| kurz.schluss 14 |
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| Geschrieben von Comicgate-Redaktion | ||||||||||||||
| Sonntag, 23. Oktober 2005 | ||||||||||||||
Die Redaktionsmitglieder äußern sich zu einer bestimmten Frage.Diesmal antworten sie auf: "Welche Comicszene hat sich Euch ins Gedächtnis gebrannt?" Achtung: Starke Spoiler für Grendel -Tod und Teufel, The Sandman #16, Hitman: 10,000 Bullets und League of Extraordinary Gentlemen. Leichte Spoiler für The Walking Dead TPB #1, Preacher #7 (dt.), Promethea #15, Michel Vaillant - Der Fluch der Piste, Maus, Die Chronik der Unsterblichen - Am Abgrund, New Mutants #18 (US), Transmetropolitan - Another Cold Morning und Planetary #18 The Walking Dead #4 (US-Ausgabe; auch im ersten TPB enthalten) S. 16-17
Bei
Robert Kirkmans Serie (erscheint bei Image) geht es um eine mit
Zombies verseuchte Gesellschaft. Die wenigen noch normalen Menschen,
allen voran der Provinzpolizist Rick, schließen sich zusammen und
fahren auf der Suche nach Waffen, Lebensmittel und sichere
Unterschlupfe quer durchs Land. Die besagte Szene zeigt den ersten
risikoreichen Versuch von Rick und Glenn, sich direkt durch die
extremst verseuchte Innenstadt zu schmuggeln und dann einen Waffenladen
zu plündern. Zuerst gelingt es ihnen auch, unbemerkt zum Laden
vorzudringen, da sie extra vorher den Gestank von Zombies annahmen (ihr
wollt nicht wissen wie) und so die Untoten nicht zwischen Rick, Glenn
und ihresgleichen unterscheiden konnten. Als dann aber der große
Platzregen ausbricht, brach nicht nur bei den Comicfiguren die
Panik aus, sondern auch bei mir. Der Regen spülte natürlich den Gestank
sofort weg, und Rick und Glenn sind hoffnungslos von nun aufmerkenden
Zombies umzingelt. Die anschließenden Panels, in denen die beiden sich
hektisch mit einem Einkaufswagen voller Schusswaffen einen Weg bahnen
zählen mit zu den lustigsten (der Wagen kippt auch noch um, heijeijei),
aber auch angstschweißgebadeten, die ich in den letzten Jahren in einem
Comic lesen durfte. Und nicht zuletzt ist diese Episode
im strömenden Regen, wie eigentlich die ganze Serie, wunderbar
atmosphärisch in schwarz-weiß dargestellt. Alle, die die Serie kennen,
wissen wovon ich rede, alle anderen müssen auch nicht mehr allzu lange
warten, bis sie auch auf die deutsche Übersetzung bei Cross Cult
zugreifen können, nein müssen (erscheint im Januar 2006). Beim wirklich sehr langen Vertigo-Epos von Garth Ennis und Steve Dillon könnte man im Grunde hunderte erinnerungswürdige Szenen herauspicken. Stellvertretend für alles, was diese Serie so stark macht, habe ich mich dann für Jesses finaler Abrechnung mit seiner abartigen Familie entschieden. Selten hat man in einem Comic durch Rückblenden soviel Mitgefühl und Wut zugleich wie durch die vorangegangenen Ausgaben von Preacher. In diesen bekam man alles, was dem Prediger Jesse Custer (die Hauptfigur des Comics) angetan wurde, in aller Grauenhaftigkeit geschildert. Der pure Hass Jesses entlädt sich dann schließlich in diesem Heft. Die Tyrannei der Großmutter und ihrer beiden grobschlächtigen Zöglinge T.C. und Jody soll im finalen Kampf beendet werden. Die beiden Bilder zeigen einen Ausschnitt der mehrseitigen Schlacht Jesse gegen Jody. Beispielhaft für die ganze Serie fällt auch die äußerst brutal aus. Die Spannung wird dadurch erzeugt, dass jede Gewalt-, Mord- und Folterszene durch die völlig zu verstehende Rachelust des Hauptcharakters mehr als gerechtfertigt erscheint. Wie gesagt, die angesprochenen Sequenzen sind nur ein Beispiel, das man in Preacher zum Thema Gewalt und Rache findet. Aber vielleicht sind es diese Szenen, die mit am besten verdeutlichen, welch ungeheure Intensität Ennis und Dillon damit zu verbinden wissen, da Jesse darin mit seiner schlimmen Vergangenheit aufräumt. PROMETHEA #15 Seiten 8/9 Autor: Alan Moore, Zeichner: J.H. Williams III Sophie
