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von Christopher Bünte Freitag, 27. März 2009

Ojo CoverAnnies Leben sieht ganz schön beschissen aus. Ihre Mutter ist tot, ihr Vater irgendwo auf Reisen und ihre große Schwester ein fieses Biest der Extraklasse. Gelebt wird in einem Trailer, was die Sache nicht eben besser macht. Auf so engem Raum ist Rückzug beinahe unmöglich. Hausherr Großpapa versucht mit Ruhe und Geduld die zerrissenen Geschwister daran zu hindern, sich gegenseitig zu zerfleischen. So sollte die Welt eines kleinen Mädchens nicht aussehen.

Um irgendeinen Sinn im Leben zu haben, wünscht sich Annie ein Haustier. Nacheinander kümmert sie sich um eine Eidechse (Phred), eine Maus (Molly) und einen Käfer (Käfer). Doch sie beweist ein schlechtes Händchen bei der Pflege ihrer Schützlinge: Phred stirbt auf der Heizung, Molly zerquetscht ein Brett, Käfer gerät unter einen Schuh. Annie muss einsehen: Sie hat’s nicht so mit Haustieren. Für jedes gräbt sie ein Loch neben dem Trailer, bald die Eigentümerin eines kleinen Friedhofs, aber immer noch einsam. Dann findet sie Ojo, ein Phantasieviech mit Tentakeln, das wahrscheinlich nur sie sehen kann.

Ojo nimmt reißausDie Grundidee der Story ist prima, gefühlvoller schwarzer Humor, gleichermaßen die erste Episode der Handlung, in der das Verhältnis der beiden Schwestern herrlich hysterisch ausgeleuchtet wird. Auch der Zeichenstil macht noch Spaß. Abwechslungsreicher Seitenaufbau, Bilder, die zwischen Strichmännchen und fast realistischer Darstellung hin- und herwechseln, abhängig davon, wie es eben gerade für das Erzählte angemessen ist. Leider gerät danach die optische wie inhaltliche Aufregung aufs Abstellgleis.

Die Geschichte leidet darunter, dass Autor Sam Kieth (The Maxx) zwei Ziele zugleich verfolgt. Auf der einen Seite möchte er eine innere Handlung erzählen, nämlich wie Annie den Unfalltod ihrer Mutter verarbeitet. Auf der anderen Seite möchte er aber auch eine äußere Handlung erzählen, wie Annie und Ojo miteinander auskommen, wie sie ihn am Leben hält etc. Die innere Handlung dominiert das Geschehen, wird von der äußeren jedoch immer wieder unterbrochen. Mal wird die Aufmerksamkeit auf den Tod von Annies Mutter gelenkt, da bricht irgendein Ojo-Problem herein, das einen in diesem Moment nur mäßig interessiert. Umgekehrt das gleiche Spiel. Eben verwandeln Ojo und seine in einem Abflussrohr lebende Riesenmutter das Ding in einen Monster-Comic, da kommt Großvater daher und möchte ein bisschen über Mama plaudern.

Zeichnerisch baut der Band nach der ersten Episode (nach 24 Seiten) stark ab. Die Strichmännchen sehen bald aus wie hingeschluderte Scribbles, wenig atmosphärisch, hin und wieder gar zweidimensional. So ist Ojo insgesamt ein mittelmäßiger Inde-Comic mit einem dicken Hänger in der Mitte, der gegen Ende wieder ein bisschen aufholt, indem er der Geschichte einen nicht besonders überraschenden, dafür aber schönen und runden Abschluss gibt.


Ojo
Oni Press, April 2005
Text: Sam Kieth
Zeichnungen: Sam Kieth, Alex Pardee, Chris Wisnia
144 Seiten, Softcover, schwarzweiß; 14,95 US-Dollar
ISBN 9781932664133


5-page-preview auf onipress.com

Mittelmäßiges Inde-Drama

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Abbildungen: © Sam Kieth / Oni Press


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