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Trial by Fire 1: Of Nerds and Men Drucken E-Mail
Geschrieben von Björn Wederhake   
Sonntag, 1. Dezember 2002


"Gentlemen mark your opponets, fire into your own ranks."
R.E.M. - Falls to Climb

Man kann über die Comicbranche vieles sagen. Vieles ist verbesserungswürdig, der Weg zur Akzeptanz ist noch lang und irgendwie sind wir in vielerlei Hinsicht immer noch das Untergrundmedium das wir seit je her waren. Aber in diesem Satz, der ziemlich negativ wirken mag, ist das größte Positivum der Comicszene bereits enthalten. Wir.


Kaum eine andere Szene ist derartig eng geknüpft; wer sich etwas ernster mit der Materie auseinandersetzt wird fast zwangsläufig zum Insider. Jeder kennt die Namen, jeder kennt die Titel und jeder kennt die Probleme, die Restriktionen und die Schwierigkeiten mit denen man als Comicfan zu kämpfen hat. Der tägliche Kampf gegen Vorurteile und um Akzeptanz schweißt zusammen. Wir. Und wenn es ein "Wir" gibt, dann muss es folglich auch ein "die" geben. Die Anderen, der Feind, die da draußen… der Heftchen zerreißende Germanist, der comichassende BILD-Leser. Das ist der Feind, nicht wahr?
Nun, kommt ein bisschen näher und ich verrate euch ein Geheimnis. Die sind nicht der Feind. Denen kommen wir im besten Falle seltsam vor, im schlimmsten - und häufigsten - Falle sind wir aber einfach nur egal. All diese Feindbilder werden von jenen gestreut, die die wahren Feinde sind. Die Wahrheit ist viel erschreckender. Der Feind lauert mitten unter uns…


Der Feind in meinem Bett

Wir. Darin schließen sich die mit ein, die so tun als würden sie unserer Sache dienen, als wollten sie die Gesellschaft an die Comics heranführen (und das ist etwas das wir uns merken sollten, nicht wir müssen uns der Gesellschaft angleichen… wir müssen die Gesellschaft dazu bringen, dass sie uns akzeptiert!), dabei sind sie es, die uns -in unserem eigenen Namen- schaden. Herr Brehms hätte seine helle Freude an denen. "Wir" haben sie nicht.

Der am weitesten verbreitete Typus ist der gemeine Nerd oder Geek. Die Stärke dieses possierlichen Tierchens ist seine unglaubliche Anpassungsfähigkeit. Eine gewisse Geekigkeit (sollte das jemand vom "Verein zur Wahrung der deutschen Sprache" lesen: nun, ihr seid auch der Feind! Basta!) haben wir alle an uns.
In dem Moment, in dem wir anfangen über die Materie zu diskutieren, nähern wir uns den Geeks an. Ihr wisst, wer Warren Ellis ist? Garth Ennis? Alex Ross? Mark Millar? Jason Lutes? Geeks! Ihr habt schonmal mit einem Kumpel ernsthaft über Superman, die X-Men oder Preacher diskutiert? Geeks! Habt ihr am Ende sogar ein Superheldenposter im Zimmer? Well: Geek, Geek, Geek!

So what? Das hier zugrunde liegende Problem ist einfach die Begrifflichkeit. Das was in anderen Bereichen, bei Filmen und Musik, als Fandom bezeichnet wird, das wird bei den Comicfans als Geekdom abgewertet. Niemand würde auf den Gedanken kommen einen Filmcrack oder Kenner einer bestimmten Musiszene aufgrund ähnlicher Vorfälle (Kennen von Indie-Produkten, Reden über Alben, Poster im Zimmer) als Geek zu klassifizieren. Wir werden den Begriff vielleicht nie los, also was solls? Arrangieren wir uns damit. Machen wir ihn uns zu Eigen. Stehen wir dazu. Ich bin ein Geek, und nun…?