Bangs ist die neueste Inkarnation der mächtigen Sagengestalt Promethea,
Barbara Shelley war ihre Vorgängerin in dieser Rolle. Zusammen
unternehmen die beiden eine mystische Reise in verschiedene Sphären der
Existenz und lernen dort eine Menge über die Welt (wie Alan Moore sie
sieht). In Heft #15 der Serie befinden sie sich in der Sphäre namens Hod, die der Sprache, der Magie und dem Intellekt gewidmet ist. Sie reden davon, dass Bilder die erste Form geschriebener Sprache waren und kommen kurz darauf auf einen Pfad, der wie eine liegende Acht in sich geschwungen ist. Während sie dort entlangwandern, merken sie, dass sie sich sowohl räumlich als auch zeitlich immer wieder vor und zurück bewegen. Die Doppelseite
steht damit exemplarisch für die ganze Serie. Immer wieder wechselt
Williams seinen Zeichenstil, präsentiert ungewöhnliche Seitenlayouts
und spielt mit Farben und Formen. Ein ungewöhnliches Comicerlebnis, das
auch beim wiederholten Lesen immer wieder neue Entdeckungen möglich macht. (Die
erwähnte Szene ist enthalten im Sammelband Promethea Book Three,
America's Best Comics/WildStorm. Auf deutsch bisher nicht erschienen.) Michel Vaillant - Der Fluch der Piste Michel Vaillant verunglückt, und sein Wagen fängt Feuer. Er kann sich gerade noch aus dem brennenden Inferno retten. Diese Szene hat mich als Kind/Jugendlicher schwer beeindruckt. Bereits damals war ich Formel 1-Fan. Früher ging es im Rennsport noch öfters um Leben oder Tod, und ich finde, dies ist hier gut eingefangen worden (auch wenn Graton ansonsten nicht der große Zeichen-Künstler ist). Eine
Rolle spielt auch, dass ich das ganze Album deswegen gut finde, weil
Michel Vaillant hier nicht wie gewohnt den strahlenden Gewinner,
sondern einen Verlierer mimen muss. Grendel -Tod und Teufel Sind
die "Magic Moments" beim Film oftmals prägnant und unmittelbarer, weil
diese durch Schnitt, Musik, Schauspiel und Timing eine wesentlich
didaktischere Wirkung haben, wird ein großer Moment beim Comic doch
eher subjektiver empfunden. Entsprechend schwer fiel mir
die Auswahl aus den nicht wenigen potentiellen Kandidaten. Manchmal
reicht ein Panel für eine Gänsehaut, und trotzdem braucht es oftmals
einen ganzen Comic als Vorgeschichte, der diesen Augenblick sorgsam
aufbaut. "Maus" stand natürlich ebenso in der engeren Auswahl
wie das Crossover zwischen "Lobo" und "Hitman", "Das blaue Tagebuch"
oder einem "Yps"-Heft aus nostalgieverklärten Zeiten - schlussendlich
fiel' die Wahl auf "Grendel - Tod und Teufel". Die
Grendel - erfunden von Matt Wagner - sind ähnlich den Ronins
Abtrünnige einer zerfallenden endzeitlichen Militär-Elite, die sich in
Clans durch eine desolate und radioaktiv verseuchte Welt schlagen - mit
mehr oder weniger strikten Einhaltungen ihres einstigen Ehrenkodex. Die
"Tod und Teufel"-Mini-Reihe wurde von Darko Macan geschrieben und Edvin
Biukovic gezeichnet - beide aus aus dem ehemaligen Jugoslawien
stammend, was der Geschichte eine zusätzliche Brisanz sowie Intimität
verleiht. Drago erkrankt durch eine hinterhältige Falle
tödlich. Von seinem "Agram"-Clan wird er über eine "Bestie"
unterrichtet, die sich seit geraumer Zeit über Vieh und ihre Jäger
hermacht. Drago nimmt seine Chance für ein würdiges Ende wahr und
begibt sich auf die Suche nach dem mysteriösen Monster, behelligt duch
seine Konkurrentin Zora, die seine Erbfolge um jeden Preis antreten
will. Drago findet schließlich das "Monster" und gleichzeitig einen
Seelenverwandten, ist doch auch Drago durch seine hochansteckende
Erkrankung zum Aussätzigen geworden. Sich seiner Stunde des Todes
bewusst, verbringt er mit seinem neuen Freund die letzten glücklichen
Momente - doch auch diese sind ihm nur vergönnt, bis ihn der
allgegenwärtige Krieg wieder einholt...
