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(Signierstunde)
von Benjamin Vogt Samstag, 28. November 2009
Ich dürfte wohl nicht der einzige gewesen sein, der sich über den
seltsamen Titel „Prosopopus“ gewundert hat. Und auch nach dem Lesen des Bandes
ist man nicht wirklich schlauer. Sprachlich abgeleitet ist Prosopopus von dem Begriff
„Prosopopöie“, was aus dem Griechischen stammt und als rhetorisches Mittel für
das Einsetzen einer abwesenden oder leblosen Person oder eines Tieres als
Erzähler einer Geschichte gilt.
Vor diesem Hintergrund erschuf Nicolas de Crécy seinen Prosopopus, eine Kunstfigur also, die den Leser durch seinen Comic begleiten soll. Erschwert wird die Lektüre durch das völlige Ausbleiben von Sprache, d.h. dass weder die handelnden Figuren noch der sich mitten im Geschehen befindliche Prosopopus auch nur ein Wort sprechen. Dieser Umstand, gepaart mit dem gehörig surrealen Charakter der Erzählung, überfordert den Betrachter schnell, lässt diesem aber damit auch genügend Interpreatationsspielraum.
Alles beginnt mit einem Attentat: Ein Mann mit schwarzem Anzug und
Krawatte erschießt einen in gelb gekleideten Mann, der einen Koffer trägt. Es
ist nur ein kurzer Moment im Leben des Schützen, dessen Motiv man erst später
präsentiert bekommt. Und doch beginnt hier bereits sein Albtraum, denn es ist
auch die Geburtsstunde des Prosopopus, einer dicken, gelben Cartoonfigur, eines
überzeichneten, grotesken Wesens. Es raucht Zigarre, isst Joghurt oder macht
Aufnahmen mit seiner Videokamera, sprich es wird zum unliebsamen Mitbewohner
des Mannes.
Die eigentliche Frage ist jetzt eigentlich nur noch, was es dort eigentlich will. Ist der Prosopus eine Manifestation des Schuldgefühls der Hauptperson? Oder einfach ein erzählerisches Mittel de Crécys, das den Leser gezielt durch die verwobene Handlung führen soll? Dagegen spricht, dass das Wesen ja durchaus ins Geschehen eingreift, also auch mit anderen Personen interagiert. Ich persönlich denke, dass diese Fragen bewusst unbeantwortet bleiben sollen. Vielmehr steht die Auflösung des komplexen Mordes im Vordergrund. Diese aus all den absurden Prosopopus-Szenen herauszulesen, ist schon schwer genug. Aber es lohnt sich.
Der wortlose Comic vermittelt bereits viel über die grafische Atmosphäre,
weswegen die voller Gewalt und Betrug steckende Geschichte mithilfe rauer
Schraffuren dargestellt ist und bevorzugt mit düsteren Elementen arbeitet. Ein
umso stärkerer Kontrast lässt sich demnach in der Figur des Prosopopus finden,
der ja in vergleichsweise knalligem Gelb daherkommt und auch sonst so gar nicht
in die reale Welt zu passen scheint.
Wer auf surreale Stories steht, dem kann man diesem Band wärmstens empfehlen. Allerdings muss man dann auch mit einem Comic rechnen, der ohne Worte auskommt und schnell überfordert.
Prosopopus
Reprodukt, Oktober 2009
Text und Zeichnungen: Nicolas de Crécy
112 Seiten, farbig, Softcover; 18,- Euro
ISBN 978-3-941099-10-4
Abbildungen: © Reprodukt















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26 Jahre ist der Franzose Bastien Vivès erst alt, hat aber bereits
etliche eigene Comics veröffentlicht. Einer davon, Le Goût du chlore,
bekam 2009 beim Festival von Angoulême den Prix Révélation als bestes
Werk eines Nachwuchskünstlers. Bei Reprodukt erscheint mit diesem Buch
nun erstmals ein Comic von Vivès auf Deutsch. Sehr viel
Übersetzungsarbeit musste der Verlag hier nicht investieren, denn mit
Dialogen hält sich der Künstler sehr zurück.
- 09.09.2010
Die Story des aktuellen Bandes der Noir-Reihe von Schreiber & Leser ist ein veritabler Medienhopper: Ursprünglich Anfang der Siebziger von Schriftteller Donald Westlake als Roman zur Papier gebracht, wurde der Stoff bereits 1972 unter dem Titel Vier schräge Vögel mit Robert Redford in der Hauptrolle verfilmt. Jetzt hat sich der französische Künstler Lax (alias Christian Lacroix) der Ganovengeschichte angenommen und sie als Comic adaptiert.
Der Wecker reißt dich an einem dunklen, nasskalten Arbeitstag früh morgens aus dem Schlaf, du wälzt dich aus dem Bett, schlurfst gähnend in die Küche, um dir ein heißes Getränk zu machen. Dann lässt du dich damit in einem bequemen Sessel nieder, kuschelst dich in eine Wolldecke, während der Regen ans Fenster prasselt, und setzt ein Headset auf. Weiter musst du nicht. Zur Arbeit geht nämlich dein Surrogat, eine perfekte technische Kopie. Die physische Idealausgabe von dir, die nicht müde oder krank wird, deren Muskeln nicht erschlaffen und deren Bauchumfang nie wächst. Und du steuerst diesen Fleisch gewordenen (bzw. fleischlich wirkenden) Avatar mittels deiner Gedanken, erlebst die Welt durch seine Augen und Ohren. Als ob du dabei wärst – und irgendwie bist du es ja auch. Nur ersparst du dir all die Unanehmlichkeiten des Alltags … Klingt verlockend, nicht wahr?
- 31.10.2009
In Hemingway führt Jason mit viel Humor durch ein recht pragmatisches Paris der Zwanziger Jahre. Der Comic bleibt trotz der fabulierten Geschichte und gerade wegen der kauzigen Charaktere bis zum Ende spannend.
Seine Wandelbarkeit hat der französische Künstler Blutch (alias Christian Hincker) ja bereits bewiesen: In Blotch (Avant-Verlag) skizzierte er episodenhaft das Leben eines zynischen, arroganten Illustrators in Paris, in Der kleine Christian (Reprodukt) überzeichnete er autobiografische Jugenderinnerungen. Was beide Werke verbindet, die spielerische Anlehnung an die eigene Person Blutchs, bleibt im jetzt veröffentlichten Album Peplum hingegen außen vor. Es versetzt den Leser in die Vergangenheit, genauer gesagt ins antike Römische Reich.
- 10.05.2011