Das Problem an der Sache ist, dann brauchen wir einen neuen Begriff für "die". Die sich den Titel Geek viel mehr verdient haben als wir. Und da liegt die Gefahr. Wir werden mit denen in einen Topf geworfen, also könnte es sein, dass wir mit denen mitfühlen, dass wir sogar für sie einstehen, weil wir ja wissen wie es ist missverstanden zu werden. Das ist falsch!
Wir wollen nichts mit denen zu tun haben. Wenn wir die Bewegung sind, die Comics zu neuen Ufern führen will, dann sind die "wahren Geeks" nicht die Gegenbewegung. Nein, sie sind statisch. Sie sind die Mauern die es umzureissen, zu überwinden gilt. Die wahren Geeks sind es denen wir unseren miesen Ruf zu verdanken haben. Und kein Zweifel, es gibt sie. Ich habe sie auch lange Zeit für eine urbane Legende gehalten, wie den Buhmann oder Bielefeld… aber sie sind da draussen und man kann sie erkennen. Und sie sind gar nicht so schwer zu finden, Comic-Conventions und Comic-Stores scheinen sie anzuziehen. Nicht jeder auf einer Convention oder im Comic-Store gehört zu denen, versteht mich nicht falsch. Aber selbst diese kleine Minderheit ist schon zu viel. Im Idealfall kann man den Geek schon von weitem erkennen, eine Parodie einer Parodie. Der missratene Bruder des Comicbook-Guys aus den Simpsons. Aber nach Äußerlichkeiten zu gehen wäre unfair, es sind die inneren Werte die zählen. Und da kristallisiert sich die wahre Gefahr heraus, die von den Geeks ausgeht. Angst. Es ist pure, nackte Angst die sie treibt. Sie haben in den Comics ihre Nische gefunden, und normalerweise sind es die Superheldencomics die sie auf Touren bringen. Sie sind es die ein grandioses Hobby vergewaltigen indem sie ihre Behelfsreligion darauf aufbauen. Sie sind es, die Comicschreiber und -zeichner beleidigen und bedrohen, weil diese es wagen gegen ihre Bibel gehandelt zu haben. Sie haben doch sonst nichts. Und die Veränderung zu einem offenen, einem transparenten Medium könnte sie endgültig ausrotten. Darum klammern sie sich an ihre Kontinuität als sei sie von Gott, oder Stan Lee… der noch über ersterem steht, in Stein gemeißelt worden. Wie können es diese Schreiberlinge nur wagen den Status Quo verändern zu wollen?
Wie können sie das Kostüm anders zeichnen? Das ist doch ein Klassiker! Wie können sie alberne Feinde modernisieren oder ganz rausschreiben? Was wäre Batman ohne den menschlichen Floh? Und wenn sie es wagen einen Nebencharakter der Dramaturgie wegen sterben zu lassen, um so den Hauptcharakter zu einer Weiterentwicklung zu verhelfen… nun, Warren Ellis hat das mal schön gesagt: "Being harangued by a thyroid case in a rotting Spider-Man 2099 t-shirt three sizes too small about having killed a character who to you may just have been a handful of words and some pictures, but to him was the woman he loved, damnit!"

 Sie sind es, die alles tun würden, damit sich das Medium nicht weiterentwickelt. Sie sind diejenigen die dafür Sorge tragen, dass kein Charakter im Marvel oder DC-Universum sich traut mal längerfristigen Urlaub vom Leben zu nehmen (fragt Tante May wenn ihr wissen wollt was ich meine). Sie sind es die Zeichner dazu bringen ihre Hefte mit spärlich bekleideten Doppel-G Bimbos und Spandex-Kerlen mit Bizepsen in Kleinbusgröße zu füllen, weil dass die Auflage nunmal steigert (und ersteres scheinbar auch ihre Lust). Sie sind es, die für sich in Anspruch nehmen, dass sie Comics repräsentieren. Sie stehen für uns alle. Sie sind es, die uns diesen miesen Ruf eingebracht haben. Die gute Nachricht ist, sie können sich nicht anpassen, sie sind die letzten einer zum Aussterben verurteilten Rasse. Darum haben sie Angst vor dem Nachwuchs, vor den Neulesern. Sie könnten ihre letzte Zuflucht verlieren. They won't be missed.

