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von Daniel Wüllner Donnerstag, 26. August 2010


In 50 Comics um die WeltManchmal bedarf es einer Reproduktion von Werken, die ansonsten nur von den Männern der Altpapiersammlung in Augenschein genommen werden. Der deutsche Comic-Verlag Reprodukt hat sich der hehren Aufgabe angenommen und hat 50 Comics der Monatszeitung Le Monde Diplomatique in einem Band zusammengeführt. Das Resultat ist ein Foliant, der sowohl durch sein ungewöhnliches Format als auch durch seine überwältigende Farbpracht und durch seine schiere Vielfalt überzeugt.

Geboren in den großen amerikanischen Zeitungen fristet der Comic seit über hundert Jahren ein Dasein irgendwo in einer undefinierbaren Nische zwischen der Populär- und Hochkultur. In unserem neuen Jahrtausend sprießen zwar immer mehr Projekte, die darum bemüht sind, dem Comic seine alte Größe (sowohl vom Format als auch vom Ansehen) wiederzugeben, doch die Kultur des ganzseitigen Comics scheint verloren. Vom alternativen Kramer's Ergot 7 über DCs Mainstreamcomics in Wednesday Comics bis hin zu Dave Eggers eigenwilligem Zeitungsprojekt San Francisco Panorama werden Comicstrips auf Zeitungspapier gepresst ohne dabei eine natürliche Regelmäßigkeit zu erzeugen.

Obwohl die Comic-Connoisseure Armin Abmeier und Helmut Kronthaler bemüht sind, eine lückenlose Chronologie des Comicstrips von eben diesen Anfängen bis heute im Vorwort nachzuzeichnen und dabei auch unbekanntere Strips wie Naughty Pete ans Tageslicht zu bringen, wäre am Ende eine kurze Einführung in Le Monde Diplomatique und den Stellenwert der dort veröffentlichten Comics  wünschenswert gewesen, um wirklich als Einleitung in den Band zu dienen.

Allgegenwärtige Wut bei GipiGanz heimlich still und leise bringt die Monatszeitung Le Monde Diplomatique seit 2005 am Ende jeder Ausgabe eine komplette Comicseite heraus. Karoline Bofinger ist dafür verantwortlich, dass diese letzte Seite des Gemeinschaftsprojekts der deutschen Tageszeitung taz und der Schweizer WOZ bebildert ist. Zum 15-jährigen Jubiläum erscheint nun der Sammelband der Comics.

Nicht nur das Format der Comics, sondern auch das teure Papier der Reproduktion machen Lust, in die Welt dieser Comics einzutauchen. Eine Welt bevölkert vom Who is Who der derzeitigen Comic-Avantgarde: Von Henning Wagenbreth und Max Anderson über Anke Feuchtenberger und Olivier Schrauwen bis hin zu Gipi und Amanda Vähämäki sind alle Nationen und Altersklassen vertreten.

Abstrakter Comic von M.S. BastianDabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, ob die Arbeiten einen direkten politischen Bezug haben, wie Martin tom Diecks wortwitzige Umwelt-Allegorie „Grashalme“, oder eher einen einen interessanten Freiraum für Gedanken schaffen, wie das postmoderne Spiel eines M.S. Bastians. Alle Künstler nutzen ihre jeweilige Zeichentechnik im ungewohnten Format zur Gänze aus und überzeugen durch eine gewaltige Farbpracht.

Stellvertretend sei hier nur Hennig Wagenbreths Beitrag vorgestellt, dessen Texte, laut Autor, „maschinell hergestellt wurden“ und mit „'tobot-automatische Illustrationssysteme' illustriert“ wurden. Das Resultat spiegelt die Absurdität einer wirtschaftsorientierten Welt wider, in der „Jugendliche befürchten, Arbeitslose werden rückwärts über Steine stürzen“.

Ausschnitt von Martin tom Diecks BeitragEin mutiges Unterfangen ist In 50 Comics um die Welt alle mal. Wie die Strips von Richard F. Outcault (The Yellow Kid) und Robert Crumb vor ihnen, laden die Künstler ein, sich Gedanken über unsere moderne Gesellschaft zu machen und erfüllen so die Prämisse dieser Kunstform. Auf den Seiten von Le Monde Diplomatique und in diesem Sammelband beweisen die Künstler, dass der Comic trotz aller Fragen bezüglich seiner Wertschätzung in unserer Gesellschaft, sein subversives Potential noch nicht eingebüßt hat.


Le Monde Diplomatique: In 50 Comics um die Welt
Reprodukt, Mai 2010
Text und Zeichnungen: Diverse

Herausgeber: Karoline Bofinger
64 Seiten, farbig, Hardcover,  28,00 Euro
ISBN: 978-3-941099-45-6
Leseprobe

Gut!

Ein äußerst ansehnliches Familientreffen der internationalen Comic-Avantgarde

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Abbildungen: © die jeweiligen Autoren, Reprodukt, Le Monde Diplomatique




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