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T e i l e n

Text+Kritik "Comics, Mangas, Graphic Novels" Drucken
Geschrieben von Daniel Wüllner   
Samstag, 25. Juli 2009
CoverFür den Sonderband „Comics, Mangas, Graphic Novels“ der Reihe Text+Kritik erforschten die Wissenschaftler, angeführt von Gastherausgeber Andreas C. Knigge, die Werke von Comic-Künstlern wie Robert Crumb, Will Eisner, Jacques Tardi und auch von eher comicfremden Künstlern wie dem argentinischen Autor Julio Cortázar. Leider scheint dabei die Graphic Novel, die Blaue Blume des Comics, nicht nur Rechtfertigung für ein solches Projekt zu sein; sie ist immer auch des Pudels Kern, denn fast kein Wissenschaftler kann an ihr vorbeigehen, ohne sie zu würdigen.

Seit über hundert Jahren werden Bücher, Zeitungen und anderweitig bedruckte Blätter in unserer Gesellschaft als Massenmedien feilgeboten. Eine nicht unbedeutende Rolle in diesem Blätter-Dschungel spielen Comics; sie schließen die Lücken zwischen Text- und Bildebenen, verhandeln zwischen Kunst und Kommerz und sind dennoch ein eigenständiges Medium. Kurz: Comics sind ein interessantes Feld für wissenschaftliche Untersuchungen. Solche Studien sind trotz ihrer offensichtlichen Relevanz stets abhängig von der Wertschätzung, die ihnen die gegenwärtige Gesellschaft entgegenbringt. Da trifft es sich gut, dass der Comic derzeit unter dem Banner der Graphic Novel ein temporäres Hoch erfährt. So sprach die Graphic Novel: „Ich bin die schönste Blume im gesamten Blätterwald.“ Diesem Ruf folgend machte sich Gastherausgeber Andreas C. Knigge gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Gefolge auf zu einer botanischen Exkursion in Sachen Comics.

Besuch der alten Comic-Historie

Allen voran geht Knigge selbst, der in seinem Artikel „Der Kosmos der Comics“ für den interessierten Leser auf knapp 30 Seiten hundert Jahre Comic-Historie zusammenfasst. Diese tour de force ist in ihrer Bandbreite wirklich beeindruckend und versiert verfasst, doch bewegt sich Knigge auf bereits gut ausgetreten Pfaden durch das kleine Comic-Biotop. Jedem Comic-Leser werden diese schön in Szene gesetzten Fakten nur allzu gut bekannt sein: Warum The Yellow Kid der erste Comic ist, wie Siegel und Shuster Superman erfunden haben und wie Will Eisner eigenhändig die Graphic Novel ausgerufen hat. Der Adressat, an den dieser erste Artikel gerichtet scheint, ist der regelmäßige Leser von Text+Kritik, eine Publikation, die in exakter Form den historischen Rahmen ihres jeweiligen Ziels faktisch umzeichnet. Urs Hansgarnter folgt im zweiten Artikel diesem Pfad, und auch er führt uns vorbei an alten Bekannten zum selbsterklärten Ziel dieser wissenschaftlichen Expedition, der Graphic Novel. Er diskutiert über Literaturformen im Comic, über Adaptionen und nennt dabei unentwegt die gleichen Namen, an denen bereits Knigge vorbeigeschritten ist. Wieder bekommt der Leser vermittelt, wie Will Eisner scheinbar eigenhändig „das Literarische am Comic“ reklamiert hat.

Regelmäßige Leser der Text+Kritik werden bei den Texten von Wolfram Knorr, Klaus Schikowski und Paul Derouet (gemeinsam mit Knigge) auf ihre Kosten kommen. Diese nähern sich mit Bedacht den Comics und deren Erzeugern und umreißen präzise Werke und Biografien der Autoren/Zeichner. Knorr bestimmt das Werk von Will Eisner im Bezug auf andere Comicpublikationen, Themen und Stile seiner Zeit. Er lässt zum ersten Mal in diesem Sonderband auch kritische Töne über den Begriff Graphic Novel verlauten. Schikowski bemüht sich um Genrefragen, extrahiert aus den Undergroundcomix von Robert Crumb das Autobiografische, verweist auf sogenannte „first person comics“ und beschließt seinen Aufsatz mit einer längeren Liste an modernen Comics, die sich der Autobiografie bedient haben. An dieser Stelle sei zu ergänzen, dass Crumb zwar durch Drogen zu seinen Comics inspiriert wurde, diese aber nie unter dem Einfluss von Drogen gezeichnet hat. Eine Huldigung für den Szenaristen Pierre Christin schreiben Derouet und Knigge, dessen Geschichten durch die Zeichnungen von Enki Bilal, Tardi und Annie Goetzinger nicht nur in drei unterschiedlichen Realitäten führen, sondern auch drei mögliche Typen der Kooperation von Autor und Zeichner aufzeigen. All diese Artikel überzeugen durch präzise Recherchen, bewegen sich aber immer noch in gebührendem Abstand zu ihren Anschauungsobjekten.

