JoomGallery Stats for JoomGallery MVC BETA

  •   1287
Comicgate RSS-Feed Comicgate RSS-Feed

Comicgate-Tweets

Eigenveröffentlichungen

Wir publizieren auch im Print!

Comic-Kalender

Januar 2012 Februar 2012 März 2012
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29
Neue Veranstaltung einsenden Neue Veranstaltung einsenden

Partnerlinks





 



 

Home

von Daniel Wüllner Dienstag, 08. September 2009


BurkaWenn man über Religionsgrenzen hinaus Humor betreibt, muss der jeweilige Künstler auf Kritik nicht lange warten: Der Vorwurf der Missachtung der kulturellen Besonderheiten oder gar Blasphemie kann einem vorgeworfen werden. Wir erinnern uns, nur welchen politischen Aufruhr die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erzeugt haben. Nun hat die freischaffende Künstlerin Eva Schwingenheuer in ihrem Buch mit dem schlichten Titel Burka den Versuch unternommen, sich der Bekleidung der vollverschleierten Muslima von außen zu nähern. Sie lädt die Leser nicht nur zum Rätseln ein, was sich da für Konturen unter dem "großen Schwarzen" abzeichnen, sondern kritisiert - wenngleich auch etwas ungestüm - diese Form der Vollverschleierung.

Der Aufbau des kleinen Büchleins erinnert stark an Nicolas Mahlers letzten Comic SPAM, bei dem jeweils eine Abbildung von einem kurzen Text begleitet wird. Es finden sich hier aber keine Seitenzahlen, keine kleinen Vignetten, die das gesamte Erscheinungsbild abrunden sollen. Einzig und allein das Bekleidungsstück und seine Bezeichnungen stehen bei den 45 Abbildungen im Mittelpunkt von Burka. So sehen wir auch keine Menschen (mit Ausnahme von ein paar Unterschenkeln), sondern nur die Hülle, den immergleichen Prototyp, der seiner Trägerin keinen Freiraum für Individualität lässt. Wir sehen dicke Burkas, dünne Burkas, kleine Burkas und auch quadratische Roboter-Burkas. Es wird so allein der Vorstellung überlassen, wie der Spagat der Primaballerina unter der Burka aussehen mag. Genau bei diesen Denkprozessen leuchtet dem Betrachter ein, dass er genau weiß, wie ein Spagat aussieht und er wird sich verwundert die Frage stellen, warum sollte das unter einer Burka anders aussehen. Was aber fehlt ist die Indiviualität der bekleideten Frau, denn sie wird "optisch und faktisch aus dem Alltag verbannt".

YogaEben so sperrig wie das Kleidungsstück selbst, fügt sich der Begriff "Burka" in die ergänzenden Texte ein, die die Pointen erzeugen sollen. Während einige Abbildungen, wie die "Baburka", auch ganz alleine funktionieren, wird aus einer Ansammlung übereinander gestapelter Burkas erst durch die entsprechende Erläuterung der "Afghanische Staatszirkus". Fast auf jeder Seite findet die Namensbezeichung des titelspendenden Kleidungsstückes ihren Weg in die pointierten Texte. Schwingenheuer versucht dabei erst gar nicht, die Burka durch Wortumstellungen besser anzupassen, sondern lässt den sperrigen Begriff so, wie er ist. Dadurch kann sich die Burka schön an Begriffen der westlichen Populärkultur wie Darth Vader ("Darth Burka") und auch der Bundesliga ("Burka-Liga") reiben. Reibung ist auf jeden Fall einer der Effekt, den dieses kleine in schwarz-weiß gehaltene Buch erzeugen soll. Gerade bei den alltäglichen Problemen fragt man, sich wie eine emanzipierte Burkaträgerin "Yoga" machen soll, ohne sich dabei zu verheddern, wenn unsereins schon das Bein nicht über die Schulter bekommt.

SchüttelfrostWährend Schwingenheuer so Stück für Stück muslimischen Frauen aus der Umklammerung der Burka helfen will,  verbaut sie sich die Möglichkeit auf den nächsten Seiten selbst. Mit Karikaturen wie "Wollt ihr die totale Burka?", bei der Schwingenheuer den bekannten Ausruf des Nazipropagandaministers Goebbels ummünzt und ihn mit einem einstimmigen "Ja" der Burkas beantwortet, will sie die Burka als Symbol der Unterdrückung der Frau bloßstellen.  In einer weiteren Abbildung  mit dem Titel "Schwestern im Geiste" sieht man drei Burkas bei einem Treffen mit Mitgliedern des Ku-Klux-Klans in ihren weißen Kutten. Dieses "satirisch verkürzte Nebeneinanderstellen von faschistoiden und rassistischen Geisteshaltungen" soll den  Vergleich "zweier brutaler totalitärer Machtapparate" ermöglichen, doch kann auch Schwingenheuer diese Ideologie nicht gewaltsam von den Frauen trennen, die in den Burkas stecken. Auch die Frauen trifft dieser satrische Weckruf, denn Schwingenheuers Verkürzung entbindet sie jeglicher Möglichkeit, trotz Burka "Nein" zu sagen.

