Eines vorweg: Affentheater ist einer der
unkonventionellsten aber brillantesten Comicbände der jüngsten Vergangenheit.
Und er ist vor allem eines: Geschmackssache. Mir jedenfalls hat er extrem viel
Spaß gemacht, weshalb ich jedem nur empfehlen kann, sich unbedingt selbst ein
Bild zu verschaffen.
Es handelt sich um das erste Werk des kreativen
französischen Duos Florent Ruppert und Jerome Mulot im deutschsprachigen Raum.
Die beiden sprengen den Rahmen üblicher Autorencomics und wurden deswegen
bereits 2007 als vielversprechendste Newcomer in Frankreich ausgezeichnet.
Zu Recht, wie ich finde, denn ihre verschiedenen Geschichten um zwei
Portrait-Fotografen sind verstörend, intelligent und hart an der Grenze des
guten Geschmacks. Ruppert und Mulot experimentieren mit einem wilden Mix aus
Situationskomik, Sitcom und grafischer Vielfältigkeit und stehen dabei
thematisch stark an der Grenze des Zumutbaren. Ihr Handwerkszeug ist die
moralische Gratwanderung: So fängt der Band verhältnismäßig harmlos an, indem
ein Kind im Studio der Fotografen von eben jenen als kleine Tunte denunziert
wird, und steigert sich etwa zu einem geplanten Post-Mortem-Porträt eines
Mannes mit aufgeschlitztem Gesicht oder dem Besuch eines Maskenballs von
Behinderten mit anschließender Orgie. Hört sich bedenklich an, ist aber trotz
aller bitterböser Morbidität so herrlich bizarr und urkomisch, dass einem nur
der Vergleich mit den Comics von Nicolas Mahler einfallen will. Ähnlich wie
dieser operieren auch Ruppert und Mulot mit einem reduzierten Strich – die
Gesichter der Figuren sind wenig bis gar nicht vorhanden, die der beiden
Porträtkünstler erst recht nicht.
Einen besonderen Clou stellen die unkontrolliert eingestreuten
Phenakistiskope (abgebildete Scheiben, die
beim Drehen einen Bewegungsablauf erzeugen) und Stereoskope (doppelte
Bilder, die einen räumlichen Effekt erzeugen sollen) dar, die eigentlich
relativ unnötig sind, aber irgendwie so in die Geschichten eingebaut werden,
dass sie Teil dieser werden.
Es sind einfach zu viele innovative Ideen, was Erzähltechnik
oder grafische Einfalt angeht, als hier aufgelistet werden können. Besonders
hervorheben möchte ich aber noch zwei Elemente, die mir besonders gut gefallen
haben: Zum einen eine Kurzgeschichte, die allein mit Gebärdensprache erzählt
wird und für die sogar eine Legende abgedruckt wird, damit der Leser auch
folgen kann, und zum anderen die Story „Im Land der Pharaonen“, ein
rassistischer derber Ausflug zweier Männer, bei dem man auch schon mal von
unten nach oben oder von links und rechts gleichzeitig lesen muss.
Und ja, auch an sowas wie eine kohärente Rahmenhandlung
haben die beiden Franzosen gedacht, denn zwischendurch kann man verfolgen, wie die Fotografen in einen Zoo eindringen, um dort entsprechende Aufnahmen zu
machen. Die zwischendurch eingeblendeten, verschlüsselten Rätselmotive, so
wird am Ende verraten, verbergen tierpornografische Bilder, derer sich die
erwachsene Leserschaft durch ein ausgeklügeltes Faltsystem bemächtigen kann.
Und nein, ich habe es noch nicht ausprobiert.
Affentheater
Edition Moderne; April 2009
Text & Zeichnungen: Florent Ruppert und Jerome Mulot
112 S., s/w, Klappenbroschur, 14,80€
ISBN 978-3-03731-043-4
Abbildungen: © Edition Moderne

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