Ein
Buch über Comics zu verfassen, ist ein genauso großer Drahtseilakt wie
die Adaption einer literarischen Vorlage für die große Leinwand.
Ständig wird man zwischen künstlerischer Eigenständigkeit und Werktreue
balancieren müssen, um sich selbst, dem Publikum und dem Markt gerecht
zu werden. Obwohl die perfekte Besänftigung all dieser Gruppen einem
Wunschtraum gleichkommt, hat sich Comicredakteur Klaus Schikowski mit Die großen Künstler des Comics
(im Edel Verlag erschienen) einer solchen Aufgabe gestellt. Als
Gegenstand und auch als Unterstützung für das Projekt hat sich
Schikowski 34 große Comic-Künstler von Rudolph Dirks bis hin zu Marjane
Satrapi mit aufs Drahtseil geholt.
Um den Wust von hundert Jahren in eine anständige Form zu bringen und um sich selbst das Leben nicht schwieriger zu machen als es ohnehin schon ist, ordnet Schikowski die Geschichte der Comics in sechs Kapitel à fünf Künstler. Um trotzdem rechnerisch auf die angestrebte Anzahl von 34 Künstlern zu kommen, taucht der kürzlich verstorbene Will Eisner, auch bekannt als Vater der Graphic Novel, gleich zweimal auf, dafür ist das franko-belgische Kapitel mit Franquin, Peyo, Morris, Goscinny und Uderzo überproportional bevölkert. Die Einteilung der Kapitel, wie auch der Künstler, macht Sinn, da Schikowski so einen roten Faden erzeugt, auf dem er, wie angestrebt, die jeweiligen Eigenheiten der Künstler und ihre prägende Kraft für zukünftige Comicschaffende verzeichnen kann.
Ein einzelner Beitrag besteht aus vier bis sieben Seiten. Während der simpel strukturierte Aufbau dem Leser den Einstieg in die Welt der großen Künstler erleichtert, hält sich der Autor etwas zu sehr an sein Schema, das von einer Anekdote direkt zur Geburt und der weiterführenden Biografie überleitet. Hiernach folgen die wichtigsten Werke und anschauliche Erläuterungen des jeweiligen prägenden Einflusses. Gelegentlich hätte man sich für einen Künstler wie Hugo Pratt einen kleinen Ausbruch aus diesem Muster gewünscht.
Die Vorzüge von Die großen Künstler des Comics im Vergleich zu konkurrierenden Publikationen wie Andreas Knigges 50 Klassiker: Comics ist sicherlich die großzügige Bebilderung. Denn im Gegensatz zu der Gerstenberg Visuell-Reihe ist die Aufmachung dieses anschaulichen Bandes nicht nur von außen überzeugend. Auch die Reproduktionen der Comics im Buch sind von sehr hoher Qualität. Ganzseitige Illustrationen laden den Leser ein, die Menschen hinter den Bildern zu entdecken und ergänzen den Text durch Darstellung der klar herausgearbeiteten Eigenheiten. Nur an manchen Stellen, wie z.B. im Kapitel über Winsor McCay, drohen die Bilder, vielleicht sogar absichtlich, den Text zu überwuchern, so dass es das Auge des Lesers schwer hat, unter all den sich auftürmenden Bildern ein wenig erläuternden Text zu erhaschen. Vor allem die frühen Bildbeispiele aus der Sammlung von Alexander Braun überzeugen. Die Gegenwart hingegen wird kurzerhand abgehakt dargestellt und so erfährt der Leser nicht, wie Robert Crumbs A Short History of America wirklich beginnt und endet.
Der gut zu lesende Text bietet sich nicht nur an, um Biografien und Werke einzureihen, sondern auch, um nette Anekdoten einfließen zu lassen. So erfahren Unwissende und Interessierte mehr über die Sprache der Schlümpfe, die bereits vor den kleinen blauen Gesellen entstand oder auch über Carl Barks' ersten Kontakt mit seiner eigenen Popularität. Ab der Mitte des Buches muss Schikowski leider immer öfter auf kleine Sprechblasen ausweichen, die den Text mittels Zusatzinformationen ergänzen, um der Verzweigtheit der Comichistorie Herr zu werden. Dabei variiert der Informationsgehalt der Sprechblasen: Von der simplen Ergänzung der Biografie bis hin zur kompletten Abhandlung über die deutsche Comichistorie umfassen die Blasen alles Weiterführende und drohen dabei vor lauter Informationen förmlich zu zerplatzen.
Die besten Passagen in Die großen Künstler des Comics gelingen Schikowski auf seinem Drahtseil zwischen Anspruch und Unterhaltung, wenn er Autoren bespricht, die sich seinem Erzählmuster anpassen. Im Fall der Peanuts von Charles M. Schulz verbindet der Autor geschickt die Ebene des Textes mit der Bebilderung. Direkt auf die Anmerkung, dass Schulz es den Zeitungen überlässt, seine Vier-Panel-Strips auf die benötigte Größe zu bringen, folgt eine eben so vergrößerte Doppelseite mit dem philosophierenden Charlie Brown.
Trotz einiger kleiner Fehltritte gelingt Schikowski das waghalsige Unterfangen, von Rudolph Dirks zu Marjane Satrapi zu kommen, ohne den Leser dabei zu langweilen. Eine gute Mischung aus schönen Illustrationen der Künstler und einem strikten Aufbau bei der Präsentation der Künstler, der an manchen Stellen ein wenig mehr Freiraum auch gut zu Gesicht gestanden hätte, fordert den Leser auf einzusteigen und fördert seine Comicallgemeinbildung. Auf den Geist der Vollständigkeit, hier verkörpert durch die kleinen Sprechblasen und die noch kleinere Schrift, hätte Schikowski getrost verzichten können, denn am Ende wird dem Leser nicht der Erfinder der Splash Page in Erinnerung bleiben, sondern der Erzähler, der es geschafft hat, sein Publikum am besten zu unterhalten.
Die großen Künstler des Comics
Edel Verlag, November 2009
Autor: Klaus Schikowski
208 Seiten, Hardcover, teilw. farbig illustriert; 29,95 Euro
ISBN 978-3-941-37813-1


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