Alles in allem verstörend. So oder so ähnlich würde
ich jemandem antworten, der mich nach einer Beschreibung zu Codex
Angélique fragen würde. Die im französischen Original in drei Alben
veröffentlichte Serie liegt in der Ehapa Comic Collection als All-in-One-Edition vor.
Wie bei einigen dieser Ausgaben zuvor gibt es auch bei dieser Licht
und Schatten zu konstatieren. Leider wird man des anfänglich recht
interessanten Settings recht schnell überdrüssig, spätestens wenn sich
die Handlung komplett in den Wirren von Mystik und Übersinnlichem
verstrickt.
Einen Strick dreht sich Autor Thierry Gloris auch, indem er
die ruhige Erzählebene allzu vorzeitig durch einen rasanteren, aber
deutlich oberflächlicheren Plot sabotiert. So actiongeladen sich die
Geschichte von Gloris entwickelt, so harmlos, im positiven Sinne, beginnt
sie: Thomas, ein unauffälliger junger Student in Paris, betäubt sich
regelmäßig mit Absinth und Opium, um den Abgründen seiner Familie zu
entfliehen. Letztere Tatsache fungiert für den Storyaufbau als durchaus
ansehnlicher Kontrastpunkt, der mit seiner pessimistischen Grundnatur
gehörig im Widerspruch zum damals vorherrschenden Zeitgeist der Belle
Epoque (der etwa 30-jährige Zeitraum in Europa um 1900
herum) fungiert.
Bis hierhin ist Codex Angélique die gelungene
Charakterstudie eines gebrochenen Jugendlichen, der bei seinem
scheinbar verrückten Onkel lebt. Dieser versucht nämlich seit geraumer
Zeit, Thomas' verstorbene und nun tiefgefroren im Laboratorium des
Onkels vor sich hin vegetierende Mutter zum Leben zu erwecken.
Endgültig in seinem Wahn bestätigt wird Onkel Ernest, als ihm
schließlich das obskure Buch "Codex Angélique, das Kompendium der Engel"
in die Hände fällt. Ab hier wird es auch für den Leser mehr als
anstrengend, der eigentlichen Story zu folgen: Der Plan zur
Wiederbelebung sieht die Benutzung einer absurden Apparatur vor, die
der Forschung Dr. Frankensteins in nichts nachsteht. Ein Engel soll
entführt und gefangen werden und Gott dadurch erpresst werden, Thomas'
Mutter aus der Vorhölle zu entlassen.
Ohne zu viel zu verraten,
markiert das Ergebnis dieses wirren Vorhabens erst den Startpunkt für
eine surreale Geschichte, die sich beständig in ihrer Irrationalität
hochschaukelt.
Leider gereicht dieses Abdriften in allzu übernatürliche Gefilde der
Qualität des Comics aus meiner Sicht nicht zum Vorteil: Die
anfänglich spürbaren Anleihen an H.P. Lovecraft verkommen in den Kapiteln 2
und 3 zu einer unverständlichen und für Logiklöcher anfälligen
Mixtur aus Religionskrimi, Psychotrip und Phantom der Oper. Hört sich
reizvoll an, ist in Wahrheit aber ein halbgares Projekt, das an wenigen
Stellen wirklich überzeugt. Und bevorzugt liegen diese im ersten
Kapitel, dessen Grundstimmung man sich schnell über die gesamte Strecke
gewünscht hätte.
Was den Band versöhnlicher gestaltet, sind Mikaël Bourgouins
fabelhafte Zeichnungen. Dabei möchte ich gar nicht zu lange darauf
herumreiten, wie künstlerisch anspruchsvoll und handwerklich perfekt
sie sind, sondern eher auf die Anpassungsfähigkeit Bourgouins
verweisen: Was einem beim ersten Lesen womöglich nicht sofort ins Auge
auffällt, was dem aufmerksamen Auge des Rezensenten aber natürlich
nicht verborgen bleibt, ist die Tatsache, dass sich die Optik innerhalb
des Gesamtwerkes wandelt. Besonders stark bemerkt man dies, wenn man am
Ende nochmal zu den Anfangsseiten blättert. Während dort nämlich die
Bilder noch zurückhaltender und matter erscheinen und auch die
Personen kantiger gestaltet sind, verliert sich dieser Eindruck später
immer mehr zugunsten glatterer, aufwendigerer Texturen. Das ist auch
durchaus passend, wird somit doch auch von der äußeren Form her die
ruhigere Belle Epoque verlassen und dem übersinnlichen, rasanten Plot
Rechnung getragen.
Nur bei Traumsequenzen oder der Darbietung von
alten Erzählungen innerhalb des Bandes wird man zeichnerisch auch mal
zurückerinnert an den Stil des ersten Kapitels; auch das ist eine
einfallsreiche Anpassung an das aktuelle Geschehen. Das eigentliche
Kernproblem, das ich mit Codex Angélique habe, ist, dass die Kreativen ihre mitunter guten Ideen nicht mutig
genug ausschöpfen. Viele Themen werden tangiert, die eigentlich nur
schlecht harmonieren, weil sie jedes für sich genommen zu knapp und
vereinfacht ausgearbeitet sind, beispielsweise die Geheinisse des Mönchs, der
das albtraumhafte Buch über Engel verfasst hat, oder der deplatziert
wirkende Kurzauftritt von Sigmund Freud.
Insgesamt bleibt dann ein Comic, der realistischer und verständlicher
ist als zum Beispiel die Werke von Daniel Hulet (Extra Muros). Im Gegensatz zu diesen werden
Leser bei Codex Angélique zwar ebenfalls inhaltlich überfordert,
bleiben jedoch nicht unbedingt fasziniert zurück.
Codex Angélique - Kompendium der Engel
Ehapa, Januar 2010
Text: Thierry Gloris
Zeichnungen: Mikaël Bourgouin
144 Seiten, Hardcover; 39,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3339-1
Zeichnerisch stark, storytechnisch ausbaufähig
Abbildungen © Mikaël Bourgouin, der dt. Ausgabe Ehapa Comic Collection

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