Aber die wahren Geeks sind nicht die einzigen die nur scheinbar für uns stehen. Der Sammler scheint auch einer von uns zu sein, denn er behauptet, dass er Comics ernst nimmt und dieses auch nach außen vertreten kann. LÜGNER!!! Ein vernünftigter Haarschnitt, ein schnieker Zweireiher und ein festes Gehalt macht euch keinesfall besser als die wahren Geeks.
 Comics sollten gelesen werden, sie zu kaufen und dann luftdicht einzuschweißen und im garantiert keimfreien Atombunker unterzubringen, auf dass sie im Jahre 2099 mal ihren Wert vervielfacht haben, hilft uns gar nicht. Ihr seid es denen wir die Variantcoversintflut zu verdanken haben, oder warum gibt es etwa bei Cliffhanger scheinbar mehr Variants als normale Ausgaben? Wie können wir auf der einen Seite fordern, dass die breite Masse Comics liest, wenn wir eine eigene Wissenschaft aus der Beschaffung machen? Ich will keine #0 mehr sehen, die nur an 2.000 ausgewählte Comicstores in Deutschland geht und die man sich vorallem als junger Comicfan erst leisten kann wenn man bereit ist dafür ein bis zwei Nieren an die lokale Filliale der Organmafia zu verkaufen. Es gibt kein Recht auf Comics, aber wenn wir uns beschweren, dass uns der Nachwuchs fehlt, dann gilt es diesem zumindest keine Steine in den Weg zu legen. Transparenz und Zugänglichkeit sind hier die Zauberwörter.

Dass Comics teuer sind ist leider momentan nicht zu verhindern, die Branche kriecht am Existenzminimum und das Ziel ist es nicht Gewinn zu machen, sondern möglichst wenig Verlust. Bei kleinen Auflagen geht das nunmal nur über hohe Preise.
Aber das ist keine Rechtfertigung dafür, dass man versucht den Markt für die Besserverdiener zu kreieren, dass man mittelmässige Serienausgaben zu schlecht gebundenen, mässig übersetzten, lieblos geletterten Bänden zusammenstrickt und für diese dann einen Preis verlangt, der sich selbst dann nicht rechtfertigen ließe wenn Jack Kirbys von den toten heraufbeschworener Geist jede Ausgabe von Hand gescriptet und gezeichnet hätte. Und wir wissen welcher Verlag vor gar nicht all zu langer Zeit diese Politik verfolgte und damit den Comics in Deutschland fast endgültig den Todesstoß versetzt hätte. Das konnten sie nur machen weil die da bereit waren mitzumachen, weil es ihnen egal war und die Bände ohnehin möglichst schnell in der Klarsichthülle verschwunden sind, im Idealfall bevor die Bazillen sich den Weg von der Hand aufs Papier bahnen konnten.
Nein, diese Art der Sammler gehört auch nicht zu uns. Sie stehen dazu, dass sie Comics kaufen. Aber nicht weil sie diese lieben (obwohl sie sicherlich so angefangen haben… unheimlicher Gedanke) sondern weil sie es logisch rechtfertigen können. Die Aktienkurse sind im Keller? Die Alchemisten haben via des Steines der Weisen herausgefunden wie man Blei zu Gold verwandelt? Nun, Comics sind eine Altersvorsorge für die Ewigkeit… nein, danke! Und eines noch: Am Ende ist es uns ganz egal wie toll silbern der Supermanschriftzug auf eurer ultra-rare, only 1.5oo printed issues hypermegaspecialohmygodit'sthebatman-Ausgabe ist. Wir wollen, dass der Inhalt stimmt. Und am Ende werden sich immer gute Geschichten vor seltenen Covers durchsetzen…

