| Interview mit Uli Oesterle |
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| Geschrieben von Daniel Wüllner | |||||
| Montag, 20. Juli 2009 | |||||
Ein
Besuch in der Münchener Künstlergemeinschaft "Die Artillerie " eröffnet den Blick auf hohe, weiße Altbauräume, in denen zehn
Kollegen an Comics, Illustrationen, Designs und vielen anderen Sachen
arbeiten. Hier findet sich neben bekannten Gesichtern wie Thomas von
Kummant und Benjamin von Eckartsberg (Die Chronik der
Unsterblichen) eine schiere Fülle an Zeichnern, die mit
Computern, Pinseln, Federn und Stiften arbeiten. Unter ihnen auch Uli
Oesterle ,
der nach mehr als sechs Jahren seine Gesamtausgabe von Hector
Umbra bei Carlsen vorgelegt hat. Mit unserem Redakteur Daniel
Wüllner unterhielt er sich über Sympathiefiguren, unsympathische
Entscheidungen und den WG-Alltag einer Künstlergemeinschaft.
Uli Oesterle: Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Zusammenschluss von Künstlern nicht nur funktioniert, sondern auch wirklich förderlich ist. Nach der Grafikerschule habe ich zuerst fünf oder sechs Jahre allein zuhause gearbeitet, wollte aber eigentlich immer ein Studio mit mehreren Leuten zusammen haben. Dieses Ziel habe ich erreicht, als wir 1995 "Die Artillerie" gegründet haben. Wir haben damals relativ klein angefangen: Mit fünf Leuten. Von den mittlerweile zehn Leuten sind nicht alle so von der Idee angetan wie ich, aber es passt dennoch. Nicht jeder möchte gern, dass man ihm bei der Arbeit über die Schulter schaut, ständig anklopft oder Teil an seinem Projekt hat. Manche zeigen auch gar nichts her. Das sind dann eher so unsere Geheimniskrämer, die wollen überhaupt nicht, dass jemand etwas über ihr Zeug sagt. Ich hingegen bin da ganz anders: Ich finde den Austausch sehr gut und ich halt mich dann eben an die Leute, die das genauso sehen. Ich würde niemandem etwas zeigen, der nicht selbst bereit ist, etwas von sich Preis zu geben. Es gibt drei oder vier Leute, bei denen das gut klappt. Das fängt schon beim Manuskript an. Wenn ich eine Geschichte schreibe, quasi mein Drehbuch für den Comic, dann bespreche ich das auch gerne mit einem bestimmten Artilleristen. Das ist in den meisten Fällen der Benjamin von Eckartsberg, weil er selbst auch schreibt und schon ein Drehbuch geschrieben hat. Er hat eine sehr analytische Art, Dinge zu begreifen und unter Umständen auch Fehler aufzudecken. Man spricht gemeinsam drüber und ich lass mir das durch den Kopf gehen, ob ich gut finde, was er gesagt hat und was ich damit anfange. Je nachdem welchen Artilleristen ich mir herausgesucht habe, weiß ich, okay, der steht auf Schwertkampf und Fantasy, dann kann ich seine Meinung in Bezug auf meine Geschichte auch gleich besser beurteilen. Ich selektiere auch ein bisschen. Ich kann mich halt auf die jeweilige Einschätzung meiner Kollegen verlassen. Und dann frage ich nur den Artilleristen, der sich damit auskennt.
UO:
Ein wenig vielleicht. Ich bin aber auch durchaus selbstkritisch. Nur
wenn man lange an einem Projekt gearbeitet hat, verliert man oft den
Blick und die notwendige Distanz. Man weiß nicht mehr, ob eine
gezeichnete Szene wirklich funktioniert oder nicht. Dann frage ich
halt noch mal nach und es kommt raus, welchen Teil man versteht und
welchen nicht. Mit dem Feedback setze ich mich noch mal dran und
gucke, was man da vielleicht anders machen könnte und ob Zeichnungen
überarbeitet werden müssen. Bei den Manuskripten gibt es keine
konkreten Änderungen, sondern meist nur noch Vorschläge; einer sagt
zum Beispiel, hier ist noch eine Länge drin, die man vielleicht
kürzen kann. Im Allgemeinen ist es immer ein gutes Feedback, das man
hier bekommt. Dann zeige ich es noch meiner Frau, die völlig frei
von Vorurteilen dran geht. Hin und wieder bekommt es noch mein alter
Kumpel Boris zu sehen, der sich vor allem in Action-Sequenzen gut
reindenken kann. Dann habe ich einen guten Querschnitt aus drei
völlig unterschiedlichen Meinungen.
