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von Thomas Kögel Mittwoch, 02. Dezember 2009
"Nach bestem Wissen und Gewissen wortgetreu und ungekürzt" habe er den Originaltext der Bibel wiedergegeben, betont Crumb im Vorwort. Als Textbasis diente ihm die englischsprachige King-James-Bibel, die deutsche Version verwendet die Lutherbibel (in der Fassung von 1912). Es gibt hier also, im Gegensatz zu allen anderen Übertragungen biblischer Texte in Comicform, weder Auslassungen noch Änderungen. Crumb illustriert den ganzen Text – das gilt auch für ermüdende Strecken, wenn beispielsweise lange Familienstammbäume durchdekliniert werden ("Seth war 105 Jahre alt und zeugte Enos ... Enos war 90 Jahre alt und zeugte Kenan ..." usw.).
Crumb, so scheint es, hat mit diesem Projekt (an dem er immerhin vier Jahre lang arbeitete), auf seine ganz persönliche Weise Bibelforschung betrieben. Er recherchierte akribisch, seine Zeichnungen sollten historisch akkurat sein und die alttestamentarische Welt möglichst so darstellen, wie sie vermutlich ausgesehen hat. Er las aber auch wissenschaftliche Interpretationen der Genesis, die wiederum Einfluss auf seine Zeichnungen hatten. Im sehr interessanten Anhang des Buches erläutert Crumb einige Stellen genauer. Besonderen Wert legt er auf die Feststellung, dass die biblischen Texte oft auf noch viel älteren Geschichten beruhen, die aus der Zeit der Sumerer stammen und später aus Machtmotiven angepasst und verändert wurden. Demnach finden sich in vielen Kapiteln Spuren einer matriarchalischen Gesellschaft, die später durch eine männlich dominierte Herrschaft abgelöst wurde. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Blickwinkel durch Crumbs visuelle Adaption der Bibel. Die Frauenfiguren (die er so üppig und drall darstellt, wie man es von ihm gewohnt ist) spielen bei ihm eine besondere, sehr aktive Rolle. Crumbs Sicht auf die Genesis ist eine feministische.
Dann wird man belohnt mit Crumbs enorm kraftvollen Schwarz-Weiß-Bildern, mit seinen feingliedrigen Schraffuren, die den Zeichnungen bis ins kleinste Detail Tiefe verleihen. Selbst wenn im Text mal wieder dutzende und aberdutzende Familienmitglieder vorgestellt werden, schafft es Crumb, jedem von ihnen einen individuellen Gesichtsausdruck zu geben. In der Darstellung der Ereignisse bleibt er überwiegend nüchtern. Klar, wenn von Sex oder Gewalt die Rede ist, wird das durchaus unverblümt gezeigt, aber nicht selbstzweckhaft in den Vordergrund gespielt. Crumb setzt seine kleinen persönlichen Kommentare lieber ganz subtil in feinen Details: Wenn Gott zu Noah und seinen Söhnen predigt: "Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden", blicken diese furchtsam und finster drein. Als ihnen Gott jedoch im nächsten Satz aufträgt: "Seid fruchtbar und mehret euch", zaubert Crumb ihnen ein verschmitztes Lächeln und glänzende Augen ins Gesicht.
Robert Crumbs Genesis
Carlsen, Oktober 2009
Zeichnungen: Robert Crumb, nach dem Buch Genesis
Hardcover; 224 Seiten; schwarz-weiß; 29,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78637-1

Abbildungen: © Carlsen Verlag
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Dass man in alten Märchen und Sagen, zum Beispiel in den von den
Gebrüdern Grimm überlieferten, jede Menge sexuelle Untertöne entdecken
kann, ist keine ganz neue Erkenntnis. Ob diese nun bewusst oder
unbewusst dort hineingelangten, man kann sie zweifellos finden. Wer
heute die Grimm'schen Texte liest, braucht nicht besonders viel
Fantasie, um sie als Sex-and-Crime-Geschichten zu interpretieren.
Diesen Ansatz verfolgt Mart Klein in seiner Comic-Version von Rotkäppchen konsequent. Das Ergebnis ist eine mehr oder weniger pornographische Exploitation-Story.
- 02.07.2009
Smalltalk, Sex und Fechten!? Der erste Comicband des flämischen Künstlers Brecht Evens ist ein verschrobenes, unruhiges Abbild des nächtlichen Vergnügens; die Konstruktion des Zwischenmenschlichen in grafisch extravaganter Weise.
Einen großen literarischen
Klassiker in ein anderes Medium zu transportieren ist nicht immer leicht.
Gerade Comickünstler, die ja unbebilderte Romane grafisch zum Leben erwecken
müssen, laufen immer Gefahr, dass die Inhalte, die Atmosphäre und die
Intentionen, die der Schrifsteller sich ursprünglich ausgedacht hat, durch eine
Adaption in Comicform nicht korrekt erfasst oder gar trivialisiert werden. Auf
der anderen Seite steht die Gefahr, dass am Ende ein Comicwerk entsteht,
welches sich zu sklavisch an die Vorlage hält, der Künstler also nicht mutig
genug ist, dem Stoff genügend Eigenständigkeit als Comic einzuräumen.
- 20.09.2010
Eigentlich sollte es nur eine Fingerübung sein, kleine Comic-Episoden
für das private Skizzenbuch. Der kanadische Comic-Künstler Seth (Eigentlich ist das Leben schön)
kreierte hierfür die Figur des Wimbledon Green, eines sehr beleibten,
verschrobenen und exzentrischen Comicsammlers. Und bald fand er an
jenen Versuchen so viel Gefallen, dass er beschloss, mehr daraus zu
machen und sie gesammelt als Buch zu veröffentlichen.
- 28.09.2009
Mit ihrer Graphic Novel Exit Wounds (so der Originaltitel) hat die
Isralin Rutu Modan international etliche Preise eingeheimst. Nun ist
bei der Edition Moderne eine deutsche Ausgabe erschienen. Blutspuren
ist eine Geschichte aus dem Israel von heute, in der der Nahostkonflikt
als Hintergrundrauschen mitschwingt, aber niemals in den Mittelpunkt
der Handlung tritt.