lernt, bis es zu spät ist. Vielleicht werde ich das Ganze mal zukünftig angehen.

 

CG: Wenn Die Leute wegen Ihres Hobbies komisch anschauen und Ihnen erzählen, dass Comics nur was für Kinder seien, was erwidern Sie? Was lieben Sie so an Comics?

JK: Ich frage sie, ob sie in der letzten Zeit überhaupt mal einen Comic gelesen hätten.
Bei so vielen Sachen - von Filmen über Bücher bis hin zum Fernsehen - ist 90% Schrott dabei oder zumindest ist es nicht so berauschend. Aber 10% davon ist hervorragend (deshalb finden wir auch fast alles an klassischer Musik fantastisch - weil nur die besten 10% es bis in unsere Zeit geschafft haben).
Schlussendlich ist es mir aber eigentlich egal, ob jemand etwas gegen Comics hat. Es zeichnet doch unter anderem einen Nerd aus, dass es ihm egal ist, was andere denken.

 

CG: Sie haben Ihre Frau und Ihre Kinder erwähnt. War es schwierig, sie zu Comicfans zu assimilieren (wobei, Sie sehen ja noch recht jung aus, vielleicht sind Ihre Kinder noch zu klein zum Comic lesen)?

JK: Meine Kinder sind 16, 15 und 12 ...

 


CG: Ups, da habe ich dann wohl ziemlich daneben gelegen. Immerhin habe ich Sie nicht älter gemacht, als Sie sind.

jameskakalios JK: ... sie sind also definitiv alt genug für Comics. Sie lesen sie auch ganz gerne, sind aber längst nicht so große Fans davon wie ihr Vater. Meine Frau ist sehr tolerant in der Beziehung, aber sie hasst es, Comics zu lesen und zeigt sich sehr widerstrebend, sogar wenn ich ihr von Klassikern wie Watchmen vorschwärme.
Meine Familie akzeptiert mein Hobby halt als eine meiner Marotten.

 

CG: Sie unterschreiben Ihre E-Mails oder Internet-Beiträge oft mit dem wahnsinnig langen "Your Friendly Neighborhood Physics Professor, Jim Kakalios". Davon abgesehen, dass Sie damit zeigen wollen, dass Physiker auch nette Menschen sein können, tippen Sie das wirklich jedesmal ein oder haben Sie es für copy+paste irgendwo abgespeichert?

JK: Da ich das nicht für jeden meiner Ergüsse benutze, tippe ich es in der Tat jedes Mal selber ein. Manchmal schreibe ich auch "From your mild-mannered physics professor, Dr. K" (wobei das K für "Action" steht).

 

CG: Was hat K mit "Action" zu tun? Ist das so was Amerikanisches wie "X-Mas" anstatt "Christmas" (Weihnachten)? 

JK: Nein, das hat damit nichts zu tun. Da kein K in "Action" vorhanden ist, ergibt das keinen wirklichen Sinn. Was ich irgendwie lustig finde, aber die Hälfte meiner Familie findet das nur blödsinnig. Ist wohl eine meiner komischen Seiten.


CG: Jim, nochmals vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben!

 

 

links

Produktseite beim Verlag Roger & Bernhard 

James Kakalios im Gespräch mit ZDF aspekte 

James Kakalios beantwortet wissenschaftliche Fragen (Englisch) wie z.B. "How can Spider-Man stick to walls while wearing gloves?"

Seine offizielle Seite bei der University of Minnesota 

 


physik-der-superheldenPhysik der Superhelden
Autor: James Kakalios
Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Juni 2006; 2. Auflage Oktober 2006
Aus dem Amerikanischen von Doris Gerstner und Christoph Hahn
472 Seiten, 39 Abb., Hardcover; Euro 29,90
ISBN 3-8077-1018-3

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Bildquellen: Rogner & Bernhard, Wikipedia (Ant Man), http://www.empirecollectibles.com/show36b.jpg (The Atom)

 



 
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