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von Andreas Fisch Freitag, 13. Februar 2009
From Hell ist mit 600 Seiten nichts für Leute, die Comics verschlingen wollen, weil ihnen Bücher zu dick sind. From Hell ist goldrichtig für alle, die ein Werk in aller Ruhe genießen und mit Schauer bis zum bitteren Ende verfolgen wollen - vom Anspruch, Spannung und Historizität vergleichbar mit Umberto Ecos Der Name der Rose im Comicformat! Neun Jahre haben der Engländer Alan Moore und der Schotte Eric Campbell daran gearbeitet, dafür recherchiert und wieder überarbeitet.
Alfred Hitchcock soll gesagt zu haben, dass die einfachste Erzählweise die sei, die Spannung darauf zu legen, wer denn nun der Mörder sei, wie in den typischen Who's-done-it-Movies. Moore macht dem Meister des Suspense Ehre, wenn er die Identität des Mörders der fünf Freudenmädchen im viktorianischen London 1888 und seiner Hintermänner sofort offenlegt. Spannung und Grusel bauen die Verfasser mit den weiteren Ereignissen auf. Hitchcock hätte an From Hell seinen Schauer und seine Freude gehabt! Gänsehaut stellt sich auf beim Blick in die Abgründe, die sich in der viktorianischen Gesellschaft auftun, sei es im Königshaus, der ehrenwerten Gesellschaft der Freimaurer, sei es bei der Polizei oder bei den (ganz modernen) reißerischen Medien, die alle gekonnt ihren Gewinn aus den bestialischen Morden an den fünf Londoner Frauen ziehen (wollen). Moore stellt die beteiligten Personen so sorgfältig und in ihren Beziehungen verästelt vor, dass allen, auch den scheinbaren Randfiguren in diesem morbiden Spiel, Leben und Plastizität eingehaucht wird, jede Figur hat ihren eigenen Sprachduktus und ihre individuelle Biografie. Und gerade diese authentische Lebendigkeit schafft dann die verstörenden und grausamen Momente; auch, weil niemand aus reiner Boshaftigkeit erpresst, mordet, lügt, sondern seine Wahlmöglichkeiten innerhalb seiner sozialen Zwängen auswählen muss oder sein Tun an seinem kollektiven Ehrkodex ausrichtet.
Nebenbei: Die Verfilmung "From Hell" mit Johnny Depp hat all dies Herausstechende weggelassen und versucht, einen klassischen Krimi in diesem Szenario zu bieten, was reichlich misslungen ist und der Comic-Vorlage überhaupt nicht gerecht wird.
Die Ermordeten sind normale Frauen aus dem Arbeitermilieu, einige verheiratet. Sie verdienen ihr Geld fürs Mittagessen und die nächtliche Unterkunft auf die ihnen zugängliche Weise. Und wenn die Erträge aus dem Pflegejob nicht ausreichen und die Herberge keinen Rabatt gewährt, dann müssen sie wieder auf die nebligen Straßen Londons, um sich bezahlen zu lassen, um selber bezahlen zu können. Manchmal reicht die Einnahme nur für den Gin, mit dem man das gerade Erlebte wegspült. Soziale Unterschiede der Akteure verdeutlicht Moore zusammen mit Campbell effektvoll zum Beispiel durch die Parallelisierung des geordneten Tagesbeginns des gutsituierten Dr. William Gull mit dem mühevollen Abrackern der Prostituierten Marie Kelly, die in unterschiedlichen Stilen per Federstrich die Weichheit und Härte der beiden Leben gegenüberstellt (vgl. Abbildung). Der harte, krakelige Strich bleibt dabei die hauptsächliche Zeichentechnik für das Buch. Die Empfänglichkeit der armen Schichten für kleine Aufmerksamkeiten seitens der Oberschicht und die Verletzlichkeit des täglichen Lebens wird in der Begegnung mit dem Mörder zu einem morbiden Spiel der Ungerechtigkeit.
Ein übel aufstoßender Wermutstropfen: Moore leitet Kapitel 8 kommentarlos mit einem Hitlerzitat aus dessen nationalsozialistisch verblendeter Dummheit ein. Diese Sorte Würgen hätte ich mir in From Hell gerne erspart.
