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von Marco Behringer Samstag, 17. Juli 2010


Cover der französischen Ausgabe von R.I.P.Hand Made Quality – so verweist der Zürcher T.O.T.T. alias Thomas Ott völlig zu Recht mit breiter Brust auf seine außergewöhnliche Technik. Denn Ott zeichnet nicht. Nein, er entlockt seine bitterbösen Geschichten schwarzem Schabkarton – und durch Kratzen mit einem Rasiermesser! In der Edition Moderne sind regelmäßig Arbeiten des Ausnahmetalents wie Cinema Panopticum oder The Number 73304-23-4153-6-96-8 erschienen, mit R.I.P. Best Of 1985-2004 liegen seine Kurzgeschichten erstmals in einem Band vor.

Die Kurzgeschichten sind mal ein und mal mehrere Seiten lang. Ott versteht es dabei stets, seine Pointen zu setzen. "You have to do something while waiting for death" – das Zitat des Schriftstellers Håkan Nesser steht quasi einleitend als Schlüssel zum Werk TOTTs, dessen Arbeiten von einem tiefen Anarchismus und Nihilismus geprägt sind. Der Tod ist auch ein wiederkehrendes Motiv in TOTTs Kurzgeschichtenband. Der Tod, das ist der schwarze Schabkarton. Die ausgekratzten Linien flimmern nur für eine Sekunde wie ein kurzer Lichtschimmer auf, um eine Geschichte zu erzählen, nur um dann wieder im Nichts des Schwarz zu verschwinden.

Der Tod drückt sich schließlich auch im Nichtvorhandensein eines Textes aus - sprich, TOTT macht Stummcomics. Und das macht ihn erst recht zum erzählenden Virtuosen oder zum virtuosen Erzähler. Denn die Kraft der Bilder wiegt dadurch doppelt so viel wie bei textbehafteten Comics. TOTT versteht es routiniert und meisterlich, nur durch die Mimik seiner Figuren oder durch ungewöhnliche Perspektiven seine Geschichten zu erzählen, wofür andere Autoren mehrere Seiten oder gar ganze Bücher benötigen.

Obwohl der Zürcher die Genres dabei wechselt wie andere Leute ihre Unterwäsche, bleibt das zynisch-nihilistische Leitmotiv immer erhalten - die Atmosphäre des Vergeblichen und des Scheiterns, die überall mitzuschwingen scheint. Hinzu kommt aber eben noch das anarchistisch-satirische Element, wodurch die pessimistische Weltsicht aufgelockert und erheitert wird. Ob Crime Suspense, Shock Suspense, Horror-Satire oder abgedrehte Fantastik – TOTT benutzt seine pointierten Schauergeschichten, um auf hintergründige Weise Kulturkritik auszuüben. So bekommen Anhänger des Jugendwahns und Schönheitsoperationen genauso ihr Fett weg wie geldgieriger Abschaum. Die moralisch einwandfreien Helden dagegen scheitern. Egal ob es nun der Clown ist, der Selbstmord begeht, oder der ambitionierte Held, der bei einem Rettungsversuch erschossen wird.

Beispielseite aus R.I.P.Die Qualität und die Durchschlagskraft der Geschichten schwanken in R.I.P. Best Of 1985-2004. Nicht alle Erzählungen sind Meisterstücke und manche verfallen mehr ins gewaltverherrlichende Splatter-Genre als andere. Durch die Radikalität seiner Bilder und Geschichten erinnert er an kompromisslose Filmemacher und deren Werke wie David Lynch, Quentin Tarantino, Robert Rodriguez, Aki Kaurismäki oder die Coen-Brüder. Und tatsächlich listet TOTT diese Regisseure neben weiteren Künstlern auf aus allen Nähten platzenden Seiten im Anhang auf. Aus dem Comicbereich nennt er beispielsweise Lorenzo Mattotti oder Robert Crumb. Apropos Comicbereich – in einer Episode hat er in R.I.P. Best Of 1985-2004 mit dem Franzosen David B. (Die heilige Krankheit, Kapitän Scharlach, Auf dunklen Wegen) zusammengearbeitet, welche auch zu den besten Geschichten zählt, denn hier kommt der fantastische Einfluss David B. bereichernd zu TOTTs hypnotischen Bildern hinzu.

TOTTs Strich – wenn man das überhaupt so sagen kann – ist genauso so scharf wie das Instrument, das er dafür verwendet. In endlos erscheinender Arbeit beseitigt TOTT in endlos vorkommenden Schraffuren und Kreuzschraffuren, was er seinem Schabkarton nicht mehr zugesteht. Man kommt beim Lesen einfach nicht mehr aus dem Staunen heraus – da ist die rasante Dynamik der zuckenden Linien, das Spiel mit dem Licht, wie es sonst meist nur im Kino vorkommt, sowie der Wechsel von genialer Einfachheit und akribischer, ja besessener Detailverliebtheit.

Wenn TOTT konsequenter sozial- und kulturkritisch und etwas weniger auf seine Splatter-Effekte setzen würde, dann wäre R.I.P. Best Of 1985-2004 eine hervorragende Publikation geworden. So bleibt es immer noch ein guter Stummcomic, der allein schon durch die atemberaubenden Bilder begeistert.



R.I.P. Best Of 1985-2004
Edition Moderne, Mai 2010
Szenario und Zeichnungen: Thomas Ott
Halbleinenband, 192 Seiten, schwarzweiß, 26,- Euro
ISBN 978-3-03731-052-6

Website des Verlags mit Otts Werken
Website des Künstlers

Gut!

Buchstäblich messerscharfe Bilder treffen auf unzimperliche und pointierte Kurzgeschichten!

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Abbildungen: Cover © L'Association (mangels größerem Cover von Edition Moderne) und TOTT, Seite © Edition Moderne und TOTT



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