Zwischen Moderne und Postmoderne

Corto MalteseErst mit Herbert Heinzelmanns Aufsatz „Corto im ‚anderen Zustand’“ über Hugo Pratts Südseeballade (Corto Maltese Abb. rechts) verlässt sich ein Autor nicht nur auf die rein historische Betrachtung, sondern nimmt sich mittels einer textimanenten Analyse Corto Malteses erstem „Anti-Abenteuer“ an. Heinzelmann verweist dabei auf drei aus der Moderne entliehenen Stilrichtungen der Malerei (Expressionismus, Abstraktion, Primitivismus), die diesen ersten modernen „Comic-Roman“ beeinflusst haben. Und obwohl der Radschlag zur Postmoderne – gekennzeichnet durch den  fiktiven Brief, der zu Beginn der Erzählung absichtlich mit der realistischen Narration bricht – nicht hundertprozentig überzeugt, ist dieser Artikel sicherlich der überzeugendste des Sonderbandes, da in ihm das historische Wissen nicht nur präsentiert wird, sondern auch aktiv für die Analyse und Interpretation angewandt wird. Warum sollte sich Heinzelmann auch um die Graphic Novel bemühen, wenn der Begriff  des „Comic-Romans“ doch viel sinnvoller für seine Argumentation ist? Diesem Beispiel folgen Christian Gasser mit Tardis Darstellung der Pariser Kommune und Jonas Engelmann mit seiner Arbeit über David B.s Auseinandersetzung mit Traumwelten in Die heilige Krankheit.

AkriaEtwas zu kurz kommen leider thematische Studien, die neben den Autoren und Künstlern unterzugehen drohen. So setzt sich Jens R. Nielsen (der deutsche Übersetzer von Stan Sakais Usagi Yojimbo) mit dem japanischen Manga auseinander. Wie bereits Knigge in seiner Semi-Einleitung, umreißt Nielsen gekonnt die Tradition der japanischen Zeichenkunst, nähert sich dem Großmeister Tezuka (Astro Boy, Adolf etc.) und gelangt so über Katsuhiro Otomo (Akira, Abb. links) zu dem Wegbereiter des modernen Manga, Jiro Taniguchi. Ein runder Artikel, der einen guten Überblick über den japanischen Manga verschafft. Andreas Platthaus hingegen führt seine Leser wieder einmal aufs Neue nach Entenhausen, und wie immer gelingt es ihm, neue Facetten des Entenreichs zu präsentieren. Diesmal klärt Platthaus über den Reiz an Carl Barks und seinen Fabulierungen auf. Obwohl die gewitzten und informierten Beschreibungen – zusammen mit den Einordnungen in die  Comic-Welt – bereits einleuchtend sind, überzeugt Platthaus vor allem mit bestechender Textanalyse (hier sei auch der Platthaussche Artikel über Line Hovens Liebe schaut weg in der neuesten Ausgabe der Reddition wärmstens zu empfehlen).

Vom Nachwuchs und alten Hasen

Auch den jungen Wilden wurde ein Platz unter den akademischen Forschern eingeräumt. Im Gegensatz zu ihren älteren Kollegen springen diese gleich hinein ins Unterholz des Comic-Dschungels und beginnen mit der Textarbeit, doch könnten die Artikel von Dietmar Frenz und Anna Gentz unterschiedlicher nicht sein. Während Frenz gar nicht weiß, wo er eigentlich anfangen soll, ist er auch schon mitten drin in Alan Moores Watchmen VII. In nur wenigen Sätzen springt Frenz von Thomas Pynchon zu Cervantes, von Lost Girls zu WildC.A.T.S. und überlässt es dem Leser, sich zu orientieren. Bevor dieser bei der eigentlichen Textanalyse angekommen ist, muss er sich durch ein manieristisches Textkonstrukt kämpfen, das vor Fremdwörtern, Fußnoten und Querverweisen nur so wimmelt. Und ganz nebenbei soll auch noch der Plot von Watchmen erklärt werden. An dieser Stelle wäre eine rein textimanente Arbeit sinnvoller gewesen, da diese im Gegensatz zum Rest sehr strukturiert ausgefällt.

Fantomas gegen die multinationalen VampireWie solch ein Aufsatz auch aussehen kann, zeigt Anna Gentz in ihrem Beitrag „Wenn Literaten fremd gehen“. Sie gräbt, im Gegensatz zu allen anderen Kollegen, einen eher unbekannten Comic/Text des argentinischen Autors Julio Cortázar aus, der nicht unbedingt für seine Comics bekannt ist. Doch der Autor von Rayuela bindet in seiner Kurzgeschichte Fantomas gegen die Multinationalen Vampire (Abb. rechts, mittlerweile entgegen der Auffassung der Autorin doch auf Deutsch erhältlich) gezeichnete Passagen ein, die mit der reinen Textebene verflochten sind. Gentz' Artikel endet aber nicht mit der simplen  Analyse der Comics im  Fließtext, sie interpretiert gekonnt die Verwendung dieser Text- und Bildcollagen und zeigt, wie Cortázar die Comic-Einschübe benutzt, um dem Publikum seine politischen Einstellungen mittels Populärkultur zu vermitteln.

