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von Björn Wederhake Freitag, 30. April 2010


 Old Man Logan ist eine dieser After-the-Fall-Superheldengeschichten, die sich seit der Zeit, als Alan Moores Twilight of the Superheroes  nie erschien sehr großer Beliebtheit erfreuen. Age of the Apocalypse. Es ist fünf nach Zwölf in den USA und die Schurken haben gewonnen. Die Superhelden sind tot, die großen Superschurken haben die USA – bzw. das, was von den USA übrig blieb – untereinander aufgeteilt.

Logan hat seit dem traumatischen Tag, als das Böse gewann, die Krallen nicht mehr ausgefahren und seine Identität als Wolverine aufgegeben. Er lebt nun als friedliebender, gealterter Farmer zusammen mit seiner Familie im kalifornischen Ödland, das von jenen Kindern terrorisiert wird, die Bruce Banner (Hulk) mit seiner Cousine Jenny Walters (She-Hulk) zeugte. Nachdem er der Hulkbrut einmal die Tributzahlungen nicht zukommen lassen kann, erhält Logan eine kurze Schonfrist um das Geld aufzutreiben, ehe die Hillbilly-Hulks seiner Familie schreckliche Dinge antun. Logan ist nun gezwungen, einen Job als Leibwächter des inzwischen erblindeten Hawkeye anzunehmen, der dringend im Spider-Mobil ein wichtiges Paket an die amerikanische Ostküste bringen muss.

Ein „Roadmovie“, der quer durch das postapokalyptische Ödland führt? Warum nicht, mit sowas hat immerhin Cormack McCarthy in den letzten Jahren einen der größten literarischen Erfolge des noch jungen Jahrhunderts hingelegt. Und das postapokalyptische Marvel-Universum kann ein spannender Ort sein, besonders wenn es so schön detailliert von Steve McNiven in Szene gesetzt wird (auch wenn das postapokalyptische Grau-Braun auf Dauer etwas öde wird und McNiven gerade bei Szenen, die in Innenräumen spielen, doch eher faul erscheint, was das Zeichnen von Hintergründen betrifft). Die Möglichkeiten, was aus den USA und all den Myriaden an Marvel-Figuren in dieser Welt geworden ist, scheinen unbegrenzt. Und genau das ist die zentrale Schwäche von Old Man Logan: Eine Geschichte, die man früher in zwei Ausgaben von What if…? Locker untergebracht hätte, streckt Mark Millar über acht Hefte, so dass sich beim Leser relativ schnell das Gefühl einstellt, hier nicht für eine Geschichte bezahlt zu haben, sondern für das Photoalbum einer immens beeindruckenden Sightseeing-Tour. Stellenweise fühlt sich Old Man Logan weniger wie eine Comicnarrative und eher wie das Quellenbuch eines Rollenspiels an.

 Zugegeben, die Sightseeing-Tour ist stellenweise visuell absolut großartig und die Ideen, die Millar hier im Takt einer Maschinengewehrsalve raushaut, sind gelegentlich wirklich interessant. Die Doppelseite, auf der Logan herausfindet, woher der Ort Pym Falls seinen Namen hat, ist unglaublich spektakulär und besitzt das Potential dazu, sich langfristig ins Gedächtnis jeden Lesers einzubrennen. Aber das verdankt sie alleine McNivens Strich. Millar reißt jede Art von Idee mal an, gibt aber keiner einen Moment Zeit, um sich zu setzen und Früchte zu tragen: Hier ist Hammer Falls, der Ort an dem die Menschen Thors Hammer anbeten und um die Rückkehr der Helden flehen. Weiter, weiter. Hier sind ganze Städte, die die Maulwurfsmenschen unter die Erde gerissen haben. Weiter, weiter. Hier ruht Loki, erschlagen vom Baxter Building. Weiter, weiter. Hier ist ein T-Rex aus dem Savage Land, der eine Symbiose mit dem Venom-Symbionten eingegangen ist. Weiter, weiter. Hier ist Mount Rushmore, aufgestockt um den Kopf des Red Skull. Weiter, weiter. Hier ist Emma Frost, jetzt verheiratet mit Victor von Doom. Und so weiter, weiter.

