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von Daniel Wüllner
Freitag, 26. Juni 2009

Vor mehr als zehn Jahren wurde in Frankreich die Idee eines äußerst
ungewöhnlichen und dennoch sehr erfolgreichen Comics geboren, der in
drei unterschiedlichen Epochen spielen sollte, der an seinem Ende über
300 Ausgaben zählen sollte und dessen Figuren als blutrünstige aber
dämliche Monster und (un)heldenhafte Enten konzipiert waren. Seit
diesem ursprünglichen Grundgedanken hat sich der Comic zu einer
regelrechten Hydra entwickelt, der mit jeder neuen Veröffentlichung ein
weiterer, grotesker Kopf wächst und so jeglicher Konzeption der Serie
trotzt. Die Väter dieser Idee waren die französischen Comic-Künstler
Lewis Trondheim und Joann Sfar und ihr Titel lautete
Donjon. Im Hause Reprodukt erschien nun mit
Donjon 6: "Der verlorene Sohn" der neuste Spross in der
Donjon-Familie.

Während sich die beiden ergänzenden Epochen, "Morgengrauen" und "Abenddämmerung", und die alternativen Einschübe der "Monster"-Reihe
stets neuer Titel erfreuen durften, wartete man bei der "Zenith"-Reihe
bereits seit Herbst 2007 auf die nächste deutsche Ausgabe. Diese
Wartezeit hat nun ein Ende, denn mit "Der verlorene Sohn" wächst der
Donjon-Hydra ein neuer Kopf. Nachdem der letzte Band der Reihe etwas
unglücklich für die Helden rund um den Protagonisten Herbert endete,
macht sich die Gruppe auf den Weg nach Vaucanson, die Stadt der Enten
und Heimat von Herbert. Der verstoßene Sohn sucht dort mit seinen
Gefährten nach einer Möglichkeit den Donjon zurückzugewinnen.
Wie bereits bei seinem Vorgängerband, "Hochzeit mit Hindernissen", hat
auch diesmal wieder
Boulet den Stift geschwungen. Im Gegensatz zu den
vielen anderen französischen Zeichnern, die sich im Dienste der Monster
und des Donjons verdingt haben, schafft es Boulet aber nicht, dem Comic
seine ganz persönliche Note zu verleihen, wie er dies in anderen Comics, wie z.B. in
La Rubrique scientifique, gemacht hat. Nur manchmal
taucht ein wirklich expressives und explosives "Tong Deum" aus dem Maul
von Marvin auf, das den Leser aus der grafischen Monotonie herausreißen soll. Doch
ansonsten hält sich Boulet an einen
serienmäßigen Fahrplan, den es aber seit dem ersten
Donjon-Band so nie
gab.

Die Schuld an diesem nur mittelmäßigen
Donjon-Album allein auf den
Zeichner zu schieben, wäre aber nicht fair. Auch seine
Schreiber-Kollegen, Lewis Trondheim und Joann Sfar, die ansonsten immer
wieder durch schnelle Wechsel von Schauplätzen, philosophischen
Diskursen im Schlachtgetümmel und verquerten Dialogen, die einen
Quentin Tarantino beschämt zurücklassen würden, zu glänzen wussten, lassen ihren Einfallsreichtum hier missen. Bis auf ein
kleines Logikspielchen zwischen den letzten beiden Automatenwesen, die
für den Ruhm von Vaucanson – benannt nach dem Erfinder der
mechanischen Ente – bietet "Der verlorene Sohn" nicht sonderlich viele
neue Witze, Erkenntnisse oder Handlungsstränge. Die eigentliche Hauptplotline wird dabei sogar komplett in den Hintergrund gedrängt. So ist der sechste Band aus der Zenith-Reihe
zwar Teil des
Donjon-Universums, doch wirkt diese Episode zu sehr dem Gesetz der Serie
angepasst. Die einzige Person, die wirklich etwas von dem Comic hat,
ist der neue Nebencharakter, ein nach Abenteuer dürstender Postbeamter, der
von den Erlebnissen der Protagonisten ganz überwältigt ist. Für den
eingefleischten Leser ist jedoch nicht viel dabei, das ihn überraschen
wird.
Donjon 6 "Der verlorene Sohn"
Reprodukt, Mai 2009
Text: Lewis Trondheim und Joann Sfar
Zeichnungen: Boulet
Softcover; 48 Seiten; 12,00 Euro
ISBN:3941099167
Leseprobe
Abbildungen: © Reprodukt
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