CG: Gibt es eine bestimmte Rollenverteilung in der "Artillerie"? Vielleicht macht ja einer immer den Kaffee und der andere räumt immer auf, wie so eine richtige Familie?
UO:
Ja, letztendlich ist es ja schon wie in einer WG hier, oder
vielleicht auch wie in einer Ehe mit neun Partnern (lacht). Es gibt die
Leute, die Ordnung halten, die immer so ein bisschen hinterher sind,
und wiederum andere, die scheren sich da nicht drum. Die lassen den
Klodeckel immer oben oder die Klobrille immer unten, wenn sie im
Stehen pinkeln. Das gibt es alles, wie in einer normalen WG, bloß
mit dem Unterschied, dass wir zu zehnt sind und dafür funktioniert
es ziemlich gut, schon seit vierzehn Jahren. Natürlich gibt es auch
immer wieder kleine Streitigkeiten.
UO:
Der erste Band ist ja vor sechs Jahren (bei Edition 52) erscheinen
und da hatte ich ja bereits zwei Jahre dran gearbeitet. Wenn man aber
die gesamte Arbeit an einem Stück nehmen würde, wären es
wahrscheinlich nur zweieinhalb Jahre. CG: Dann ist ständiges Motivieren und Feedback eine wichtige Angelegenheit, um wirklich dran zu bleiben, oder? Hattest du bestimmte Methoden dich selbst zu motivieren, dich zu inspirieren? Oder hattest du zwischendurch auf einfach mal keinen Bock mehr drauf?
UO:
Na klar, solche Phasen gibt es immer. Du musst ja zwischendurch immer
wieder Jobs annehmen, um zu überleben und da bist du halt mal zwei
Wochen raus und musst erst wieder reinkommen; das geht ja noch. Aber
wenn du wirklich mal drei – bei mir auch mal fünf – Monate was
anderes machst und du keine Chance hattest, zwischendurch dran zu
arbeiten, da brauchst du zwei Wochen, um dich überhaupt wieder ins
Thema zu finden. Hinzu kommt noch, dass man sich alle paar Monate mal
denkt, "Was mache ich hier eigentlich?" oder "Ich habe keinen Bock
mehr". Sich da so lange durchzuquälen ist schon schwer. Es ist aber
dennoch schön, wenn man die Möglichkeit hat so etwas durchzuziehen,
und die gibt es selten. Da hat es ein Berliner Comic-Zeichner
einfacher, weil er für sein Atelier nur ca. 100 Euro im Monat zahlt,
und seine Wohnung kostet noch mal 300 Euro. Viele Comic-Zeichner
haben noch keine Familie, wie zum Beispiel Mawil oder Reinhard
Kleist. Da besteht natürlich die Möglichkeit, alles schneller
durchzuziehen. Die haben halt wesentlich weniger Druck, Jobs annehmen
zu müssen, da sie mit zwei oder drei Storyboards soviel Geld machen,
dass sie die nächsten vier Monate am Stück arbeiten können.
CG: Gerade wo du Kleist und Mawil erwähnst: Ist das so ein bisschen der Unterschied zwischen München als Comicstadt und seinen Künstlern, verglichen mit Berlin oder Hamburg? Die Zeichner sind jünger und schlagen unterschiedliche Lebenswege ein? München dagegen steht mit dem ComicStrich für eine andere Generation von Zeichnern, eine andere Art von Comics.