Ein weiterer Artikel von einem Jungwissenschaftler wirkt etwas unmotiviert: In „Spiegelbilder: Der Comic im Comic“ summiert Jannis Manolis Violakis Comic-Beispiele, in denen Autoren und Zeichner ihre Realität mit der des Comics vermischen. Dabei springt er zwischen Erklärungsmodellen wie der simplen Erwähnung des Autors im Comic, dem Comic im Comic (mise en abyme) und der Verwendung einer Metaebene. Diese Ziellosigkeit zieht sich über den gesamten Artikel und wird auch im Schlusssatz noch einmal hervorgehoben: „Von diesen Herausforderungen, vor allem von den damit verbundenen Möglichkeiten und Chancen, hat der Comic selbst nun zu erzählen begonnen.“ Eine etwas knappe Zusammenfassung, die den Leser über Sinn und Zweck dieser Untersuchung im Trüben lässt.

Eine kleine Enttäuschung stellt der Artikel von Comicwissenschaftsurgestein Dietrich Grünewald dar, der über die Erzählweise Alberto Breccias referiert. Obwohl die Analyse der Primärtexte informiert ist und die Beispiele wohlweislich ausgewählt wurden, hätte man sich unter dem Titel des Artikels „Realismo mágico“ in Bezug auf Comics mehr gewünscht als nur die bloße Erwähnung von Jorge Luis Borges als Figur im Comic und die etwas unscharfe Begriffsdeutung des Magischen Realismus als „Vermischung von Phantastik und Realität“. Bietet doch eben dieser Begriff, erwachsen aus Franz Rohs Abhandlungen über deutsche Malerei zur Jahrhundertwende, eine ganze Vielzahl an Möglichkeiten, diese auf Breccias Comics zu übertragen. Diese bleiben leider ungenutzt.


Im deutschen „Dichter und Denker“-Gestus ergibt diese Sonderausgabe der Text+Kritik auf jeden Fall Sinn, und sie geht noch darüber hinaus. Störendes Beiwerk, das dieser wissenschaftlichen Diskussion immer wieder einen leichten Abbruch tut, ist allerdings die leidige Blaue Blume, die Graphic Novel. Fast alle Autoren fühlen sich dazu gezwungen, sie als Eselsbrücke zu nutzen, um ihre Arbeit im gesellschaftlichen Kontext zu rechtfertigen. Selbstverständlich ist es nur rechtens, den Begriff, wie auch Reprodukt-Verlagschef Dirk Rehm dies im ergänzenden Interview tut, für seine Zwecke zu benutzen, dennoch sollten gerade Wissenschaftler um eine eingängige Definition des Terminus bemüht sein und nicht zwischen Genre, Medium und Gattung springen. Außerdem erzeugen gerade solche Spezialpublikationen die Möglichkeit, sich fernab von der Lobhudelei auf Eisner und Spiegelman um ein gewachsenes Medium wie den Comic zu kümmern. Lassen wir die Graphic Novel doch einfach da, wo sie am besten für uns arbeitet: im Feuilleton und im Buchhandel. So kann man in Ruhe auf Entdeckungstour ins Comic-Biotop gehen, um zarte Comicpflänzchen und unerforschte Spezies zu bestimmen.


Text+Kritik: Sonderband "Comics, Mangas, Graphic Novels"
edition text+kritik, April 2009
Gastherausgeber: Andreas C. Knigge
272 Seiten, Hardcover; 29,- Euro
ISBN: 978-
3883779954

exakte Comicwissenschaft mit einer Prise zuviel Graphic Novel

 

 

 

 

 

 

 

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Abbildungen: © edition text+kritik




Kommentare (1)add comment

Sascha Hommer said:

...
Herr Wüllner, wir wollen die Sache doch nicht von den Füßen wieder auf den Kopf stellen. Wenn die Kritik an der angeblich so selbstverliebten Blume "Graphic Novel" sich allzu geschmäcklerisch in den Vordergrund stellt, muss man sich natürlich wieder an ihre Verteidigung machen...
In "Text und Kritik" über Comics zu schreiben bedeutet automatisch Aufwertungslogik. "Fernab von Lobhudelei" ist man hier schon mal nicht mehr, weil das Medium die Massage ist. Da ist es nur konsequent, auch die neusten Aufwertungsvokabeln mit ins Boot zu nehmen.
26. Juli 2009, 23:12

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