| Nagel, Karl |
|
| Geschrieben von Thomas | |
| Sonntag, 11. September 2005 | |
Anfang des Jahres öffnete in Hamburg die Alligator Farm ihre Tore, ein "Studio für Comic und Illustration". Dort sollen in Teamarbeit diverse Comicprojekte umgesetzt werden, vor allem von jungen Nachwuchszeichnern, die aber von erfahrenen alten Hasen wie z.B. Wittek unterstützt werden. Wir haben uns mit Karl Nagel, dem Gründer und Finanzier der Alligator Farm, über das Studio und seine Pläne unterhalten.2004 erweckte Nagel "Fantastrips" als Online-Magazin wieder zum Leben und gründete Anfang 2005 die Alligator Farm. Comicgate: Wie ist das Projekt "Alligatorfarm" zustande gekommen? Karl Nagel: Im Grunde genommen ist es eine ganz alte Idee. Um 1980 herum hatte ich das Comicmagazin "Fantastrips" gestartet. Das hatte sich die Aufgabe gestellt, ein Dach für Zeichner aus dem deutschsprachigen Raum zu sein. Ich war damals noch ziemlich jung, 19 Jahre, und wie das bei Projekten so ist in dem Alter: man hat keine Freundin, hat sonst nichts besseres zu tun, also macht man halt irgendein Fanzine oder ein Magazin. Ich war unerfahren, hatte aber hochfliegende Träume, und dazu gehörte u.a. auch, mal mit anderen Leuten zusammen ein Studio zu gründen. Am Ende ist das aber alles an unserer Unerfahrenheit gescheitert. Die Sache hat sich in Luft aufgelöst, irgendwann war ich pleite, hab mir 'ne Lederjacke geholt, mir die Haare bunt geschnitten und "leckt mich alle am Arsch" gesagt. Für mich war Ende 1981 die ganze Comicgeschichte erledigt. Ich habe mich zwar immer noch damit beschäftigt, meine Sammlung, v.a. Sekundärliteratur, wurde immer größer, aber ich hatte nichts mehr mit der Szene zu tun. Dann habe ich einfach diese Wohnung angemietet, und es konnte los gehen. Mit Wittek, den ich flüchtig vom Hamburger Comicstammtisch und von der INC. kannte, habe ich dann jemanden gefunden, der zeichnerisch sehr fit ist. Er hatte Lust, an der Sache mitzuwirken, und dann fing ich an, die örtlichen Fachhochschulen, Schulen, Comicläden usw. mit Plakaten zu bestücken, und im Laufe der Zeit trudelten diverse Leute ein. So ist diese Geschichte also gewachsen aus der Reaktivierung eines verschollenen Traums von Anfang der 80er. CG: Wie ging es dann weiter, nachdem die ersten Leute an Bord waren? CG: Wie groß ist im Moment der harte Kern? KN: Der richtig harte Kern besteht aus etwa sieben Leuten, und dann nochmal ungefähr genauso viele, die zwar keine Verantwortung tragen, aber bei den Projekten mitmachen. CG: Eure ersten Projekte heißen "Elbschock", "Alphatier" und "Perry - Unser Mann im All". Wie sehen diese Projekte im Einzelnen aus? Es hat sich dann aber herausgestellt, dass noch nicht viele unserer Zeichner in der Lage sind, solche inhaltlich eher komplexen und sehr emotionalen Geschichten wirklich gut hinzukriegen. So haben wir gemerkt, dass es noch eine Weile dauern wird, bis das "Elbschock"-Projekt fertig wird. Das kann durchaus Anfang nächsten Jahres werden, bis alle Geschichten fertig sind. CG: Den Entwicklungsstand bei "Perry" kann man recht gut mitverfolgen, da ihr das Projekt recht offensiv im Internet präsentiert. In Eurem Forum beim Comicforum, in dem ihr Skizzen und Seitenlayouts präsentiert habt, gab es teilweise recht harsche Kritik. Wie geht man mit sowas um? CG: Wo sollen denn eure Comics erscheinen, im Eigenverlag? KN: Momentan gibt es Gespräche mit Martin Jurgeit von der COMIXENE (die haben ja mit JNK einen eigenen Vertrieb). Diese Gespräche sind zwar noch nicht abgeschlossen, aber es sieht ganz gut aus. Wir werden sicherlich keine Mörder-Auflage machen, wir können ja auch gar nicht einschätzen, wie gut sich das Ding verkauft. So zwischen 2.000 und 4.000 werden wir wohl machen und dann gucken wir, was passiert. CG: "Alphatier" wird dann das nächste Projekt nach "Perry"? Aber nochmal zurück zum Thema "offensive Werbung im Internet": Das hat natürlich damit zu tun, dass es mir wichtig ist, in den nächsten Monaten auch überregional weitere Leute in das Projekt