UO:
Eine bestimmte Art von Comics würde ich jetzt nicht sagen, da sowohl
ich als auch Reinhard Kleist fiktive Geschichten erzählen. Klar,
gibt es in Berlin mehr Zeichner, die klassische autobiografische
Comics machen. Es gibt mehr Zeichner, die Alben herausbringen. In
München gibt es Christian Moser, aber er ist ja kein klassischer
Comiczeichner in dem Sinne. Mir fallen noch Thomas und Benjamin
aus der Artillerie ein. Aber du siehst ja selbst, wann der nächste
Band von Die Chronik der Unsterblichen rauskommt. Es ist
jetzt schon fünf Jahre her, seit der erste Teil erschienen ist.
CG: Darf man solche Themen im Atelier ansprechen oder sind die ein Tabu-Thema?
UO:
Na klar, manchmal frotzeln wir uns schon gegenseitig an und ziehen
uns damit auf. Aber der Thomas ist ja auch ein relativ guter
Geschäftsmann und war sehr erfolgreich mit seinem ersten Comic im
Gegensatz zu meiner ersten Veröffentlichung. Wobei Hector Umbra
bei Carlsen sehr erfolgreich läuft. Nach knapp drei Monaten sind
schon mehr Exemplare weggegangen als vom ersten Band in fünf Jahren. CG: Aber es ist ja auch schwer, einen abgeschlossenen Band mit einer ersten Ausgabe zu vergleichen.
UO:
Klar. Noch dazu hängt das ja stark von der Vermarktung durch den
Verlag und der Platzierung im Buchhandel ab. Da steht Carlsen
natürlich mit seinen Vertriebswegen, der Pressearbeit und
Verbindungen zum Buchhandel einfach wesentlich besser da als ein
kleiner Verlag.
UO:
Beides. Es hatte zwar einen praktischen Nutzen, aber letztendlich
erzähle ich gerne Geschichten, die in meiner Stadt spielen, weil ich
mich dort einfach gut auskenne. Ich kenne die Orte, ich weiß über
die Eigenarten Bescheid. Na ja, mittlerweile kenne ich die Clubszene
vielleicht nicht mehr so gut wie früher. Aber ich glaube man merkt
es dem Comic einfach an, wenn der Held sich in derselben Stadt bewegt
wie sein Zeichner. Wenn ich die Geschichte nach New York verlegt
hätte, wäre sie sicherlich massenkompatibler gewesen, aber
letztendlich wäre sie dann auch nicht mehr so authentisch. Ich mag
meine Stadt einfach und will es auch als Hommage verstehen, wobei ich
immer darauf geachtet habe, dass die Stadt nicht immer so geleckt
rüberkommt wie sie in Wirklichkeit ist. Und vor allem ist das
München, so wie ich es darstelle, ein Zerrbild und spiegelt mehr die
Befindlichkeiten der Akteure wieder.
UO:
Machen die jetzt auch Hausbesuche? Wenn ich an den vorbeigehe, dann
lächle ich nur über sie. Wir haben in dem Fernsehbeitrag für den
Bayerischen Rundfunk tunlichst vermieden, welche mit ins Bild zu
bringen oder auch nur zu erwähnen. Man weiß ja nie, ob die
vielleicht doch BR gucken. Aber sie heißen bei mir ja auch gar nicht
Zeugen Jehovas, sondern Jünger des Herrn (grinst). CG: Eine Frage noch speziell zum Comic: Es läuft die ganze Zeit im Comic irgendwo Musik, und alles wird durch Soundeffekte begleitet. Läuft bei dir während der Arbeit auch Musik? Wenn ja, welche und wie laut?
UO:
Bei mir ist das so: Wenn ich nachdenken muss und meine Geschichten
schreibe, dann höre ich entweder gar keine Musik oder setzte die
Kopfhörer wirklich nur auf, um Ruhe zu haben, wenn ich zum Beispiel
in Cafés sitze. Vor ein paar Jahren war ich mal fünf Tage in Wien
und habe mir die Stadt angesehen, um mich inspirieren zu lassen. Ich
habe mich in eine richtig schöne Pension im Museumsquartier gesetzt
und dann einfach mal fünf oder sechs Stunden am Stück geschrieben.