The Sandman #16 Irgendwo
in Amerika, in einem Hotel fernab der vielbefahrenen Highways und
großen Städte, ereignet sich eine merkwürdige Zusammenkunft.
Oberflächlich betrachtet handelt es sich um ein Treffen von
Cornflakes-Fabrikanten. Die Ankommenden begrüßen sich, beziehen ihre
Zimmer, lernen einander in der Lobby kennen und tauschen sich am Buffet
über ihre Profession aus. Bald wird jedoch klar, dass die Teilnehmer
der Convention nichts mit Cornflakes am Hut haben. Sie sind
Serienkiller, Mörder und Totschläger. Die Zeitungen gaben ihnen Namen
wie Dog Soup, Lip Collector und Family Man. Meine
erinnerungswürdigste Comicszene jagt mir noch immer Schauer über den
Rücken. Sie wurde für mich zu einem Inbegriff guten Horrors und
ereignet sich am Rande der oben beschriebenen Convention. Die Szene
findet sich in Heft 16 der Reihe The Sandman und ist Teil von The Sandman Book II: A Doll’s House. In Deutschland erschien diese Episode 1995 in dem Band Verlorene Herzen unter dem Titel Sammler. Der Autor ist Neil Gaiman, gezeichnet wurde sie von Mike Dringenberg. In
der Szene, die ich vorstellen möchte, spielen drei grauenhafte
Gestalten mit. Zunächst ist da Nimrod, ein Brillenträger mit
Oberlippenbart und weißem Hemd. Er ist im richtigen Leben
Kieferorthopäde. In den einsamen Bergen von Vermont hat er eine Hütte,
von der niemand etwas weiß. Dort stehen vier gefüllte Gefriertruhen,
und er überlegt, ob er nicht noch eine fünfte kaufen soll. Dann ist da
der Doktor, bullig, in einem blauen Anzug. Er ist eine anerkannte
Autorität auf dem Gebiet der Medizin. Sogar Präsidenten hat er schon
behandelt. Er sammelt Lederkrawatten, jede einzelne hat er selber
gemacht. Zu guter Letzt ist da der Korinther. Er ist ein
fleischgewordener Alptraum, geschaffen, um im Herzen jedes Menschen die
Finsternis zu sein. Hinter den Gläsern seiner Sonnenbrille lauern statt
Augen zwei Höhlen voller scharfer Zähne. Ihr Opfer
ist der Journalist Philip Sitz. Er hat sich neugierig unter die
Serienkiller geschlichen und als der Bogeyman ausgegeben. Obwohl er
selber kein Mörder ist, identifiziert er sich mit ihnen und ihren
Taten. Er verachtet Frauen und schwelgt in Gewaltphantasien. Und er
möchte lernen. Unglücklicherweise haben ihn Nimrod, der Doktor und der
Korinther entlarvt. Sie fesseln Philip, fahren mit ihm in einen Wald
und hängen ihn an einem Baum auf. Obwohl Philip alles
andere als eine liebenswerte Person ist, bekommt man ein wenig Mitleid
mit ihm. Er ist ohne Frage ein Scheusal, das kurz davor steht,
durchzudrehen und selber zum Mörder zu werden. Doch auf der Convention
ist er ein Außenseiter. In der Stunde seines Todes muss er erkennen,
dass er nichts mit den Anwesenden gemeinsam hat. Bevor
es zur Sache geht, gibt ihm der Korinther eine letzte Weisheit mit auf
den Weg. „Es geht nicht um Sex, nicht um Macht oder Grausamkeit. Wir
sind Soldaten der Finsternis, Philip. Gladiatoren, Krieger und Götter,
und wir werden es Dir beibringen. Der gute Doktor häutet Menschen gerne
bei lebendigem Leib. Nimrod ist ein Jäger. Er kann jedes Tier in
Minuten schlachten und ausweiden. Was mich angeht, ich habe eine
Vorliebe für Augen. Und weißt Du, was wir jetzt machen werden, Philip?
