| Reddition 49/50 |
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| Geschrieben von Daniel Wüllner | |||||||||||||||
| Freitag, 24. Juli 2009 | |||||||||||||||
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Das Cover der Ausgabe schmückt eine wunderschöne Bildcollage aus Werken der Weltliteratur, die mit neuem Design aus der Feder von bekannten Comic-Künstlern versehen wurden. Wie aber ein altes Sprichwort belegt, sollte man ein Buch nie nach seinem Cover beurteilen. Aus diesem Grund beginne ich mit meiner Besprechung lieber am Ende: "Der Mörder ist der Gärtner." Im Gegensatz zu diesem bekannten Gestus aus einem der beliebtesten Literaturgenres, dem Krimi, verrät man bei dieser Art der Besprechung aber keine wichtigen Details im Voraus; die Spannung bleibt also bestehen. Und dennoch führt diese umgekehrte Herangehensweise zu interessanten Innenansichten. Während uns das Cover einlädt, die Spannung zwischen Literatur und Comics genauer unter die Lupe zu nehmen, wirbt das Backcover für "Aus-Gezeichnete Geschichten!" aus dem Hause Carlsen. Fein säuberlich hat diese Werbung selbst auch den Stempel Graphic Novel aufgedrückt bekommen, ein Stempel, der auch von den Autoren dieser Ausgabe immer wieder benutzt wird, ohne dabei die wirklich Frage zu stellen, warum so ein Stempel überhaupt gebraucht wird. Von hinten nach vorne gelesen So beginnt der letzte Artikel in der Reddition von Stephan Ditschke gleich mit der unmissverständlichen Überschrift "Comics als Literatur" und einem Diskurs über die Rechtfertigung von Comicrezensionen im Fuilleton aufgrund der Literarizität des Mediums. Während Ditschke sich zu Beginn nicht einmal die Frage stellt, ob wirklich irgendjemand möchte, dass Comics Literatur sind, lässt er lieber die Redakteure zu Wort kommen – und zwar in 53 Fußnoten auf sieben Seiten. Es wird erläutert, wie überregionale Zeitungen, Comics, diese "hybride, intermediale Kunstform", mittels ihrer Nähe zur Literatur als Anschauungsobjekt rechtfertigen: Es reicht aber nicht aus, dass Journalisten "Comics als Literatur" bezeichnen oder über sie "in ähnlicher Weise wie über Literatur" schreiben. Auch die Einbeziehung von literarischen Themen in Comics klärt die Frage nicht und führt zu weiteren Verwirrungen. Und den Titel der FAZ-Reihe Klassiker der Comic-Literatur als Positionierung zu verwenden, überzeugt auch nicht. Diese Art der Argumentation läuft im Englischen unter der Bezeichnung "Begging the question", sprich dass die Wahrheit einer Behauptung in der Argumentation bereits als Wahrheit angenommen wird. So kommen die werten Herren Feuilletonisten dann auch zu folgendem Ergebnis: "Als Graphic Novel sind Comics Kunst geworden." Eine etwas kritischere Bewertung dieser Vorgehensweise wäre hier seitens des Autors ratsam gewesen, da er doch selbst einsieht, dass es sich bei Comics um ein "erzählendes Medium handelt". Die Highlights der Reddition Die beiden folgenden Aufsätze "Erzählen im Zwielicht" (Clemens Heydenreich über Comic-Anleihen in der Literatur) und "Mehr als Graphische Romane: Comics!" (Ole Frahms Anmerkungen zu einem Missverständnis) gehören zu den Highlights der Reddition-Ausgabe. Gerade weil die beiden Autoren es sich nicht einfach machen und mit festgesetzten Größen – wie eben der Graphic Novel – arbeiten, sondern sich der Materie unschuldig und dennoch präzise annähern. Eine besser informierte Auseinandersetzung mit der Graphic Novel als die von Frahm gibt es bis dato noch nicht: "Graphic Novel, gewiss ein weiterer schöner Anglizismus in der deutschen Sprache, bleibt ein eher hilfloser Versuch, Comics aus dem pragmatischen sozio-ökonomischen Kontext ihrer Entstehung zu lösen. Gerade dieser Kontext aber birgt eine Wahrheit unserer Gesellschaft und ihrer Geschichte, in der die Zeit aus den Fugen geraten ist und die mit der Romanform kaum etwas verbindet. In Comics wie Grabenkrieg und Maus artikuliert sich