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von Daniel Wüllner Mittwoch, 21. Oktober 2009
Nach der gelungen Premiere der gelben Schriften mit Batman: Konstruktion eines Helden (mittlerweile in der vierten Auflage erschienen) präsentiert Bachmann mit Ingenieur der Träume zum ersten Mal auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem europäischen Künstler, dem Franzosen Marc-Antoine Mathieu. Autor des Bandes ist Rolf Lohse, Doktor der Romanistik und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Romanistischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn.
Um Mathieus Gesamtwerk zunächst nicht unnötig zu verkomplizieren, verkürzt Lohse die Vorgehensweise des Comic-Künstlers auf die Kurzformel "Formale Variationen bedingen neue Handlungsmuster", bevor er jeden der fünf bandes dessinées analytisch in gehirngerechte Stücke zerkleinert. Lohse belegt dabei nicht nur, wie Mathieu hochreflexiv über den Comic referiert, sondern auch, wie er die Reflexion spielerisch auf der Ebene der Erzählung von statten geht lässt.
| "Medienreflexive Komik setzt als eine anspruchsvolle Form künstlerischer Praxis die Kenntnis der medialen Bedingungen der Darstellung von Welt voraus - und vermittelt sie auch." |
Um den eigenen Untertitel "Medienreflexive Komik …" zu rechtfertigen und um unliebsame Definitionen zum Begriff "Comic" zu umschiffen, wählt Lohse ganz bewusst die Bezeichnung „Medium“ für die französischen bandes dessinées. Obwohl historische Vorgänger dieser "erzählenden Gattung" wie die der comic strips erwähnt werden, trennt
Lohse den französischen Comic und seine standardisierte
Erscheinungsform bewusst von anderen Comics ab. So kann er die Strategien erläutern, die Mathieu nutzt, um über die Comic-Form zu reflektieren.
In seinen fünf Kapiteln verfolgt Lohse den kafkaesken Protagonisten der Comics, Acquefacques, literaturwissenschaftlich durch seine Traumreisen durch die fünf bandes dessinées.
Vielleicht noch wichtiger als fixe Ausgangssistuation für eine wissenschaftliche Betrachtung von Comics ist ein exaktes und einheitliches Vokabular. Sein Handwerkszeug präsentiert Lohse aber nicht kühl und leblos, wie in vielen anderen geisteswissenschaftlichen Texten, die man bereits nach den einleitenden Seiten aus der Hand legen möchte, sondern baut sie sinnvoll in sein erstes Kapitel "L´origine – der rätselhafte Spiegel der eigenen Geschichte" ein. Obwohl Begriffe wie "Seite" und "Panel" auch auftauchen, hält sich Lohse diszipliniert an die französische Bezeichnung planche für eine Seite. Der gelernte Romanist führt seine interessierten Leser aber nicht nur in die französische Welt der Comics ein, sondern übersetzt diese auch Satz für Satz. Jedes einzelne Zitat aus den Comics wird zunächst im französischen Original gefolgt von seiner deutschen Übersetzung präsentiert.
Während sich Lars Banhold in Batman: Konstruktion eines Helden dem dunklen Ritter eher populärwissenschaftlich genähert hat, kann Rolf Lohse im zweiten Band der gelben Reihe durch eine exakte, wissenschaftlich ausgearbeitete Analyse punkten. Obwohl die Reise zu den Brüchen der Erzählkonvention des Comics nicht gerade einfach zu verfolgen ist, lohnt sich sowohl die Lektüre von Mathieus Comics als auch die von Lohses ansprechenden Interpretationen. Ein kleiner Negativpunkt ist leider das Layout, das in der zweiten Auflage schreckliche Satzbauten ohne Abstand zwischen den Worten zulässt. Eine grässliche Pein für das Auge. Doch die wissenschaftliche Herangehensweise an die Arbeit eines wichtigen französischen Comic-Künstlern lässt dies verschmerzen.
Ingenieur der Träume - Medienreflexive Komik bei Marc-Antoine Mathieu
Christian A. Bachmann Verlag, 2. Auflage, 2009
Text: Rolf Lohse
133 Seiten, broschiert; 12,- Euro
ISBN: 978-3-941030-09-1

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Abbildungen: © Christian A. Bachmann Verlag, Reprodukt
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Für den Sonderband „Comics, Mangas, Graphic Novels“ der Reihe
Im ostwestfälischen Bielefeld gastiert noch bis zum 5.April 2009 die Ausstellung Jahrhundert der Comics - Die Zeitungs-Strip-Jahre. Dabei zeigt das Museum Huelsmann, unter Leitung von Kurator Dr. Alexander Braun, frühe amerikanische Zeitungs-Strips, die so bisher in Deutschland noch nicht zu sehen waren. Die Sammlung, die fast ausschließlich aus dem Privatbesitz des Kurators selbst stammt, führt den deutschen Leser in eine Welt der Zeitungscomics ein, die eigentlich als Wegwerfkultur gedacht war. Ein gern gesehener Begleiter jeder Museumsausstellung - hat man selbige nun besucht oder auch nicht - ist immer der entsprechende Katalog zur Ausstellung. Auf den bebilderten Seiten des stattlichen Folianten findet der Leser neben Reproduktionen der Exponate einen unerlässlichen Fundus an Informationen über die frühen Strips und deren geschichtlichen Kontext. Im Fall dieses begleitenden Katalogs geht jedoch das gedruckte Wort in all seiner Fülle über die Kraft der ausgestellten Bilder hinaus.
Zum 25. Jubiläum feiert die Reddition, Deutschlands Zeitschrift für
Graphische Literatur, sich selbst und das Medium "Comic" mit einer
fast hundert Seiten starken Doppelausgabe (Band 49 und 50) und dem
Titelthema "Comics und Literatur". Seit 1984 liefert dieses
ambitionierte Projekt ausführliche Porträts und Dossiers über
europäische, amerikanische und auch japanische Comics und deren
Künstler. Dabei lag der Schwerpunkt der Publikation stets auf der exakt
aufgearbeiteten Präsentation von historischen Fakten über Comics,
interessanten Hintergrundinformationen über Künstler und original
Bildmaterial der entsprechenden Publikationen. Zum Jubiläum versuchte
man in gewohnter Qualität nachzulegen und auch endlich dem Untertitel
der Zeitschrift für Graphische Literatur mehr Aufmerksamkeit zu
schenken.
- 24.07.2009
Selten hat es ein Cover geschafft, die Essenz eines Buches so gut einzufangen, wie das Titelbild von Erotische Comics. Unser voyeuristischer Blick gleitet von den roten High Heels langsam über die Strapse nach oben. Er umspielt einen kleinen Augenblick zu lange das wohlgeformte Hinterteil; erst dann führt er uns weiter über das adrette weiße Kleidchen und über die süße Schleife hin zu einem wilden Rotschopf. Gelenkt von unserer male gaze nehmen wir Stück für Stück wahr, wie sich die einzelnen Details zu einer kompletten Frau zusammenfügen, die ihrerseits jemanden durch ein Schlüsselloch beobachtet. Obwohl nicht wir das Objekt ihrer Begierde sind, wird uns schlagartig klar, dass wir sie mit unseren Augen ausgezogen haben. Ein Gefühl der Scham setzt ein. Dieses ständige Spiel zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachten und betrachtet werden, verfolgt Autor Tim Pilcher über zwei Jahrhunderte und gibt dem geneigten Leser dabei einen interessanten Einblick in das stets wechselnde Verhältnis von Kultur und Sexualität.