einzubinden. Normalerweise arbeite ich auch als Programmierer, und da habe ich ein Content Management System geschrieben, mit der u.a. die Fantastrips-Seite verwaltet wird. Ich bin dabei, dieses CMS zu einem Tool auszubauen, mit dem man gemeinsam einen Comic produzieren kann. Beispiel: man legt ein Projekt an, z.B. Perry #133, dazu gibt es dann Infos wie Plot, Seitenbeschreibungen, Charaktere usw. Dann kann man z.B. zu jeder Seite Bilder aufladen, man kann zu jedem Thema eigene Vorschläge machen, ähnlich wie in einem Forum. Aber die Struktur folgt dem jeweiligen Projekt, also z.B. seitenweise oder nach Designthemen oder inhaltlichen Fragen. Auf diese Art möchte ich versuchen, auch Leuten von außerhalb Hamburgs die Gelegenheit zu geben, bei diesem Studioprojekt mitzuarbeiten. Und da muss natürlich vorher entsprechend die Trommel gerührt werden. Ich habe schon den Eindruck, dass es daran großes Interesse gibt. In ein paar Wochen wird es damit wohl losgehen. CG: Lass uns zum Thema Geld kommen. Wie ist die "Alligatorfarm" finanziert, wer trägt die Kosten? KN: Ich trage alles komplett alleine. Man muss es sich so vorstellen: es gibt mehrere Räume (zusammen mit Küche, Toilette und Flur sind es 76 m²). Es ist nicht riesig, aber wir haben eine recht große Bibliothek mit Lehrmaterial. Das technische Equipment ist okay, vom A3-Scanner über Laser- und Tintenstrahldrucker bis zu ein paar Computern. Das hat sich teilweise durch meinen Programmierer-Beruf ergeben, und im Prinzip hab ich hier einfach meine persönliche Sammlung reingestellt. So musste ich nicht viel Extra-Geld für Hardware, Bücher u.ä. ausgeben. Auf der anderen Seite fallen natürlich Miete und laufende Kosten an, die ich versuche, mit meinem Beruf zu erwirtschaften. Das sind ungefähr Kosten von 800 bis 1000 Euro im Monat seit Anfang des Jahres, ohne dass wir bisher nur einen müden Euro umgesetzt haben. Das ist natürlich kein Spaß! Aber andererseits kann man das auch absetzen, und ich sage mir, das wird schon irgendwie gut gehen. Den Leuten, die hier mitmachen, ist auch völlig klar, dass es ein Gemeinschaftsprojekt ist, und ich habe mich erstmal nicht mit so Sachen wie Honoraren belastet. Später, wenn die Dinger dann laufen, wenn was draus wird, dann wird man halt schauen, inwiefern man die bisherigen Kosten davon tragen kann und wie man die Überschüsse verteilt. Falls es denn jemals so weit kommt - bei 2.000 bis 4.000 Heften kann man keine großen Gewinne erwirtschaften. Aber mir persönlich ist es einfach wichtig, das Ding so durchzuziehen. Wenn mir eine Sache sehr wichtig ist, dann gehe ich zwar nicht unbedingt über Leichen, aber ich bin dann ziemlich radikal bei der Umsetzung und versuche das unbedingt durchzuziehen. Wenn das dann Geld und Energie kostet, dann muss man da eben durch... Andere rauchen, saufen, fahren Auto oder haben eine teure Freundin - hab ich alles nicht, insofern leiste ich mir diesen Spaß. CG: Da kann ich dir nur einen langen Atem wünschen... KN: Das kann alles auch wieder zusammenbrechen - wenn es beruflich mal wieder schlechter laufen sollte, dann ist es durchaus möglich, dass die Sache hier wieder zusammenklappt. Aber was soll man da machen? Es gibt keine Sicherheit, ich mach's einfach solange, wie es geht. Wenn es irgendwann nicht mehr gehen sollte - Pech gehabt. Aber ich habe keine Alternative dazu - mit Risiko habe ich jedenfalls keine Probleme. CG: Würdest du sagen, dass die Alligatorfarm gewissermaßen "Punk" ist? KN: "Punk" ist vielleicht zuviel des Guten, aber es gab mal einen bestimmten Begriff in der Punkszene, der nannte sich "DO IT YOURSELF". Der Hintergedanke ist, nicht zu warten, bis dir irgendjemand den Arsch abputzt und dir den Müll aus dem Weg räumt und dir tolle Sachen anliefert, sondern zu sagen: "Hey, ich mach's einfach selbst." Und das ist genau der Punkt: ich erwarte eigentlich von niemandem was, ich mach's einfach selbst. Ich möchte einfach eine gute Sache durchziehen und ich glaube daran, dass gute Sachen entstehen, wenn man