Der umfangreiche Einzelband Canoe Bay ist ein typisches Beispiel für
einen Comic, bei dem sich der Leser anschließend wohl noch lange an die
faszinierenden Bilder, dafür umso weniger an die seichte Story erinnern wird. Das
ist umso bedauerlicher, da dieser Band mit einer entsprechend nachhaltigen Erzählung
durchaus das Zeug zu einem der Topalben der letzten Jahre gehabt hätte.
Verantwortlich für die Textarbeit ist Tiburce Oger (u.a. Gorn), der in
Canoe Bay die Geschichte eines kleinen Jungen zur Kolonialzeit erzählt. Im 18.
Jahrhundert herrscht gerade die Fehde zwischen Franzosen und Briten auf dem
nordamerikanischen Kontinent und indianische Stämme bekämpfen oder unterstützen
die eine oder die andere Seite. Gefangengenommen und als Schiffsjunge auf einem
britischen Schiff eingesetzt, gerät der Waisenjunge Jack unvermittelt in eine
vom Piraten John Place angezettelte Meuterei. Fortan auf der Flucht vor den eigenen
Landsmännern, begibt sich die abtrünnige Gruppierung auf die Suche nach einem
legendären Schatz.
Die Idee, die sich hinter dieser Handlung verbirgt, ist sicherlich nicht
übel. Und auch die Umsetzung funktioniert für eine stringente Piratenstory.
Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass man das alles irgendwie in
ähnlicher Form bereits kennt: die Perspektive durch die Augen eines
unschuldigen Kindes, ein kauziger Pirat, das große Abenteuer auf einem
Segelschiff. Nicht, dass diese Elemente, auch gerne in Kombination, per se
unantastbar für einen guten Comic wären, aber leider gelingt es Tiburce Oger
hier nicht wirklich, dem Leser viel zu vermitteln. Vielmehr ebbt die Geschichte
so flau ab wie sie begann und weiß keine übermäßige Spannung zu erzeugen. Canoe
Bay kratzt an der Oberfläche, an den Gefahren der Neuen Welt Amerika, an einer
historischen Thematik, die leicht konfus rübergebracht wird und deren Herausarbeitung
im Zuge der allzu aufgesetzten Schatzsuche
stecken bleibt.
Das alles müsste man aber ehrlich gesagt gar nicht mit so kritischem Auge
sehen, wenn die zeichnerische Qualität nicht so hervorstechen würde. Im
Zusammenspiel mit den aquarellfarbenen Gemälden von Patrick Prugne verblasst die
Story schlichtweg. Selten gab es in einem Comic auf diese Weise so spektakuläre
Bilder. Wenn scheue Rehe in einer Waldlichtung Nahrung suchen und die
Melancholie dieser Szene durch einen heranstürmenden Menschen gebrochen wird,
als Kulisse ein unnachahmliches Farbenspiel aus Grün und Braun, das den Wald
noch lebendiger erscheinen lässt, dann ist das ganz großes Kino. Und das ist
nur die Inhaltsbeschreibung der ersten Seite, man kann sich also vorstellen, in
welch euphorischen Zustand man bei weiteren Seiten noch so geraten mag. Prugne
versteht es perfekt, Landschaften für sich zu vereinnahmen, aber auch das Leben
der Ureinwohner Amerikas hat er prägnant getroffen und porträtiert es auf
beeindruckende Weise. Voller Anmut schreiten sie durch die Natur oder erspähen
schon von weitem ankommende Schiffe. Die Farbpalette, die hier innerhalb eines
Panels zum Einsatz kommt, scheint schier unendlich. Und trotz weiter, offener
Kolorierung wurden die agierenden Personen stets mit ganz feinen Konturen
gezeichnet und in das Gesamtbild stimmig eingefügt.
Ganze 25 Bonusseiten in diesem Album sind dann auch der großen Kunst von
Patrick Prugne gewidmet, gefüllt mit Skizzenmaterial und Erläuterungen. Dabei
bekommt man auch nochmal einen tieferen Einblick in den Entstehungsprozess von Canoe
Bay und darf weitere Bilder des Zeichners, teils skizziert, teils fertig
koloriert, bestaunen.
