Wenn sich im Weltall zwei Superhelden, der eine ohne Beine und der
andere ohne Schädeldecke, über die Gesangskünste des ersteren
unterhalten, dann befindet man sich mit großer Sicherheit im
Marvel-Universum. Dann muss man schon ein echter Marvel-Zombie sein,
ein bekennender Fan des Hauses der Ideen, um den entsprechenden Comic
nicht aus der Hand zu legen. Doch wenn man mit diesen Helden genauso
vertraut ist, wie Autor Robert Kirkman (The Walking Dead), dann wird man sich nicht nur über den Sammelband Marvel Zombies Collection
freuen, sondern den parodistischen Zombies sein Herz schenken, und dazu
seine Gedärme, sein Hirn und seine abgetrennten Gliedmaßen.
Spider-Man, Wolverine, Thor, die Fantastischen Vier und Co.: Die Protagonisten von Marvel Zombies Collection sind seit über 40 Jahren alte Bekannte. Ungewöhnlich sind diesmal nur ihre auffallend pervertierten Kiefer, ihr Geifer und ihr unstillbarer Hunger nach Menschenfleisch. Die Ausgangssituation des Comics lautet wie folgt: Sentry infiziert die Helden mit einem außerirdischen Virus, der sie zu untoten Superheldenzombies werden lässt. Betracht man die ganze Geschichte aus der Marvel-Zombie-Perspektive, also durch die Augen eines treuen Fans, scheint alles total logisch: Das Marvel Wiki fügt die alternative Erde-2149 einfach in das bestehende Marvel-Universum ein. Da macht es rein gar nichts aus, dass Colonel America auf der alternativen Erde mal Präsident war, denn jetzt ist er mit Leib und Seele Zombie. Die Kontituität wird auch nicht dadurch gebrochen, dass sein Körper später vom Sohn von Black Panther übernommen wird. Ein bessere Parodie auf das Marvel-Universum gibt es zur Zeit nicht.
Doch im Gegensatz zu jeder anderen Bedrohung lässt Autor Kirkman diesmal kein Schlupfloch, um die Erde zu retten. So wütet die Zombiehorde durch New York, über die Erde, durch die ganze Galaxie und zurück. Kirkman wird in der Marvel Zombies Collection zum Meister der Untoten, da es ihm auf äußerst amüsante Art und Weise gelingt, die Helden nicht in hirnlose Zombies zu verwandeln, sondern ihnen ihre geistigen Kapazitäten und ihre genuinen Superheldenpersönlichkeiten zu lassen. So hat Spider-Man auch als Zombie stets einen flotten Spruch auf seinen verfaulenden Lippen und auch der Hulk bleibt Banner, bleibt der Hulk. Getrost hätte man aber auf Ash Williams, den Held aus Sam Raimis Evil Dead-Filmen, verzichten können, denn neben den wirklichen Helden will er einfach nicht witzig sein.
Um den unbändigen Hunger der Heldenbande zu stillen, wird das Menschenfleisch nur so in sich reingeschaufelt. Während sich Zeichner Sean Phillips (Hellblazer, Sleeper) fast durchgehend an eine klassische Erzählweise hält, bricht auch sein grafischer Hunger manchmal mit ihm durch. Der Brite nutzt kurze Abfolgen von Panels, in denen nur Zähne, Blut und Gedärme zu sehen sind. In diesen Zwischensequenzen machen die Marvel Zombies auch aus Galactus innerhalb einer Seite Hackfleisch. Die Zeichnungen verleihen der Geschichte genau die richtige Aufmerksamkeit, ohne dabei zu aufdringlich zu sein.
Dieses marvelsche Necronomicon, das voller Freude mit den bekannten Superhelden- sowie Zombiestereotypen spielt, schließt mit einer wunderschön-schaurigen Hommage auf die legendären Cover aus dem Marvel-Universum. Wie in Rost getaucht wirken die „Days of Future Past“ und auch Daredevils Augäpfel bekommen eine Sonderbehandlung. Der Künstler Arthur Suydam hat die Cover grafisch mit seinem ganz eigenen Virus infiziert. Als kleines Manko lässt sich nur die Reihenfolge der einzelnen Geschichten anführen, die für etwas Verwirrung sorgt: Das Kapitel "Marvel Massaker", das erst auf Seite 233 anfängt, hätte doch eingentlich die Zombie-Saga einleiten sollen, oder fehlt mir jetzt auch schon das Hirn, um das zu begreifen?
Marvel Zombies Collection
Panini Comics, Januar 2010
Text: Robert Kirkman
Zeichnungen: Sean Phillips, Arthur Suydam
Softcover, farbig; Euro: 29,95 Euro
ISBN: 4191645929958
Ein amüsanter Superhelden-Comic mit viel Hirn …
Abbildungen © Sean Phillips/Arthur Suydam, der dt. Ausgabe Panini Comics

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