Und dann ist da noch eine Gruppe die Comics wirklich liebt, die Comics versteht und die sie nach außen auch vertritt. Sie scheinen wirklich zu uns zu gehören. Das Problem ist, sie sind die intoleranten Elitisten. Sie sind kein lokales Phänomen. Sie gibt es überall wo es Comics gibt. Der Franko-Belgien Fan der alles aus den USA als wertlosen Schund abtut, der US-Leser dem klar ist, dass alles Mangas für pädophile, perverse Wichser geschrieben werden und der Otaku der -auch ohne sie je gelesen zu haben- weiss, dass die Frankobel-Hefte langweiliger Spießerkram sind. Die anderen Comics sind für Idioten, es gibt gut und böse, schwarz und weiß und es ist alles so einfach. Das ganze hört hier natürlich nicht auf, auch innerhalb dieser Untergruppen wird ein fröhlicher Grabenkrieg geführt. DCler gegen Marvelisten, die beiden Fans dieser "Rentner-Verläge" gegen die "respektlosen Jungspunde" von Image, Superman gegen Batman, X-Men gegen den unglaublichen Hulk und so weiter und so fort. Ich muss gar nicht klären wie schwachsinnig die meisten ihrer Argumente sind. Auf allen Seiten.

Wenn es jemand schaffen kann, diesem oben angesprochenen "Wir"-Gefühl eine Grube zu graben und es richtig tief zu verscharren, dann sind sie es. Wir alle haben hier ein Medium (nichts anderes ist der Comic an sich… ein Medium. So wie Film, Fernsehen oder Buch), das sich in der Allgemeinheit profilieren soll, das mehr kämpfen muss als jedes andere Medium das es zur Zeit gibt. Und trotzdem schafft ihr Elitisten es nicht dieses Medium geschlossen zu unterstützen, nein ihr versucht einen kleinen Teil zum Gesamtbild aufzublähen, auf Kosten der anderen. Würdet ihr jemanden ernst nehmen, der euch zu erzählen versucht, dass nur in Kanada produzierte Science-Fiction-Serien Fernsehen sind und der ganze Rest einfach Schrott ist? Nein? Nun, genau das tut ihr aber im Bezug auf Comics! Der größte Vorteil jedes Medium ist seine Reichhaltigkeit. Trotz der Dominanz der Superhelden ist die Varianz da, es gibt für fast jeden Geschmack den passenden Comic. Und trotzdem versucht ihr mit aller Macht Comics einzuschränken.
Und, wie sollen uns all die, denen wir egal oder leicht suspekt sind, ernstnehmen, wenn wir es nichtmal schaffen innerhalb des Mediums geschlossen aufzutreten, sondern uns gegenseitig vor's Schienbein treten wo es nur geht?
Spalter!


Vive la Revolution

 Jetzt habt ihr es. Die, die ich da oben angeschnitten habe, mögen vorgeben zu uns zu gehören, aber sie tun es nicht. Sie sind nicht Teil der Lösung, sie sind Teil des Problems. Und bevor wir diese Probleme in unseren eigenen Reihen nicht gelöst haben brauchen wir uns nicht wundern, wenn uns die große, weite Welt nicht Ernst nimmt.
Wenn sich jemand von dem obigen vor den Kopf gestoßen fühlt, dann sollte er überlegen, woran das liegen kann. Leg deinen HIT!-Comics Preisguide kurz zur Seite und stell dich einer unangenehmen Möglichkeit:
Vielleicht gehörst du dann gar nicht zu uns, sondern zu denen.

Wir sind die Bewegung, wir sind diejenigen, die alte Dogmen überwinden werden und die Comics für immer verändern. Es wird nicht leicht und wir werden vielleicht nie den Stand erreichen, den Fernsehen, Film und Funk haben. Aber wir werden die Comics neu definieren und wir werden, bevor wir nach den Sternen greifen, die gesamte Szene von den festgefahrenen Strukturen befreien.
Und wir brauchen dafür eure Hilfe nicht. Ihr habt euren Teil getan, um die Comics in ihren schmalen Schranken zu halten und wir werden alles tun um eure Fehler wieder gut zu machen.
Und wir können das schaffen. Zusammen.

 
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