Partner von Fantastic Zero
Aktuelle Rezensionen


Marvel Noir - Wolverine


Gift


Heiligtum 1 - USS Nebraska


Faust - Der Tragödie erster Teil


Die Bielefeld Verschwörung


R.I.P. Best Of 1985-2004


Ein Zoo im Winter


Bravesland 1 - Constant


Comix 1


Auf dunklen Wegen 1
Anzeige
Burka Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniel Wüllner   
Dienstag, 8. September 2009

BurkaWenn man über Religionsgrenzen hinaus Humor betreibt, muss der jeweilige Künstler auf Kritik nicht lange warten: Der Vorwurf der Missachtung der kulturellen Besonderheiten oder gar Blasphemie kann einem vorgeworfen werden. Wir erinnern uns, nur welchen politischen Aufruhr die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erzeugt haben. Nun hat die freischaffende Künstlerin Eva Schwingenheuer in ihrem Buch mit dem schlichten Titel Burka den Versuch unternommen, sich der Bekleidung der vollverschleierten Muslima von außen zu nähern. Sie lädt die Leser nicht nur zum Rätseln ein, was sich da für Konturen unter dem "großen Schwarzen" abzeichnen, sondern kritisiert - wenngleich auch etwas ungestüm - diese Form der Vollverschleierung.

Der Aufbau des kleinen Büchleins erinnert stark an Nicolas Mahlers letzten Comic SPAM, bei dem jeweils eine Abbildung von einem kurzen Text begleitet wird. Es finden sich hier aber keine Seitenzahlen, keine kleinen Vignetten, die das gesamte Erscheinungsbild abrunden sollen. Einzig und allein das Bekleidungsstück und seine Bezeichnungen stehen bei den 45 Abbildungen im Mittelpunkt von Burka. So sehen wir auch keine Menschen (mit Ausnahme von ein paar Unterschenkeln), sondern nur die Hülle, den immergleichen Prototyp, der seiner Trägerin keinen Freiraum für Individualität lässt. Wir sehen dicke Burkas, dünne Burkas, kleine Burkas und auch quadratische Roboter-Burkas. Es wird so allein der Vorstellung überlassen, wie der Spagat der Primaballerina unter der Burka aussehen mag. Genau bei diesen Denkprozessen leuchtet dem Betrachter ein, dass er genau weiß, wie ein Spagat aussieht und er wird sich verwundert die Frage stellen, warum sollte das unter einer Burka anders aussehen. Was aber fehlt ist die Indiviualität der bekleideten Frau, denn sie wird "optisch und faktisch aus dem Alltag verbannt".

YogaEben so sperrig wie das Kleidungsstück selbst, fügt sich der Begriff "Burka" in die ergänzenden Texte ein, die die Pointen erzeugen sollen. Während einige Abbildungen, wie die "Baburka", auch ganz alleine funktionieren, wird aus einer Ansammlung übereinander gestapelter Burkas erst durch die entsprechende Erläuterung der "Afghanische Staatszirkus". Fast auf jeder Seite findet die Namensbezeichung des titelspendenden Kleidungsstückes ihren Weg in die pointierten Texte. Schwingenheuer versucht dabei erst gar nicht, die Burka durch Wortumstellungen besser anzupassen, sondern lässt den sperrigen Begriff so, wie er ist. Dadurch kann sich die Burka schön an Begriffen der westlichen Populärkultur wie Darth Vader ("Darth Burka") und auch der Bundesliga ("Burka-Liga") reiben. Reibung ist auf jeden Fall einer der Effekt, den dieses kleine in schwarz-weiß gehaltene Buch erzeugen soll. Gerade bei den alltäglichen Problemen fragt man, sich wie eine emanzipierte Burkaträgerin "Yoga" machen soll, ohne sich dabei zu verheddern, wenn unsereins schon das Bein nicht über die Schulter bekommt.

SchüttelfrostWährend Schwingenheuer so Stück für Stück muslimischen Frauen aus der Umklammerung der Burka helfen will,  verbaut sie sich die Möglichkeit auf den nächsten Seiten selbst. Mit Karikaturen wie "Wollt ihr die totale Burka?", bei der Schwingenheuer den bekannten Ausruf des Nazipropagandaministers Goebbels ummünzt und ihn mit einem einstimmigen "Ja" der Burkas beantwortet, will sie die Burka als Symbol der Unterdrückung der Frau bloßstellen.  In einer weiteren Abbildung  mit dem Titel "Schwestern im Geiste" sieht man drei Burkas bei einem Treffen mit Mitgliedern des Ku-Klux-Klans in ihren weißen Kutten. Dieses "satirisch verkürzte Nebeneinanderstellen von faschistoiden und rassistischen Geisteshaltungen" soll den  Vergleich "zweier brutaler totalitärer Machtapparate" ermöglichen, doch kann auch Schwingenheuer diese Ideologie nicht gewaltsam von den Frauen trennen, die in den Burkas stecken. Auch die Frauen trifft dieser satrische Weckruf, denn Schwingenheuers Verkürzung entbindet sie jeglicher Möglichkeit, trotz Burka "Nein" zu sagen.