Das war einfach super! Ich bin anschließend mit 30 neuen Ideen
zurückgekommen; mit Ansätzen für neue Geschichten. CG: Aber Wiener Kaffeehäuser sind ja nicht gerade für ihre Ruhe bekannt...
UO:
Ja, genau. Ich habe es zunächst ohne Kopfhörer und Musik probiert,
aber dann schnell den Kopfhörer aufgesetzt und sphärische Sachen
oder Filmmusik gehört; also viel ohne ablenkende Texte – nur
ausnahmsweise ein bisschen Tom Waits. Eine solche Musik versetzt mich
in eine Stimmung, in der ich gut schreiben kann. Wenn zu viel Gesang
dazu kommt, wird es schwierig mit der Konzentration. Im Atelier
schreibe ich meistens ohne Musik.
CG: Die Musik kommt dann erst beim Zeichnen dazu?
UO:
Ja, genau. Aber da muss man natürlich schauen, was der jeweilige
Zimmerpartner (In Ulis Fall Florian Mitgutsch) dazu sagt. Und wenn
der gerade mal keine Lust auf Musik hat, setze ich mir halt meinen
Kopfhörer auf.
UO:
Die Musiker, die ich im Comic angesprochen habe, treffen es schon
ganz gut. Es gibt dann noch ein paar Stücke, die rein müssten, wie
zum Beispiel Jimi Tenor, der macht sehr strange Sachen. Eigentlich
müssten Songs drauf sein, die etwas Morbides und Gespenstisches an
sich haben, wie in diesen Alien-Trash-Filme der 1960er Jahre. Das
finde ich ganz nett. Dann mal wieder ein paar Songs mit ein bisschen
mehr Beats, so Sachen von Beck zum Beispiel. Die Tragikkomik
übernimmt natürlich Tom Waits. Aber auch Peter Fox passt gut.
Stadtaffe ist eines der hervorragendsten Alben der letzten
Jahre, wie ich finde. obwohl ich mit Seeed nie was anfangen konnte.
Da ist so ein wahnsinnig trauriges Lied drauf, "Ich Steine, du
Steine", da möchte man am Liebsten das Flennen anfangen. Oder
auch die Sofa Surfers würden gut passen. Abrunden würden den
Soundtrack sicherlich ein paar Klangteppiche. CG: Wie sieht es denn mit Verfilmungen aus? Steht da bei Hector Umbra irgendwann mal was an?
UO:
Ja, bitte! Jederzeit! Ich habe erst letztens im Comicforum etwas
gelesen: „Hey, habt ihr schon von der Verfilmung von Hector
Umbra gelesen? Das sollen ja Jeunet & Caro (Stadt der
verlorenen Kinder und Delikatessen) machen.“ Ja warum
eigentlich nicht, die beiden würden gut passen. CG: Wäre dir ein Trickfilm oder doch eher eine Realverfilmung lieber?
UO:
Am besten würde mir ein 3D-Film gefallen. Aber das ist sowieso zu
teuer, hab ich mir sagen lassen. Aber ein Realfilm wäre auch super.
Dann müsste man natürlich viel mit special effects und 3D
machen, was die Monster und Wahnvorstellungen angeht. Ist eine schöne
Vorstellung; ich fände es extrem interessant, den in Englisch zu
machen. In Amerika sind ja Comicverfilmungen eh grade groß in Mode.
Liegt ja daran, dass viele Regisseure auch Comicfans sind. Die kennen
sich mit den Geschichten aus, die sich gut adaptieren lassen.
Vielleicht wird der Comic ja wirklich mal verfilmt; da spekuliere ich
schon etwas drauf, weil ja bereits eine Kurzgeschichte von mir aus
einer Dark Horse-Anthologie schon verfilmt wurde (Anm. d. Red.: Forever von Jonas Govaerts, in zwei Teilen bei YouTube verfügbar). Ich würde mich natürlich auch freuen, falls jemand aus
Deutschland sich interessiert zeigt. CG: Interessenten können sich also gerne bei dir melden?
