Aufzeichnungen aus Birma ist der dritte Teil der Trilogie von Guy Delisle, die mit
autobiografischen Berichten aus dem chinesischen Shenzhen und dem
nordkoreanischen Pjöngjang begannen. Und es scheint mir das dickste und
beste der drei zu sein! Von daher meine empfohlene Lesereihenfolge 1. Birma,.
2. Pjöngjang, 3. Shenzhen.
Anders als in den ersten beiden Comics ist der Schauplatz in Aufzeichnungen
aus Birma nicht der neue Dienstort des Comiczeichners Guy Delisle,
sondern Einsatzgebiet seiner Frau Nadège, die es als „Ärztin ohne Grenzen" in
diese Diktatur verschlägt. Noch weniger als in den anderen beiden Büchern
erzählt Delisle eine Geschichte. Vielmehr fängt er Eindrücke aller Art von
seinem Aufenthalt in Birma (bzw. Myanmar) und legt mit jeder Episode Puzzlestück um
Puzzlestück nebeneinander, um am Ende dem Leser ein vielschichtiges Bild des Landes, seiner Menschen und seiner politischen Lage zu präsentieren.
Diese
Puzzlestücke fassen dabei ganz unterschiedliche Zugänge zu diesem Land, die
einen besonderen Reiz ausmachen, wenn man möglichst viel von Birma erfahren
möchte: Die Erlebnisse als Tourist löst Guy in seiner Rolle als Familienvater
einer berufstätigen Frau ab (und selbstironisch fügt er angesichts der
wichtigen Gespräche der engagierten Freunde eines Abends in Gedanken hinzu:
„Ich könnte diesem Gespräch nur beisteuern, dass im Citimarkt wieder japanische
Windeln zu haben sind!"). So erfährt man Amüsantes und Anekdotenhaftes aus dem
Leben des Vaters Delisle, des Comiczeichners Delisle, des neuen Bewohners
dieses Landes und des Touristen Delisles etwa zum normalen Leben der
buddhistischen Mönche.
Die verstörenden Seiten beschreiben den Alltag in einer ganz
gewöhnlichen menschenverachtenden Diktatur, so kommt öfter das in der
Nachbarschaft von Delisle gelegene Haus der Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi
ins Bild, deren Hausarrest gerade (August 2009) unter fadenscheinigen Gründen
um anderthalb Jahre verlängert wurde, um sie von den Wahlen 2010 als Kandidatin
fernzuhalten. Die informativen politischen Eindrücke gewinnen ihren Charme
mitunter aus der Gegenüberstellung des alltäglichen Lebens einfacher Leute und
dem militärischen Gebaren der Machthaber - siehe zum Beispiel im Titelbild. Die
bisweilen beklemmenden Momente werden durch den Humor und den Zynismus der
Kommentare erträglicher, ohne ihre Wirkung zu verlieren, im Gegenteil! Nebenbei
und ganz unaufdringlich erfährt man zudem von der gefährlichen und aufopfernden
Arbeit der "Ärzte ohne Grenzen" (etwas aufdringlicher schon Mal in:
Emmanuel Guibert / Didier Lefèvre / Frédéric Lemercier, Der Fotograf. Band
2: Ärzte ohne Grenzen). Sogar einen Einblick in die spirituelle Dimension
des mönchischen Lebens erhält der Leser durch ein Selbstexperiment des
Zeichners. Birmanesen nehmen stärker als in Deutschland Anteil an der
mönchischen Lebensweise, denn einen Teil seines Lebens verbringt jeder
Birmanese als Mönch.
Gut gewählt ist auch die Vielfalt der Erzählweisen, die der
Vielfalt an Perspektiven trefflich entspricht und Delisle die Freiheit lässt,
alle Episoden auf die jeweils passende Art zu erzählen: als One-Page-Cartoon,
in wortloser Erzählweise (wie schon in Louis fährt Ski und Louis am
Strand) und als längere Erzählung. Nachdem ich eine kritischere Rezension
gelesen hatte, habe ich das Buch ein zweites Mal angefangen und war sogleich
wieder auf unterhaltsamste Weise gefesselt.
