 Seit mehr als einem Jahr nun färben sich die Träume von deutschen
Comicwissenschaftlern in sattem Gelb, denn im Januar 2008 gründete der
wissenschaftliche Mitarbeiter der Ruhr-Universität Bochum, Christian A.
Bachmann, seinen gleichnamigen Verlag. Bachmann setzt dabei mit seiner
gelben Reihe "yellow: Schriften zur Comicforschung" genau auf die
Nische, die bisher von der deutschen Verlagsgemeinde vernachlässigt
wurde, auf die Comic-Wissenschaft. Das Gelb, so Bachmann im Vorwort zum
ersten Band der Reihe, soll an den gelben Schlafrock von Mickey Dugan
erinnern, aus Outcaults cartoon strip The Yellow Kid, der für viele Wissenschaftler die Geburtsstunde des Comics markiert. Der zweite Band Ingenieur der Träume – Medienreflexive Komik bei Marc-Antoine Mathieu von Dr. Rolf Lohse ist nun in der zweiten Auflage erschienen.
Nach der gelungen Premiere der gelben Schriften mit Batman: Konstruktion eines Helden (mittlerweile in der vierten Auflage erschienen) präsentiert Bachmann mit Ingenieur der Träume zum ersten Mal auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem europäischen Künstler, dem Franzosen Marc-Antoine Mathieu. Autor des Bandes ist Rolf Lohse, Doktor der Romanistik und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Romanistischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn.
Um Mathieus Gesamtwerk zunächst nicht unnötig zu verkomplizieren, verkürzt Lohse die Vorgehensweise des Comic-Künstlers auf die Kurzformel "Formale Variationen bedingen neue Handlungsmuster", bevor er jeden der fünf bandes dessinées analytisch in gehirngerechte Stücke zerkleinert. Lohse belegt dabei nicht nur, wie Mathieu hochreflexiv über den Comic referiert, sondern auch, wie er die Reflexion spielerisch auf der Ebene der Erzählung von statten geht lässt.
| "Medienreflexive Komik setzt als eine anspruchsvolle Form
künstlerischer Praxis die Kenntnis der medialen Bedingungen der
Darstellung von Welt voraus - und vermittelt sie auch." |
Um den eigenen Untertitel "Medienreflexive Komik …" zu rechtfertigen und um unliebsame Definitionen zum Begriff "Comic" zu umschiffen, wählt Lohse ganz bewusst die Bezeichnung „Medium“ für die französischen bandes dessinées. Obwohl historische Vorgänger dieser "erzählenden Gattung" wie die der comic strips erwähnt werden, trennt
Lohse den französischen Comic und seine standardisierte
Erscheinungsform bewusst von anderen Comics ab. So kann er die Strategien erläutern, die Mathieu nutzt, um über die Comic-Form zu reflektieren.
In seinen fünf Kapiteln verfolgt Lohse den kafkaesken Protagonisten der Comics, Acquefacques, literaturwissenschaftlich durch seine Traumreisen durch die fünf bandes dessinées.
Vielleicht noch wichtiger als fixe Ausgangssistuation für eine wissenschaftliche Betrachtung von Comics ist ein exaktes und einheitliches Vokabular. Sein Handwerkszeug präsentiert Lohse aber nicht kühl und leblos, wie in vielen anderen geisteswissenschaftlichen Texten, die man bereits nach den einleitenden Seiten aus der Hand legen möchte, sondern baut sie sinnvoll in sein erstes Kapitel "L´origine – der rätselhafte Spiegel der eigenen Geschichte" ein. Obwohl Begriffe wie "Seite" und "Panel" auch auftauchen, hält sich Lohse diszipliniert an die französische Bezeichnung planche für eine Seite. Der gelernte Romanist führt seine interessierten Leser aber nicht nur in die französische Welt der Comics ein, sondern übersetzt diese auch Satz für Satz. Jedes einzelne Zitat aus den Comics wird zunächst im französischen Original gefolgt von seiner deutschen Übersetzung präsentiert.
Das Handwerkszeug geschultert, das Ziel vor Augen, dekonstruiert Lohse im ersten Kapitel Mathieus nicht enden wollende Narrationsspiralen und erläutert, welche Wirkung ein ausgeschnittenes Panel auf die Welt der Comicfiguren und die der Leser hat. Auf jeder neuen Seite lädt Mathieu dazu ein, die Form des Comics zu hinterfragen, seine Erzählstrukturen aufzubrechen. Die medienreflexive Komik wird erzeugt, indem die Figuren, allen voran Acquefacques selbst, in der erzählten Welt des Comics sich die Frage stellen, welchen Sinn ihr Comicdasein hat. Ihr vergeblicher Kampf und ihre Versuche, den Comic als Welt zu verstehen, führt zu aberwitzigen Situationen. In den folgenden Bänden konfrontiert Mathieu sein Personal mit weiteren medienspezifischen Erzählkonventionen wie dem Panelrand oder der Zweidimensionalität. Lohse gibt sich aber nicht mit fixen Interpretationen dieser literarischen Phänomene zufrieden; der Humorforscher eröffnet das Spektrum der Lesarten und zeigt, wie starr die Bildersprache der Comics bereits in unseren Gehirn verankert ist. Die Lektüre von Ingenieur der Träume schult die Augen für die Sprache des Comics und stellt dar, wie kleinen Nuancen den Handlungsverlauf des gesamten Comics beeinflussen.
Während sich Lars Banhold in Batman: Konstruktion eines Helden dem dunklen Ritter eher populärwissenschaftlich genähert hat, kann Rolf Lohse im zweiten Band der gelben Reihe durch eine exakte, wissenschaftlich ausgearbeitete Analyse punkten. Obwohl die Reise zu den Brüchen der Erzählkonvention des Comics nicht gerade einfach zu verfolgen ist, lohnt sich sowohl die Lektüre von Mathieus Comics als auch die von Lohses ansprechenden Interpretationen. Ein kleiner Negativpunkt ist leider das Layout, das in der zweiten Auflage schreckliche Satzbauten ohne Abstand zwischen den Worten zulässt. Eine grässliche Pein für das Auge. Doch die wissenschaftliche Herangehensweise an die Arbeit eines wichtigen französischen Comic-Künstlern lässt dies verschmerzen.
Ingenieur der Träume - Medienreflexive Komik bei Marc-Antoine Mathieu
Christian A. Bachmann Verlag, 2. Auflage, 2009
Text: Rolf Lohse
133 Seiten, broschiert; 12,- Euro
ISBN: 978-3-941030-09-1

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Abbildungen: © Christian A. Bachmann Verlag, Reprodukt

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