diese Wahrheit auf der Oberfläche ihrer Zeichen." Ein Kessel Buntes Von den drei enthaltenen Interviews empfehlen sich nur die ausführlichen Unterhaltungen mit Isabel Kreitz und Reinhard Kleist über ihre aktuellen Comic-Projekte. Die beiden größeren Gesprächsrunden überzeugen zwar, wie die gesamte Jubiläumsausgabe, durch schöne Reproduktionen der Comics, dafür aber weniger durch ihre Dialoge. Teilweise sprunghaft wirken die Dialoge zwischen den einzelnen Diskutanten. Hier ist doch die Audio-Variante, der Podcast des Comic-Kabinetts, mit ähnlicher Besetzung vorzuziehen. Der Mörder ist nicht die Graphic Novel! Nach dieser rückwärts gerichteten Leserichtung hat sich der Leser der Reddition das wirklich schöne Cover nun aber redlich verdient. Es gelingt der Reddition – an manchen Stellen doch wohl er unabsichtlich – zu zeigen, dass es zwar eine Verwandtschaft zwischen Literatur und Comic gibt, die aber auch leicht zu Missverständnissen führen kann. Diese Besprechung soll nicht ohne eine kurze Klarstellung enden: "Der Mörder ist natürlich nicht die Graphic Novel." Doch wenn man sich als Wissenschaftler, Redakteur oder auch als Fan dieses Marketing-Labels, wie von Carlsen vorgemacht, bedient, dann sollte man sich gewahr sein, dass sich sowohl Comicleser als auch Informierte auf Dauer nicht mit einem solchen Stempel abfinden werden. Da es bereits genug Stempel gibt, sollte man einfach wieder Comics besprechen, analysieren und interpretieren und sich mehr Gedanken über die "Sprache der Comics" machen. Es gibt genug zu tun und der Markt und die Graphic Novel brauchen unsere Hilfe nun wirklich nicht. Homepage der Reddition (inklusive Inhaltsverzeichnis)
Reddition 49/50
Edition Alfons, Juni 2009 Text: diverse Softcover; 98 Seiten; 10,00 Euro Bestellen bei Reddition
Abbildungen: © Edition Alfons
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Kommentare (4)
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Jens R. Nielsen
said:
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... Moin Daniel. Schöne Besprechechung, Dank dafür. Allerdings legst Du der Redaktion [also auch mir] im letzten Absatz ein Schlangenei ins Nest: "Unabsichtlich"? Wieso "unabsichtlich"? Trau den Autoren und der Redaktion der "Reddition" ruhig ein bisschen mehr zu. "Graphische Literatur" heißt für uns oft auch, Thesen unter Zuhilfenahme von Abbildungen und Bildunterschriften zu entwickeln. Auch die so entstehenden Assoziationen und Querverweise sagen etwas über das Verhältnis von "Comic" und "Literatur" aus - das für uns weder abschließend geklärt noch überhaupt letztgültig zu klären ist. Insofern hat die Carlsen-Anzeige vielleicht doch an einigen Stellen Deinen Blick auf das durchaus nicht selten durchscheinende Unbehagen vieler "Redditions"-Beiträger mit dem Begriff "Graphic Novel" und seiner Funktionalisierung verstellt. Zumindest an Deiner Lektüre meines - übrigens in Unkenntnis des Heinzelmann-Aufsatzes geschriebenen - "Salzmeer"-Textes könnte ich Dir belegen, dass die Lektüre von hinten nach vorn nicht immer zu klareren Ansichten führt. Hannes und ich versuchen darin schließlich die [nicht zum ersten Mal reddierte] These zu untermauern, dass dieses Werk, da der "Corto Maltese"-Zyklus erst nachträglich um es "herum gebaut" wurde, gerade nicht von der späteren Serie her gelesen werden sollte. Kein Wunder also [und auch kein Unvermögen], dass darin niemand zum Kern von Corto Maltese vordringt. Den Kern von Hugo "Salzmeer" Pratt hoffen die Autoren aber gestreift zu haben. Nimm den Text als Einleitung in eine kontrastive Lektüre von Pratts "Ballata" und Stevensons "Treasure Island" - und schieb mir die Telefonnummer des Verlegers rüber, der das Protokoll einer solchen Lektüre-Arbeit finanzieren und drucken würde ... Und ebenso repräsentiert - was uns allerdings erst während der Arbeit daran klar geworden ist - die ganze "Reddition" nur die Momentaufnahme einer offenen Debatte. Zur Orientierung darin liefert das - von Dir ausgelassene - Inhaltsverzeichnis lediglich ein paar Hilfestellungen. In den Köpfen aber schreiben wir längst an einer Fortsetzung der Nummer ... Keine Mörder also, keine Gärtner. Nur Tötungsfantasien und jede Menge Unkraut. 1000 Grüße, Jens |
