In seinem vierzigsten Film Whatever Works erzählt Woody Allen
die Geschichte eines alternden Griesgrams, der ein deutlich jüngeres
Mädchen heiratet. Während ein Altersunterschied zwischen den
Protagonisten von über vierzig Jahren unter der Regie eines anderen
Auteurs zu einer filmischen Tragödie werden würde – man erinnere sich
nur an den schrecklichen Film Es begann im September mit
Richard Gere und Winona Rider – gelingt es Woody Allen mit seinen
Filmen stets zu überzeugen. Auch wenn er ausnahmsweise einmal nicht
selbst mitspielt, durchdringen sein Humor, seine Neurosen und seine
omnipräsente Existenzangst jeden seiner Filme. Wenn man Allens Filmen
die Straßen von New York, Scarlett Johansson und die komplexen
Beziehungsgeflechten entziehen würde, könnte man dann eine genuine
"Woody Allen"-Formel als Konzentrat extrahieren? Dieser Frage hat sich
der Zeichner und Autor Stuart Hample gestellt und zwischen 1976 und
1984 Cartoon Strips mit dem Titel Inside Woody Allen geschrieben und gezeichnet. Die aufwendige Werkschau hat der Knesebeck Verlag nun unter dem Titel Vom Irrsinn des Lebens ins Deutsche übersetzt.
Das Resultat ist ein knalloranger Foliant im Querformat, von dessen Cover ein cartoonifizierter Woody Allen herunterblickt, dessen Augenbrauen in einer Mischung aus Betrübtheit und Ungläubigkeit den Titel Vom Irrsinn des Lebens förmlich unterstreichen. So präsentiert der Knesebeck Verlag die Sammlung von über 350 Cartoon Strips, die Stuart Hample, der selbsternannte „Multimedia-Loser“ zwischen 1976 (Der Stadtneurotiker) und 1984 (Broadway Danny Rose) gezeichnet hat. Zu einführenden Erläuterungen sei gesagt, dass Allen zu diesem
Zeitpunkt bereits ein anerkannter Regisseur war und in Amerika nach der
Präsidentschaft Nixons mit Ford, Carter und Reagan gerade eine neue Ära
begann. Die schwarz-weißen Strips spiegeln die Prozesse ihrer Produktion anschaulich wieder. Die Sammlung besteht aus Faksimiles des Cartoon Strips, der durch die Popularität von Allen gleich zu Beginn von 460 Zeitungen veröffentlicht wurde. Ein paar Strips werden auch im Zwischenstadium zum kolorierten Strip abgedruckt. Die Aufbereitung des Materials beweist die Liebe zum Detail.
Doch bevor Hample seinen Woody gegen den prominenten Regisseur von Filmen wie Der Stadtneurotiker antreten lässt, erzählt er von seinem ganz persönlichen Zugang zu dem Cartoon. Er holt weit aus, berichtet von seiner Zeit als Texter und Art Director, bevor er nach diversen Treffen und Besuchen von Comedy Clubs in New York endlich dem jungen Woody Allen begegnet. Interessant an der Einleitung sind vor allem die Einblicke in die frühe Phase von Allens Schaffen und die Ratschläge seines Agenten Jack Rollins: “Die Zuschauer müssen dich mögen, bevor sie über deine Witze lachen“. Die letzten Seiten erzählen von der Zusammenarbeit Hamples und Allens. Auf der einen Seite der gewitzte Allen, der seine Existenzangst nutzt, um sein Publikum zum Lachen zu bringen, und auf der anderen Seite Stuart Hample, der sich fast schon schuldig fühlt, sich in Allens Welt geschlichen zu haben. Hamples Erinnerungen an Allens Plädoyer für anspruchsvolle Komik, die er gegen die stumpfen Auflagen des Strip-Syndikats King Features aufrechnet, wirken seltsam apologetisch. Leider bestätigen die nachfolgenden Strips, dass Hample zu oft nur das öffentliche Bild Allens nutzte und den schnellen witzigen Abschluss suchte, um seinem damaligen Auftraggeber gerecht zu werden.
Ein visuelles Amalgam aus Philosophie und Einleitung ist hingegen das ergänzende Vorwort von R. Buckminster Fuller. Zunächst abgehoben wissenschaftlich, später dann witzig philosophisch nähern sich seine mehreckigen Figuren der einer Kernfrage: „Wozu brauchen wir außer Woody Allen noch vier Milliarden Menschen?“ Neben Hamples Erinnerungen und Erläuterungen, erfüllt Buckminster Fuller das Credo Allens mit Auszeichnung. Die Quintessenz des physikalisch-psychologischen Diskurses ist folgende Einsicht: „Wenn Woody spricht, setzt die Bedeutung seiner Worte niemals Zeiger in Bewegung. Woody Allen hat eine neue Ära eröffnet, indem er uns metaphysisch bewegt. Er bringt uns dazu, lächelnd zu lernen, und dies ist die einzige nachhaltige Methode, den Menschen dazu zu bewegen, ganz bewusst seinen sozialen Minderwertigkeitskomplex und sein inhärenten Versagensängste zu überwinden und stattdessen sein nunmehr zweifelsfrei nachgewiesenes Optionsrecht auszuüben, aus der gesamten lebenden Menschheit einen dauerhaften physischen Erfolg zu machen.“ Das ist wissenschaftliche Poesie.
