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von Thomas Kögel Mittwoch, 10. März 2010

 Die Britin Posy Simmonds, deren Name bei uns bisher kaum bekannt war, kennt man in England vor allem durch ihre Tätigkeit als Cartoonistin für die Tageszeitung The Guardian, wo ihre Arbeiten seit den 70er Jahren erscheinen. Auch Tamara Drewe, ihre zweite lange Comicgeschichte (und die erste, die nun in Deutschland veröffentlicht wird) erschien zunächst als Fortsetzungs-Story im Guardian. Sie erzählt darin von einer ländlich-bürgerlichen Idylle im kleinen englischen Nest Stonefield, die eines Tages gründlich durcheinandergerät, als eine junge, sehr attraktive Frau im Dorf einzieht.

Tamara Drewe arbeitet als Klatschkolumnistin in London und bezieht nun ein ehemaliges Bauernhaus in Stonefield, in dem bis vor kurzem ihre verstorbene Mutter gelebt hatte. Sie ist jung, charmant und sexy, so dass Stonefields männliche Bewohner sofort in ihren Bann gezogen werden. Die Ruhe des Dorfes möchte Tamara nutzen, um einen Roman zu schreiben. Dies tun dort auch mehrere andere Autoren, die sich im Cottage von Beth Hardiman eingemietet haben, einem "Arbeitsrefugium für Schriftsteller". Beth führt diese Autorenresidenz als patente Managerin, während ihr Ehemann Nicholas ebenfalls schreibt. Er ist Autor einer Bestseller-Krimiserie und damit ein ziemlich prominenter Schriftsteller. Weitere Figuren, die wir kennenlernen, sind der hemdsärmelige Gärtner Andy und die beiden Teenager-Mädchen Casey und Jody.

 Am Ende des Buches werden sich all diese Figuren und die Verhältnisse zwischen ihnen stark verändert haben, und einige werden nicht mehr am Leben sein. Das Auftreten von Tamara Drewe verändert alles, eine Art Kettenreaktion kommt in Gang. Davon erzählt Posy Simmonds, indem sie das Geschehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet: in tagebuchartigen Berichten, die abwechselnd von verschiedenen Protagonisten stammen. Tamara, die vermeintliche Hauptfigur, tritt allerdings nicht als Erzählerin auf. Das passt zu der passiven Rolle, die sie in dem Comic spielt: sie ist ein Fremdkörper von außen, der die bestehende Ordnung verändert, ohne dies aktiv voranzutreiben. Allein durch ihre Anwesenheit kommt die Handlung in Gang.

Die Geschichte basiert lose auf dem Roman Far from the Madding Crowd (Am grünen Rand der Welt) von Thomas Hardy, der 1874 erschien, zunächst als Fortsetzungsgeschichte, genau wie Tamara Drewe. Auch dort geht es um eine junge Frau, die in ein ländliches Idyll kommt, wo mehrere Verehrer mit teils verhängnisvollen Folgen um sie buhlen. Trotz dieses Rückgriffs auf ein klassisches Werk ist Posy Simmonds Comic ganz und gar gegenwärtig. Die Autorin erzählt nicht nur eine vordergründige Handlung (in der auch E-Mails und SMS eine wichtige Rolle spielen) sondern beschreibt auch ein ganz bestimmtes Milieu, das eindeutig in der Jetztzeit angesiedelt ist: die eitlen, selbstverliebten Schriftsteller, die Londoner Bohèmes, denen das Dorf als Rückzugsort dient, aber auch die gelangweilten Teenager, denen das Leben in ihrem kleinen Kuhkaff zum Hals heraushängt. Sie alle porträtiert Posy Simmonds sehr einfühlsam und mit einer Prise sanftem Spott, der sich über die Figuren amüsiert, ohne sie ins Lächerliche zu ziehen. Man könnte sagen, Tamara Drewe ist ein bisschen wie eine britische Variante von Desperate Housewives (was gar nicht so negativ gemeint ist, wie es vielleicht klingt).

 Solche Themen und Inhalte sind für einen Comic eher ungewöhnlich, aber auch die Form ist extravagant: Neben den Comicpanels stehen regelmäßig längere Textpassagen, die in unterschiedlichen Schriftarten gesetzt sind, je nachdem, aus wessen Perspektive gerade erzählt wird. Man könnte zunächst befürchten, dass dies den Lesefluss behindert und der Prosatext Dinge beschreibt, die man ohnehin in den Bildern sieht. Dies ist jedoch nicht der Fall, beide Ausdrucksformen harmonieren sehr gut und ergeben ein organisches Ganzes.

Posy Simmonds' Zeichnungen sind, ähnlich wie ihr Erzählstil, auf angenehme Weise unspektakulär. Sie schildert die Vorgänge realistisch, ohne Effekthascherei, in matten Farben und feinen Linien. Die Spannung, die nach und nach aufkommt, entwickelt sich eher beiläufig, so dass beim Leser unmerklich ein Sog entsteht, der ihn mehr und mehr in die Handlung und das beschriebene Milieu hineinzieht. Am Ende angekommen, hat man die Protagonisten über ein knappes Jahr Erzählzeit begleitet und hat tatsächlich das Gefühl, sie kennengelernt zu haben. Wenn Literatur so etwas erreicht, ist sie gelungen.


Tamara Drewe
Reprodukt
, Januar 2010
Text und Zeichnungen: Posy Simmonds
Softcover mit Klappenbroschur, farbig; 136 Seiten, 20 Euro
ISBN; 978-3-941099-31-9

Gut
Feine Mischung aus Milieustudie und Drama

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Abbildungen: © Reprodukt



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