UO:
Na klar, jederzeit.
UO:
Ja, das ist halt dieser Fachjargon. Mittlerweile gibt es ja auch den
Fachbegriff Characterdesign, der oft auch auf solche Kampagnenfiguren
angewandt wird. Aber die ganzen Begriffe entstammen wirklich nur der
Werbung. Das sind eben Jobs, die ich auch schon gerne mache und die
mir in dem Bruchteil der Zeit wesentlich mehr Geld einbringen. Man
sitzt dann schon mal eine Woche an einem Auftrag, der im Endeffekt
genau so viel einbringt wie der komplette erste Band von Hector
Umbra. Das steht in überhaupt keinem Verhältnis. Aber die
Arbeit am Comic ist für die Seele wichtig. CG: Würdest du Hector als Sympathiefigur bezeichnen?
UO:
(lacht) Grundsätzlich würde ich ihn nicht als Sympathiefigur
bezeichnen; höchstens gegen Ende des Buches.
UO:
Benutzt bitte nicht das Wort "cartoonig". Das ist ein
hässlicher Ausdruck! CG: Aber siehst du diese Entwicklung auch so?
UO:
Im Laufe der Jahre habe ich mich natürlich weiterentwickelt. Das ist
ja ganz klar. Deshalb sehe ich auch die Veränderung und fasse sie
unter den Begriff „künstlerische Freiheit“ zusammen. Wenn ich
schon meinen Comic mache, dann will ich den verdammt noch mal so
zeichnen, wie es mir passt. Wenn sich denn etwas leicht ändert, was
eh kaum auffällt, ist es mir auch egal. Man sieht das nur ein
bisschen bei den Charakteren. So waren die Kinnbärte von Frantisek
und Osaka im ersten Teil noch ganz spitz und sind nachher rund
geworden. Letztendlich würde ich mir für meinen nächsten Band mehr
Mühe für das Characterdesign machen, es ein bisschen besser
austüfteln, damit so was nicht mehr vorkommt. Aber bei diesem
Projekt war es wegen der Zeitspanne einfach nicht perfekter möglich.
Es entstehen einfach automatisch Veränderungen. Schön ist es dann
natürlich, wenn man durch den Erfolg eines solchen Buches die Ruhe
und Zeit hat, intensiver am nächsten zu arbeiten und das vielleicht
schneller durchzuziehen.
UO:
Eingereicht wird es natürlich für die Preise, wie den Max-und-Moritz-Preis 2010. Ob es was wird, kann ich nicht sagen. Im Moment
bin ich ja auch für den PENG in München nominiert und habe es unter
die ersten drei geschafft (Anm. d. Red.: Der Preis für den "Besten deutschen Comic" ging dann an Flix für Der Swimmingpool des kleinen Mannes). Man freut sich zwar, aber wie wichtig sind
diese Preise denn überhaupt? Klar, der Max-und-Moritz-Preis ist der
anerkannteste Comicpreis im deutschsprachigen Raum. Wäre schon schön,
den mal zu gewinnen, außerdem winken dem Sieger in der Kategorie
Bester Zeichner ja 2000 Euro als Siegerprämie. CG: Wir haben uns ja dieses Jahr bereits auf dem Fumetto in Luzern getroffen. Wenn man da so über das Festival schlendert, dann sieht man eigentlich nur Kunst-Comics und avantgardistische Zeichen-Techniken. Wie passt Hector Umbra da rein, der von der Erzählung doch eher als konventionell zu bezeichnen ist? Wie wurden deine Arbeiten dort aufgenommen?
UO:
Klar baut man in der Schweiz bei Magazinen wie Strapazin auf
eine ganz spezielle Riege von Zeichnern, aber dennoch finden sich
immer noch Ausnahmen, wie Gipi oder Blutch, die zwar
avantgardistische Züge haben, aber dennoch sehr schön erzählen.
