India Dreams ist laut Klappentext „eine grandiose
Familiensaga im exotischen Indien". Erzählt wird die Familiengeschichte vor
allem von Emily Harrison, die allerdings eng mit ihrer Mutter und ihrer Tochter
verbunden ist, so dass man Indien durch die Erfahrungen und Augen dreier
Generationen von Frauen sehen lernt und so nach und nach die Lebens- und
Liebesgeschichten der Frauen nachvollziehen kann. In der deutschen Ausgabe werden die vier
Einzelalben zu einer Gesamtausgabe zusammengebunden.
Erzählerin der
Story ist Maryse Charles, gezeichnet hat sie Ehemann Jean-François Charles (Zehn Gebote, Comicplus), die schon bei Die
Pioniere der neuen Welt (Splitter,
Kult, Finix) zusammengearbeitet haben.
Die farbigen (und
ab und an schwarz-weißen) Zeichnungen als Aquarelle mit Direktkolorierung sind
ansprechend und machen Lust, das Buch in die Hand zu nehmen und die Szenarien
eingehend zu betrachten. Die Geschichte lebt vor allem von dem eher schnöden
Anreiz, alle Puzzlestücke der Geschichte zu erfahren und endlich die
Zusammenhänge zu begreifen, da die Geschichte in Fragmenten und Rückblicken
erzählt wird. Dies ist die simpelste Erzählweise, um Spannung auch da
aufzubauen, wo keine ist. Die Einblicke in bunte Fragmente der (Kolonial-) Geschichte
Indiens bleiben bedauerlicherweise weitgehend unpolitisch und nutzen das
kulturelle Szenario vornehmlich als kolonial-romantischen Hintergrund für die
Erzählung der westlichen Hauptpersonen.
Eindrucksvoll
demonstriert India Dreams dagegen die Vorteile eines Comics gegenüber
einem Text, wenn es in unbekannten Welten spielt. Denn die Bilder haben dann
besonders viel zu erzählen, wenn die fremdartigen Szenen, Marktplätze,
Personengruppen und Landschaften originalgetreu und kenntnisreich gezeichnet
sind statt in der Schriftform umständlich und oft, gerade bei neuen
Impressionen, vage zu bleiben, weil sie an keine Erfahrung des Lesenden
anknüpfen können. Sie sind dann der interessiert schweifende Blick eines
Fremden im Land. Ein Comic verschafft hier lebendige Impressionen, das Auge des
Lesenden kann auf eigene Faust über die Details wandern und Unerwartetes
entdecken.
Mythische Elemente
rahmen die Geschichte von Maryse Charles. Dazu gehört ein schicksalhaft
eingreifender älterer Herr mit immer neuen Tieren als Boten. Dazu zählt auch
ein überaus reizvoller weiblicher Avatar (die dunkelhaarige Dame auf dem
Titelbild!), vorgeblich eine Inkarnation des hinduistischen Gottes mit
Elefantenkopf Ganesha. Zugleich verstreuen diese, die Geschichte eher ausschmückenden
Elemente kleine Prisen von Erotik in die gemächlich dahin plätschernde
Erzählung. Eine amüsante Besonderheit kennt man nur von einem bekannten
Herrenmagazin und hat dennoch in diesen (vornehmlich auf ältere Frauen
zielende?) Comic Eingang gefunden: Wer sich wünschen sollte, einen größeren
Ausschnitt des Titelbildes „Dame mit Elefant" zu sehen, der oder die wird nicht
enttäuscht - als Ausklappbild mit den Maßen 60 x 24 cm findet sich als
Spezialeffekt ein „Centerfold".
Die Aufmachung des
Splitter-Verlags ist farbig und überaus ansprechend vom festen Einband bis zum
Ausklappbild, was vor allem der hervorragenden Bilderwelt zu Gute kommt; mit
einem Vorwort von Arnaud de la Croix, dem Autor des Buches Liebeskunst
und Lebenslust. Sinnlichkeit im Mittelalter (mir erschloss sich nicht, warum er ausgewählt wurde...).
Fazit: Die Story ist lau bis öde, die Bilder sind exzellent
und äußerst schön anzusehen!

India
Dreams
Splitter Verlag, April 2009
Zeichnungen: Jean-François Charles
Text:
Maryse Charles
208 Seiten; Hardcover, Farbe; 24,80 Euro
ISBN 978-3-940864-03-1
Abbildungen: © Splitter Verlag

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