Puh, Nicolas Fructus verlangt den Lesern seines Erstlingswerkes wirklich
eine Menge ab. Wie bei meiner Besprechung zu Band 1, „Der Narr ohne Namen“,
bereits erwähnt, lebt sein Comic vom fantastischen und atmosphärisch dichten
Innenleben von Thorinth. Letzteres ist der Name eines Labyrinths, welches sich
in einem gigantischen Turm befindet. Hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt,
entwickelte sich darin eine wahnwitzige Zivilisation, die irgendwo zwischen
Kitsch und Wahnsinn rangiert.
Doch in welche Richtung hat sich Fructus' Geschichte in den beiden
Folgebänden „Die Sogromzüchter“ und „Der vertikale Kaiser“ weiterbewegt? Vor
allen Dingen dringt man als Leser immer tiefer in die gesellschaftlichen
Strukturen von Thorinth ein. Man lernt Herrscher, Intriganten und Gruppierungen
kennen und bekommt Ansätze von größeren Zusammenhängen geliefert. In diesem
Zuge tritt auch, vor allem in Band 3, der nicht näher benannte Hauptakteur der
Reihe und dessen eigentliche Rettungsmission gleich mit ihm in den Hintergrund.
Das hat auch damit zu tun, dass er die Frau, die er im Turm suchte, findet.
Unnötig zu erwähnen, dass die Geschichte damit nicht so einfach zu einem Happy
End kommt. Tatsächlich spielt die Geliebte eine entscheidende Rolle in einem sich
anbahnenden Konflikt, der wohl erst in den beiden noch ausstehenden Alben
weiter entfaltet wird.
Um aber keine voreiligen Schlüsse zuzulassen: Thorinth ist und bleibt
storytechnisch völlig verwirrend und damit einhergehend aus meiner Sicht auch
mangelhaft. Nicolas Fructus liefert einerseits Antworten, ohne aber präzise zu
werden. Vielmehr sorgen stets neu eingeführte Charaktere und Lokalitäten für
für eine bedenkliche hohe Anhäufung von Fragezeichen beim Lesen. Das sorgt schnell
für Frustration.
Zumindest sagt mir mein Gefühl nach drei von fünf Bänden, dass hier
vielleicht etwas weniger mehr gewesen wäre. Fructus überlädt seine grafisch
anspruchsvollen Bilder mit zuviel Inhalt. Zugegeben, ein überbordender Plot
lässt sich aufgrund der schrägen Thematik, Fantasy als Psychotrip, nicht
gänzlich vermeiden, aber wenn man als Leser fast überhaupt keinen Sinn mehr herausdestillieren
kann, dann muss man als Künstler seinen Comic schon sehr geschickt gestalten,
sonst langweilt er auf Dauer. Und leider hat Thorinth diesen Zustand bei mir
mittlerweile erreicht.
Optisch überzeugt die Reihe nach wie vor, die Zeichnungen sind es
schließlich auch, die allein beim Durchblättern relativ klar darauf hin deuten,
dass man ein Fantasywerk vor sich hat. Strukturell wird aber nach meinem
Empfinden auch bei konkreter Beschäftigung mit dem Comic die Chance verpasst,
den letzten Schritt auf eine surreale Ebene zu wagen. Thorinth nähert sich
dieser grundlegend schon, immerhin jongliert es thematisch etwa mit
Seelenfressern, Bewusstseinsforschung oder psychoaktive Drogen. Ein Mix, der
prädestiniert scheint, um in völlig unerwarteter Weise mit dem Fantasygenre zu brechen oder dieses
zumindest ad absurdum zu führen. Schade eigentlich, dass dies nicht geschieht und diesem
ambitionierten Projekt dadurch der entscheidende Kick fehlt.
Optisch brilliert die Serie weiterhin, aber der undurchsichtige Plot sorgt schnell für Überforderung
Thorinth 2: Die Sogromzüchter
Splitter, Dezember 2009
Text/Zeichnungen: Nicolas Fructus
56 Seiten, Hardcover, 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-033-0
 
Thorinth 3: Der vertikale
Kaiser
Splitter, Februar 2010
Text/Zeichnungen: Nicolas Fructus
56 Seiten, Hardcover, 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-034-7

Abbildungen: © Splitter Verlag

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