In Retrospektive betrachtet haben die Schweizer im vergangenen Jahr
nicht gerade zur Verbesserung ihres Ansehens in Europa beigetragen.
Nicht nur der Volksentscheid zum Minarett-Verbot, sondern auch die
nicht ganz unumstrittene Festnahme von Roman Polanski, haben die
Eidgenossen und ihre hoch gelobte Neutralität schlecht aussehen lassen.
Anstatt diese Großereignisse aufs Korn zu nehmen, richtet der
Comiczeichner Ruedi Widmer seinen Blick lieber auf den Schweizer Alltag
und seine Individuen. Durch diese Hintertür gelingt es ihm, neben den
Marketingstrategien der Schweizer Post und neuen Handyangeboten zum
Schluss doch noch kritische Themen, wie eben den Minarettbeschluss,
humoristisch zu hinterfragen. Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt erscheint seit 2000 als wöchentliche Comic-Kolumne in der Winterthurer Zeitung Der Landbote
und liegt nun in gebundener Form vor (Sewicky Verlag). Widmer beweist
in dieser Sammlung, dass Selbstreflexivität sehr wohl ein Schweizer Gut
ist.
Für alle diejenigen, bei denen der Schweizer Name Widmer nur in Verbindung mit dem landesüblichen Prefix „Urs“ ein Glöcklein aufläuten lässt, dem mag vielleicht die Serie Die Wirklichkeit, mit Fleisch nachempfunden aus dem Magazin Titanic ein Begriff sein. Während auf dem Cover des endgültigen deutschen Satiremagazin monatlich relativ plakative Anspielungen auf die politische Situation zu sehen sind, finden sich im Inneren humoristische Perlen, wie eben Ruedi Widmer. In seiner eigenen Comic-Kolumne Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt beweist er ein geschultes Auge für das Alltägliche, dem ein gewisses Maß an Groteske innewohnt. Aus dem Kleinen heraus entwickelt Widmer so seine Anekdoten. Langsam, aber beständig steuern seine Karikaturen, Comics und Bildmontagen auf den Moment der Realisierung zu, an dem der Leser innehält, zurückschaut und sich fragt, ob er vielleicht etwas verpasst habe. Auf engsten Raum zwingt Widmer seine Leser zu eben dieser Reflektion.
In mittlerweile über 500 Comics erzählt Widmer seine kleinen Anekdoten aus der Schweiz und zeigt all die einfältigen Eigenheiten dieser Eidgenossen, denen wir mit unserer deutschen Kleingeistigkeit oftmals in Nichts nachstehen. So regt man sich auch in der Schweiz über die aberwitzigen Angebote bei der Post auf: Widmers Protagonist möchte dort einen Rasenmäher erwerben, wird aber abgewiesen und zum nächsten Schalter verwiesen, da es hier nur Kuchen gebe, wie die Schalterfrau verkündet. Ein kleines Schild bedeutet dem Postkunden, dass das Verschicken von Pakten und Briefen nur bei der Hauptpost möglich und eh langweilig sei. Anstatt verwundert gegen diese skurrilen Verkaufsstrategien zu protestieren, spielt Widmers Figur brav mit und begibt sich zum "Rasenmäher"-Schalter. Der Aufschrei der Entrüstung bleibt dem Leser überlassen.
Wie aber vereinbart Widmer seine groteske Wirklichkeit mit der politischen Reflektion über den Minarett-Entscheid? Ebenso wie er es mit der Schweizer Post tut: Anstatt feuilletonistische Exempel zu statuieren und zu postulieren, ob es moralisch korrekt oder eben nicht sei, gegen die Minarette zu stimmen, schaut Widmer seinen Eidgenossen auf den Mund. Ganz ohne einen ergänzenden, einen erklärenden oder gar einen moralinsauren Kommentar abzugeben, übergibt er das Wort lieber an seine Mitbürger. Seinen unförmigen Figuren legt er Antworten aus einer Strassenumfrage in den Mund und desavouiert so die Unwissenheit über die fremde Religion, die maßgeblich zu dem Volksentscheid beigetragen hat.
Der krakelige Zeichenstil lässt einen Dilettantismus vermuten, der jedoch von Widmer beabsichtigt ist. Ebenso wie das Duo Rattelschneck bemüht sich Widmer erst gar nicht, anatomisch korrekte Figuren zu schaffen oder einen zugänglichen Stil zu entwickeln, er zeichnet einfach drauf los. Sein Kollege Constantin Seibt schreibt dazu: “Widmers Krakelstil ist der Stil der Freiheit. Ungeduldig, wie er ist, ist es der direkteste Weg von der Idee zum Papier.“ Die meisten der Cartoons sehen aus wie in einem Restaurant mal eben schnell auf eine Serviette gezeichnet und versprühen gleichzeitig eben die Genialität dieser oftmals genialen Ideen.
Sowohl Zeichenstil als auch die Alltäglichkeit der Themen machen Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt auf den ersten Blick zu einer leicht verdaulichen Unterhaltung. Unförmige Figuren, die vor einem Selecta-Automaten stehen, aus dem Meissner Porzellan fällt, oder die sich über Gisele Bündchens Pelz aufregen, erfreuen unser Gemüt. Befreit von der allgegenwärtigen Moralkeule der Zeitungskarikaturen führt Widmer seine Leser von den kleinen Aufregern des Alltags hin zu den großen. Ganz unvermittelt stehen wir am Ende des Bandes im Jahre 2009 vor der Abbildung eines McDonald's und der Frage, ob ein Hamburger-Restaurant ein Minarett braucht.
Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt
Sewciky Verlag, Dezember 2009
Text und Zeichnungen: Ruedi Widmer
144 Seiten, Softcover, 100% farbfrei, ca. 19,00 Euro (29,00 SFr).
ISBN: 3952308064

Bestellbar bei www.zappadoing.ch
Abbildungen: © Ruedi Widmer / Sewicky Verlag

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