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von Daniel Wüllner Montag, 30. August 2010


Die Jungfrau im Freudenhaus"Rühr mich nicht an" bellt es immer wieder aus der Kehle der unschuldigen Blanche, während sie mit der Reitpeitsche auf ihre Verehrer einprügelt. Mit diesem Mantra als Titel, Fräulein-Rühr-Mich-Nicht-An, legen Hubert und das Künstler-Duo Kerascoët die ersten beiden (in sich abgeschlossenen) Bände eines erotischen Krimis vor, der gleichzeitig ein Sittenpanorama der wilden Dreißiger in Paris zeichnet.

Die züchtige Blanche verliert durch ein Gewaltverbrechen ihre Schwester Agathe und dringt in eine Welt voller Intrigen und schmutziger Fantasien ein, um den Mord aufzuklären. Vielleicht nicht ganz so bemüht postfeministisch wie Tardis Heldin Adèle Blanc-Sec, widersteht die Protagonistin ihren Freiern und behält auch in prekären Lagen immer ihre Würde: "Ich erlaube Ihnen nicht, mich anzufassen."

Die Avancen der geifernden Männer und die konstante Ablehnung wirken dabei nie redundant. Noch bevor es zum eigentlichen Akt kommen kann, nutzen die Künstler die ganze Palette von Gestik und Mimik, um die Situationen zu deeskalieren, ohne ihnen dabei ihre Spannung zu nehmen. Allein Blanches Augen werden zu neugierigen Scheinwerfern, mit denen sie auch die Entdeckungslust einer Miss Marple bei Weitem übertrifft.

Ein erotischer KrimiDie Marschroute für diesen erotischen Krimi verhält sich genrekonform. Das ausgeklügelte Spiel aus Verdächtigungen und Anschuldigungen wird ausschließlich von den gewitzten Dialogen getragen, die gerade genug Informationen bieten, um den Leser bei der Stange zu halten. Nur für die Einleitung und den Epilog bedient sich Hubert kurzer, erläuternder Captions, die aber stets, wie es sich für einen guten Krimi gehört, nur die eingeschränkte Sicht von Blanche widerspiegeln.

Eine schnelle Abfolge von relativ kleinen Panels kommt dem Genre Krimi entgegen. Die Handlung wird zügig vorangetrieben und wird immer wieder dann verlangsamt, wenn sie sich zu überschlagen droht. Die Geschwindigkeitswechsel der Erzählung werden durch den Kontrast von dunklen, abgründigen Nacht- und Kellerszenen und hellerleuchteten Zimmern des Nobelbordells Pampadour verstärkt.

Rasche PanelabfolgeSzenarist Hubert, der auch für die kontrastreiche Kolorierung verantwortlich ist, und das Künstlerduo Kerascoët (Jenseits mit Fabien Vehlmann) beweisen, dass die Form des französischen Albums mit seinem starren 48-Seiten-Format noch lange nicht ausgeschöpft ist. In der deutschen Veröffentlichung musste das Hardcover einem Softcover weichen, was der Publikation aber keinen Abbruch tut. Fräulein-Rühr-Mich-Nicht-an bietet den perfekten Rahmen für eine Geschichte voller Spannung und Erotik.


Fräulein-Rühr-Mich-Nicht-An
Reprodukt, Juni 2010
Text: Hubert
Zeichnungen:
Kerascoët
Übersetzung: Kai Wilksen
48 Seiten, farbig, Softcover,  je 12,00 Euro

Gut!

Ein frivol anrüchiges und spannendes Sittenbild vom Paris 30er Jahre, das sich nicht zieren muss und ruhig angerührt werden kann

Band 1: Die Jungfrau im Freudenhaus
ISBN: 978-3-941099-43-2
Leseprobe 

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Band 2: Blut an den Händen
ISBN:
978-3-941099-44-9
Leseprobe

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Abbildungen: © Kerascoët, Reprodukt



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Kommentare (2)Add Comment
0
...
geschrieben von Michael, am 01. September 2010 um 13.17 Uhr
Schöne und treffende Rezi. Einzig die Formulierung: "dass die Form des französischen Albums mit seinem starren 48-Seiten-Format..." finde ich fragwürdig, wenn nicht gar überflüssig.
Zum einen: Was ist der Unterschied zum US-Heft mit seinen "starren" 22-Seiten-Format? Und zum anderen gibt es reichlich französische Alben (und Graphic Novels) die völlig andere Seitenzahlen haben - man schaue nur mal ins Programm von Splitter & Konsorten.
daniel
...
geschrieben von daniel, am 01. September 2010 um 18.32 Uhr
Lieber Michael,

erst einmal vielen Dank für das Lob. Natürlich hast du Recht, wenn du schreibst, dass es sowohl andere starre Formate wie das amerikanische comic book gibt. Wenn ich einen US-Heft entdecke, dass die Form so ausnutzt und darüber hinausgeht, werde ich das wohl auch schreiben.

Ein Blick zu unseren französischen Nachbarn zeigt auch die komplette Bandbreite an verschiedensten Comicformaten. Aber ich ging in meiner Rezension davon aus, dass sich franco-belgische Comicschaffende, wie die Künstler der L'Association (Trondheim, David B. und Co.), vom klassischen (dieser Begriff hat wohl gefehlt) Album abgewandt haben, um neue Formate auszuprobieren. Aus diesem Grund wollte ich mit dem letzten Satz ausdrücken, dass wir die Renaissance einer bestimmten Form erleben, wie auch schön an den Alben von Manu Larcenet zu sehen.

Liebe Grüße,
Daniel

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