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von Thomas Kögel Donnerstag, 09. September 2010


 26 Jahre ist der Franzose Bastien Vivès erst alt, hat aber bereits etliche eigene Comics veröffentlicht. Einer davon, Le Goût du chlore, bekam 2009 beim Festival von Angoulême den Prix Révélation als bestes Werk eines Nachwuchskünstlers. Bei Reprodukt erscheint mit diesem Buch nun erstmals ein Comic von Vivès auf Deutsch. Sehr viel Übersetzungsarbeit musste der Verlag hier nicht investieren, denn mit Dialogen hält sich der Künstler sehr zurück.

Es geht, zumindest vordergründig, ums Schwimmen in Der Geschmack von Chlor. Ein junger Mann beginnt auf Rat seines Krankengymnasten, einmal die Woche ins Hallenbad zu gehen und dort seine Bahnen zu ziehen. Viel Spaß macht ihm der Sport in der steril-kalten Schwimmbad-Atmosphäre nicht. Das ändert sich erst, als er eine junge Frau kennenlernt, die sich im Gegensatz zu ihm sehr elegant und sportlich durchs Wasser bewegt. Die beiden kommen sich näher, sie zeigt ihm ein paar Schwimm-Tricks und ab sofort freut er sich auf seinen wöchentlichen Besuch im Bad.

 Viel mehr kann man über die Handlung nicht erzählen, ohne das Ende preiszugeben. Oberflächlich gesehen passiert tatsächlich nicht sehr viel in diesem Comic. Taucht man jedoch, genau wie der Protagonist, etwas tiefer, erkennt man die Stärken dieser leisen Erzählung: Mit wenigen Worten und mit sehr reduzierten Bildern gelingt es Bastien Vivès, das Gefühlsleben seiner Hauptfigur absolut nachvollziehbar zu vermitteln. Seine Schüchternheit bei der ersten Begegnung mit der schönen Schwimmerin, die zunehmende Freude, die er bei den anfangs so ungeliebten Schwimmstunden verspürt, und später seine nervösen Blicke in die Halle, um zu sehen, ob die Frau im Arena-Badeanzug schon da ist – diese Momente machen das Buch zu einer sehr lebensnahen, glaubwürdigen Alltagserzählung. Eine große romantische Liebesgeschichte wird daraus nicht, denn Vivès geht es hier weniger ums Verliebtsein als um die Stufe davor.

Es ist sicher kein Zufall, dass der Künstler ein Schwimmbad als Handlungsort gewählt hat. Beim Schwimmen ist man meist für sich allein, spricht kaum und hat viel Zeit, andere zu beobachten. Man trägt fast keine Kleidung am Leib, hinter der man sich verstecken könnte. Und man bewegt sich in einem Element, für das der Mensch eigentlich nicht geschaffen ist. Ein alltäglicher Ort also, an dem aber fast alles anders ist als im restlichen Alltag.

 Dass Schwimmbäder eine eigene Welt sind, spiegelt sich auch in den Zeichnungen. Selten hat man so viel Türkis in einem Comic gesehen. Vivès, der seinen Zeichenstil bei jedem seiner Projekte variiert, benutzt hier flächige Farben und einen reduzierten Strich. Für die Szenen im Wasser hat er sich ein simples, aber effektives Stilmittel einfallen lassen: Bei allem, was sich unterhalb der Wasseroberfläche befindet, lässt er die Umrisse weg. Die Konturen verschwimmen, bleiben aber klar erkennbar.

Weil so wenig gesprochen wird, hat man hat die gut 130 Comicseiten sehr schnell gelesen und ist vielleicht zunächst enttäuscht, dass die Geschichte so undramatisch verläuft. Aber indem Vivès vieles offen lässt und oft nur Andeutungen macht, lässt er dem Leser viel Raum für eigene Interpretationen. Am Ende entscheidet man selbst, ob der Geschmack von Chlor ein süßer oder ein bitterer ist.

Der Geschmack von Chlor
Reprodukt, Juni 2010
Text und Zeichnungen: Bastian Vivès
144 Seiten, Softcover, farbig, 18 Euro
ISBN: 978-3-941099-48-7

Leise Alltagsgeschichte mit bemerkenswerten Zwischentönen

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Abbildungen: © Bastian Vivès, Reprodukt

 



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