Das kleine SchwarzeMit Burka schlägt Schwingenheuer sicherlich den richtigen Weg ein, um unsere täglichen Begnungen mit  vollverschleierten Muslima zu artikulieren. Wie der Titel vermuten lässt, hinterfragt  die Autorin eine oktruierte Kleiderordnung und die "extrem konservativ-patriachale Auslegung des Korans". Aber sie geht noch einen Schritt weiter: Gerade in dem Moment, in dem wir uns moralapostelgleich aufschwingen wollen, nutzt Schwingenheuer die Oberflächlichkeit der  Burka, um auch unserer westlichen Populärkultur den Wind aus den Segeln zu nehmen. Solange die Burka als Projektionsfläche für unsere Vorurteile genutzt wird, scheint Schwingenheuers Projekt aufzugehen, doch leider versperren die beiden oben angeführten Karikaturen – durch ihre gescheiterten Versuche einer kritischen Innenansicht - den Weg für einen Diskurs wie zwei schwarze Burkaschafe.



Burka
Eichborn Verlag, August 2009
Autorin/Zeichnerin: Eva Schwingenheuer
96 Seiten; Softcover; 7,95 Euro
ISBN:
978-3821860695

Ungestüm kritische Satire

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!


Abbildungen: © Eva Schwingenheuer/Eichborn Verlag

Kommentare (1)add comment

Andre said:

...
Danke für die Rezension! Ein so oberflächlicher Umgang mit einem so sensiblen Thema ... ätzend ... schade, wenn Comics missbraucht werden, um Klischees zu bedienen und Einsichten (in Burka tragende Frauen) und Differenzierungen zu vermeiden. Kritik an Burkas braucht etwas mehr Kenntnis der Sachlage.
17. September 2009, 07:42

Kommentar schreiben
kleiner | groesser

security image
Bitte den obenstehenden Code eingeben:


busy
Ähnliche Artikel:
Comic Book Comics 3 (US)
 Die  Erfinder des glorreichen Comics Action Philosophers nehmen nun endlich mit dem dritten Teil ihrer Comic Book Comics-Reihe mehr Fahrt auf. Nachdem Fred van Lente an der Schreibmaschine und Ryan Dunlavey an der Zeichenfeder mit ihrem durchgeknallten Bildungscomics über das Leben und die Lehren berühmter Philosophen den Durchbruch geschafft haben, fand ihr neuestes Projekt über die Geschichte der Comics als Comic nur wenig Anklang. Während Rambo-Karl Marx mit seinen M-60 Gründen, warum Kapitalismus eine schlechte Sache sei, die Lacher definitiv auf seiner Seite hatte, wurden die beiden freischaffenden Künstler des Evil Twin Comic-Verlags für ihre Historie der neunten Kunst eher belächelt. In Ausgabe drei haben die beiden endlich wieder zu alter Aggressivität zurückgefunden.
Prototyp
 Ralf König erzählt in Prototyp die Schöpfungsgeschichte frech und respektlos neu. Der Prototyp der Menschheit ist Adam, die Hauptrolle kommt jedoch einer Schlange zu, dem guten alten "Luz", wie sie genannt wird. Der Leser wird durch die von König inszenierten Dialoge - vornehmlich zwischen Luz und Gott, der nur als Stimme in Fraktur in Erscheinung tritt - in eine ganze Reihe von Erwägungen zur Schöpfung und dem Menschsein verwickelt. Und diese zeichnen sich durch ein Maximum an Wort- und Bildwitz aus, der aufs Königlichste zu amüsieren weiß und manchmal zum Nachdenken verführt.
Archetyp
 In Prototyp präsentierte Ralf König seine Version der Schöpfungsgeschichte. Nun gibt es die Fortsetzung: Archetyp dreht sich um Noah und sein berühmtes Schiff, das er baut, um der Sintflut zu entgehen. Der Comic erschien zunächst als täglicher Strip in der Frankfurter Allgemeinen, die Buchausgabe im Rowohlt Verlag ist jedoch mehr als ein bloßer Nachdruck des Zeitungscomics. Für das Hardcover entwarf König neue Seitenlayouts, überarbeitete manche Panels und nicht zuletzt ist diese Ausgabe (fast) durchgehend farbig statt schwarz-weiß.
Tamara Drewe
 Die Britin Posy Simmonds, deren Name bei uns bisher kaum bekannt war, kennt man in England vor allem durch ihre Tätigkeit als Cartoonistin für die Tageszeitung The Guardian, wo ihre Arbeiten seit den 70er Jahren erscheinen. Auch Tamara Drewe, ihre zweite lange Comicgeschichte (und die erste, die nun in Deutschland veröffentlicht wird) erschien zunächst als Fortsetzungs-Story im Guardian. Sie erzählt darin von einer ländlich-bürgerlichen Idylle im kleinen englischen Nest Stonefield, die eines Tages gründlich durcheinandergerät, als eine junge, sehr attraktive Frau im Dorf einzieht.
Bunte Welt des Frohsinns 1
 Es gibt Zeichner und Autoren, von deren Werken man gar nicht genug bekommen kann und am liebsten sofort den nächsten Comic oder das nächste Buch lesen muss. Fernab von der Welt der Comics lässt sich dieses Phänomen sicherlich am besten bei J.K. Rowlings Harry Potter-Reihe wiederfinden. Mit großem Eifer  haben Horden von Jugendlichen und Erwachsenen die Bücher gelesen und gierig jeden neuen Band herbeigesehnt. Und dann gibt es da noch Eugen Egner, den Meister des grotesken Humors (entsprechende Auszeichnung wurde Egner 2003 in Kassel überreicht). Seine Comics, seine Bildergeschichten und auch seine Cartoons sind eher in geringen Dosen zu genießen und entwickeln so ihr größtmögliches Potential. Diese bestreitbare Tatsache hielt die Verleger von Monsenstein & Vannerdat aber nicht davon ab, mit die Bunte Welt des Frohsinns den ersten Band von Egners Gesamtwerk (exklusive seiner nicht bebilderten Texte) zu veröffentlichen.
 
Anzeige