Wir werden uns abwechseln.“ Die
Steigerung des Grauens ist in dieser Sandman-Episode von Seite zu Seite
spürbar. Hat der Leser zunächst noch Distanz zu den Mördern und ihren
Taten, so nähert er sich Stück für Stück den Verbrechern. So nahe wie
in dieser Szene ist er dem tatsächlichen Treiben nirgends. Genial, wie
der Autor mit der Fantasie des Lesers spielt. Es wird nichts gezeigt,
nur angedeutet. Darin verbirgt sich für mich der Inbegriff guten
Horrors. Nachdem das Grauen beständig gesteigert wurde und der
Korinther die Hinrichtung von Philip Sitz ausmalt, bricht die Szene
nämlich ab. Der Mord an Philip wird nicht gezeigt. Wahrer Horror ist
eben das, was wir nicht sehen. Maus Art
Spiegelmans "Maus" dürfte den meisten ein Begriff sein. Jeder, der es
gelesen hat, weiß, dass die comichafte Schilderung der damaligen
Ereignisse betroffen macht, wie es sonst vielleicht "Schindlers Liste"
vermag. Der bewegenste Moment der zwei "Maus"-Bände findet sich trotz aller gezeichneten Horrorszenarien erst zum Schluss der Geschichte und hatte eine Wirkung auf mich wie kein anderer in der Comicgeschichte. Zwar haben mich die bedrückenden
Schilderungen berührt, durch die metaphorische Darstellung der Menschen
als Mäuse, Katzen, Schweine usw. blieb jedoch stets ein kleiner Abstand
erhalten. Auf Seite 134 des zweiten Bandes ist dann
jedoch ein Foto des realen Wladek zu sehen und plötzlich ist dieser
"Sicherheitsabstand" nicht mehr da. Die ganze eben gelesene
Geschichte erwacht zum Leben, wird zur harten Realität. Man malt sich
unwillkürlich aus, wie die ganze Geschichte wirklich ausgesehen haben
mag. Eine ohnehin schon kaum fassbare Fabel zeigt ihr
wahres Gesicht und wird im Kopf des Lesers mit einem Paukenschlag zur
echten Biographie. Das wäre in keinem anderen Medium möglich gewesen. Die Chronik der Unsterblichen - Am Abgrund
Nach einigen Jahren kehrt er erwartungsvoll ins Dorf zurück, um Marius wiederzusehen. Aber der Ort, an dem er seinen Sohn sicher wähnte, ist komplett zerstört - die Inquisition nahm sich des Teufelsplatzes an und massakrierte und tötete sämtliche Bewohner, selbst die alten Leute und die Kinder. Verzweifelt und voller Panik sucht Andreij nach Marius' Körper - bis er ihn in einem Turm findet. Gefoltert wie alle anderen, aber im Gegensatz zu ihnen noch am Leben. Der Junge, gefesselt, blutend, mit einem Pflock im Leib und am Ende seiner Kräfte, erkennt seinen eigenen Vater nicht und wähnt in ihm den Tod, den er so herbeisehnt. Andreij realisiert, dass er seinen Sohn nicht mehr retten kann und erlöst ihn von seinen Schmerzen. Selten habe ich so intensiv mit einer fiktiven Comicfigur mitgelitten wie bei dieser Szene. Auch jetzt noch, beim Raussuchen der Bilder, berührt sie mich zutiefst. Die ruhigen Bilder und die dunklen Farben ergänzen das Ganze und lassen alles noch sinnloser und endgültiger erscheinen. In der Romanvorlage findet dies übrigens nicht so statt - dort trifft Andrej auf einen anderen noch lebenden Verwandten, den er von seinem Leid erlöst, sein Sohn liegt bereits tot in einem Leichenhaufen. Aus "Platzgründen" wurden diese zwei Aspekte zusammengefasst, wobei ich die Comicvariante noch atmospärischer finde. New Mutants #18 (The Demon Bear Saga) Das
Thema „Große Momente der Comicgeschichte“ bedeutet entweder selbige
