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Gleich mit zwei
bemerkenswerten Bänden stürmt der französische Künstler Blutch (alias Christian
Hincker) parallel die deutsche Comiclandschaft. Auffallend dabei ist die
inhaltliche Annäherung von Blutchs Figuren zu seiner eigenen Biografie. So
präsentiert sich in Blotch - Der König von Paris (erschienen im Avant-Verlag) ein
überzeichnetes Alter Ego des Franzosen,
in Der kleine Christian, das bei Reprodukt erschien, finden Anekdoten aus
Blutchs Vergangenheit ihren Platz.
Beiden Büchern ist
aber ein gewisser offener Ansatz gemein, der den Leser rätseln lässt, welche
Bruchstücke aus der Persönlichkeit des korpulenten Unsympathen Blotch oder eben
des aufmüpfigen kleinen Christian direkt Aufschluss über die Realität des
Künstlers geben. Allerdings kann man in diesem Fall stark davon ausgehen, dass
viele Elemente der Kurzgeschichten um
den kleinen Christian sich an den wahren Erlebnissen des Autors zumindest
orientieren und weniger völlig frei erfunden sind.
Die Wahrnehmung des
heranwachsenden Fünftklässlers ist geprägt von medialen Einflüssen,
insbesondere von Comics und Fernsehen der 70er, völlig jungstypisch lauten
seine Idole John Wayne, Lucky Luke oder Marlon Brando. Coole Helden also, die
ihm als Vorlage dienen um seinen tristen Schul- und Familienalltag in Gedanken
aufzupeppen. Blutch benutzt die ausufernde Fantasie von Christian dermaßen
häufig als stilistisches Mittel, dass man kaum mehr Stellen findet, an denen
Geschehnisse ohne Einblendung der infantilen Gedankenspiele stattfinden dürfen.
Das ist letztlich aber genau der Punkt, der diesen Comic so interessant macht.
Er ist nicht wirklich ernst zu nehmen, er ist aber auch nicht lustig (auch wenn
sich ein subtiler Witz, der die Episoden durchzieht, nicht verleugnen lässt). Aber er weiß gekonnt mit überbordenden anarchischern Fantasiegeplänkeln
seitens der Hauptfigur zu verstören und gleichsam zu unterhalten. Der kleine
Christian ist auch eine Irrfahrt durch den kindlichen Geist, in dem
beispielsweise die Frage, wie es denn aussähe, wenn Micky Maus nicht mit Minnie,
sondern mit Klarabella zusammen wäre, durchaus auftauchen kann. Durch zahllose
mediale und kulturelle Referenzen wird das nicht immer geradinige Erzählen
anschaulich gemacht und das Lesen
dadurch noch amüsanter.
Blutchs Zeichnungen
lassen sich nicht leicht klassifizieren, immerhin können seine schwarz-weißen Bilder schon
mal mit unvorhersehbaren Details aufwarten oder vorherige Merkmale plötzlich
variieren. Verzerrte Gesichter, je nachdem, ob eine Fantasie- oder Traumsequenz
oder einfach nur eine spezifische Gemütslage ausgedrückt werden soll, sind da
ebenso wenig eine Seltenheit wie ausgedehnte Sprechblasen oder unbestimmt
eingeblendete Charaktere. Erst in der zweiten Hälfte des Bandes weisen die
Zeichnungen eine rote Schmuckfarbe auf, die optisch frische Akzente setzen
kann, aber wenig an dem verstörenden Gesamtkonzept ändert. Und das ist auch gut
so.
Der kleine Christian
Reprodukt, April 2009
Text und Zeichnungen: Blutch
120 Seiten, schwarzweiß mit Schmuckfarbe
Klappenbroschur; 18€
ISBN 978-3-941099-15-9
Abbildungen: © Blutch / Reprodukt

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