Auf Deutsch als Softcover bereits 2004 bei Speed Comics erschienen, ist die Aufmachung von Cross Cult beinahe makellos: Hardcover, die schwere 600 Seiten fassen, feines Druckbild und ein Einlegebändchen zum angemessenen, aber freilich stolzen Preis. Leider klebten bei meiner nagelneuen Ausgabe etwa 100 Seiten an einigen Stellen aneinander, so dass dort jetzt unschöne Flecken zurückgeblieben sind. Da der Verlag bekannt ist für seine Kulanz beim Umtausch, sollte dies aber für Käufer, die fehlerhafte Exemplare erwischt haben, kein Problem darstellen.
Fazit: Ein Comic, der unversehens in den Bann zieht. Und dies gewiss noch bei der zweiten und dritten Lektüre.
From Hell
Cross Cult, Dezember 2008
Text: Alan Moore
Zeichnungen: Eddie Campbell; mitwirkender Zeichner: Pete Mullins
ca. 600 Seiten, s/w, Hardcover mit Einlegeband; 49,80 Euro
ISBN: 978-3936480535
Leseprobe auf cross-cult.de

From Hell © Alan Moore und Eddie Campbell, der dt. Ausgabe Cross Cult
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RG ist die Abkürzung für „Renseignements Généraux“, welche die geheimdienstliche Abteilung der Nationalen Polizei Frankreichs ist. Sie ist direkt dem Innenministerium unterstellt. Auch wenn ihre Aufgaben bis 2008, als sie mit einer anderen Abteilung verschmolzen wurde, vorrangig darin bestanden, Informationen zu sammeln und das Ministerium direkt zu informieren, scheinen ihre Mitgleider doch auch generelle Polizeiarbeit erledigt zu haben. Zu ihren Aufgaben zählte Terrorismusbekämpfung ebenso wie Undercoverermittlungen. Das legt jedenfalls dieser Comicband nahe. Die Reihe RG, deren zweiter Band nun vorliegt, ist eine Mischung aus Fiktion und Reportage.
Dem Comicfan noch Alan Moore vorzustellen, wäre ungefähr so, als ob man Sand in die Sahara exportieren würde. Moore zählt zu den besten Comicautoren aller Zeiten, viele halten ihn sogar für den besten. Auch wenn man mit Superlativen sparsam umgehen sollte, ist es unbezweifelbar, dass Moore so einige Meisterwerke und Allzeitklassiker des Mediums geschaffen hat.
Der Autor dieses Comics, Pierre Dragon, heißt in Wirklichkeit ganz anders. Hauptberuflich arbeitet er nämlich beim Nachrichtendienst der französischen Polizei, den "Renseignements Généraux", kurz RG. Ein echter Geheimagent also. Dieser lernte 2006 (im Zusammenhang mit dem Konflikt um die Mohammed-Karikaturen) Joann Sfar kennen, den französischen Hansdampf in allen Comic-Gassen. Sfar war fasziniert von den Geschichten, die ihm Dragon aus seinem Arbeitsleben erzählte und brachte ihn mit dem Schweizer Zeichner Frederik Peeters (Blaue Pillen) zusammen. Wenig später erschien dann der erste Band von RG bei Bayou, der von Sfar betreuten Comic-Edition im Verlag Gallimard.
- 29.10.2009
"Ach, sei still! Trink deinen Scotch aus, geh duschen. Und
komm vögeln!"
Man erinnere sich: Am Ende des ersten Bandes lagen unsere drei Helden Eustache, Mücke und Zibeline mehr tot als lebendig da. Nun lecken sie ihre Wunden und müssen erkennen, dass alle ihre Aktionen ihnen nichts gebracht haben. Zu Geld sind sie immer noch nicht gekommen und auch der Schatz von Eustaches ehemaligem Boss ist noch nicht gehoben. Doch es kommt schlimmer: Der Baron Harcourd hat überlebt und setzt alle Hebel in Bewegung, die drei zu finden und zu töten.