nach mehr oder weniger adäquaten Prinzipien zu durchforsten, auf der
Suche nach dem herausragenden, mediumsprengenden Moment. Oder es ist
die Aufforderung, das erste Panel zu beschreiben, das einem bei dieser
Aufgabenstellung in den Sinn kommt. Ich habe mich für die zweite
Möglichkeit entschieden. Mir ist also durchaus bewusst,
dass es dieses Superheldenheft der Endachtziger nicht in die 3012
stattfindende Archäologieausstellung „Der Menschheit 9. Kunst und was
davon übrig blieb“ schaffen würde. Wenn, dann würde es sich über die
Play-Offs gegen die Millionenauflagen der Neunziger qualifizieren -
und das, ganz nebenbei, locker aufspielend. Ich gebe zu, diese
Vorstellung macht ANGST, aber man sollte lieber damit rechnen, dass die
in tausend Jahren als eigene Sedimentschicht (Farlaneliefledium) sich
über Nordamerikas Täler, Wälder und Meere ausbreitende Auflagenhydra
der Neunziger der Nachwelt ein schrägschreckliches Bild von der guten,
alten und gewiss ausgestorbenen neunten Kunst vermitteln könnte. Entschuldigung für diesen Satz und jetzt auf zum eigentlichen Thema. Juvenile, claremonterschaffene Mutanten und der Bruch in den Spätachtzigern. Der
Inhalt lässt sich knapp zusammenfassen. Die neuen Mutanten waren in den
Achtzigern das erste Kind der erfolgreichen und stets unheimlichen
Mutter, Uncanny (heißt also „unheimlich“… dass ich das erst jetzt
nachgeschlagen habe) X-Men. Nach bewährtem Rezept lässt Professor X per
Cerebro junge Mutanten zusammenkommen, auf dass sie in seiner Schule
lernen, mit ihrer Pubertät und ihren neu auftretenden, unheimlichen
Superkräften zurechtzukommen. Und das in dieser Reihenfolge.
Interessante Anekdote am Rande: Während in der All-New,
All-Different-Rekrutierung eher die G7 dominierte (Japan, Deutschland,
Kanada, UDSSR...), kamen bei den Neuen Mutanten sympathische
Loserländer wie Korea, Irland (damals beide noch im
Prä-Tigerstaat-Status) oder Brasilien zum Zuge. Tja, in Giant-Size 1
gings auch um was, da mussten die Eisen aus dem Feuer geholt werden.
Die Kids dagegen sollten eigentlich nur nett sie selbst sein, nett
lernen, nett zusammen, nettnett. Ja, eigentlich… Denn es
kommt, wie es kommen muss. Aus den Schülern wird trotz der
Unterschiede, Minderwertigkeitskomplexe und aller Unerfahrenheit eine
eingeschworene Truppe und ferner (die Gefahr von außen lässt ihnen
selbstverständlich keine andere Wahl) eine Superheldengruppe. New
Mutants. Dieses
Vorwissen ist wichtig, um die Naivität und Konventionalität der Serie
und demnach den Bruch, der mit Heft Nummer 18 kam, nachvollziehen zu
können. Also, Heft Nummer 18. Bill Sienkiewicz. Zisch, Rausch, Flirr. Wie wenn David Lynch auf OC California losgelassen wird. Bibber, Zitter, Schrei. Sein
in der, inhaltlich als auch markttechnisch gesehen, eher abseitigen
Marvel-Serie Moon Knight gereifter, abstrakt-expressiver und für
damalige Verhältnisse sehr experimenteller Zeichenstil sorgt mit der
ersten Seite von New Mutants 18 für eine kleine Revolution im
Mainstream. Und für gehörige Verwirrung beim damals noch sehr jungen
Schreiber (aka ich, früher). „He’s out there, the Demon Bear that murdered my parents. Watching. Waiting. For me.” Besonders
geschickt auf die jungen Leser gerade ein Bild loszulassen, das ihnen
aus ihrer Kindheit noch durchaus vertraut vorkommen muss. Nachts, im
