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von Benjamin Vogt Mittwoch, 26. August 2009
Nicolas Fructus legt mit Thorinth, bei dem er sowohl die
textliche als auch die zeichnerische Arbeit übernimmt, seine erste Comicreihe
überhaupt vor. Herausgekommen ist, wie Band 1 bereits zu belegen weiß, ein
reichlich verschrobenes Werk, das keine ungewöhnlichen Themen scheut. Aber kann
diese Debutserie auch überzeugen? Letztlich nicht ganz. Der Hauptgrund dafür
ist das sich steigernde Verstricken in eine wirr erscheinende Handlung.
Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist Thorinth, ein gigantischer Turm, der ein Labyrinth beinhaltet, zugleich aber auch Sanatorium für Wahnsinnige und ein Gefängnis für Verstoßene und Unliebsame ist. Es ist ein beklemmender, hermetisch abgeschlossener Ort, der ursprünglich vom Bewusstseinsforscher Amodef in Auftrag gegeben wurde. Seine zwielichtige Architektin Esiath jedoch erschuf insgeheim einen schwebenden Lehmblock inmitten des Turms, der die herrschende Kaste der Pellegen, der auch Amodef angehört, in sich aufsaugen soll. Als Folge des Verrats ist der Narrenwärter anzusehen, ein monströser Golem, der fortan über die Bewohner von Thorinth wachen und richten soll. Mit den vielen kleinen Wesen, den sogenannten Schnuffels, die ebenfalls aus diesem Experiment resultierten, existieren aber auch gutmütige Wesen in dem zweckentfremdeten Turm.
Eines Tages wird Thorinth, nun ein in sich abgeschlossenes System, aus dem keiner mehr rein oder raus kommt, von einem namenlosen Eindringling infiltriert. Dieser verschafft sich mit Gewalt Zugang zum Turm, um seine Frau zu suchen.
Mit dem unbekannten Eindringling hat Nicolas Fructus einen
Protagonisten erschaffen, der unvermittelt in eine fantastische Welt gerät, die
er nicht zu begreifen vermag. Er erkundet gleichzeitig mit dem Leser das Innere
des Turms, trifft allerlei skurrile Gestalten und muss schließlich seine Anwesenheit und seine
Mission rechtfertigen. Das ist allerdings gar nicht so leicht, denn nach einer
äußerlichen Veränderung, den Anschlägen der extremistischen Gruppierung der
Sanodath und den Auftritten eines vermeintlichen Königs, steht der Held vor
Gericht.
Sicherlich, Fructus‘ Zeichenstil schafft es ausgezeichnet, das morbide Innenleben atmosphärisch dicht wiederzugeben, die darstellerische Qualität kann aber nicht über den inhaltlichen Part hinweg täuschen, die dann doch an dem ein oder anderen Punkt Schwächen aufweist: Das Konzept des Turms soll wohl auf psychologischer Ebene zu verstehen sein; Thorinth als ein Ort der zerrissenen, kaputten Seelen, eine Begegnungsstätte für Wahnsinn und Genialität. Amodef und sein Team werden als Doktoren benannt, die Grenze des menschlichen Bewusstseins auszuloten ist offenbar ihr Ziel gewesen. Insofern ist Idee des hermetischen Labyrinths als metaphorisches Werkzeug zum Aufzeigen mentaler Zustände ein gelungener erzählerischer Kniff, der dem Autor geglückt ist. Ebenso gut gefallen hat mir die zentrierte Position des Turms, der anstelle einer titelprägenden Person von Beginn an in den Vordergrund gerückt wird. Schade nur, dass der Künstler im weiteren Verlauf des Bandes dann doch recht stark auf den namenlosen Helden fokussiert ist. Darunter leidet dann auch die eigentliche Atmosphäre des Comics, da dadurch verpasst wird, das Innenleben des Turms tiefgehender und vor allem nachvollziehbarer zu erforschen.
Alles in allem kann das zugrundeliegende Szenario nicht gänzlich
überzeugen. Thorinth ist in einer fantasievollen Welt angesiedelt, in der
hirnsaugende Lehmmonster, auf Plattformen schwebende Krieger und niedliche
Kreaturen, die verrückt nach einer psychotrop wirkenden Pflanze sind, als
völlig normal erscheinen. Mit dem zusätzlichen surrealen Faktor, der sich in allem
widerspiegelt, vom Verhalten der Personen bis hin zur Architektur, lässt sich
die Story nur noch als wirr bezeichnen. Viele Informationen bleiben der
Interpretationsgabe des Lesers überlassen, das eigentliche Konzept dahinter
wirkt spätestens in der zweiten Hälfte nur noch bemüht, aber nicht gut genug
durchdacht.
So bleibt die Story schräg, aber nicht packend oder spannend genug erzählt, als dass man vor Begeisterung die nächste Seite umblättern würde. Interessanter ist da schon, in welche Richtung sich die fünfteilige Reihe noch entwickeln wird.
Thorinth 1: Der Narr
ohne Namen
Splitter, Juli 2009
Text/Zeichnungen: Nicolas Fructus
56 Seiten, Hardcover, 13,80 EUR
ISBN: 978-3-86869-032-3

Abbildungen: © Splitter Verlag















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Benoit Sokal ist ja beileibe kein Unbekannter mehr. Mit Inspektor Canardo hat er einen modernen Klassiker des frankobelgischen Comics geschaffen und nicht zuletzt mit Paradise auch eine schöne Serie, die Abenteuer mit etwas Mystik und Satire verband.
Altmeister Jodorowsky hat wieder zugeschlagen. Man fragt sich glatt, ob der Mann noch etwas anderes tut, als zu schreiben. Gerade in letzter Zeit hat er einen so hohen Output (Der schreckliche Papst, Borgia), dass man befürchten könnte, ihm würden bald die Ideen ausgehen.
Was ist eigentlich so verkehrt an rein historischen Comics? Wieso müssen neue historisch orientierte Serien sich häufig der Faktentreue verweigern und sich stattdessen einem Genremix hingeben? Mittlerweile wäre eine treue Historienadaption mal sehr außergewöhnlich. Aber die Herangehensweise, mehrere Genres zu mischen, hat natürlich auch Vorteile. So wäre historische Faktentreue ein Gerüst, welches die Handlung stark einschränken würde, da man sich nicht beliebig viele Freiheiten nehmen kann. Meist bleibt die Faktentreue denn auch auf das Dekor beschränkt. Andererseits hat Geschichte immer genügend weiße Flecken, die von Fantasie und Schöpferkraft gefüllt werden können. Man kann eben nie alles über das Vergangene wissen..
Ausgeschrieben heißt dieser Comic eigentlich "Tarot - Witch of the Black Rose Band 1: Hexenkrieg" und ist das Ergebnis, wenn Jim Balent, langjähriger Zeichner von Catwoman (1993-1999) und einiger Ausgaben von Purgatori, Lobo u.a. seine selbstgeschriebene Serie umsetzt.