Daniel Wüllner
said:
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... Tach Jens, es war sicherlich nicht meine Absicht der gesamten Redaktion der Reddition ein Ei ins Netz zu legen und schon gar kein Schlangenei. Das Wort "unabsichtlich" taucht am Ende deshalb auf, weil ich nach der Lektüre der Meinung war, dass einige Autoren durch ihre Artikel das Verhältnis von Comics und Literatur eher erhellen, andere dagegen eher etwas vernebeln. Ich traue allen Redakteuren der Reddition sehr viel zu, doch muss man stehst wachsam bleiben. Denn genau um das Ende der unabgeschlossenen Prozesse zwischen den Begriffen habe ich Angst. Aus diesem Grund verweist mein warnender Zeigefinger auf die zu simple Lösung, die die "Graphic Novel" in diesem nie enden wollenen Spiel bietet. Außerdem habe ich die Rezension der Text+Kritik bereits vor dieser hier verfasst und war erfreut über deine "Tour de Manga". Genau aus diesem Grund steht in der Rezension über die Südseeballade "bleiben hinter ihren Möglichkeiten" zurück. Selbstverständlich kann man Hugo Pratts Werk nicht auf vier Seiten adäquat erläutern, aber vielleicht ist ja der "Christian A. Bachmann Verlag" an einer längeren Variante interessiert. 1001 Grüße, Daniel |
Volker Hamann
said:
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... Hallo Daniel. Vielen Dank für deine umfangreiche und konstruktive Besprechnung der neuen Reddition. Nachdem bereits Jens wichtige Anmerkungen dazu gemacht hat, will ich auch noch etwas nachschieben. Meiner Meinung nach hast du dir durch den - etwas gewollt wirkenden - Umstand, von hinten nach vorne zu lesen, einige der Möglichkeiten unserer Texte selbst verbaut. Die Anordnung der meisten Texte gehorcht, ebenso wie der sinnvolle Gebrauch von Bildzitaten, einer gewissen Logik, deren vollständige Rezeption dem Leser tatsächlich einiges mehr an Aufschluss oder Erkenntnis bringen kann (sollte), als aus deiner Kritik hervorgeht. So tragen gerade die beiden „großen Gesprächsrunden“ mit Isabel Kreitz, Martin tom Dieck, Ronald Gutberlet und Markus Huber (nur mit Reinhard Kleist haben wir ein Solo-Interview geführt) wesentlich zur Einordnung und zum Verständnis der in den voranstehenden Artikeln gebrachten Aussagen bei. Der Versuch der Reddition, etwas zum Verständnis des als - unserer Meinung nach - marketingmäßigen Instruments genutzten Begriffs "Graphic Novel" beizutragen, findet sich gerade auch in diesen Gesprächsrunden, wo es z.B. von Ronald Gutberlet auf die Frage nach dem Sinn und Unsinn dieser Etikettierung heißt: "Das ist eine sehr buchhalterische Angelegenheit. Es geht nur darum, dass man ein Label hat, mehr nicht." Und von Markus Huber weiter: "Der Generationswechsel, der bei den Autoren des Feuilletons stattgefunden hat, ist da viel entscheidender." Bevor Isabel Kreitz folgendermaßen schließt: "Die Inhalte liegen doch schon seit Jahren in der Luft, aber nun sind die Verlage endlich bereit für Comics." Ich freue mich jedenfalls, mit dieser ungewöhnlichen - weil zum Jubiläum der Reddition besonderen und umfangreichen - Ausgabe etwas zur interessanten „Graphic Novel“-Diskussion beitragen zu können. Nun wäre ein Statement aus dem Feuilleton und/oder den diesen Begriff so leichtfertig bemühenden „großen“ Verlagen wünschenswert. |
Frauke
said:
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... Hallo Volker, ich habe die ungewollten Smilies aus Deinem Kommentar entfernt. Hoffe, das war in Deinem Sinne. Die von Daniel erwähnte Rezension der Text+Kritik geht übrigens noch gleich online. |
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