Bett zusammengekauert, die Decke über den Kopf gestülpt. Nur die in
Panik wandernden Augen halten Kontakt mit dem Außen. Und das Außen ist
in diesen Momenten ALLES, ausgenommen des beschützenden
Bett-Decke-Cocoons, dieses unermessliche ALLES, welches außerhalb der
eigenen visuellen Reichweite ist. Das Monster ist immer dort, wo man es
nicht sehen kann. Sienciewicz fängt diesen Angsttrip
mit seinem in diesem Fall kongenial minimalistisch agierenden Partner
Claremont perfekt ein. Der unvertraute Strich, der damals noch
ungewöhnliche Splashpage-Effekt, der den oben erläuterten unterbewusst
ablaufenden Angstprozess unterstützende Bildaufbau und diese wenigen,
prägnanten Worte …. BOOM. Ein psychotisch
dreinblickender, absurd überproportionierter Gorilla-Grizzly mit
Riesenkrallen saugt unsere junge Mutantin förmlich auf mit seiner
schwarzen Körpermasse. Drumherum unschuldiger, weißer Schnee. Sprachlos. Danach waren Comics anders. Vielschichtiger, gefährlicher, abgründiger… psychologischer. Hier ging es los, schätze ich. Meine Comic-Pubertät nahm ihren Lauf. Garth
Ennis ist ein Autor, mit dem ich oft härter ins Gericht gehe als mit
anderen Autoren. Ich weiß, es ist unfair, jemandem zu sagen: "Bei
anderen hätte ich das gut gefunden, aber ich weiß, dass du es besser
kannst." Nur bei Garth Ennis ist das exakt der Fall. (Bloß dass ich ihm
das offensichtlich nicht persönlich sage... wobei es natürlich toll
wäre wenn, aber egal.) Hitman: 10,000 Bullets ist so ein Fall, der zeigt, was Ennis rausholen kann, wenn er nur will. Denn hier mixt Ennis die beiden Elemente, die er perfekt beherrscht: Abgedrehte, geschmacklose Gewalt und ruhige Charaktermomente. Nur leider verlässt er sich zu oft einfach nur auf die geschmacklose Gewalt. Der letzte Teil von 10,000 Bullets startet damit. Tommy Monaghan, der Hitman, kracht seine alte Rostmühle durch eine Wand, zerschmettert einen korrupten Bullen, und dann beginnen Tommy und sein Kumpel Natt the Hat einen Amoklauf durch das Anwesen eines Gangsterbosses (siamesischer Zwilling, wobei Tommy bereits einen der beiden Zwillinge getötet hat und dieser nun fröhlich vor sich hin verrottet... ein typischer Garth Ennis halt), der knapp zwei Drittel des Hefts andauert. Und dann, ohne Vorwarnung, ändert Ennis Tempo und Stil. Und das macht ihn, in seinen guten Momenten, zu einem der besten Autoren im Comicbereich. Der Bruch kommt abrupt, aber er wirkt nicht störend. Er verhindert, dass das Heft eine reine Gemetzelsequenz ist und gibt damit dem Abgeschlachte retroaktiv mehr Gewicht. Tommy findet sich nun auf dem Dach des Anwesens wieder, wo er im Regen stehend gegen Johnny Navarone, den besten Profikiller der Welt, antreten muss. Tommy weiß, dass er keine Chance hat. Er feuert einen Zufallsschuß ab und hat das Glück, damit Navarones Schußhand zu zerfetzen. Johnny bietet Tommy nun an, ein Team-Up zu schließen. Zusammen können wir das Universum regieren, Luke... also, quasi. Immerhin: "We're better than this scum." Woraufhin ihm Tommy die Pistole an die Stirn presst, murmelt "We are all scum, Johnny. We are all scum", und dann den Abzug durchdrückt. Dieses
Finale auf dem Dach ist eine der Szenen, die ich immer mal wieder lese.
Nur diese eine Szene, weil sie einfach hervorragend geschrieben ist.