Das kleine SchwarzeMit Burka schlägt Schwingenheuer sicherlich den richtigen Weg ein, um unsere täglichen Begnungen mit  vollverschleierten Muslima zu artikulieren. Wie der Titel vermuten lässt, hinterfragt  die Autorin eine oktruierte Kleiderordnung und die "extrem konservativ-patriachale Auslegung des Korans". Aber sie geht noch einen Schritt weiter: Gerade in dem Moment, in dem wir uns moralapostelgleich aufschwingen wollen, nutzt Schwingenheuer die Oberflächlichkeit der  Burka, um auch unserer westlichen Populärkultur den Wind aus den Segeln zu nehmen. Solange die Burka als Projektionsfläche für unsere Vorurteile genutzt wird, scheint Schwingenheuers Projekt aufzugehen, doch leider versperren die beiden oben angeführten Karikaturen – durch ihre gescheiterten Versuche einer kritischen Innenansicht - den Weg für einen Diskurs wie zwei schwarze Burkaschafe.



Burka
Eichborn Verlag, August 2009
Autorin/Zeichnerin: Eva Schwingenheuer
96 Seiten; Softcover; 7,95 Euro
ISBN:
978-3821860695

Ungestüm kritische Satire

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!


Abbildungen: © Eva Schwingenheuer/Eichborn Verlag



Trackback(0)
Kommentare (1)Add Comment
0
...
geschrieben von Andre, am 17. September 2009 um 06.42 Uhr
Danke für die Rezension! Ein so oberflächlicher Umgang mit einem so sensiblen Thema ... ätzend ... schade, wenn Comics missbraucht werden, um Klischees zu bedienen und Einsichten (in Burka tragende Frauen) und Differenzierungen zu vermeiden. Kritik an Burkas braucht etwas mehr Kenntnis der Sachlage.

Kommentar schreiben
kleiner | groesser

security code
Bitte den folgenden Code eintragen


busy

Ähnliche Artikel

  • Prototyp
     Ralf König erzählt in Prototyp die Schöpfungsgeschichte frech und respektlos neu. Der Prototyp der Menschheit ist Adam, die Hauptrolle kommt jedoch einer Schlange zu, dem guten alten "Luz", wie sie genannt wird. Der Leser wird durch die von König inszenierten Dialoge - vornehmlich zwischen Luz und Gott, der nur als Stimme in Fraktur in Erscheinung tritt - in eine ganze Reihe von Erwägungen zur Schöpfung und dem Menschsein verwickelt. Und diese zeichnen sich durch ein Maximum an Wort- und Bildwitz aus, der aufs Königlichste zu amüsieren weiß und manchmal zum Nachdenken verführt. - 31.03.2009
  • Der schreckliche Papst 2 - Julius II.

    Alexandro Jodorowsky schickt seinen schrecklichen Papst in die zweite Runde. Giuliano Della Rovere ist nun Papst geworden und nennt sich Julius II. Berauscht von seiner Macht und vor Liebe zu seinem Liebling Aldosi provoziert er seine Familie, die er selbst mit Ämtern und Schätzen ausgestattet hat. Nachdem diese aus Rache Aldosi ermordet, dreht Julius durch. Mit allen Mitteln und ohne Gnade will er Italien einigen. Natürlich unter seiner Herrschaft. Zugleich beauftragt er niemand geringeren als Michelangelo mit dem Bau eines kolossalen Grabmals.

    - 10.11.2011
  • Archetyp
     In Prototyp präsentierte Ralf König seine Version der Schöpfungsgeschichte. Nun gibt es die Fortsetzung: Archetyp dreht sich um Noah und sein berühmtes Schiff, das er baut, um der Sintflut zu entgehen. Der Comic erschien zunächst als täglicher Strip in der Frankfurter Allgemeinen, die Buchausgabe im Rowohlt Verlag ist jedoch mehr als ein bloßer Nachdruck des Zeitungscomics. Für das Hardcover entwarf König neue Seitenlayouts, überarbeitete manche Panels und nicht zuletzt ist diese Ausgabe (fast) durchgehend farbig statt schwarz-weiß. - 24.11.2009
  • Die Chroniken von Wormwood 1
     Es ist jetzt gut 10 Jahre her, dass Garth Ennis sein Meisterwerk Preacher abschloss.  Für den irischen Autor offenbar lange genug, um sich dem Thema Religion mit Die Chroniken von Wormwood abermals zu widmen. Leider hat man bei seiner neuen Serie das Gefühl, dass Ennis' wildes Zerpflücken all dessen, was vom Christentum als heilig ausgerufen wurde, dem reinen Selbstzweck dient. Im Gegensatz zum verstrickten Preacher, sind hier Gewalt, Sex und Blasphemie allein dazu da, um die Story von einer vermeintlichen Frevelei in die nächste zu führen.  - 27.09.2010
  • Gott höchstselbst

    Was wäre, wenn Gott wirklich existierte? Und wenn er sich auf der Erde blicken lassen würde, nicht wie beim ersten Mal in Jesus Christus, sondern höchstpersönlich? Welchen Medienrummel würde er auslösen? Welche Zweifel an seiner Authentizität wecken, welchen Zuspruch hervorrufen, welche Gegnerschaft auslösen? Marc-Antoine Mathieu wirft diese Fragen auf und zeichnet einen genauso kurzweiligen wie intelligenten Comic. Auf höchst raffinierte Weise kultiviert Mathieu einen feinen ironischen Humor, der die Lektüre durchgängig zum Vergnügen macht. Und mich mit Spannung warten ließ, wie diese Geschichte wohl enden soll ...

    - 19.04.2011