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Bone Complete Edition Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniel Wüllner   
Montag, 25. Januar 2010
Bone Complete EditionVor ungefähr 18 Jahren hatte Jeff Smith die Idee für einen Comic, den er erst 13 Jahre und 55 einzelne Comichefte später beenden sollte. Um dieser Odyssee Rechnung zu tragen, hat Smith sein Magnum Opus Bone in Amerika als einzelnen Band veröffentlicht. Die schwarz-weiße Bone Complete Edition ist nun auch auf Deutsch bei Tokyopop erschienen. Ein einziger Comic erzählt die gesamte Geschichte der cartoonigen Helden von ihren ersten unsicheren Schritten bis hin zur finalen Schlacht. Alles in einem einzigen monströsen Ziegelstein von aberwitzigen 1332 Seiten vereint, der nur von einer simplen Klebebindung zusammengehalten wird, auf die später noch genauer eingegangen werden soll.

Das große KuhrennenEin bisschen wie bei Alice im Wunderland werden die Protagonisten, die Vettern Phoney, Fone und Smiley Bone, von dem magisch angehauchten Tal angezogen. Ebenso wie in Lewis Carrolls Klassiker steigen die drei Helden von ihrer kleinen kapitalistischen Heimat in die Fantasiewelt des Tals hinab. Dort sitzen Smiths Figuren zwar nicht auf Pilzen und rauchen Pfeife, doch mutet eine Großmutter, die mit Kühen um die Wette rennt, und ein Zigarre rauchender roter Drache ebenso grotesk an. Trotz ihrer Cartoon-Physiognomie und ihrem Heimatort, dem fernen Boneville, das der Leser nie zu Gesicht bekommen wird, identifiziert man sich bereits auf den ersten Seiten mit diesen menschelnden Figuren. Von der Habgier über die Gutherzigkeit bis hin zur schieren Dämlichkeit vereinen die drei alle menschlichen Grundeigenschaften auf sich.

Einen Sammelband von Bone als Complete Edition zu veröffentlichen, ist per se eine nette Idee, doch liest sich diese Gesamtausgabe eben nicht wie eine autobiografische Roadmap, sondern eher wie der Wunsch, etwas kohärent zu machen. Dabei wird deutlich, dass Smith zu Beginn als Erzähler sehr wohl seine Probleme hatte und erst lernen musste, mit der Geschwindigkeit seiner Geschichte umzugehen. So erfährt der Leser beispielsweise nicht, wie Fones Vettern, Smiley und Phoney, den ersten Winter im Tal überstanden haben. Man kann einem Gesamtwerk nicht böse sein, da es fast schon per definitionem unter den Tisch fallen lässt, wie steinig der Weg des Selbstverlegers Jeff Smith war. Der musste sich abmühen, um überhaupt genug Interesse bei seinen Lesern zu wecken, damit sein Projekt Beachtung findet. Aus diesem Grund verlagert Smith das erzählerische Moment im zweiten Kapitel "Thorn" ausschließlich auf seinen Sympathieträger Fone und ignoriert dessen Vettern gänzlich. Nur durch die Erläuterung dieser doppelten Arbeit, der Verbindung aus kreativer und organisatorischer Planung, ist die holprige Kontinuität der ersten drei Kapitel zu erklären.

In diesen Kapiteln steht noch nicht die große Handlung, das Smith'sche Gesamtwerk, im Vordergrund, sondern das Gespür für Humor und der einzigartige Charme der Figuren. Hier legte Smith den Grundstein für die köstlichsten running gags, die in späteren Kapiteln immer wieder auftauchen sollten: wie zum Beispiel die Beziehung zwischen den beiden "dummen, dummen Rattenmonstern", die sich über die Zubereitung von Fone Bone streiten, während dieser klammheimlich entwischt. Die Geschichte, wie Jeff Smith seine Leser überzeugen konnte weitere Ausgaben zu kaufen, ist leider nicht Teil dieser Bone Complete Edition.

Dennoch hat es natürlich einen Grund, warum Bone zu so einem beliebten und gefeierten Comic wurde und zu Recht die Bezeichnung "für jedes Alter" erhalten hat. In klaren schwarz-weißen Zeichnungen positioniert Smith Gut und Böse so  nah nebeneinander, dass vertraute Grenzen zu verschwimmen drohen. Wenn sich neben der Moral und der Freundschaft die kapitalistische Geschäftemacherei eines Phoney Bone im Tal breit macht, dann ist dies kein Zeichen für gekünstelten Humor, sondern von ungeschönter Menschlichkeit. Als dann auch noch die Existenz der Drachen im Dorf die Runde macht, ist Smiths überzeugende Gesellschaftskritik perfekt. Zwar mag der Holzzaun um Barrelhaven primitiv wirken, doch erfüllt er den gleichen Zweck wie unsere modernen Nacktscanner, die bald an jedem Flughafen stehen sollen: Sie täuschen ein Gefühl von Sicherheit vor. Sicherheit vor dem unsichtbaren Feind, der irgendwo dort draußen droht und vor dem uns Phoney beschützen wird. Doch zu welchem Preis? Smith verwandelt diese Parabel in ein wunderbares Kinderbuch, das nicht aufdringlich, aber eindringlich aufzeigt, was Moral bedeutet und für welche Werte es sich wirklich zu kämpfen lohnt. Es ist eben dieser Spagat zwischen Kinderbuch und Gesellschaftskritik, mit dem sich Smith das Prädikat "für jedes Alter" verdient hat.

