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von Daniel Wüllner Dienstag, 17. August 2010


Sun VillageEine Wohnsiedlung in den Berghang gebaut, so angelegt, dass auch jeder gleich viel Sonne bekommt, eine Ansammlung von Wohnmaschinen mit allen Extras – vom Flachbildschirm bis hin zur Hypothek von 35 Jahren – das ist Sun Village. Die traurige Wirklichkeit der einzelnen Existenzen, die sich hinter dieser musterhaften Fassade verbirgt, ist beispielhaft für unsere moderne Welt. Der gefeierte Mangaka Inio Asano zeichnet in seinem neuen Manga Sun Village ein einfühlsames und poetisches Bild dieser Welt, ohne dabei ihre Brutalität und ihre Trostlosigkeit außen vor zu lassen.

Mit seinem zweiteiligen Manga What a Wonderful World hat Asano bei EMA bereits 2007 wunderbare Kurzgeschichten aus einem modernen Japan vorgelegt. Obwohl sein neuester Manga Sun Village als „abgeschlossene Geschichte“ präsentiert wird, handelt es sich hierbei eher um einen Episodenfilm, dessen Figuren aus verschiedenen Perspektiven zu sehen sind, wie sie immer wieder an den harten Kanten der Betonwüste anecken und zu zerbrechen drohen.

Asano lässt zunächst sein Alter Ego, den Mangazeichner Nozu, die Wohnanlage nach neuen Geschichten für seine Comics durchstreifen. Am Rand dieses ersten Kapitels positioniert Asano geschickt die losen Enden von anderen Geschichten, denen er in den folgenden Kapiteln nachgehen wird. Bereits nach dem ersten Kapitel tritt Nozu wieder in den Hintergrund und übergibt das Wort und auch die Möglichkeit, seine Gedanken zu äußern, den jeweiligen Protagonisten der drei übergreifenden Kapitel.

Gescheiterte ExistenzenDie Helden sind Jugendliche, die ihre Unschuld längst verloren haben, und junge Erwachsene, die irgendwo zwischen kindlichen Phantasievorstellungen und dem Erwachsenendasein gefangen sind. Die wirklichen Erwachsenen dagegen mutieren zu lustlosen, lethargischen Randfiguren, die Selbstmord als einzigen Ausweg aus der Wohnsiedlung und ihrer jämmerlichen Existenz sehen.

Der eigentliche Kontrast in Sun Village entsteht aber erst auf der erzählerischen Ebene. Auf der einen Seite führt Asano die harsche Realität der Bilder kompromisslos vor Augen: Menschen erhängen  oder stürzen sich von Hochhäusern. Auf der anderen Seite bietet er seinen Figuren komplett schwarze Panels an, um ihnen Raum und Zeit für die Entfaltung ihrer Gedanken zu geben: "Wenn wir uns von unseren Zielen verabschieden … wenn unsere Träume und Wünsche sterben … können wir dann in dieser absurden Welt noch bei Verstand bleiben? Geht das überhaupt? Folglich müssen alle Erwachsenen irgendwie verrückt sein."

Der Blick zum Himmel verstelltDie grafische Darstellung von Sun Village erinnert nicht so sehr an die actionreichen Mangas, sondern mehr an die Gekigas von Jiro Taniguchi, der keine schnellen Panelabfolgen, sondern grafische Freiräume zum Verweilen schafft. Auch Asano schafft diese Orte der Reflexion in seinem Manga, doch wird der  Blick gen Himmel und die Zeit zum Nachdenken immer wieder durch eine mit dem Lineal gezogene Kante eines Hochhauses beschnitten. Die harte Fassade entzieht den Figuren die Möglichkeit zur Ruhe zur kommen.

Sun Village ist eine poetische Reise in die Vororte, in ein Leben, das so durchorganisiert ist, dass es der menschlichen Individualität kaum genug Raum lässt, um sich zu entfalten. Doch ebenso wie die traurigen Existenzen, die an  ihrem Leben scheitern, brechen andere Figuren Asanos wie Löwenzahn durch die Ritzen im scheinbar undruchdringlichen Beton der Neubausiedlung.

Sun Village
shodoku / Schreiber & Leser, Mai 2010
Text und Zeichnungen: Inio Asano
216 Seiten, s/w, Softcover; 14,95 Euro
ISBN: 978-3-941239-31-9

Leseprobe


Eine poetische Reise in die Vororte unserer modernen Welt.

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Abbildungen © Inio Asano, der dt. Ausgabe Leser & Schreiber




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