Das Äquivalent einer großen Kinoszene in Comicform. --- Warren
Ellis ist in gewisser Hinsicht wie Garth Ennis... er kann mehr, als er
oft zeigt. Zu oft kommt ihm die Lust an der Provokation und der
gezielten Geschmacklosigkeit in die Quere. Der Wunsch, kontrovers zu
sein, überlagert dann manchmal die Qualität seiner Arbeit. Dabei sind,
zumindest für mich, die besten Beispiele für Ellis' Fähigkeiten
diejenigen, in denen er sich bewusst zurückhält. Das von mir schon
öfter erwähnte Transmetropolitan - Another Cold Morning ist ein Musterexemplar dafür. Hier erzählt Ellis eine Geschichte, die wunderschönen Zeichnungen von Darick Robertson unterstreichen Ellis Qualität als Erzähler nur. Dies ist die einzige Ausgabe von Transmetropolitan, in der wir eine von Spider Jerusalems "I Hate It Here"-Kolumnen in ihrer Gänze erleben und nicht nur Auszüge. Keine wirkliche Storyline, keine Sprechblasen, keine Soundwords, nur die Captions, die die Kolumne wiedergeben und die dazugehörigen Bilder. --- Einen ähnlich starken Effekt hatten die letzten Seiten von Planetary #18 auf mich. Wenn Ellis nur öfter diese ruhigen Töne anschlagen würde, die er doch eigentlich so gut beherrscht. --- Die größte Stärke von Alan Moores League of Extraordinary Gentlemen ist, dass er seinen Charakteren Tiefe gibt. Selbst, oder gerade, Mr. Hyde profitiert davon. Es wäre leicht, Hyde als die böse, unkontrollierte Seite des harmlosen, verklemmten Viktorianers Dr. Jekyll anzusehen, aber Moore geht einen Schritt weiter. Hyde ist nicht einfach böse, und Hyde ist auch mehr als die ausgelebten Triebe des Dr. Jekyll. Hyde ist ein eigenständiges Wesen, ein ganz eigener Charakter, mehr als nur das Gegenteil von Jekyll. In LoEG scheint es eher so, als wäre er das Original und Dr. Jekyll die Seite, die nur gelegentlich hervorbricht. Hyde hat Gefühle, Ziele und eine - wenn auch sehr verquere - Vorstellung von Moral. Etwas, das der Unsichtbare Mann nur wenige Szenen vor der Polka-Szene auf höchst unschöne Art und Weise erleben musste. Moore
setzt hier einen fulminanten Schlusspunkt für einen der besten
Charaktere, die er je "geschaffen" hat. Natürlich, Hyde ist nicht seine
Erfindung, aber das, was Moore mit Hyde gemacht hat, war wahrscheinlich
besser als jede andere Hyde-Interpretation in den letzten 100 Jahren.
Moore hat sich den Charakter zu eigen und ihn mehr als interessant
gemacht. Er hätte hier auch die einfache Route wählen und Hyde als
Hulk-Ersatz verwenden können. Stattdessen ist Hyde eine vielschichtige
Persönlichkeit, undurchschaubar und bis zum Ende nicht in klare
Kategorien einzuordnen. Die Art, wie Hyde ins Jenseits
geht, betont das. Der freundliche Hyde, der Gefühle für Mina Harker
hat. Der Hyde, der immer noch eher der verweichlichten Menschheit als
den marsianischen Invasoren beisteht. Und der wilde, brutale Hyde, der
Dinge tut, die nicht nur seine Teamkameraden das Fürchten lehren,
sondern auch Wesen mit einer ganz anderen Philosophie, Psyche und
Herkunft. Sein Ende ist beeindruckend und effektiv. Wie er es verdient
hat, geht er mit einem großen Knall, nicht mit einem Flüstern. Die "You
Should See Me Dance The Polka"-Szene ist eine Szene, die der Leser
einfach nicht mehr vergessen kann. Ein einzigartiger Tod, der einem
einzigartigen Charakter mehr als gerecht wird. Man wünscht sich nur,
dass die Filmmacher zumindest einen Bruchteil der Comics verstanden
hätten. |
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Die Redaktionsmitglieder äußern sich zu einer bestimmten Frage.