Vor mehr als acht Jahren hatten die Macher des „ältesten und
innovativsten Comic(umsonst)magazins im deutschsprachigen Raum“, die
Männer von Moga Mobo,
die grandiose und doch so simple Idee, nicht nur ein Meisterwerk der
Weltliteratur, sondern gleich hundert davon, als Comic zu adaptieren.
Zu bewerkstelligen war dieses ambitionierte Vorhaben mit dem mehr als
treffenden Titel 100 Meisterwerke der Weltliteratur nur, indem
man sich Grenzen setzte. Die Regeln für die hundert Künstler waren
klar: Jede Adaption durfte nur 8 Panels haben und Worte waren nicht
erlaubt. Und die vorwiegend deutschen Comic-Künstler kamen in Scharen.
Die Erfolgsgeschichte wurde schließlich 2002 durch den
Max-und-Moritz-Preis gekrönt. Nun hat sich das Trio mit dem Ehapa
Verlag zusammengesetzt und eine Neuauflage des Klassikers der Klassiker
ausgearbeitet.
Im Gegensatz zu dem Gratiscomic-Konzept der nun in Berlin ansässigen Moga Mobos, bietet ein großes Verlagshaus wie Ehapa natürlich ganz andere Möglichkeiten: Störende Werbung fällt weg, besseres Papier kann verwendet werden und das Format wird von Fast-DINA-5 auf Fast-DINA-4 aufgestockt. Aber die Zusammenarbeit mit einem großen Verlag fordert neben den vielen Vorteilen, die sie bietet, auch Kompromissbereitschaft ein: Während dem kleinen subversiven Comicbuch, das längst vergriffen ist, dieses intelligente Projekt gut zu Gesichte stand, verströmt die Neuauflage einen eher biederen Schulbuchcharme. Da lacht Gandalf keck vom knallroten Cover herunter und auch Moby Dick zeigt seine cartoonige Schwanzflosse. Was zuvor noch in die Hosentasche gepasst hat, findet sich nun eher im Schulranzen wieder.
Doch auch die etwas biedere Aufmachung der Neuauflage kann nicht über die Klasse des Projekts und der entstandenen Comics hinwegtäuschen. Die fixen Regeln zwingen die Künstler förmlich zu innovativen Kompromissen bei ihren Literaturumsetzungen. Man freut sich bei der Lektüre sowohl über die Nacherzählung von Klassikern wie Die Liebe in Zeiten der Cholera, die wirklich einem Bildungsauftrag folgen, als auch über die geschickte Reduzierung von Texten wie Fräulein Smillas Gespür von Schnee von Reinhard Kleist. Da der Comic schon immer die Kunst der Lücke war, entsteht die wirkliche Freude beim Lesen vor allem durch die ganz subjektive Lesart von Zeichnern wie Legron (Don Quijote von Miguel de Cervantes) und Marc Herold (American Psycho von Bret Easton Ellis). Die Umsetzung von Melvilles Moby Dick von Till Lenecke macht Vorkenntnisse über Ishmael und Queequeg fast schon zur Pflicht.
Bezeichnend für die Neuauflage sind vor allem die zu verzeichnenden Abgänge. Obwohl die beiden Literaturklassiker, Nabokovs genialer Roman Lolita und Mutzenbachers erotische Erzählung Josefine Mutzenbacher, auf der Ebene der Adaptionstechniken nicht viel gemein haben, sind beide auf erotischen Vorlagen basierende Comics leider nicht mehr dabei. Vielleicht waren diese Titel nicht mit der Stammkundschaft von Ehapa zu vereinbaren. Interessant ist auch, dass das graphische Konzept der Mutzenbacher-Umsetzung fast eins zu eins in ahas Die Leiden des jungen Werthers aufgegangen ist. Schmerzlich vermissen wird man auch Anja Noltes panelübergreifende Adaption von Dürrenmatts Besuch der alte Dame.
Die Neuzugänge auf der anderen Seite zeugen zwar von durchdachten Umsetzungen, sind aber oft nicht besonders einfallsreiche Kondensierungen der literarischen Vorlagen. Sowohl Rowlings Harry Potter-Septologie, umgesetzt von J.M. Ken Niimura, als auch Paul Austers Stadt aus Glas von Paul Hoppe spiegeln zwar die wichtigsten Wendepunkte in den Geschichten wieder, aber gehen kaum darüber hinaus. Der sicherlich beste Neuzugang stammt von Michael Meier, dessen Umsetzung von 1984 sich nahtlos einfügt. Meier setzt Orwells pessimistische Zukunftsvisionen nicht nur in eine Bildergeschichte um, sondern übersetzt sie auch noch in unsere YouTube-Gegenwart. Der beste Comic ist und bleibt aber Dirk Schwiegers Adaption von Stephen Hawkings Eine kurze Geschichte der Zeit, die zwar der neuen Seitenaufteilung angepasst wurde, aber dennoch nicht ihren simplen Charme verloren hat.
Das zu Recht prämierte 100 Meisterwerke der Weltliteratur steht für innovative graphische Erzählungen, die sowohl Sprache als auch Vermittlungsmöglichkeiten des Comics in allen Facetten zeigen. Auch in der Neuauflage ist das Projekt noch immer eine künstlerisch großartige umgesetzte Idee, die in keinem Regal fehlen darf. All diejenigen, die bereits die erste Auflage besitzen, werden speziell die Veränderungen unter die Lupe nehmen. Durch den Ausschluss einiger Werke der Weltliteratur, die für ein erwachsenes Publikum bestimmt sind, wirkt das neue Gewand der 100 Meisterwerke der Weltliteratur etwas bieder und etwas braver.
Eine Leseprobe findet sich auf dem Moga Moblog.
100 Meisterwerke der Weltliteratur
Ehapa Comic Collection, September 2009
Zeichnungen: diverese Künstler
Hardcover; 112 Seiten; schwarz-weiß; 9,95 Euro
ISBN:978-3-770-43269-1



Abbildungen: © Moga Mobo / Ehapa Comic Collection

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