Ich finde, dass gerade Gipi den Spagat zwischen dem Kommerziellen –
was hier nicht negativ gemeint sein soll – und der Avantgarde
schafft. Das sehe ich bei mir ganz genauso. Ich sitze auch zwischen
diesen Stühlen. Die Einladung wiederum habe ich ein bisschen den
Verbindungen von Carlsen zu verdanken. Vielleicht mag es nicht ganz
in den Rahmen passen, aber mit dem neuen Festivalleiter Lynn Kost,
wird man in der Zukunft bestimmt den ein oder anderen klassischen
Comicerzähler auf dem Fumetto antreffen. Aus meiner ganz
persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass das Fumetto als
Inspirationsquelle wirklich großartig ist. Dort entdeckst du neue
Möglichkeiten der grafischen Darstellung, die man so noch nicht
gesehen hat. Die Comic-Geschichten dort lese ich nicht, die kann man
oftmals gar nicht lesen. Die Comics befriedigen meist nur optisch.
Mir persönlich ist das Erzählen von Geschichten einfach wichtiger.
Dabei möchte ich keine Verwirrung erzeugen, außer der Verwirrung,
die beabsichtigt ist. Zeichnungen und Stil müssen der Geschichte
folgen. CG: Du hattest die Metapher des Zwischen-den-Stühlen-Sitzens angesprochen – zwischen Kunst und Kommerz. Über Kunst haben wir jetzt gesprochen, lass uns doch etwas näher auf den Kommerz eingehen. Den Wechsel von Edition 52 zu Carlsen, wie kann man sich den vorstellen? Wie reibungslos ging der vonstatten? UO: Das verlief leider nicht so ganz reibungslos. Ich wollte die Edition 52 wirklich nicht vor den Kopf stoßen. Ich hatte eigentlich einen Wechsel erst nach den drei Bänden vorgesehen. Ich zieh das hier jetzt noch durch und dann kann ich mir einen anderen Verlag suchen, habe ich mir stets gesagt. Allerdings habe ich diese Einstellung noch mal überdacht. Man muss sich einfach mal vorstellen, dass ich damals bereits drei oder fast vier Jahre an diesem Projekt saß und so viel Herzblut da reingesteckt habe, von durchgearbeiteten Nächten und der Vernachlässigung meiner Familie mal ganz abgesehen. Sicher, ein Kleinverlag kann nicht so viel leisten, wie ein großer. Das ist mir klar. Aber zusätzlich hielt sich das Engagement bei der Edition 52 in Grenzen; die wichtigen Pressekontakte stammten fast ausschließlich von mir und auch meine Vorschläge für Vermarktungsideen sind immer im Sand verlaufen. Das hat mich natürlich frustriert. Ich wollte einfach, dass mein Herzensprojekt besser betreut wird. Das war der Hauptgrund für den Wechsel zu Carlsen.
Aufgrund
des Verlagswechsels und einiger Unstimmigkeiten deswegen musste ich
die Arbeit an Hector Umbra für ein halbes oder dreiviertel
Jahr komplett niederlegen. Schließlich
hat der Wechsel geklappt. Die Vertragsverhandlungen mit Carlsen
verliefen reibungslos. Mein Redakteur,Michael Groenewald,und seine
Frau Claudia Jerusalem-Groenewald, die sich um die Pressearbeit
kümmert, sind wirklich ein gutes Team und leisten sehr gute Arbeit.
Ich bin sehr froh über den Wechsel und stehe zu meiner Entscheidung.
UO:
Ja, selbstverständlich. Die Edition bringt ja jetzt auch die
Luxusausgabe heraus, damit sie noch etwas von Hector Umbra
haben. CG: Wie sieht die Zukunft bei Carlsen aus? Gibt es schon neue Projekte, von denen man was wissen darf?