Die gesamte Aufteilung von Vom Irrsinn des Lebens wirkt viel zu geordnet. Anstelle einer übergeordneten Chronologie, die den Strip als Prozess gezeigt hätte, entschied man sich für übergreifende Themengebiete, wie Sex, Besuche beim Psychiater und Woodys Tagebucheinträge. So entgeht dem Leser Hamples graphische Entwicklung der Figur, die Woody Allen in seinen Endzwanzigern ähneln soll. Die Art der Aufteilung führt außerdem schnell zu einer Übersättigung des Lesers. Nach dem dritten Therapie-Strip hat man keine Lust mehr auf Dr. Fobick, und auch die Baggerversuche bei Frauen und die Besuche bei den Eltern wirken äußerst redundant. Zwar ist gerade diese Redundanz eine der Stärke des Zeitungsstrips, doch in zu gebündelter Form droht sie den Humor zu ersticken.
Das stärkste, weil auch abwechslungsreichste Kapitel ist mit Abstand „Im Spiegel der Welt“ in dem Hample sich traut, seinen Cartoon-Woody mit der Welt da draußen zu konfrontieren: mit einem Dieb, der einem wortwörtlich die Zeit stiehlt, und mit einem Anrufbeantworter, der sich verabredet, während Woody für ihn das Telefon hüten muss. In diesem Kapitel hat sich auch der Übersetzer Helmut Neuberger einen kleinen Spaß gemacht: Auf Seite 177 sinniert Woody über einen Witz für das Wall Street Journal, bei dem – in der Übersetzung – ein VW-Angestellter als verkleideter Vorstandvorsitzender von Porsche die Firma durch den Kauf von VW-Aktien in den Ruin treibt. Eine zeitgemäßere Umsetzung geht wohl kaum.
Auch trotz dieses erfrischenden Kapitels ist Hamples Werk insgesamt zu viel von Kalauern durchzogen. Anstatt sich Allens Vorschläge zu Herzen zu nehmen, Nebencharaktere zu stärken und Humor durch Alltagssituationen zu transportieren, wird zu oft der schnelle Abschluss gesucht. Die Strips wechseln ständig zwischen zwei, drei und vier Panels, wobei die Ökonomie der Erzählung nicht zu Hamples großen Talenten zählt. Oftmals zerrt er einen unwitzigen Kalauer unabsichtlich in die Länge. Es ist bezeichnend, dass der beste Psychotherapie-Strip jener ist, bei dem sich Woody während eines Treffen mit Dr. Fobick auf offener Strasse über ihre überschwängliche Begrüßung, „Juhu“, wundert. Außerdem fragt man sich, warum Woody bei seinen pseudophilosophischen Tagebucheinträgen immer durch zweidimensionale kahle Landschaften laufen muss. Oftmals scheint Hample die prominente Positionierung seiner eigenen Signatur wichtiger als eine gelungene Pointe.
Mit der Veröffentlichung von Vom Irrsinn des Lebens zeigt sich der Knesebeck Verlag mutig. Der Sammelband ist eine äußerst gelungene visuelle Werkschau eines in Deutschland bisher recht unbekannten Zeitungsstrips. Das Buch ist sicherlich eine schöne Ergänzung für einen Woody-Allen-Fan, doch überzeugt der Strip als solcher nur selten. Während Allen auch nach vierzig Filmen seine Zuschauer durch eine gehörige Portion Paranoia gemischt mit seinem unnachahmlichen Humor noch begeistern kann, will es Hample, trotz Vorschlägen des Regisseurs selbst, weder gelingen, die öffentliche Figur Woody Allen zu durchdringen noch sie in einen Cartoon Strip zu übersetzen. Dem wirklichen Woody Allen gebührt das letzte Wort über seine Position als Kassenmagnet: "Lasst sie mich lieber auf meine Art gefährden."
Vom Irrsinn des Lebens - Woody Allen in Comic Strips
Knesebeck Verlag, September 2009
Text: Stuart Hample
Zeichnungen: Stuart Hample
240 Seiten; Hardcover; 29,95 Euro
ISBN: 978-3-8687-3148-4

Abbildungen: © Knesebeck Verlag

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