All das sind spannende und zum Teil kreative Ideen; allein: Millar macht fast nichts aus ihnen. Momentaufnahmen. Bedenkt man, dass die Geschichte schlicht nicht über die acht Ausgaben trägt, dann wäre definitiv der Raum dagewesen, um irgendeinen dieser Aspekte genauer auszuleuchten. Allerdings hätte Millar dann vielleicht auch etwas tun müssen, dem er entgeht, wenn er die hier geschaffene Welt nur im Schnelldurchlauf präsentiert. Er hätte dann Dinge erklären müssen, sich Fragen gefallen lassen müssen, die dem Leser nicht in den Sinn kommen, wenn ein wuchtiges Konzept nur ganz kurz vorgestellt und dann wieder von der Bühne gefegt wird. Etwa die Frage, wie es den Superschurken gelungen ist, sich so zu organisieren, dass sie in einer einzigen Nacht alle Superhelden ausschalten konnten. Wie ausgerechnet Mysterio, seit Jahrzehnten kein wirklich bedrohlicher Spider-Man-Schurke mehr, eine derart plotrelevante Effektivitätssteigerung hinlegen konnte. Oder warum Dr. Doom sich bei der Aufteilung Amerikas mit dem Bible Belt begnüngen sollte.

 An einer anderen Stelle zeigt sich zudem, warum ich Millar nur in der Mittelklasse der Comicautoren ansiedele: Millar ist in bestimmten Bereichen hochkompetent, aber ihm fehlt es völlig an Selbstbeherrschung. Was in Old Man Logan an einer Sache deutlich wird, die er fast richtig macht, die ihm fast perfekt gelingt, die fast großartig ist. Mit „fast“ als operativem Wort. Logan ist also nach einem traumatischen Ereignis zum Pazifisten geworden. Zu einem Mann, der sich eher zu Klump schlagen lässt (was sehr oft in Old Man Logan geschieht), als dass er seine Krallen noch einmal ausfährt, egal wie verabscheuungswürdig sein Gegenüber sein mag. Weshalb er – in bester Snake-Plissken-Manier – auch auf den Namen Wolverine immer nur mit einem „My name is Logan“, reagiert.

Das ist als Struktur nicht neu. Ganz im Gegenteil, das ist ein althergebrachtes Motiv. Und jedem Leser ist klar, worauf es hinausläuft. Aber das ist hier nichts Schlimmes, denn diese Struktur funktioniert. Jeder weiß, dass irgendwann der „breaking point“ erreicht sein wird. Irgendwann wird die Linie überschritten und Logan wird die Krallen wieder ausfahren. And make no mistake about it: There will be blood! Es kann gar nicht anders sein. Und der Aufbau dahin ist immens wichtig. Logan muss wieder und wieder an seine Grenzen gebracht werden. Er muss einstecken, als gäbe es kein Morgen. Er muss in Situationen gebracht werden, in denen er nur einen Herzschlag davon entfernt ist, die Krallen einzusetzen. So muss beim Leser eine Erwartungshaltung erzeugt werden. Eine Erwartungshaltung die so groß ist, dass der Moment, in dem Logan die Krallen ausfährt, zum Höhepunkt der bisherigen Geschichte wird. Und dann kommt der große Moment am Ende der vorletzten Ausgabe.

SNIKT!

In riesigen roten Lettern.
Über zwei Seiten.
Ohne Bild.