Was bleibt, ist ein Album, das optisch ungemein imposant ist, von dem man
aber nicht die innovativste oder bestgestrickte Handlung erwarten sollte.
Für das Lesen zwischendurch ist Canoe Bay aber allemal gut.
Canoe Bay
Splitter, Dezember 2009
Autor: Tiburce Oger
Zeichner: Patrick Prugne
104 Seiten, farbig, HC, 22,80 Euro
ISBN 978-3-86869-082-8


Abbildungen: © Splitter Verlag

| Ähnliche Artikel: |
|---|
|
Auto-Bio
Cyril Pedrosa ist Comiczeichner (bekannt geworden durch Ring Circus und Drei Schatten) und er ist bekennender Öko.
Beide Fragmente seiner Persönlichkeit bringt er in dem Album Auto-Bio
zusammen. Pedrosa schildert sein Leben als Freund der Umwelt und wie er dieses
an strengen ökologischen Werten auszurichten versucht. In meist nur eine Seite
des Albums einnehmenden Episoden umreißt Pedrosa Alltagsprobleme, auf die er als
Öko gestoßen ist.
|
Engel
In der beschaulichen Gemeinde von Sankt Eustachius halten
sich gleich mehrere Schutzengel auf, zwei von ihnen sind die Freunde Jeliel und
Yesod. Nach dem Selbstmord eines ihrer Schützlinge und der Übernahme des
hiesigen Priesters durch eine dämonische Präsenz, werden die beiden jedoch
zusammen mit dem in dieser Zeit neu geborenen, weiblichen Engel Om nach
Notre-Dame strafversetzt. Dort angekommen, müssen sie an vorderster Front in
den Krieg gegen die dämonischen Armeen eingreifen.
|
Pitt Pistol Gesamtausgabe
Mit der Pitt Pistol-Gesamtausgabe bietet sich Comiclesern
jetzt die Gelegenheit, sich einen echten Klassiker in einem sehr schön
gestalteten Buch komplett zuzulegen. Pitt Pistol ist die Comicserie, die die
erste längere Zusammenarbeit von René Goscinny und Albert Uderzo - einige Jahre,
bevor die beiden den legendären Kulthit Asterix entwickelten und über lange
Zeit betreuen sollten.
|
Tatjana K.- Das Stigma des Longinus
"Da Vinci Code meets (russische) Lara Croft", so oder so ähnlich
kann man den Inhalt des dritten Bandes von Tatjana K. grob umschreiben.
Hauptprotagonistin ist die kurvenreiche
Ex-Agentin einer sowjetischen Sondereinheit, Tatjana Kovolenko, die sich
unlängst der aktivistischen Gruppierung "Die letzte Abteilung" angeschlossen
hat. Diese bekämpft ökologische Bedrohungen, d.h. Kovolenko und ihre
Mitstreiter schreiten immer dann ein, wo korrupte Politiker, überambitionierte
Wissenschaftler oder profitfixierte Wirtschaftsunternehmer das Gleichgewicht
der Umwelt stören.
|
Marlysa 6
Sie trägt eine elegante Maske und ist so sehr Heldin, wie
sie gut aussieht. Blond, lange Beine, schwellender Busen, und wenn sie ihre
Klinge zieht, erlebt der Betrachter eine anmutige, akrobatische Zirkusnummer.
Sie ist keine Kriegerin superheldischen Formats mit Muskelpaketen und
immerwährender Coolness, sie ist vielmehr sehr weiblich und ihre viel zu großen,
weit aufgerissenen Augen zeigen nicht ihre Entschlossenheit, sondern ihre
Gutherzigkeit und ihr Einfühlungsvermögen. Sie heißt Marlysa und wurde von
Jean-Charles Gaudin und Jean-Pierre Danard geschaffen. Fünf Alben erschienen bereits bei Carlsen, jetzt wird die Serie bei Splitter fortgesetzt.
|
|