Wer Birma, dieses fast unbekannte asiatische Land und seine
Menschen unter der Militärdiktatur von General Than Shwe auf diese
ungewöhnliche Weise kennen lernen will - er kann gewiss sein, dass Aspekte zu
Tage treten, die keiner Zeitungsmeldung wert sind und gleichzeitig verfolgt man
nach der Lektüre dieses Comics die Berichte über Birma in der Tageszeitung mit
anderen Augen.
Aufzeichnungen
aus Birma
Reprodukt, Juni 2009
Text und Zeichnungen: Guy Delisle
272 Seiten, Broschur, s/w, 20 Euro
ISBN: 978-3-941099-01-2



Abbildungen: © Reprodukt

| Ähnliche Artikel: |
|---|
|
Tamara Drewe
Die Britin Posy Simmonds, deren Name bei uns bisher kaum bekannt war,
kennt man in England vor allem durch ihre Tätigkeit als Cartoonistin
für die Tageszeitung The Guardian, wo ihre Arbeiten seit den 70er
Jahren erscheinen. Auch Tamara Drewe, ihre zweite lange Comicgeschichte
(und die erste, die nun in Deutschland veröffentlicht wird) erschien
zunächst als Fortsetzungs-Story im Guardian. Sie erzählt darin von
einer ländlich-bürgerlichen Idylle im kleinen englischen Nest
Stonefield, die eines Tages gründlich durcheinandergerät, als eine
junge, sehr attraktive Frau im Dorf einzieht.
|
Fuck
Chester Browns autobiografisches Comicwerk Fuck beginnt
mit einem verlassen wirkenden Einzelpanel, dem Bild eines Mädchens und der
nüchternen Textzeile: „Connie Pug wohnte gegenüber…“. Distanz und Leere sind
zwei der Merkmale, die sich für den Leser dadurch bereits ankündigen und die
als durchgängiges Charakteristikum für den kompletten Band gelten können.
|
Jenseits
Zuerst sieht alles ganz putzig aus: Eine junge Frau empfängt einen
jungen Herrn, einen Prinzen, und bei einer Tasse Kakao findet eine
zarte Annäherung statt. Die Figuren sehen niedlich aus, als wären sie
Märchenbüchern für Kinder entsprungen, sie sind in fröhlichen Farben
koloriert. Doch bald löst sich der Raum um sie herum auf, sie müssen
fliehen und ein großes Splashpanel zeigt dem Leser, in welcher
Behausung die netten Wesen gelebt haben: Sie sind winzig kleine
Gestalten, und sie kommen aus dem Körper eines kleinen toten Mädchens
gekrochen. Wie Gulliver liegt dieses Mädchen am Boden, im Vergleich zu
den kleinen Lebewesen wirkt es wie ein Riese.
|
Insel Bourbon 1730
Hört man das Stichwort Piraten, so fallen einem entweder die aktuellen
Ereignisse vor der Küste Somalias ein, oder jene Piraten, die wir aus
dem Kino kennen: die verwegenen Freibeuter der Meere, nur echt mit
Augenklappe, Holzbein und Papagei auf der Schulter. Die Piraten, von
denen Lewis Trondheim in seinem neuen Comicroman Insel Bourbon 1730
erzählt, gehören weder zur einen noch zur anderen Fraktion. Gemeinsam
mit dem Szenaristen Appollo versucht er ein realistisches Bild von der
Zeit zu zeichnen, als die große Ära der Piraterie zu Ende ging.
|
Donjon -83 - Der letzte Ritter
Diesen Frühling öffnet der Reprodukt Verlag wieder einmal die Tore des Donjon und lädt deutsche Leser zu den Abenteuern der diversen Zeitstränge von Joann Sfars und Lewis Trondheims Fantasiewelt ein. Leider ist der Ausflug in die Vergangenheit des Donjons mit Der Letzte Ritter keine erzählerische Perle, sondern eher eine Murmel.
|
|