UO:
Jetzt versuche ich erst einmal durchzuatmen. Außerdem stehen jetzt
noch die Nachwehen an: die Interviews, die Signierstunden und die
Comic-Festivals. Das frisst alles Zeit. Gerade sitze ich zum Bespiel
an der Vorbereitung für die Ausstellung zum Münchner
Comicfestival. Nebenher kommt man kaum zum Arbeiten. Nach dem Comicfestival kommen wieder neue Festivals in Holland und
Frankreich. Es gibt also noch eine Menge Arbeit, die mit dem Zeichnen
von Comics rein gar nichts zu tun hat. CG: Aber es liegen doch bestimmt schon Ideen ganz oben in der Schublade?
UO:
Da gibt es zwar wieder ein paar größere Projekte, doch würde ich
bei Carlsen erstmal was Kleineres machen, vielleicht fünfzig bis
achtzig Seiten in schwarz-weiß. Man will ja auch zeigen, dass man
noch da ist. Ein weiteres Projekt, von dem ich leider noch nicht
sprechen darf, steht auch zur Debatte. CG: Eine Frage hätte ich noch: Gibt es ein künstlerisches Gegenstück zu Uli Oesterle? Also einen Zeichner, der das komplette Gegenteil von dem macht, was du so machst?
UO:
Eigentlich denke ich nicht in solchen Kategorien, da ich offen für
Alles bin. Aber wenn ich jetzt sagen müsste, wer komplett das
Gegenteil meiner Arbeit macht, dann ist das sicherlich Joscha Sauer
(Nichtlustig). Das soll gar nicht böse sein; ich finde seine
Arbeiten gut, und in dem was er da macht gibt es in Deutschland
wenige, die ihm das Wasser reichen können. Vor seiner Arbeit und den
entsprechenden Verkaufszahlen kann man wirklich nur den Hut ziehen.
Während Joscha und auch Ralph Ruthe die Kunst beherrschen, ihren
Humor in einem Bild zu komprimieren, bemühe ich mich eben, meine
Geschichten in epischer Breite zu erzählen. CG: Ja, dann sind wir auch schon durch. Vielen Dank, Uli. UO: Ich habe zu danken. Uli Oesterles Homepage Die Artillerie Hector Umbra bei Carlsen Comics Hector Umbra kaufen:
Abbildungen © Uli Oesterle, Carlsen Verlag, Edition 52 Foto © Daniel Wüllner
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Ein
Besuch in der Münchener Künstlergemeinschaft "Die Artillerie " eröffnet den Blick auf hohe, weiße Altbauräume, in denen zehn
Kollegen an Comics, Illustrationen, Designs und vielen anderen Sachen
arbeiten. Hier findet sich neben bekannten Gesichtern wie Thomas von
Kummant und Benjamin von Eckartsberg (Die Chronik der
Unsterblichen) eine schiere Fülle an Zeichnern, die mit
Computern, Pinseln, Federn und Stiften arbeiten. Unter ihnen auch Uli
Oesterle ,
der nach mehr als sechs Jahren seine Gesamtausgabe von Hector
Umbra bei Carlsen vorgelegt hat. Mit unserem Redakteur Daniel
Wüllner unterhielt er sich über Sympathiefiguren, unsympathische
Entscheidungen und den WG-Alltag einer Künstlergemeinschaft.


Zum Comicfestival in München erschien zum vierten Mal in Folge die Comic-Anthologie Jazam! Versammelt sind hier in erster Linie deutsche Jungzeichner, die ihr Talent zeigen wollen. Aber auch mehrere alte Hasen sind dabei. Das übergeordnete Thema des neuen Bandes lautet "Monster". Christopher Bünte sprach für Comicgate mit Adrian vom Baur, einem der Erfinder und Macher der Anthologie.
Für ein Interview traf sich unser Redakteur Daniel Wüllner mit dem Zeichner und Autor Christian Moser, vor allem bekannt als Schöpfer der Monster des Alltags, im Baader Café, einer der wohl entspanntesten Münchner Adressen. Dort unterhielten sich die beiden unter anderem über Monster, Rückenschmerzen, „die Innere Leere“ und Stammgäste.