viel Power in etwas reinsteckt. Ich möchte mit den Leuten hier gute Sachen machen - alles, was ich hier rumliegen sehe, gibt mir das Gefühl, dass sich die Energie auch lohnt, die man hier reinsteckt. Es ist insofern nicht Punk, weil es kein chaotisches Prinzip ist, dem Zufall ausgesetzt, bei dem man mal schaut, was dabei rauskommt. Hier werden schon konkrete Ziele vorgegeben. Aber es ist auch deswegen "Do it yourself", weil das Thema Geld nicht im Vordergrund steht. Es geht nicht um klassische Kommerzialität, sondern auch ums Spaß haben, und keine Sklavennummer daraus zu machen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich damit Dingen, die ich einmal behauptet habe, untreu werde. Fairness ist für mich ganz wichtig. Ich will kein Imperium mit 1.000 Sklaven aufbauen, sondern lieber mit Leuten auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Da ich nunmal der Älteste von uns allen bin und in der Lage bin, das zu finanzieren, stecke ich mein Geld und meine Erfahrung rein. Das ist der Teil, den ich leisten kann. Die anderen müssen dann eben ihre Power, ihre Begeisterung und ihre Zeichentalente einbringen. CG: Zeichnest du selber auch? KN: Ich zeichne, aber das hält sich sehr in Grenzen. Vielleicht werde ich ein paar Seiten tuschen, aber ich hatte nie die Energie, wirklich soviel Zeit mit Zeichnen zu verbringen. Ich hatte immer alles mögliche im Kopf, ich habe jahrelang Musik gemacht, den ganzen APPD-Kram usw. Ich habe mich dem Zeichnen nie so stark gewidmet, dass ich hätte gut werden können. Aber trotzdem hat es mich immer interessiert. Mit anderen Leuten zusammen 'nen Comicverlag und ein Studio zu machen - ich denke, das ist schon 'ne klasse Sache! CG: Das ist also quasi ein langgehegter Traum, den du dir jetzt verwirklicht hast. KN: Aber hallo! Für mich ist das momentan der letzte große Traum, den ich noch auf der Rechnung hatte. Im Grunde habe ich schon alles gemacht, was mir wirklich wichtig war. Jetzt bin ich sogar noch Vater geworden vor zweieinhalb Jahren - und damit ist für mich 'ne Menge abgegessen, aber das Zeichnen ist noch übriggeblieben. Damit war klar, dass das jetzt ansteht. CG: Ein anderes Thema, mit dem du dich jetzt auch wieder beschäftigst, ist die APPD. Die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands tritt ja zur Bundestagswahl wieder an. CG: Insofern passt es ja auch ganz gut, dass ihr mit der PARTEI, die aus der Titanic-Redaktion hervorging, kooperieren wollt. KN: Ja, aber da wird wohl eher nichts daraus werden. Wir haben vor ein paar Wochen länger telefoniert und wollten einiges zusammen machen. Aber das hat sich dann eher zu einer Einbahnstraße entwickelt. Im Prinzip kann man eh nicht soviel zusammen machen, die sind auch auf einem anderen Trip als wir. Bei denen erschöpft sich das Ganze eigentlich in ein oder zwei Parolen - "Das Merkel darf nicht Kanzler werden" und "Die Mauer muss wieder her". Mehr sehe ich da nicht drin und finde das eher ein bisschen dünn. CG: Aber der Geist, der dahintersteckt, die Motivation bei einer Bundestagswahl ernsthaft (oder auch nicht so ernsthaft) mitzumachen, ist schon ähnlich, oder? KN: Der ist mit Sicherheit ähnlich: einfach dieses Gefühl, dass man sich in dem existierenden Parteienzirkel überhaupt nicht wiederfindet, dass das wie ein Blick auf einen anderen Planeten ist. Und dieses Gefühl spiegelt sich dann darin, einfach selbst eine eigene Partei zu machen und auf die Gesetzmäßigkeiten, die man für so irre hält, nochmal einen draufzusetzen. So gesehen sind die Rezepturen schon ähnlich, und wenn das nicht so wäre, hätten wir die auch gar nicht angerufen. CG: Ich bedanke mich für das Interview und wünsche der Alligatorfarm viel Erfolg mit ihren Projekten! Alligatorfarm Forum der Alligatorfarm im Comicforum Übersicht über alle Perry-Rhodan-Comics (Eintrag in der "Perrypedia") Fantastrips Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands Kommentare (0)
![]() Kommentar schreiben
|
















Anfang des Jahres öffnete in Hamburg die 