| Palästina |
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| Geschrieben von Andreas Völlinger | |||
| Freitag, 5. Februar 2010 | |||
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Die dortige Spirale von Gewalt und Gegengewalt ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einer derart gegenwärtigen medialen Tapete geworden, dass die Vorstellung eines Nahen Ostens, in dem Israel und ein noch zu gründender Palästinenserstaat friedlich co-existieren, wie eine Fieberfantasie erscheinen. Die jüngste Gaza-Abriegelung beweist, dass trotz kleiner Fortschritte wie der Einrichtung zweier palästinensischer Autonomiegebiete, eine friedliche Zweistaatenlösung immer noch in aberwitziger Ferne liegt. Vor diesem Hintergrund macht die Wiederveröffentlichung von Joe Saccos bereits leicht betagter Comicreportage durchaus Sinn. Ursprünglich erschienen seine aufgezeichneten Erlebnisse aus den besetzten Palästinensergebieten in den USA von 1993 bis 1995 in Heftform, 2001 erstmals gesammelt. Nach der deutschen Erstausgabe bei Zweitausendeins im Jahr 2004 liegt nun die Neuausgabe bei Edition Moderne vor, inklusive einer Einleitung des Nahost-erprobten TV-Korrespondenten Ulrich Tilgner und eines neuen Vorworts von Sacco. In diesem verrät der studierte Journalist und autodidaktische Comickünstler, dass es damals die starke Einseitigkeit in der Berichterstattung der amerikanischen Massenmedien zum Thema Palästina war, die letztendlich zu seiner Reise nach Israel und in die besetzten Gebiete führte. Sein ehrgeiziges Ziel: Die Palästinenser kennenzulernen und die Konfliktursachen auf ihrer Seite zu erforschen. Erträglich wird die harte Lesekost jedoch durch immer wieder aufblitzenden sarkastischen Humor – für Sacco offenbar auch ein Mittel zum Selbstschutz angesichts des Wahnsinns um ihn – sowie den makabren Unterhaltungswert der skurrilen bis bizarren Situationen, in denen sich der Künstler/Journalist immer wieder vorfindet. Zudem spart Sacco auch nicht an Selbstironie und -kritik, wenn er wiederholt seine Sensationssucht, seine Suche nach Gewalt und besonders schockierenden Geschichten, die beeindruckende Bilder für seinen Comic abgeben, thematisiert. So spricht er sich im Verlauf einer in Tumult ausartenden Demonstration mit dem gebetsmühlenartigen Mantra "Es ist gut für den Comic" Mut zu und bedauert es ausdrücklich, den Anblick eines als Spätfolge von Tränengas deformierten Babys verpasst zu haben. Überraschend offene Aussagen wie "[…] und seien wir ehrlich, meine Comics brauchen Konflikte; mit Frieden ist kein Blumentopf zu gewinnen" transzendieren dann auch leicht zur Kritik am politischen Journalismus an sich – oder aber am Publikum, das nach derartigen Konflikten giert. Doch genau hier offenbart sich auch die große Stärke des Comics als Reportagemedium: Da der Leser bei dessen Rezeption eine viel stärkere Eigenleistung erbringen muss (oder darf?) als beim eher passiven Konsum von TV-Bildern, läuft die Auseinandersetzung mit dem Gebotenen auf einem ganz anderen Niveau ab. Saccos gezeichnete Reportage zieht den Leser in die palästinensische Lebenswelt, macht ihn selbst zum Augenzeugen. In Comicform wachsen die Berichte über die bloße Wiedergabe hinaus, beeindrucken, berühren und ermöglichen es, sich mit den jeweiligen Personen zu identifizieren. Die Palästinenser werden zu mehr als die Steine werfenden Demonstranten, wehklagenden Opfer, skandierenden Hamas-Sympathisanten oder Fatah-Anhänger, die man aus dem Fernsehen kennt. Es sind Schreiner, Lehrer, Olivenbauern, Krankenschwestern und Studenten. Mütter, die um ihre Kinder fürchten, Väter, die um ihre getöteten Söhne trauern. Menschen mit Träumen und Wünschen, welche durch ihre Umgebung allesamt im Keim erstickt werden. Der Abbau medialer Distanz zu ihnen ist die große Leistung von Palästina. Fast als Nebenprodukt legt Saccos Annäherungsweise die Wurzeln des unseligen Dreiecks aus Extremismus, Terrorismus und religiösem Fanatismus offen. Die von ihm beschriebenen vielfältigen Schikanen und Demütigungen, denen sich die Mehrheit der Palästinenser von Kindheit an ausgesetzt sieht, die unerträgliche Situation, eine Art Gefangener in einer abgeriegelten und ständig kontrollierten Region zu sein, offenbaren sich in aller Deutlichkeit als eine der Grundlagen für den Erfolg der radikal-fundamentalistischen Hamas. Auch mit der durchgehend hohen Textintensität geht Sacco beachtenswert kreativ um: Oft hängen die Textboxen schräg, scheinen aufgeregt durchs Bild zu fliegen, überschneiden sich, purzeln übereinander und brechen immer wieder aus dem einheitlichen Rechteck-Schema aus. Palästina ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie selbst große Textfülle in einen Comic integriert und zu einem organischen Teil der Zeichnungen werden kann. Nur in einem Abschnitt tritt der Text wirklich komplett in den Vordergrund und degradiert die Bilder zum illustrierenden Begleitwerk. Ganz so, als ob Sacco einmal ausloten wollte, wie weit er gehen kann, bis er die Grenze zwischen Comic und bebildertem Buch überschreitet. (An dieser Stelle ist übrigens auch ein großes Lob für Gerhard Försters kunstvolles Lettering der deutschen Version fällig, das sich nahtlos in Saccos Vorlage einfügt.) Aufgrund der hohen Text- und Bildmenge liest man dieses Comicschwergewicht sicherlich nicht an einem Abend weg, sondern häppchenweise – was auch angesichts der Fülle von aufwühlenden oder deprimierenden Episoden empfehlenswert ist. Und nach der Lektüre ist die mediale Abstumpfung gegenüber Berichten aus den palästinensischen Gebieten vielleicht stark genug aufgeweicht, um wieder die menschlichen Schicksale hinter den Schlagzeilen und Bildern zu erkennen. Damit hätte Joe Sacco sein Ziel erreicht. Palästina Edition Moderne, Oktober 2009 Text und Zeichnungen: Joe Sacco 288 Seiten, schwarz-weiß, 26,- Euro ISBN 978-3-03731-050-2
Abbildungen: © Edition Moderne
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