Das hier ist die Klimax des Comics. Das hier ist der blutige Cumshot in Millars Gewaltporno, nach dem nur noch das blutige Denouement folgen kann … Oder zumindest wäre er das, wenn nicht Logan am Anfang der selben Ausgabe einen Gegner ganzseitig mit Captain Americas Schild enthauptet und anschließend ein Sonderkommando in die Luft gejagt hätte. Nachdem Logan zu seinem alten Wesen zurückgefunden hat, ist es nur noch Makulatur, dass er jetzt die Krallen wieder ausfährt. Den Pazifismus hat er eh schon aufgegeben. Es sind zehn Seiten zwischen der Enthauptung und dem Tropfen, der Logans Fass zum Überlaufen bringt. Zehn Seiten die Millar zu einem perfekten Aufbau hin zum Kulminationspunkt der Geschichte fehlen. Aber in letzter Instanz mangelt es Millar an Selbstkontrolle: Die Gelegenheit zu einem Moment cooler Gewaltdarstellung bot sich, und wie ein Kind, das ein glänzendes Objekt sieht, kann Millar so etwas nicht zu Gunsten der größeren Rahmenhandlung ignorieren.

 Trotz seiner Schwächen: Old Man Logan ist ein weitgehend kompetenter Comic mit all dem Zynismus und der exzessiven Gewalt, die man an Millar entweder schätzt oder hasst. Ein Comic, der weder unlesbar schlecht noch unverständlich ist, der aber deutlich zu lang für das ausfällt, was er erzählt, und den primär die kurzen, coolen Momente tragen, die im Leser das Bedürfnis wecken, mehr von dieser Welt zu sehen. Und es ist ein Comic, der dank McNivens Artwork immer wieder atemberaubende Momente bietet, die den Leser einladen, eine Seite wirklich intensiv aufzunehmen.

Außerdem ist es ein Comic, der zu einem Ende führt, das sich als Anfang einer wirklich spannenden Serie erweisen könnte: Mit dem jüngsten Mitglied des Hulk-Clans auf dem Rücken macht sich Wolverine auf die Reise, um die USA aus den Händen der Superschurken zu befreien. Das wäre ein schöner Startpunkt für eine Art Lone Wolf & Cub-Miniserie, die sich etwas mehr Zeit nimmt, um diese postapokalyptische Marvel-Welt genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann aber bitte geschrieben von einem Autor, der coole Momente als Mittel einer gut erzählten Geschichte einsetzt und nicht eine Story als bloße Entschuldigung dafür auffasst, einen coolen Moment an den anderen reihen zu dürfen …


Wolverine: Old Man Logan
Marvel Comics, 2009
Text: Mark Millar
Zeichnungen: Steve McNiven
Hardcover; 224 Seiten; farbig; 34,99 US-Dollar
ISBN: 978-0785131595


Trotz all des verschenkten Potentials ein immer noch solides Stück Superheldenfiction.

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Abbildungen © Marvel Comics



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Kommentare (2)Add Comment
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geschrieben von Zeus, am 01. Mai 2010 um 05.44 Uhr
Die einzige frage die ich mir nu von anfang an stelle ist... es wurde (ich kenne nur die Filme und die alten Cartoons...) in den X-Men filmen gesagt er (Logen) wäre ja schon wohl sehr alt, in dem Spin off sah man das er wirklich verdammt alt war, aber das aussehen in einem Gewissen alter stehen geblieben war...
wie also will der Atuor nun erklären das er wohl gegen seine Mutation (Die wahnsinnig schnelle regeneration seiner Zellen) nun doch gealtert ist? oder wird das im Comic versucht zu erklären? (das einzige was mir einfallen würde wäre das Logen nicht ewig in dem alter bleibt sondern viel viel viel langsamer altert... aber dann müsste viel mehr zeit vergangen sein... immerhin war er ja fast 100 jahre oder so im gesichts alter von 25 bis 30 oder so?)
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geschrieben von Björn, am 01. Mai 2010 um 10.14 Uhr
die Frage kam mir beim Lesen auch. Ich habe aber nicht genug X-Men-Comics der letzten Jahre gelesen um zu wissen, ob es dafür eine Erklärung gab oder nicht. Aus narrativer Sicht akzeptiere ich es einfach. So eine Geschichte funktioniert mit einem gealterten Revolver-, bzw. Klauenhelden halt deutlich besser, als mit einem der aussieht, als wäre er Mitte 30.

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