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von Andreas Fisch
Freitag, 14. August 2009
Aufzeichnungen aus Birma ist der dritte Teil der Trilogie von Guy Delisle, die mit
autobiografischen Berichten aus dem chinesischen
Shenzhen und dem
nordkoreanischen
Pjöngjang begannen. Und es scheint mir das dickste und
beste der drei zu sein! Von daher meine empfohlene Lesereihenfolge 1.
Birma,.
2.
Pjöngjang, 3.
Shenzhen.
Anders als in den ersten beiden Comics ist der Schauplatz in
Aufzeichnungen
aus Birma nicht der neue Dienstort des Comiczeichners Guy Delisle,
sondern Einsatzgebiet seiner Frau Nadège, die es als „Ärztin ohne Grenzen" in
diese Diktatur verschlägt. Noch weniger als in den anderen beiden Büchern
erzählt Delisle eine Geschichte. Vielmehr fängt er Eindrücke aller Art von
seinem Aufenthalt in Birma (bzw. Myanmar) und legt mit jeder Episode Puzzlestück um
Puzzlestück nebeneinander, um am Ende dem Leser ein vielschichtiges Bild des Landes, seiner Menschen und seiner politischen Lage zu präsentieren.

Diese
Puzzlestücke fassen dabei ganz unterschiedliche Zugänge zu diesem Land, die
einen besonderen Reiz ausmachen, wenn man möglichst viel von Birma erfahren
möchte: Die Erlebnisse als Tourist löst Guy in seiner Rolle als Familienvater
einer berufstätigen Frau ab (und selbstironisch fügt er angesichts der
wichtigen Gespräche der engagierten Freunde eines Abends in Gedanken hinzu:
„Ich könnte diesem Gespräch nur beisteuern, dass im Citimarkt wieder japanische
Windeln zu haben sind!"). So erfährt man Amüsantes und Anekdotenhaftes aus dem
Leben des Vaters Delisle, des Comiczeichners Delisle, des neuen Bewohners
dieses Landes und des Touristen Delisles etwa zum normalen Leben der
buddhistischen Mönche.

Die verstörenden Seiten beschreiben den Alltag in einer ganz
gewöhnlichen menschenverachtenden Diktatur, so kommt öfter das in der
Nachbarschaft von Delisle gelegene Haus der Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi
ins Bild, deren Hausarrest gerade (August 2009) unter fadenscheinigen Gründen
um anderthalb Jahre verlängert wurde, um sie von den Wahlen 2010 als Kandidatin
fernzuhalten. Die informativen politischen Eindrücke gewinnen ihren Charme
mitunter aus der Gegenüberstellung des alltäglichen Lebens einfacher Leute und
dem militärischen Gebaren der Machthaber - siehe zum Beispiel im Titelbild. Die
bisweilen beklemmenden Momente werden durch den Humor und den Zynismus der
Kommentare erträglicher, ohne ihre Wirkung zu verlieren, im Gegenteil! Nebenbei
und ganz unaufdringlich erfährt man zudem von der gefährlichen und aufopfernden
Arbeit der "Ärzte ohne Grenzen" (etwas aufdringlicher schon Mal in:
Emmanuel Guibert / Didier Lefèvre / Frédéric Lemercier,
Der Fotograf. Band
2: Ärzte ohne Grenzen). Sogar einen Einblick in die spirituelle Dimension
des mönchischen Lebens erhält der Leser durch ein Selbstexperiment des
Zeichners. Birmanesen nehmen stärker als in Deutschland Anteil an der
mönchischen Lebensweise, denn einen Teil seines Lebens verbringt jeder
Birmanese als Mönch.

Gut gewählt ist auch die Vielfalt der Erzählweisen, die der
Vielfalt an Perspektiven trefflich entspricht und Delisle die Freiheit lässt,
alle Episoden auf die jeweils passende Art zu erzählen: als One-Page-Cartoon,
in wortloser Erzählweise (wie schon in
Louis fährt Ski und
Louis am
Strand) und als längere Erzählung. Nachdem ich eine kritischere Rezension
gelesen hatte, habe ich das Buch ein zweites Mal angefangen und war sogleich
wieder auf unterhaltsamste Weise gefesselt.
Wer Birma, dieses fast unbekannte asiatische Land und seine
Menschen unter der Militärdiktatur von General Than Shwe auf diese
ungewöhnliche Weise kennen lernen will - er kann gewiss sein, dass Aspekte zu
Tage treten, die keiner Zeitungsmeldung wert sind und gleichzeitig verfolgt man
nach der Lektüre dieses Comics die Berichte über Birma in der Tageszeitung mit
anderen Augen.
Aufzeichnungen
aus Birma
Reprodukt, Juni 2009
Text und Zeichnungen: Guy Delisle
272 Seiten, Broschur, s/w, 20 Euro
ISBN: 978-3-941099-01-2


Abbildungen: © Reprodukt
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