Doch leider absolviert die spartanische Ausstattung der Complete Edition diesen Spagat nicht ganz so gut. Bereits beim ersten vorsichtigen Lesevergnügen kann die oben bereits erwähnte "dumme, dumme" Klebebindung dem Druck von 1332 Seiten nicht standhalten. Exakt in der Mitte des Folianten, auf Seite 672, reißt die Bindung auf. Eine hässliche Furche zeichnet sich auf dem Buchrücken ab. Während die Komplettierung in einem Band sicherlich ein Schmankerl für einen Bone-Fan ist, möchte man sicherlich keinen zerfurchten Ziegelstein im Bücherregal stehen haben, den man aus Furcht vor der Zerfall im Regal stehen lassen muss. Ein Stück Populärkultur wie Bone muss einfach von Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen in die Hand genommen und gelesen werden können.



Bone Complete Edition
Tokyopop, Januar 2010
Text und Zeichnungen: Jeff Smith
Übersetzung: Monja Reichert
1332 Seiten, Softcover, schwarz-weiß; 29,95 Euro
ISBN: 978-3-86719-744-1
Feiner Comic in billigem Zwirn


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Abbildungen © Jeff Smith/Tokyopop



Comicgate-Interview mit Jeff Smith auf der Frankfurter Buchmesse 2007


Kommentare (4)add comment

titi said:

...
Es ist ein Comic. Der Inhalt zählt!

Habe den Sammelband auch und mich sehr auf das Durchlesen gefreut. An die Furche habe ich zuletzt denken müssen bei der Lektüre.
25. Januar 2010, 22:44

daniel said:

...
Lieber titi,

selbstverständlich zeichnet sich ein Comic immer erst durch seinen Inhalt aus. Das gilt auch im Fall von Bone , wie von mir beschrieben.

Doch wenn man eine Gesamtausgabe publiziert, dann ist eben die Qualität dieser Präsentation auch von Interesse. Man möchte ja auch bei einem Film, der auf DVD wieder neu aufgelegt wurde, wissen, welche Extras er hat und warum man ihn sich kaufen sollte.

Der Riss auf dem Buchrücken ist nur ein Zeichen für die fehlende Qualität, die man von der amerikanischen Ausgabe übernommen wurde. Wenn die Klebebindung bei einem Buch nicht hält, werden sich schnell auch die einzelnen Seiten lösen. Gerade in der Mitte der Bone-Saga in der Smiths Geschichte am spannendsten ist, möchte man doch keine Seiten verlieren.

Im Vergleich zu den anderen schönen Ausgaben, die Tokyopop anbietet, ist die Complete Edition, meiner Meinung nach, nicht die beste Wahl.

Liebe Grüße,
Daniel Wüllner
26. Januar 2010, 16:03 | url

Ambro said:

...
"Nur durch die Erläuterung dieser doppelten Arbeit, [...] ist die holprige [Balance] der [Rezension] zu erklären."

Oder um es anders zu sagen: Ich bin mir nicht sicher, ob es sinnvoll gewesen wäre, Smiths sehr klassisch und vor allem sympathisch liebevoll erzählte Geschichte in ihren Stilmitteln und Strukturen nochmal hier auszubreiten, aber ein wenig mehr davon und ein kleines bisschen weniger Fokus auf eine miserable Klebebindung, die zumindest bei der mir vorliegenden Ausgabe gar nicht auftrat, hätte der Rezension sicher gut getan. Zumindest bei mir entsteht der Eindruck, dass von einem Kauf definitiv abzuraten sei, dabei würde ich gerade die "Complete Edition" meinen zukünftigen Kindern (und auch sonst allen anderen) wärmstens ans Herz legen, da das aufwändige Organisieren von und das lästige Hantieren mit Einzelausgaben entfällt und man sich ohne Unterbrechung in die Bone-Welt begeben kann. Dafür nähme ich auch ein paar lose Seiten in Kauf, wenn es da tatsächlich nur ein Bruch im Buchrücken sein sollte, erst recht... der darf sich bei einer derart hohen inhaltlichen Qualität gerne in meinem Bücherregal breit machen. Übrigens finde ich auch die anfänglich sehr stark auf Fone Bone konzentrierte Erzählweise recht reizvoll, immerhin kann die Geschichte so im Verlauf weiter ausfächern, weshalb der Leser mit der Komplexität der Geschichte wächst, was gerade für jüngere oder unerfahrenere Leser die Sache einfacher machen dürfte. Zum anderen erzählt Smith sehr graphisch, aber auch sehr stringent. Im Grunde erfährt man auch nicht wie Fone Bone selbst den Winter übersteht, der Winter kommt und Smith erlaubt sich einen elementaren Zeitsprung, der Fone Bone einfach in einer im Winter etablierten Situation zeigt. Das WIE wird auch hier nicht geklärt, was IMO aber nicht problematisch ist, da man sich so nicht in zwar schmückenden aber langsamen Details verheddert. Warum genau dies dann für seine Vettern geklärt werden müsste, ist mir nicht ganz schlüssig, aber sicher auch eine Frage des eigenen Geschmacks.

Grüße
Ambro!
15. Februar 2010, 00:58

Marco said:

...
Ich habe mir vor längerer Zeit die englische Ausgabe über Amazon bestellt, für ca. 15€ ein absolutes Schnäppchen. Da ich Bücher generell sehr vorsichtig lese und z.B. nicht umgekehrt aufgeklappt hinlege, hatte ich auch keinerlei Probleme mit der Bindung. Inhaltlich ist das Buch Gold wert und bereitet viele Stunden Lesevergnügen.
22. Februar 2010, 20:21 | url

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